� 50. Schellings Leben, Charakter und
schriftstellerische Entwicklung.


1. Jugend und Jena. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, am 27. Januar 1775 als Pfarrerssohn zu Leonberg in W�rttemberg geboren, schon im 16. Jahre mit seinen f�nf Jahre �lteren Freunden Hegel und H�lderlin Theologiestudent im T�binger Stift, erwirbt sich bereits 1792 durch eine philosophische Dissertation �ber den S�ndenfall (wie er sich denn �berhaupt unter Herderschem Einflu� f�r Mythenerkl�rung interessiert) den Magistergrad, liest dann Kant, Spinoza und Fichte und wird zun�chst des letzteren begeisterter Anh�nger. Er schreibt in diesem Sinne in Niethammers Philosophischem Journal (1796) die Philosophischen Briefe �ber Dogmatismus und Kritizismus (Neuausgabe von O. Braun, Lpz. 1914). 1796-97 geht er, obwohl an sich eine echt schw�bische Natur, um aus �dem Pfaffen- und Schreiberlande� herauszukommen (wie er an Hegel schreibt), als Hofmeister zweier junger Edelleute nach Leipzig. Er wendet sich dort dem Studium der Naturwissenschaft zu und ver�ffentlicht seine Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797), die er anfangs noch als naturphilosophische Fortsetzung des Fichteschen Systems betrachtet. 1798 folgt die Schrift Von der Weltseele, die als eine Hypothese der h�heren Physik zur Erkl�rung des allgemeinen Organismus bezeichnet wird. Im selben Jahre ward er, durch Fichtes und Goethes Einflu�, als Professor nach Jena berufen. Hier entwickelte sich aus dem Verkehre eines Kreises von geistreichen Menschen, in dem es �so recht kunterbunt herging mit Witz und Philosophie und Kunstgespr�chen und Herunterrei�en� (wie eine Teilnehmerin schreibt), jene �Republik von Despoten�, die man als die Romantische Schule zu bezeichnen pflegt: die beiden Schlegel mit ihren Frauen, Novalis (Hardenberg), Tieck, Steffens u. a., und als ihr tonangebender Philosoph - der jugendliche Schelling. Er entfernt sich jetzt mehr und mehr von Fichte. In seinem Ersten Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799) und dem System des transzendentalen Idealismus (1800) ist die Wissenschaftslehre bereits blo� ein der Naturphilosophie nebengeordneter Teil. �hnlich Fichte stellt der junge Schelling in dieser Zeit sein neu gefundenes �Identit�tssystem� in immer neuen Anl�ufen dar, die jedoch stets blo�e Entw�rfe blieben. Dahin geh�ren namentlich mehrere in seiner neugegr�ndeten Zeitschrift f�r spekulative (!) Physik (1800/01) ver�ffentlichte Aufs�tze, unter denen wir die Darstellung meines Systems der Philosophie (1801) hervorheben, weil er sie selbst �fters als die authentischste und das Jahr 1801 als dasjenige bezeichnet hat, in dem ihm �das Licht in der Philosophie aufgegangen�. Eine zweite Zeitschrift: Kritisches Journal der Philosophie gab er 1802/03 zusammen mit dem ihm damals philosophisch noch gleichgesinnten Hegel heraus. An Giordano Bruno und Platos Tim�us lehnt sich der Dialog Bruno oder �ber das nat�rliche und g�ttliche Prinzip der Dinge (1802) an. In popul�rer Form stellen die Grundz�ge seines damaligen Systems die 1802 gehaltenen, 1803 ver�ffentlichten Vorlesungen �ber die Methode des akademischen Studiums dar.

2. W�rzburg und M�nchen. Mit dem Jahre 1803, in dem er einem Rufe nach W�rzburg folgte, tritt ein Stocken seines bisherigen unaufhaltsamen schriftstellerischen Schaffens ein, w�hrenddessen sich eine Wendung in seiner Denkweise vollzieht. In seiner Jenenser �Abgeschiedenheit� war sein Denken fast ausschlie�lich auf die Natur gerichtet gewesen. �Seitdem�, schreibt er Anfang 1806 an seinen Freund Windischmann, �habe ich einsehen lernen, dass die Religion, der �ffentliche Glaube, das Leben, im Staat der Punkt sind, um welchen sich alles bewegt� Die ersten Spuren des Hinausgehens �ber den alten Standpunkt zeigt die Schrift Philosophie und Religion (1804). 1806 folgt eine gereizte Streitschrift gegen Fichte. In diesem Jahre wurde Schelling, der inzwischen in der Kunst die h�chste Gestaltung des Irdischen erkannt hatte, als Generalsekret�r der Akademie der bildenden K�nste nach M�nchen berufen, eine Stellung, der wir seine geistvolle Festrede �ber das Verh�ltnis der bildenden K�nste zu der Natur (1807) verdanken; gleichzeitig war er Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften (bis 1820). In seinen Philosophischen Untersuchungen �ber das Wesen der menschlichen Freiheit (Landshut 1809) tritt bereits das irrationale und theosophische Element seines Philosophierens deutlich hervor. Zu der versprochenen Darstellung einer umfassenden �Geistesphilosophie� auf der neuen Grundlage ist er, trotz einzelner Anl�ufe dazu und wiederholter l�rmender Ank�ndigungen, nicht gekommen. Nur eine heftige Replik gegen Jacobi (1812), der ihn eines atheistischen Spinozismus beschuldigt hatte, eine alsbald wieder eingegangene Allgemeine Zeitschrift von Deutschen f�r Deutsche (1818) und eine akademische Vorlesung allegorisch-theosophischen Inhalts �ber die Gottheiten von Samothrake (1815) fallen noch in diese zweite Periode von Schellings schriftstellerischer T�tigkeit.

