Sensualismus (sensus, Sinn, Empfindung): Sinnlichkeitsstandpunkt, d.h. diejenige erkenntnistheoretische Sichtung, welche alle Erkenntnis aus Empfindungen, Impressionen, aus sinnlichen Erlebnissen ableitet, nach welcher die Erkenntnis in Inhalt und Form letzten Endes ein Produkt der Sinnesfunktionen und ihrer Weiterentfaltung ist und oft auch eine die sinnliche Erfahrung �berschreitende Erkenntnis negiert wird. Alle Wirklichkeit ist durch die Sinne, in Empfindungen und daraus abgeleiteten Vorstellungen gegeben. Der Sensualismus fa�t in der Regel die Seele als �tabula rasa� (s. d.) auf, ber�cksichtigt nicht die Spontaneit�t (s. d.) des Bewu�tseins und das in den Formen (s. d.) des Denkens gelegene Apriori (s. d.) der Erkenntnis, die Bedeutung der normativen und regulativen Funktion der Ideen und Ideale (s. d.). Er vergi�t oft, da� die Empfindungen (s. d.) f�r die objektive Erkenntnis nicht das eigentliche Objekt, sondern nur ein Mittel des Erkennens sind, da� ferner die �Empfindungen� als solche, d.h. als elementare Inhalte nichts �Gegebenes�, sondern schon das Produkt einer abstrahierenden Analyse des Denkens sind. Der praktische, ethische Sensualismus erblickt in der Sinneslust, im subjektiven Wohlergehen, im Genusse das eigentliche Motiv und Ziel des ethischen (s. d.) Handelns (s. Hedonismus).
Nach ARISTIPPUS erkennen wir nicht das Ding an sich (s. d.), sondern nur unsere Empfindungsinhalte (vgl. Plat., Theaet. 166). Als eine leere Tafel, die erst durch sinnliche Wahrnehmung sich mit Zeichen erf�llt, betrachten den Geist die Stoiker: Hoi St�ikoi phasin. hotan genn�th� ho anthr�pos, echei to h�gemonikon meros t�s psych�s h�sper chart�n euergon (energon) eis apograph�n. eis touto mian hekast�n chart�n t�n ennoi�n enapographetai (Plut., Plac. IV, 11. Dox. 400). Sensualistisch lehrt EPIKUR: hai epinoiai pasai apo t�n aisth�se�n gegonasi ... pas gar logos apo t�n aisth�se�n �rt�tai, alle Begriffe haben sinnlichen Ursprung (Diog. L. X, 32). t�n de aisth�sin anal�ptik�n ousan (Sext. Empir. adv. Math. VII, 210. VIII, 9). �Quicquid animo cernimus, id omne oritur a sensibus� (De fin. I, 64).
ORIGENES erkl�rt, aisth�sei katalambanesthai ta katalambanomena kai pasan katal�psin �rt�sthai t�n aisth�se�n (Contr. Cels. VII, 37). Nach ARNOBIUS mu� der Geist eines von Geburt einsamen Menschen leer bleiben (Adv. gent. II, 20 ff.). Das �nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu� spricht schon THOMAS aus (De verit. II, 3). Von der �tabula rasa� (s. d.) sprechen AEGIDIUS ROMANUS, ERASMUS u.a.
Nach CAMPANELLA ist die Empfindung der Anfang aller Erkenntnis (Physiol. XVI, 1. vgl. De sensu rer. II, 22). �Omnes sensus simul causant totius rei cognitionem� (Univ. philos. I, 4, 4). �Duce sensu philosophandum esse existimamus. Eius enim cognitio omnis certissima est, quia fit obiecto praesente� (Prodrom. p. 27). Nach F. M. VAN HELMONT gleicht der kindliche Geist einem wei�en Blatte. �Humana omnis scientia ex sensu primitus oritur� (vgl. Ritter XII, 10 f.). Den Wert der Sinne f�r die Erkenntnis betont F. BACON (Nov. Organ I, 41). Nach HOBBES entspringt alle Erkenntnis aus den Empfindungen. �Nulla enim est animi conceptio, quae non fuerat ante genita in aliquo sensuum, vel tota simul, vel per partes. Ab his autem primis conceptibus omnes postea derivantur� (Leviath. I, 1). Auch nach GASSENDI entspringt jede Idee aus den Sinnen. Die Seele ist eine leere Tafel (Opp. III, 318. Inst. Log. I). MONTAIGNE erkl�rt: �Toute connaissance s'achemine en nous par les sens. en sont nos ma�tres. - La science commence par eux et se resout en eux... Les sens sont le commencement et la fin de l'humaine connaissance� (Ess. II, 12). - LOCKE bezeichnet den Geist als urspr�nglich gleich einem �white paper�. Alle Erkenntnis stammt aus �sensation� und �reflection� (Ess. II, ch. 1, � 2 ff.). Nichts ist in unserem Intellekt, was nicht auf �u�ere oder innere Erlebnisse zur�ckzuf�hren ist. Der Geist hat aber die empirisch gewonnenen einfachen Vorstellungen mannigfach zu verkn�pfen (l. c. � 5. s. Erfahrung). (Gegen Locke erkl�rt sich LEIBNIZ, s. Erkenntnis, Rationalismus.) Auf �impressions� (s. d.) und ihre Verarbeitung f�hrt HUME die Erkenntnis (s. d.) zur�ck. �All die sch�pferische Kraft der Seele ist nichts weiter als die F�higkeit, den durch die Sinne und die Erfahrung gegebenen Stoff zu verbinden, umzustellen oder zu vermehren... Kurz aller Stoff des Denkens