Wie würde Kafka das wohl finden? Im März habe ich einen Text geschrieben, in dem ich mich entschieden habe, meine Notizbücher schon zu Lebzeiten zu öffnen – zumindest teilweise. Nun teile ich hier hin und wieder ausgewählte Einträge in ungeordneter Reihenfolge.
Serra Negra, 8.10.2025
Andere sagen mir oft, wie mutig sie es finden, was ich alles mache, wie besonders mein Lebensstil sei. In ihren Augen habe ich so viel Interessantes zu erzählen, könnte so viel daraus machen. “Ach Mensch, und dann dein Studium, das war doch auch so toll…” und ich sag schon gar nicht mehr, dass mein Studium schon über 10 Jahre her ist.
Aber wenn ich dann brainstorme, über was ich in meinem Substack-Projekt schreiben könnte, fällt mir nichts ein. Da ist nur der Himmel und die Wolken, in denen ich mich verliere.
Weil ich denke, dass es alles schon gibt und nichts, was ich erzählen könnte, spezifisch genug ist und lang genug bleibt.
Es ist absurd, weil wenn ich mich rauszoome und objektiv auf mein Leben blicke, es auch aufregend finde. Doch für mich, aus meiner Perspektive, ist das alles so trivial, so unausweichlich.
Es hat auch nichts mit Mut zu tun, es ist eine Nowendigkeit für mich, weil ich die gesellschaftliche Norm einfach nicht ertrage. Vollzeitjob, 9 to 5, Montag bis Freitag, Konkurrenz, Dauerleistung, 6 Wochen Urlaub im Jahr – wenn man Glück hat!
Ich kann das nicht.
Für mich gibt es gar keine andere Möglichkeit als immer wieder auszubrechen und mit Ende 30 ein Leben zu führen, das für die meisten unvorstellbar wäre. Ich bin auf der Flucht vor der Leistungsgesellschaft, derzeit in Brasilien. Ohne Plan, was danach kommt. Und den brauch ich persönlich auch gar nicht, den Plan.
Das ist keine Phase. Das ist meine Normalität.
“Schreib doch über deine Brasilien-Reise!” Das ist keine Reise, das ist mein Leben. Ich reise nicht, ich lebe so. Mal hier, mal dort, mal woanders. Jetzt halt in Brasilien. Da kann ich doch keinen Reiseblog draus machen, das wird dem doch gar nicht gerecht. Außerdem gibt’s schon genug Reiseblogs, finde ich.
Manchmal werde ich richtig wütend. Über die Selbstverständlichkeit, wie andere mir sagen, wie naheliegend es doch sei, das ich dies oder jenes tun könnte. Mach doch YouTube, Insta… kleine Mini-Dokus aus Brasilien! Und ich sag schon gar nicht mehr, dass ich mit meinem alten Handy nichtmal gescheite Fotos machen kann, geschweige den Videos, und dass ich genauso gut versuchen könnte zum Mond zu fliegen. Und Insta, nee da will ich gar nix mehr zu sagen. Und dass ich ja eigentlich auch einfach nur schreiben will. Nur Text. Ohne Bild, ohne Ton. Das finden viele langweilig und das mag der Algorithmus nicht, ich weiß, aber so mag ich’s halt.
Kleine Reportagen aus Brasilien schreiben; gut, das könnte theoretisch gehen. Aber will ich das? Das klingt gleich wieder so anstrengend. Da muss ich ja ständig recherchieren, aber ich will doch eigentlich einfach nur schreiben.
Außerdem denke ich mir: ja und was ist dann mit dem Rest, der nix mit Brasilien zu tun hat? Und dann: wenn du wüsstest, wie müde ich mittwochs schon bin. Wie soll ich da überhaupt irgendwas tun?
Der Hauptgrund, warum mir nichts einfällt, worüber ich schreiben könnte, ist, weil es so vieles gibt, worüber ich gern schreiben würde. Ich habe keinen Fokus, nur 1000 Interessen und Gedanken, die in meinem Kopf umherkaspern und alle nach Aufmerksamkeit schreien. Unmöglich sie zu bändigen, geschweige denn zu vereinen und in ein Thema zu zwängen.
Meine Gedanken zu dem Film letztens, die würde ich gern aufschreiben. Und über die Menschen, denen ich unterwegs begegne und die mich inspieren, über die würde ich auch gern schreiben. Darüber, warum wir öfter mal anhalten und in die Luft gucken sollten. Über die Absurdität der Leistungsgesellschaft, wie mich das alles ankotzt. Über Introversion. Darüber wie mich das Patriarchat geprägt hat und warum ich das erst jetzt so richtig checke. Wie schwer das die Liebe für mich macht. Und wie der Wind die Bäume bewegt. Über Alternativen. Über Freundschaft. Über Filhote, den alten Philosoph im Hundekörper. Und ja, über Brasilien und übers Reisen auch. Darüber was mir unterwegs begegnet, im Innen und im Außen – aber das kann ja alles sein!
Aber alles geht ja angeblich nicht, denn alle sagen man braucht unbedingt (!!!) einen Fokus. Man müsse schon wissen was man will.
Weiß ich aber nicht.
Ich kann mich nicht festlegen, interessiere mich für so vieles ein bisschen aber für nichts stark genug, um mich diesem einen Thema voll und ganz hinzugeben.
Vielleicht sollte ich genau darüber schreiben: über alles ein bisschen...
Ich bin schon wieder müde.
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