Seit ich meine Texte bei Substack veröffentliche, werde ich öfter gefragt, ob es mir gut geht. Meine Eltern wunderten sich, dass ich länger in Brasilien bleiben möchte, weil sie nicht den Eindruck hatten, dass ich mich hier wohlfühle. Eine Freundin antwortete mir, dass meine Texte irgendwie verloren klängen. Die Mutter meines Exfreundes fragte ihn kürzlich, ob bei mir alles in Ordnung sei.
Das verwirrte mich etwas. Ich finde meine Texte nämlich selbst gar nicht so dramatisch. Ja, ich schreibe keine Komödien. Aber ich schreibe auch nicht direkt über den bevorstehenden Weltuntergang. Obwohl das eine Option wäre, denn ehrlich gesagt warte ich schon seit über zehn Jahren heimlich auf die Apokalypse. Ich kann mich nur noch nicht entscheiden, in welcher Form sie über uns einbrechen wird. Anfangs tippte ich ganz klar auf Klima-Ökosystem-Kollaps (ich habe Umweltwissenschaften studiert und wundere mich seitdem eigentlich ständig, wie dieser Planet uns Menschen überhaupt so lange aushalten konnte). Mittlerweile, in Anbetracht der Hypernormalisierung regierender Psychopathen und dem ganzen KI-Wahnsinn, tendiere ich fast schon eher dazu, dass wir das mit dem Untergang auch schon vorher hinbekommen, ganz ohne Hilfe von „außen“.
An dieser Stelle möchte ich kurz Entwarnung geben: 1. Es wird in diesem Text nicht weiter um meine Apokalypse‑Fantasien gehen (und nein, ich bin auch keine Prepperin). 2. Es geht mir gut, zumindest den globalen Umständen entsprechend.
Ich schreibe ehrliche, reflektierende Texte. Das ist mein Anspruch. Und dazu gehört es, mir die Welt nicht schönzureden, sondern mit dem zu arbeiten, was wirklich da ist. Ich will mir nicht nur hübsche Momente und angenehme Gefühle rauspicken, sondern die menschliche Existenz in ihrer schönen und brutalen, tragischen und heiteren Komplexität wahrnehmen und anerkennen.
Natürlich ist das subjektiv. Wer wäre ich, euch zu erklären, was Existenz bedeutet und wie ihr euch dabei zu fühlen habt? Das muss jede*r für sich selbst herausfinden. Und wahrscheinlich gibt es Menschen, die insgesamt fröhlicher durch die Welt gehen als ich und bei denen das berühmte Wasserglas immer halb voll ist. Das will ich gar nicht leugnen und ich gönn’s ihnen. Ehrlich. Aber ich bin auch ziemlich sicher: Viele tun nach außen hin nur so, als wäre ihr Glas halb voll, obwohl sie es schon längst gegen die Wand geschmissen haben.
Die Wahrheit wird oft nicht ausgesprochen. Weil wir gelernt haben, auszuhalten. Zu funktionieren. Uns nicht beschweren zu dürfen. Systemfehler nicht in Frage zu stellen. Und das gilt für Frauen noch mehr als für Männer. Nichts gegen ein gesundes Maß an Zuversicht, das besitze ich auch. Aber ich finde, man muss die Scheiße beim Namen nennen, wenn sie stinkt. Und sie stinkt oft bis zum Himmel.
Wir müssen endlich aufhören, mit Filter alle Fassaden weichzuzeichnen - und damit meine ich nicht nur die Gesichter auf Instagram, sondern vor allem auch die Worte, die wir wählen, wenn wir von uns erzählen. Wir brauchen keine perfekt sitzenden Masken und keine „Good Vibes only“-Mentalität. Wir brauchen Authentizität und ungefilterte Wahrheiten mit all ihren schönen, hässlichen und unperfekten Seiten. Das wird im KI‑Zeitalter umso wichtiger.
Ein paar Sätze ehrliche Verzweiflung sind keine Kapitulation, sie sind ein Akt der Menschlichkeit. Ich habe neulich in einem Substack-Post von Keksding folgenden Abschnitt gelesen und dachte mir nur: Ja. Punkt.
Ich bin in Brasilien. Ja, ich finde es hier aktuell schöner als in Deutschland, aus verschiedenen Gründen. Ich liebe das Klima (meistens), die Natur, die Sprache, die Musik, die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Das Leben fühlt sich hier tendenziell etwas leichter an. Nicht weil es weniger Probleme gibt, sondern weil die Menschen anders damit umgehen und insgesamt eine wärmere zwischenmenschliche Stimmung herrscht.
Aber das bedeutet nicht, dass ich ständig mit Caipirinha am Strand liege und mich von morgens bis abends genüsslich durchs Leben schlürfe. Diese Momente gab und gibt es auch, natürlich, aber es sind eben Momente. Ich bin nicht im Urlaub, ich lebe gerade hier. Die Tatsache, dass ich im globalen Süden bin und keinen festen Wohnsitz habe, erweckt aus deutscher Perspektive vielleicht den Anschein, ich sei ständig am Reisen und Chillen (schön wär’s). Aber Brasilien ändert nichts an der Tatsache, dass das Leben manchmal Spaß macht und manchmal verzweifeln lässt.
Natürlich kämpfe ich auch hier mit mir selbst und der Weltsituation. Mal mehr, mal weniger. Es gibt wahrscheinlich keinen Ort, an dem man heute noch gänzlich vor den inneren und äußeren Dämonen fliehen könnte. Das ginge nur mit Ignoranz, und die kommt für mich nicht in Frage.
