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no destination · Apr 20, 2026

Die Hirschkuh, der Kojote und ich

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kathikaze · no destination

„Die Hirschkuh! Das ist eine schöne Karte – ich glaube, sie passt zu dir!“, sagt Rafael.

Wir sitzen an dem weißen Holztisch in der Küche des Sítios, während Murillo anfängt, das Auberginen-Curry vorzubereiten. Ich habe die beiden erst vor ein paar Tagen kennengelernt, aber es fühlt sich jetzt schon vertraut an. Ein Samstagabend unter Freunden. Draußen ist es dunkel, und vor uns liegt ein schamanisches Kartendeck, aus dem ich gerade intuitiv eine Karte gezogen habe.

Jede Karte zeigt ein anderes Tier und weist auf eine Bedeutung für das Leben der Person hin, die sie zieht. A descoberta do poder através da energia dos animais (dt.: Die Entdeckung der Kraft durch die Energie der Tiere), so heißt das Deck. Rafael liest mir die Geschichte der Hirschkuh aus dem Büchlein vor, und ich freue mich ein bisschen. Weil ich den portugiesischen Text fast ohne Übersetzungshilfe verstehe – und weil ich mich darin tatsächlich ein bisschen wiedererkenne:

Als die Hirschkuh vom großen Geist auf den heiligen Berg gerufen wird, macht sie sich ohne Zögern auf den Weg. Sie ahnt nicht, dass dort ein fieser Dämon lauert, der alle Geschöpfe daran hindert, den Berg zu erreichen. Unterwegs begegnet sie ihm, doch anstatt sich verschrecken zu lassen, bittet sie ihn freundlich, sie durchzulassen. What the fuck, denkt der Dämon, wieso hat dieses Tier keine Angst vor mir? Doch die Hirschkuh weicht nicht zurück, bleibt bei ihrer Bitte. Und der Dämon kann ihrer sanften Unbeirrbarkeit nichts entgegensetzen. Unweigerlich erweicht sein steinernes Herz, und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Weg freizumachen.

Wer diese Karte zieht, so heißt es, ist aufgefordert, gegenwärtige Probleme mit Güte zu lösen und auch der Dunkelheit mit Liebe zu begegnen.

Die Hirschkuh ist also schon ein bisschen naiv, aber auch unfassbar mutig – und sie hat dieses riesengroße, unbeirrbare Herz, mit dem sie alle Hürden überwindet. Sie macht die Dinge einfach, verschwendet keine Gedanken an Probleme, sondern richtet ihren Blick auf das, was sich gut und richtig anfühlt.

Wahrscheinlich halten die anderen Geschöpfe die Hirschkuh deswegen für ein bisschen bekloppt, denke ich. Und trotzdem: Ich wäre gerne wie die Hirschkuh. Und ein bisschen bin ich das vielleicht auch schon.

Bei der Karte hätte ich es dann aber besser belassen sollen. Doch im Tarot-Rausch ziehe ich noch zwei weitere: den umgedrehten Kojoten (den Trickser) und die Ratte (die Detailgenauigkeit), die mir im Grunde beide sagen: Hüte dich vor Menschen, die dich verarschen wollen. Oder in anderen Worten: Obacht! Das leckere Käsestückchen könnte sich in einer Falle befinden.

Darauf hätte ich verzichten können. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich jetzt endlich auch mal ein Stück Käse abkriege, ohne dass danach gleich wieder die Falle zuschnappt.

Also versuche ich, die Botschaft der Karten auf meine Vergangenheit zu schieben. Das passt mir gerade besser – und Zeit ist ja sowieso nicht wirklich linear, oder? Murillo schaut mich skeptisch an; er glaubt mir das mit der Vergangenheit nicht so richtig. Rafael versucht derweil, mir die positiven Seiten des Kojoten schmackhaft zu machen. Der sei ja auch ein bisschen wie die Hirschkuh, nur chaotischer. Okay, der lässt sich absichtlich vom Zug überrollen und schaut danach noch mal nach, ob es wirklich ein Zug war… Schon ein bisschen dumm, aber irgendwie habe das ja auch was von Güte. So ganz überzeugt mich das nicht, und ich rechne kurz hoch, wie oft ich mich schon wissentlich vor den Zug geschmissen hab.

Währenddessen explodiert eine Aubergine im Ofen.

Rafael und ich springen erschrocken auf. Murillo steht wie ein Schutzwall zwischen uns und dem Schlachtfeld, öffnet den Ofen und rettet die anderen zwei Auberginen vor der Gemüseapokalypse.

Zum Nachdenken bringt mich so etwas schon. Die Karten und der Auberginen-Knall. Und das Wissen, dass da gerade wirklich ein Stück Käse vor mir liegt und ich nicht sicher bin, ob ich reinbeißen soll.

Ich bin nicht die Einzige, die an diesem Abend in Gedanken versinkt. Die Karten bringen uns alle drei dazu, ehrlicher auf die aktuelle Lebenssituation zu blicken. Und so kommt es, dass wir bei Curry und Bier über die Kojoten, Schlangen oder Gürteltiere sprechen, die womöglich in uns stecken. Über Erfahrungen und Verhaltensmuster, die uns prägen. Über Lektionen, die wir schon gelernt haben – und über solche, die wir erst noch lernen müssen.

Kurz stelle ich mir vor, wie wir von oben aussehen: ein kleiner Lichtpunkt in der Dunkelheit, irgendwo in der Serra da Mantiqueira im Süden von Minas Gerais. Umgeben von den Geistern der Berge und unseren Geschichten, die wir miteinander teilen.

Dieses Bild nehme ich mit.

