RSS Amplifier

Gustavs Morgendialog · Aug 13, 2026

Die Umlaufbahn verlassen

0
Sign in to vote or save

Jens Alsleben · Gustavs Morgendialog

„Heute ist wieder Montagsrunde”, sagte Anna und stellte die Kaffeekanne zurück auf die Platte. „Und ich weiß jetzt schon, wie es läuft: Ich sage etwas, alle nicken, fertig. Genau wie letzten Montag.”

Gustav saß auf der Fensterbank und beobachtete, wie der Dampf aus ihrer Tasse stieg. „Was ist letzten Montag passiert?”

„Wir haben die Preiserhöhung durchgewunken. Acht Prozent, ab nächstem Quartal. Markus hat als Erster gesprochen, wie immer, und war sich sehr sicher. Alle haben genickt. Ich auch.”

„Und?”

Anna seufzte. „Gestern in der Kaffeeküche sagt mir Jonas aus dem Controlling, die Zahlen zur Kundenabwanderung seien noch gar nicht sauber durchgerechnet gewesen. Er hatte das im Meeting schon gedacht. Er hat nur nichts gesagt.”

Gustav zuckte mit der Schwanzspitze. „Warum nicht?”

„Weil Markus schon fertig geredet hatte, bevor Jonas überhaupt den Mund aufmachen konnte. Und dann nickten alle, und dagegen etwas zu sagen fühlte sich an, als würde man die ganze Entscheidung infrage stellen.”

„Wer spricht heute als Erster, wenn du nichts änderst?”

Anna überlegte kurz. „Markus. Der meldet sich immer zuerst.”

„Was, wenn du das umdrehst? Frag heute zuerst Jonas, bevor Markus überhaupt was sagt.”

Anna nickte langsam. „Das könnte funktionieren. Aber wenn er dann trotzdem nichts Neues sagt, weil er sich im Meeting nicht traut?”

„Dann gib ihm fünf Minuten, in denen niemand redet. Jeder schreibt seine Zweifel auf, bevor irgendjemand den ersten Satz sagt. Auch du.”

„Und die, die sich auch schriftlich nicht trauen?”

Gustav schnupperte am Kaffeedampf. „Lass sie eine Zahl schreiben. Eins bis fünf, wie sicher sie sich fühlen. Ohne Namen dran. Dann siehst du, ob zwischen den Fünfen eine Drei versteckt ist.”

Anna griff nach ihrem Notizblock. „Und wenn am Ende doch wieder alle schnell zustimmen?”

„Dann ist das der Moment, an dem du nachfragst, nicht der Moment, an dem du erleichtert bist. Frag: Was ist der Teil, bei dem du dir am wenigsten sicher bist? Was müsste passieren, damit du deine Meinung änderst?”

Anna schrieb beide Sätze auf und unterstrich sie einmal. „Jonas zuerst. Fünf Minuten still schreiben. Eine anonyme Zahl. Und wenn alle zu schnell ja sagen, frage ich nach dem Zweifel.”

„Ruf ihn kurz an, bevor das Meeting anfängt”, sagte Gustav. „Sag ihm, dass er heute zuerst dran ist, damit er sich nicht überrumpelt fühlt.”

Anna nahm ihr Telefon vom Tisch und suchte Jonas’ Nummer heraus. Draußen wurde es langsam heller, und der Kaffee war fast kalt geworden.

„Danke”, sagte sie.

Gustav rollte sich auf der Fensterbank zusammen, die Säbelzähne kurz im Morgenlicht. „Ich bin hier, wenn du zurückkommst.”

Read the original on starkimsturm.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.