Auch in Brasilien habe ich gelegentlich Weltschmerz, Sinnkrisen, Existenzängste, PMS, Entscheidungsschwierigkeiten (story of my life…) und zwischenmenschliche Konflikte. Auch hier weiß ich oft nicht, wie ich mich langfristig über Wasser halten soll, ohne mich wieder an ein System anzupassen, das ich aus tiefstem Herzen kritisiere (nee, zu nett) verabscheue (besser). Und natürlich fühle ich mich manchmal allein. Aber mal ehrlich: Wer von euch tut das nicht ab und zu?
Ich bin kein unglücklicher Mensch. Ich bin aber auch nicht immer glücklich. Und vor allem habe ich nicht den Anspruch, immer glücklich zu sein. Ich glaube nicht daran, dass das stetige Streben nach Glück sinnvoll ist, sondern eine Wahnvorstellung. Eine Wahnvorstellung, die vom Kapitalismus angefeuert und instrumentalisiert wird, um uns Dinge zu verkaufen, die uns nicht glücklicher, sondern ärmer und kaputter machen, und die vieles verschleiert, gegen das wir uns eigentlich wehren sollten.
Denn auch wenn Yogi‑Tees und Positivity‑Ratgeber uns etwas anderes versprechen: Es ist nicht realistisch, ständig glücklich zu sein. Es ist nicht einmal realistisch, ständig einfach nur okay zu sein. Manchmal verbringen wir unsere Tage allein damit, zu versuchen, unseren Kopf über Wasser zu halten. Das ist okay. Das ist menschlich.
Ich glaube, würden wir aufhören, uns ständig gegenseitig etwas vorzumachen, ginge es uns besser - als Individuen und als Gesellschaft. Weil wir keine Energie mehr darauf verschwenden müssten, ein falsches Lächeln aufzusetzen, obwohl uns einfach nur zum Heulen ist. Weil wir viel schneller erkennen würden, dass wir nicht allein sind mit unseren Gefühlen und Sorgen. Weil wir dadurch viel schneller Wege finden könnten, etwas daran zu ändern. Oder um zu lernen, mit dem umzugehen, was wir nicht ändern können. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, dem Glück hinterherzujagen, sondern einen Umgang mit der Ambivalenz und Unsicherheit des Lebens zu finden.
Warum wird eigentlich ständig von uns erwartet, dass wir uns entscheiden? Ist das Glas halb voll oder halb leer? Keine Ahnung - das kommt doch auf den Kontext an und darauf, ob ich die Nacht davor gut geschlafen habe. Wenn ich mir einen Caipirinha bestelle ist der auf jedenfall nach ein paar Minuten halb leer - ist das jetzt gut oder schlecht? Auf jeden Fall glaube ich nicht daran, dass ein Glas allein durchs optimistisch sein halb voll wird, obwohl die ganze Zeit daraus getrunken wird, ohne dass sich irgendwer aktiv die Mühe macht, es wieder aufzufüllen. Und beim Caipirinha müsste ich dafür bezahlen - Optimismus kostet manchmal eben Geld und davon hab ich nicht so viel. Aber das ist kein Pessimismus, das ist Realismus.
Außerdem finde ich, es gibt wichtigere Dinge als Optimismus. Die Fähigkeit, Staunen zu können, zum Beispiel. Und Neugier zu empfinden. Sich inspirieren zu lassen. Die kindliche Freude über einfache Dinge, trotz all dem Chaos.
Ich bin ehrlich: Ich blicke nicht unbedingt optimistisch in die Zukunft. Dafür werden wir für meinen Geschmack von zu vielen Irren regiert und beuten schon zu lange die Natur aus. Aber es vergeht trotzdem fast kein Tag, an dem ich nicht neugierig werde oder mich beim Staunen erwische.
Ich habe vor ein paar Tagen beim Umtopfen der Kaffeepflänzchen ein kleines Stück modriges Holz mit winzigen weiß‑schimmernden Pilzen gefunden. Sie waren so wunderschön, ich konnte nicht aufhören, sie anzugucken; sie haben mich völlig in ihren Bann gezogen. Ich habe das Stück Holz mit den Pilzchen überall mit hingeschleppt, um es anderen zu zeigen und weil ich es eigentlich fotografieren wollte… Leider habe ich dann vergessen, wo ich es hingelegt habe. Ich trauere ihnen immer noch nach. Und jedes Mal, wenn ich nachts in den Himmel gucke und die Sterne sehe, frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass die Menschheit heutzutage lieber auf Bildschirme starrt als auf das, was uns im echten Leben umgibt.
Es gibt da draußen noch so viel, das ich bestaunen, lernen und erkunden möchte. So viel, worüber ich noch schreiben will, bevor mein Apokalypse‑Essay dran ist. Es stimmt: Es gibt hier nicht nur good vibes, und manchmal fühle ich mich tatsächlich verloren. Aber dafür gibt es Raum für Ambivalenz, für Zweifel, für Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Und vielleicht fühlen wir uns in diesem Raum ja zusammen ein bisschen weniger allein.
Während ich diesen Text schreibe, sitze ich draußen auf der Terrasse des Sítios in Serra Negra. Es ist schon dunkel und so spät am Sonntag, dass es in Deutschland schon Montag ist. Neben mir L., der ebenfalls schreibt. Es ist schön, gemeinsam an einem Ort zu sein und schweigend dasselbe zu tun. Wir teilen uns einen Joint und ein Bier. Ein halbes Glas für jeden. Neben uns die Hunde. Über mir die Sterne. Durch die Wolkendecke sehe ich sie nicht. Aber ich weiß, dass sie da sind. Das macht mich glücklich.
Für diesen Moment.
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