Seelensitz

Seelensitz: der Ort im Organismus, von dem aus man sich die Seele (s. d.) wirksam dachte oder denkt. Die moderne Psychologie versteht unter Seelensitz in der Regel nichts als das physiologische Korrelat zum Psychischen, den Organismus als Einheit, zentralisiert im Nervensystem, insbesondere im Gro�hirn (c. Lokalisation).

Im Blute hat die Seele ihren Sitz nach den Hebr�ern (vgl. �ber den Kopf als Seelensitz: Daniel 2, 28. 4, 2). Das Hirn als Seelensitz sollen schon die �gypter betrachtet haben, vielleicht aber das Herz. Der Pythagoreer ALKMAEON verlegt den Seelensitz in das Gehirn (Theophr., De sens. 25 squ.. Plut., Plac. IV, 16 squ.). 130 auch HIPPOKRATES (nach einer andern Stelle in das Herz). Nach KRITTAS hat die Seele ihren Sitz im Blute (Arist., De an. I 2, 405 b 6 squ.). PLATO verlegt den nous in das Haupt, den thymos in die Brust, das epithym�tikon in den Unterleib (Tim. 73 D, 90 A, 77 B. Rep. 435 B). Nach ARISTOTELES ist der Sitz der empfindenden Seele das Herz (De part. an. II, 10. 136 generat. II, 6. De somn.. vgl De somn. 3. De sens. 2. De mot. an. 10). Die Stoiker verlegen das h�gemonikon (s. d.) in das Herz (Diog. L. VII, 169). So auch nach POSIDONIUS. HEROPHILUS hat das Hirn als Sitz des h�gemonikon bestimmt (Tertull., De an. 15). So auch GALENUS Auch die Epikureer setzen den vern�nftigen Seelenteil in das Herz (Diog. L. X, 66. Plut., Plac. IV, 5. vgl. LUCREZ, De rer. nat. III, 136 squ.). Nach PLOTIN ist die Seele im ganzen Leibe (Enn. IV, 8, 8). das Gehirn ist der Ausgangspunkt ihrer T�tigkeit (l. c. IV, 3, 23). �hnlich NEMESIUS, GREGOR VON NYSSA (De cre�t. hom. 12), AUGUSTINUS (Ep. 166). das Hirn ist Zentrum der Empfindung und willk�rlichen Bewegung (De gen. ad litt. VII, 17 squ.). Nach THOMAS u.a. ist die Seele �in toto corpore tota et in singulis simul corporis partibus tota� (Sum. th. I, 76, 8. vgl. I, qu. 4).

Nach CASMANN ist das Gehirn das �sensorium commune� der �u�eren Sinne und Organ der innern Sinne (Psychol. II, 603 ff.). Nach J. B. VAN HELMONT hat die Seele ihren Sitz im Magen. Das Gehirn ist ein Werkzeug f�r das Vorstellen, die Willensbewegungen u.s.w. (Sedes anim. p. 282 ff.). Nach DESCARTES ist der eigentliche Sitz der Seele die Zirbeldr��e des Gehirns. �Concipiamus igitur hic, animam habere suam sedem principalem in glandula, quae est in medio cerebri, unde radios emittit per reliquum corpus, opera spirituum, nervorum et ipsiusmet sanguinis, qui particeps impressionum spirituum eos deferre potest per arteria ad omaia membra� (Pass. an. I, 30 squ., 34. Princ. philos. IV, � 189. De hom. I, � 1. Ep. 29. vgl. Lebensgeister. vgl. GASSENDI, Obi. V, 6). Nach LEIBNIZ ist der Ort der Seele ein blo�er Punkt (Erdm. p. 749a. vgl. p. 274a, 457a). Nach BONNET ist der Seelensitz im �Balken� des Gehirns, nach DIGBY im Septum, nach HALLER in der Varolsbr�cke, nach BOERHAVE im verl�ngerten Mark, nach PLATNER in den Vierh�geln. Nach S�MMERING hat die Seele ihren Sitz in der Fl�ssigkeit der Hirnh�hlen. SWEDENBORG bezeichnet zuerst (1745) die Rindensubstanz als das physiologische Korrelat des Bewu�tseins. Nach G. E. SCHULZE besteht nur eine �dynamische Gegenwart� der Seele im Leibe (Psych. Anthrop. S. 48).

Nach J. M�LLER ist die Seele im ganzen Leibe verbreitet (Physiol. II, 507). �hnlich C. G. CARUS, STEFFENS, BURDACH (Anthr. � 225), LINDEMANN, HEGEL (Naturph. S. 432), K. ROSENKRANZ, ERDMANN, MEHRING u. a �hnlich wie KANT (WW. VII, 118. 122) erkl�rt ESCHENMAYER: �Wir k�nnen eigentlich nur nach dem geometrischen Ort fragen, in welchem alle Gehirnt�tigkeit zusammenflie�t, und in welchem die geistigen �u�erungen zun�chst rege werden. Denn an sich hat die Seele keinen Sitz, sie ist �berall und zu jeder Zeit� (Psychol. S. 213). Nach HILLEBRAND hat die Seele keinen �Sitz� im Leibe (Philos. d. Geist. I, 111). Sie ist �berall im Leibe gegenw�rtig (l. c. S. 112), ist in realer Einheit mit ihm (l. e S. 113). Nach J. H. FICHTE ist der ganze Leib Organ der Seele (Anthr. S. 268, 286), im engeren Sinne das Nervensystem (l. c. S. 294 ff.), �hnlich ULRICI (Leib u. Seele S. 133). Nach HEBART hat die Seele keinen festen Sitz, sondern ihr Sitz verschiebt sich innerhalb der Varolsbr�cke (Psychol. als Wiss. II, � 154. Lehrb. zur Psychol. � 163). �hnlich VOLKMANN u.a., auch LOTZE, der den �Balken� als eigentlichen Ausgangspunkt der Seelenwirkungen bezeichnet (Grdz. der Psychol. � 63 ff`). Der Seelensitz ist ein homogenes Parenchym (Mikrok. I2, 335. vgl. Med. Psychol. S. 130). �Ein immaterielles Wesen kann im Raume keine Ausdehnung, wohl aber einen Ort haben, und wir definieren diesen als den Punkt, bis zu welchem alle Einwirkungen von au�en sich fortpflanzen m�ssen, um Eindruck auf dies Wesen zu machen, und von welchem aus dies Wesen ganz allein unmittelbare Wirkungen auf seine Umgebung aus�bt� (Gr. d. Psychol. S. 65 f.). Der Seelensitz ist nicht fest (l. c. S. 67 f.). Nach FECHNER ist im weiteren Sinne der ganze Leib beseelt (Elem. d. Psychophys. II, 384, 390, 426). Nach GUTBERLET ist die Seele �im ganzen K�rper und in jedem Teile desselben gegenw�rtig� (Kampf um d. Seele, S. 261). Nach RENAN ist die Seele da, wo sie wirkt (Philos. Dial. S. 137). Nach A. FOUILL�E ist Seelenleben im ganzen Organismus (Psychol. des id�es-forces II, 338). So auch nach WUNDT u.a. Vgl. Lokalisation, Apperzeption (WUNDT).


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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