In Brasilien sind die Menschen offener gegenüber Spiritualität. Das gefällt mir. Meinen Hang zum Geheimnisvollen, mein Gespür dafür, dass es Dinge gibt, die wir nicht erklären können, muss ich hier nicht verstecken. Hier muss ich mich nicht zwischen Geistern und Verstand entscheiden. Beides darf koexistieren.

In Deutschland behalte ich meine spirituelle Seite meistens lieber für mich. Die Normgesellschaft denkt dann nämlich schnell, man hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, und steckt einen direkt in die Esoterik-Schublade rechts unten. Und da will ich definitiv nicht rein.

Im Kontrast wird mir das noch stärker bewusst. Warum sind wir in Deutschland eigentlich oft so erbarmungslos unflexibel in unseren Ansichten? Warum rutschen wir so oft ins Extreme? „Spiritualität vs. Rationalität“ ist da ein gutes Beispiel.

Da gibt’s auf der einen Seite die Überrationalen. Die „Was nicht wissenschaftlich bewiesen ist, existiert nicht!“ oder „Ich glaube nur, was ich sehe.“-Verfechter. Und auf der anderen die völlig Abgeschwurbelten, die die Wissenschaft leugnen, von Licht und Liebe leben und denken, sie hätten in Telegram-Gruppen die Erleuchtung gefunden.

Anstrengend finde ich das. Beide Extreme.

Ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland besonders extrem darin sind, uns extrem in etwas hineinzusteigern. Und zwar themenübergreifend. Manchmal denke ich wirklich, wir ticken nicht mehr ganz richtig.

Es ist genau dieser Hang zum Extremen, weshalb ich mich am liebsten von allen Szenen und Schubladen fernhalte. Ich will nicht in die Esoterik-Schublade. Aber ich will definitiv auch nicht in die der radikalen Rationalität.

In Deutschland würde ich auch niemanden daten, der sich im Profil als spirituell bezeichnet. Da wäre mir die Gefahr zu hoch, dass er barfuß mit Aluhut aufkreuzt und mir etwas von Chemtrails erzählt, noch bevor ich mein erstes Glas Wein intus habe. Oder mir für 2000 Euro eine schamanische Seelenreinigung aus dem Amazonas verkaufen will, obwohl er nicht mal zwei Nächte im Spreewald überleben würde.

Gleichzeitig finde ich aber auch diese dogmatische Wissenschaftsgläubigkeit nervig. Dieses ständige „Wo sind die Fakten?“-Gequake, als wäre alles automatisch Unsinn, nur weil es (noch) nicht empirisch belegt ist.

Ich habe selbst zwei naturwissenschaftliche Masterabschlüsse. Ich finde Wissenschaft großartig – vorausgesetzt, sie wird gescheit praktiziert. Aber deshalb weiß ich auch: Sie hat ihre Grenzen. Und ihre Fallstricke.

Nur weil etwas nicht wissenschaftlich belegt ist, heißt das nicht automatisch, dass es widerlegt ist. Vielleicht wurde es noch nicht ausreichend erforscht. Vielleicht fehlen uns die technischen Mittel. Vielleicht reicht unser Verstand nicht aus, um es zu begreifen. Und vielleicht sind wir auch einfach zu voreingenommen von unserer eurozentrischen Perspektive auf die Welt.

Thanks for reading no destination! This post is public so feel free to share it.

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Aber zurück zur friedlichen Koexistenz.

Es muss doch möglich sein, sich auch mal auf Gedanken einzulassen, die sich nicht sofort beweisen lassen. Über die eigene Logik hinaus zu denken, an die Grenzen der Vorstellungskraft zu gehen. Und zwar ohne dabei komplett in Verschwörungstheorien abzurutschen.

(Das mit den Verschwörungstheorien verstehe ich sowieso nicht. Wir haben so viel reale Scheiße in der Welt, so viele tatsächliche Black-Mirror-Situationen – echte „Verschwörungen“, wenn man so will. Wieso sich die Mühe machen, sich noch weitere auszudenken?)

Es gibt in meinen Augen kaum etwas Dümmeres als Schwarz-Weiß-Denken. Entweder … oder. Ganz oder gar nicht. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es klug wäre, immer nur in eine Richtung zu denken?

Dabei passiert das wirklich Interessante doch genau dazwischen. In der Verknüpfung verschiedener Ansätze und Perspektiven. Wieso lassen wir so wenig Raum für Zwischentöne? Für Dinge außerhalb unserer beschränkten Vorstellungskraft?

In Brasilien begegne ich diesem Raum.

Versteht mich nicht falsch: Hier läuft auch nicht alles rund. Aber diesem krassen Festklammern an einseitigen Überzeugungen bin ich hier bisher kaum begegnet. Hier kann ich mich mit Menschen erst über Sternzeichen unterhalten – und im nächsten Moment über die Folgen des Klimawandels.

Und das fühlt sich menschlich an.

Es geht nicht darum, irgendjemanden dazu zu bringen, spiritueller zu werden. Und auch nicht darum, ob an Tarot oder Astrologie etwas Wahres dran ist. Ich weiß selbst nicht, wie sehr ich daran glaube. Wenn mir Karten etwas sagen, was mir nicht in den Kram passt, handhabe ich es in der Regel wie bei einer Wettervorhersage: Ich glaube ihr nur, wenn die Sonne scheint.

Aber ich weiß, dass uns an jenem Abend die Karten dazu gebracht haben, zu reflektieren und unsere Geschichten miteinander zu teilen. Und es hallt nach. Immer noch.

Die Hirschkuh. Der Kojote. Das Auberginen-Curry.

Und vor allem dieses wohlige Gefühl der Koexistenz: nicht nur wissen müssen, sondern spüren können. An etwas glauben dürfen, ohne das andere ausschließen zu müssen.

Sowohl Verstand als auch Geist.

Und alles dazwischen.

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