
I. Einleitendes
1. Der Entwicklungsgedanke. Die gesamte Wirklichkeit ist Verwirklichung der Vernunft. Diese bedarf jedoch eines Objektes, um zu wirken; sonst bliebe sie blo�es Prinzip, latente M�glichkeit, wie schon Fichte gezeigt hat. Die h�here Natur (= Vernunft) entfaltet sich in der niederen (Welt, Materie) und organisiert sie. Alles in der Welt ist Werden, Entwicklungsproze�, von dem kleinsten Grashalm bis zum Sonnensystem. �berall neben dem Sein ist: Nicht mehr-, Noch nicht-, Nichtganz-Sein (Negativit�t). Warum das? Weil nur das Werden wahres Sein, d.h. Leben ist, und nur auf dem Wege der Entwicklung ein Etwas zum wirklichen Dasein gelangen kann. Alles jetzt Vorhandene war schon von Anbeginn der Welt her im Keime vorhanden. Jede Entwicklungsstufe mu� ganz durchgemacht werden, daher sind Einseitigkeiten notwendig, z.B. in der Jugend des Menschen, die nur dann vom �bel sind, wenn die Entwicklung durch sie ins Stocken ger�t. Je st�rker die Einseitigkeit war, desto sicherer St�rzt sie zusammen. Aber sie wirkt auch Gutes, denn sie verwirklicht nicht nur ein bestimmtes, an seiner Stelle notwendiges Entwicklungsmoment, sondern ist zugleich auch ein Sporn, der vorw�rts treibt, beispielsweise den Krieg zum Frieden, die Willk�r zum Gesetz, die Herrschaftslosigkeit zur Herrschaft. Der Mensch sorge nur daf�r, dass das Schwanken zwischen den Extremen aufh�re und die Forderungen der Vernunft immer mehr zur Geltung gelangen. Denn auch in ihr geht das lebendige Werden fort: sie selbst schafft die Gegens�tze, die sie dann �berwindet. Das ist das Geheimnis der
2. Dialektischen Methode, die zwar schon in Fichtes These - Antithese - Synthese, ja bereits in Kants Trichotomien, deutlicher in Schellings Potenzierungsmethode angelegt erscheint (S. 295, vgl. auch Fr. Schlegel S. 300), Jedoch erst bei Hegel zur vollen und bewu�ten Durchf�hrung gelangt. Es liegt im Wesen des Geistes, sich selbst zu entzweien, dann aber aus dieser Entzweiung zu seiner urspr�nglichen Einheit zur�ckzukehren. Jeder Begriff mu�, da er begrenzt ist, zu seiner eigenen Aufhebung f�hren, �in sein Gegenteil umschlagen�; so entspringt ein neuer Begriff, aus dessen Verbindung mit dem ersten sodann eine h�here Einheit entsteht, und so fort ins unendliche. Diese vorw�rts treibende �Dialektik� ist zugleich der Ausdruck der Selbstentwicklung des Daseins. Auf dem Gipfel der Entwicklung bereitet sich schon die Aufl�sung vor, wenn auch das Wesentliche beharrt: das Samenkorn in der Pflanze, der urspr�ngliche Charakter im Menschen. Nach diesem Triplizit�ts-Schema wurden nun von Hegel und den Hegelianern alle menschlichen Begriffe bearbeitet, in dasselbe der ganze Erfahrungsinhalt - mehr oder weniger willk�rlich - hineingepre�t: Position, Negation, �Negation der Negation�, so h�rte man es damals von allen Kathedern schallen. Denn diese �dialektische� Entwicklung ist nicht blo� eine Eigenschaft der Gedanken, sondern auch der - �Dinge� Indem wir das Dasein denken, denkt das Dasein in uns. Jede Erscheinung deutet verm�ge ihrer Eingegrenztheit notwendigerweise �ber sich selbst hinaus, ist nur ein Moment in dem gro�en Zusammenhang und Entwicklungsgang der Dinge oder, in Hegelscher Sprache, in der �Selbsterscheinung des absoluten Geistes�.