3. Erlangen, M�nchen, Berlin. Als Professor in Erlangen (1820-27) - es zog ihn wieder zur Wirksamkeit auf dem Katheder zur�ck - und von 1827-41 an der neugegr�ndeten Universit�t M�nchen, beschr�nkte er sich, in schroffem Gegensatz zu der Schriftenf�lle seiner jungen Jahre, auf seine Vorlesungen �ber allgemeine Philosophie, Einleitung in die Philosophie und Philosophie der Offenbarung, im stillen eifers�chtig auf den siegreichen Nebenbuhler in Berlin, der fast Alleinherrscher auf dem Gebiete der Philosophie geworden war, - Hegel. Erst nach dessen Tode begann man auf den halbvergessenen Schelling wieder aufmerksam zu werden. Und als dann die sogenannte �Linke� der Hegelschen Schule (s. � 62) aus dem System des Meisters sehr radikale Folgerungen in religi�ser Beziehung zog, berief der romantisch- gl�ubige Friedrich Wilhelm IV. bald nach seiner Thronbesteigung den greisen Philosophen nach der preu�ischen Hauptstadt, �um der Drachensaat des Hegelschen Pantheismus, der flachen Vielwisserei und der gesetzlichen Aufl�sung h�uslicher Zucht� (Friedrich Wilhelm IV. an Bunsen) entgegenzuwirken. Aber das gelang nicht. Es war ein neues Geschlecht herangewachsen, dem Schellings romantische Spekulation nicht mehr gen�gte. Auch diejenigen, die in ihm eine Art philosophischen Messias erblickten und die endliche Ver�ffentlichung der neuen �Offenbarungsphilosophie� von ihm erwarteten, sahen sich get�uscht; er selbst hat nur seine Antrittsvorlesung vom 11. November 1841 drucken lassen. Als nun die anfangs zahlreichen Zuh�rer immer mehr zusammenschmolzen, als insbesondere sein alter Gegner, der Rationalist Paulus, unter dem Titel Die endlich offenbar gewordene Philosophie der Offenbarung ein eigens zu diesem Zwecke nachgeschriebenes Heft �ber seine Vorlesungen mit ausf�hrlicher, heftigster Gegenkritik (auf 800 Seiten) ver�ffentlichte, und er (Schelling) in dem deshalb angestrengten Proze� nicht recht bekam, zog er sich g�nzlich von seiner Vorlesungst�tigkeit an der Universit�t zur�ck. Mit der Ordnung seiner fr�heren Schriften und der Vollendung seines letzten Systems besch�ftigt, wurde Schelling am 20. August 1854 im Bade Ragaz (Ostschweiz) vom Tode �berrascht.

Schelling ist eine gl�nzend Und vielseitig veranlagte Natur, aber er ermangelt der strengen Zucht des Denkens, wie ihm denn auch die Philosophie als Sache genialer Begabung gilt. Durch andere Denker bis zum Enthusiasmus beeinflu�bar, mit seinem beweglichen Geiste seine Lehre best�ndig und zwar immer wieder von Grund aus umbildend,*) zeigt er gleichwohl ein starkes Selbstgef�hl, das sich bisweilen zur �berhebung steigert. Wegen eben dieser fortw�hrenden Umwandlung seiner Philosophie mu� dieselbe nach den einzelnen Perioden charakterisiert werden, wobei alle ihre Phasen im einzelnen zu schildern weder m�glich noch n�tig ist. Nach anf�nglicher �bereinstimmung mit Fichte (1794-96), tritt sie auf als I. Naturphilosophie (1797-99) und System des transzendentalen Idealismus (1800), II. System der Identit�t (1801 ff.), III. Freiheitslehre (1804-12), IV. Theosophie (1812 ff.). Zur Einf�hrung in Schellings Denkweise in seiner besten Zeit eignet sich wohl am ehesten die popul�re Schrift von 1803 (S. 289, vgl. S. 296).

 

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*) Nach einem neuerdings in Hegels Nachla� aufgefundenen Blatte h�tte er allerdings schon als 21 j�hriger (1796) sein gesamtes sp�ter entwickeltes philosophisches System im Kopfe gehabt; vgl. Rosenzweig, Das �lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Heidelberg 1917.


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