ist von �u�eren oder inneren Wahrnehmungen abgeleitet. nur die Mischung und Verbindung geh�rt dem Geist und dem Willen oder... alle unsere Vorstellungen oder schw�cheren Empfindungen und Nachbilder unserer Eindr�cke oder lebhaften Empfindungen� (Inquir. sct. 2). Psychologisch begr�ndet den Sensualismus CONDILLAC. �C'est... des sensations que na�t tout le syst�me de l'homme� (Extr. rais. p. 35). �La sensation devient successivement attention, comparaison, jugement� und r�flexion (l. c. p. 38). �Du d�sir naissent les passions, l'amour, la haine, l'esp�rance, la crainte, la volont�. Tout cela n'est donc encore que la sensation transform� (l. c. p. 40). �La sensation enveloppe toutes les facult�s de l'�me� (Tr. d. sens. I, ch. 7, � 2), Leben ist Genie�en (l. c. IV, ch. 9, � 2). Der Mensch verh�lt sich wie eine allm�hlich von au�en belebte Statue. Sensualisten sind mehr oder weniger auch BONNET (Ess. anal. p. 14), HOLBACH, HELVETIUS, LAMETTRIE u.a. CABANIS bemerkt: �La sensibilit� physique est la source de toutes les id�es� (Rapp. I, 85. Reaktion gegen den Sensualismus in Frankreich bei M. DE BIRAN, JOUFFROY, ROYER-COLLARD, COUSIN u.a.). - Den sinnlichen Ursprung der Vorstellungen lehrt R�DIGER. AD. WEISHAUPT erkl�rt: �Unser ganzer Verstand und Vernunft, alle unsere h�here Kenntnis gr�ndet sich... auf Empfindungen, auf den Gebrauch der Sinne.� Die Empfindungen und die Sinne sind �die Vorratskammer, aus welcher der Verstand sch�pft. diese liefern ihm alle rohen Materialien, welche sein Flei� noch weiter bearbeiten soll� (�b. Mat. u. Ideal. 61. 78 f.).
L. FEUERBACH lehrt: �Nur durch die Sinne wird ein Gegenstand im wahren Sinne gegeben� (WW. II, 321). �Der Geist folgt auf den Sinn, nicht der Sinn auf den Geist. der Geist ist das Ende, nicht der Anfang der Dinge� (l. c. S. 236), L. KNAPP betont: �Alles Denken ist,.. nur Vorstellen der empfundenen Sinnlichkeit, also insofern der Wirklichkeit, da es keine Empfindungselemente, d.h. keine einfachen Sensationen erfinden kann� (Syst. d. Rechtsphilos. S. 13). Das reine ist das �streng sinnliche Denken� (l. c. S. 13). alle Erkenntnis ist eine sinnliche, alles �brige Erkennenwollen ist Einbildung (l. c. S. 20). Es gibt keine �aprioristischen Gedanken� (l. c. S. 20). �hnliche Anschauungen bei R. AVENARIUS, E. MACH u.a. (s. Erfahrung). - Aus der Sinneswahrnehmung leitet die Erkenntnis CZOLBE ab (Neue Darstell. d. Sensual. S. 4 ff.). Alle, auch die h�chsten psychischen Vorg�nge setzen sich nur aus Empfindungen und Gef�hlen, ohne eine au�erdem bestehende Seele, zusammen (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 224).
Gegner des Sensualismus sind der Rationalismus (s. d.), Kritizismus (s. d.) und kritische Empirismus (s. d.). BIUNDE betont, �da� alle Erfahrung das Denken nicht erfahrbarer Verh�ltnisse und Gegenst�nde sowohl im Verstande als in der Vernunft nur veranlasse, und zwar dadurch, da� sie einen Stoff liefert, welchen diese beiden Verm�gen selbst�ndig und eigenm�chtig bearbeite?�, einen Stoff, welcher vor dieser Bearbeitung von seiten des Subjektes f�r das Subjekt ein confusum chaos ohne Ordnung und ohne Licht bildet� (Empir. Psychol. I 2, 260). Glanz �hnlich lehren Neukantianer (s. d.) wie H. COHEN, P. NATORP P. STERN (Probl. d. Gegeb. S. 13 ff., 28 ff.) u.a. - HEGEL bemerkt: �Nihil est in sensu, quod non fuerit in intellectu� (Encykl. � 8). Nach J. H. FICHTE ist der Geist schon im Sinne gegenw�rtig (Psychol. I, 261). Nach FOUILL�E ist das Wahre im Sensualismus, da� �tous les faits de consciente sont sensitifs par quelque cot� (Psych. d. id.-forc. I, 298). Es gibt kein reines Denken (l. c. p. 301. Die �sensation� ist schon intellektuell, ein Rudiment des Gedankens (ib.). H. CORNELIUS bemerkt: �Tats�chlich baut sich... unser Weltbild weder ausschlie�lich aus den Wahrnehmungen der Sinne, noch auch ausschlie�lich aus den reinen begrifflichen Formen unseres Denkens a� (Einl. in d. Philos. S. 167 f.). Vgl. �ber �Sensationalisme� JANET, Psychol. I, 243, 687, II, 5 u. ff. - Vgl. Erfahrung, Empfindung, Sinn, Wahrnehmung, Erkenntnis, Hedonismus, Lust, Ethik, Impression.

Vergleiche ferner:
- Sensualismus (Kirchner: W�rterb. d. phil. Grundbegr.)
- Lockes empiristische Erkenntnislehre (Vorl�nder, Gesch. d. Phil.)
- Berkeleys subjektiver Idealismus (Vorl�nder, Gesch. d. Phil.)
- Humes Erkenntnistheorie (Vorl�nder, Gesch. d. Phil.)
- Sensualismus Condillacs (Vorl�nder, Gesch. d. Phil