3. Ausgangspunkt und Einteilung des Systems. Seit Fichte wird das Hauptanliegen der deutschen Philosophen die Errichtung eines wohlgepanzerten, alles umfassenden Systems. Dieses Streben erreicht in Hegel seinen H�hepunkt. Wie Spinoza, Fichte und namentlich Schelling, geht auch er dabei vom Absoluten aus, aber das Absolute ist f�r ihn nicht, wie bei Schelling, eine ruhende Einheit, ein totes Sein, �eine Nacht, in der alle K�he schwarz sind�, sondern Leben, Entwicklung, Geist. Das Absolute, der Grund der Welt ist die Vernunft, selbstverst�ndlich nicht in irgendwelcher konkreten Gestalt, sondern nur als Prinzip, als zeit- und raumlose, von Ewigkeit her vorhandene Idee gedacht. Sie allein existiert immer und wahrhaft, alles Unvern�nftige und Begrifflose dagegen nur vor�bergehend und scheinbar, als ein Moment in ihrer Verwirklichung. Hegels Philosophie ist also Idealismus, aber unkritischer, spekulativer, absoluter Idealismus.
In der Natur ent�u�ert sich die absolute Vernunft ihres �An sich seins�, im Geiste kehrt sie in sich zur�ck. Das philosophische Systemmu� sich mithin gliedern in: 1. die Wissenschaft von der Idee an und f�r sich, oder die Logik, 2. die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein oder die Naturphilosophie, 3. die Wissenschaft der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich zur�ckkehrt, oder die Geistesphilosophie. Jeder dieser drei Hauptteile gliedert sich dann nach dem Prinzip der dialektischen Methode wieder in Dreiheiten, diese desgleichen. Das Ganze ist ein k�hner Konstruktionsversuch, rein mit den Mitteln der Logik, die zugleich Metaphysik geworden ist, die ganze Welt des Seienden aus dem Wesen des Begriffs herauszuspinnen. Man hat daher Hegels Philosophie wohl auch als Panlogismus bezeichnet.
4. Einleitung in das System (Ph�nomenologie). Diesem Systeme hat Hegel, �hnlich wie Spinoza in seinem Traktat De emendatione, als Einleitung vorausgeschickt eine Lehre von den Erscheinungsformen (daher Ph�nomenologie) und Entwicklungsstufen des Bewu�tseins (Geistes), von seinen niedersten bis zu seinen h�chsten Formen. Freilich will diese Lehre weit mehr sein als eine blo�e Prop�deutik; sie ist zugleich ein Teil der Philosophie des Geistes. Sie ist notwendig, weil Hegel das Absolute nicht, wie Schelling, mit der �intellektualen Anschauung� des Genies, sondern wissenschaftlich-begrifflich erfassen will. Zu diesem philosophischen Begreifen aber mu� das gew�hnliche Denken erst emporgebildet werden, indem es auf seine Widerspr�che aufmerksam gemacht wird. Die Darstellung wird um so verwickelter, als neben der Entwicklung des individuellen Geistes zugleich die analoge des Weltgeistes aufgezeigt werden soll, sodass wir zugleich eine genetische Psychologie, Philosophie und Kulturgeschichte erhalten, deren F�den leider nur zu h�ufig ineinander laufen. Die Hauptstufen mit ihren wichtigsten Unterstufen sind:
1. das Bewu�tsein: a) sinnliche Gewi�heit, b) Wahrnehmung, c) Verstand; 2. das Selbstbewu�tsein; 3. die Vernunft: a) die sich selbst und die Natur beobachtende, b) die sich selbst verwirklichende, c) die Individualit�t; 4. der Geist, d. i. das sittliche Bewu�tsein: a) der wahre Geist des Altertums, b) der sich selbst entfremdete der Aufkl�rung, c) der seiner selbst gewisse oder die Moralit�t; 5. die Vollendung des Geistes in der Religion: a) nat�rliche, b) Kunst, c) geoffenbarte; endlich 6. das absolute Wissen des sich in sich selbst und der Geschichte begreifenden Geistes. Die Darstellung dieses absoluten Wissens ist das System der Philosophie.