„Ich muss bis Freitag sagen, wer das Portal-Projekt übernimmt”, sagte Anna und setzte sich mit der Tasse an den Küchentisch. „Und eigentlich ist es klar. Lena.”
Gustav lag auf dem Fensterbrett, die Pfoten unter der Brust. „Warum eigentlich?”
„Weil sie den Kundentermin bei Rehberg gerettet hat. Allein. Die Hälfte der Zahlen war am Vorabend noch falsch, und sie stand da vorne, als hätte sie das seit Wochen geübt.” Anna schüttelte den Kopf. „Das kann sonst niemand.”
„Und was hat sie in den sechs Wochen davor gemacht?”
Anna hielt inne. „In den sechs Wochen davor hat Tobias die Migration geleitet.”
„Und?”
„Sie war in jedem Meeting dabei.” Anna drehte die Tasse langsam. „Sie war dabei. Aber sie war nicht drin. Laptop auf, Kamera an, und wenn Tobias eine Frage in die Runde gestellt hat, hat sie gewartet, bis jemand anders antwortet.”
Gustav zuckte mit der Schwanzspitze. „Und wer hat geantwortet?”
„Meistens Ines.” Anna lachte kurz. „Ines hat Tobias sogar zweimal vor einem Fehler bewahrt, den sonst keiner gesehen hätte. Und einmal ist sie nach dem Meeting zu ihm rüber und hat ihm erklärt, wie er die Sache dem Vorstand verkauft.”
„War das ihr Projekt?”
„Nein. Sie hatte damit gar nichts zu tun.”
Gustav richtete sich auf. „Du hast Lena beim Spielen gesehen. Ines hast du auf der Bank gesehen.”
Anna sagte eine Weile nichts. Dann: „Und die Bank ist der schwerere Teil.”
„Wenn niemand mitzählt, ja.”
„Aber ich kann Lena nicht dafür bestrafen, dass sie gut ist, wenn sie dran ist.”
„Nein”, sagte Gustav. „Du kannst ihr aber sagen, dass es dazugehört. Ich glaube, das hat ihr noch nie jemand gesagt.”
Anna zog den Notizblock zu sich heran. „Dass was dazugehört?”
„Dass sie auch dann Führungskraft ist, wenn ein anderer vorne steht. Nicht bereitstehen, bis sie gerufen wird — sondern da sein, während jemand anders spielt.”
Anna schrieb den Satz auf. „Und Ines?”
„Sag ihr, dass du es gesehen hast. Nicht allgemein. Sag ihr, welchen Fehler sie gefunden hat und an welchem Dienstag.”
„Sonst lernt sie, dass es nur zählt, wenn sie selbst vorne steht.”
„Genau das lernt sie sonst.”
Anna sah aus dem Fenster. Es war hell geworden, ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie strich „Lena” nicht durch. Sie schrieb „Ines” darunter und einen Strich dazwischen.
„Ich rede heute mit beiden”, sagte sie.
Gustav legte den Kopf wieder auf die Pfoten, die Säbelzähne im Morgenlicht. „Erzähl mir nachher, wer von beiden überraschter war.”

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