
2. Christian Wolff (1679-1754)
a) Leben und Schriften. Christian Wolff (auch Wolf, Wolfius), als Sohn eines Gerbers in Breslau 1679 geboren, soll Theologie studieren, wendet sich jedoch der Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft zu, wird durch die Schriften von Descartes, Spinoza, Tschirnhaus, am meisten aber durch Leibniz beeinflu�t, und kommt durch dessen Empfehlung 1706 als Professor der Mathematik nach Halle, wo er bald der gefeiertste Universit�tslehrer und philosophische Schriftsteller Deutschlands wird. Auf Betreiben der verb�ndeten Orthodoxen und Pietisten erh�lt er 1723 den Befehl des K�nigs, �binnen 48 Stunden nach Empfang dieser Order die Stadt Halle und alle K�nigl. Lande bei Strafe des Stranges zu r�umen�; die Verbreitung seiner Schriften wird �bei lebensl�nglicher Kerkerstrafe� verboten. Eine gewaltige Streitschriftenliteratur bem�chtigte sich des Falles; Wolff, der sofort von dem Landgrafen von Hessen an die Universit�t Marburg berufen wurde, erwarb sich als Lehrer wie als Schriftsteller immer gr��eren Ruhm. Eine der ersten Regierungshandlungen Friedrichs II. war bekanntlich die �brigens schon seit 1735 vorbereitete ehrenvolle Zur�ckberufung des verbannten Philosophen nach Halle als Geh. Rats und Vizekanzlers mit 2000 Taler Gehalt; am 6. Dezember 1740 hielt er seinen feierlichen Einzug in die Stadt. Sp�ter ward er sogar in den Reichsfreiherrnstand erhoben. Dagegen nahm sein Einflu� als akademischer Lehrer allm�hlich ab. Er starb in hohem Alter 1754.
Wolff war ein au�erordentlich fruchtbarer Schriftsteller. Die wichtigsten Schriften aus der ersten H�lfte seiner Lehrt�tigkeit sind in deutscher Sprache erschienen, �brigens in fast alle Sprachen Europas �bersetzt worden. Ihr Grundzug, Verst�ndigkeit und Breite, kennzeichnet sich schon in den Titeln. Sie alle bezeichnen sich als �Vern�nfftige Gedanken� und zwar 1. von den Kr�ften des menschlichen Verstandes und ihrem richtigen Gebrauch in Erkenntnis der Wahrheit (1712), 2. von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, �auch allen Dingen �berhaupt� (!) (1719), 3. von der Menschen Tun und Lassen zur Bef�rderung ihrer Gl�ckseligkeit (1720), 4. von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen (1721), 5. von den Wirkungen der Natur (1723), 6. von den Absichten der nat�rlichen Dinge (1724): also eine Logik, Metaphysik, Moral, Politik, Physik und Teleologie. Die in seiner sp�teren Lebensperiode (1728-53) mit R�cksicht auf die ausl�ndischen Leser von ihm ausgearbeiteten lateinischen Kompendien, die nicht weniger als 23 B�nde f�llen, sind zum gro�en Teil nur weitere Ausf�hrungen oder weitschweifige Wiederholungen derselben Stoffe: Logik, Ontologie, Kosmologie, rationale und empirische Psychologie, nat�rliche Theologie, allgemeine praktische Philosophie, Naturrecht (8 B�nde !), V�lkerrecht und Moralphilosophie (4 B�nde) sind die Titel, die sie f�hren.
b) Theoretische Philosophie. Obwohl Wolff sich nicht gern als Leibniz' Sch�ler bezeichnen lie�, steht er doch durchaus auf dessen Schultern. Aber seine n�chterne Natur lie� ihn gerade die tiefsinnigsten und eigenartigsten Teile des Leibnizschen Systems entweder ganz abstreifen oder doch verflachen, so die Monadologie und die pr�stabilierte Harmonie. Letztere nahm er blo� f�r das Verh�ltnis von Leib und Seele an; ebenso beschr�nkte er die Eigenschaft der Monaden als vorstellender Kr�fte auf die Seelen; die anderen Monaden sind ihm blo�e �Atome der Natur� Charakteristisch f�r seine ganze Auffassung ist gleich der erste Satz seiner Logik, er wolle die gesamte Philosophie zu einer �sicheren� und �n�tzlichen� Wissenschaft machen, und zwar durch deutliche Begriffe und gr�ndliche Beweise. Ihr Gegenstand ist ihm alles �Denkbare� oder �M�gliche� Alle Erkenntnis ist philosophischer, historischer oder mathematischer Art. Die philosophische oder rationale untersucht die M�glichkeit der Dinge; die historische oder empirische weist sie als wirklich nach und gibt ihr so ihren Stoff, w�hrend der mathematischen die Gr��enbestimmung zuf�llt. Neben dieser Einteilung steht die aus den beiden unserer Seele innewohnenden Verm�gen des Erkennens und Wollens stammende in theoretische und praktische Philosophie (Weltweisheit). So ergibt sich denn ein ganzes System von Wissenschaften, das jahrzehntelang die Kompendien beherrscht hat; die wichtigsten sind
1. die rationalen oder Vernunftwissenschaften: a) theoretische: Ontologie oder �erste Philosophie�, Kosmologie, Psychologie, nat�rliche Theologie; b) praktische: Moral, Politik, �konomik.
2. die empirischen oder Erfahrungswissenschaften: a) theoretische: empirische Psychologie, Teleologie, dogmatische Physik; b) praktische: Technologie, Experimentalphysik.
Die Einleitung zu ihnen allen bildet die Logik, die aus dem einen Satze des Widerspruchs in rein begrifflicher Entwicklung alles �brige, selbst das Prinzip des zureichenden Grundes, abzuleiten sucht. Die sinnliche Wahrnehmung (empirische Erkenntnis) ist verworren und undeutlich, nur das reine Denken (rationale Erkenntnis) vermag klar und deutlich zu erkennen, �brigens auch blo� das, was schon in den Begriffen liegt. Nat�rlich schleichen sich in diese rein logisch sein sollenden Ableitungen zahlreiche Bestandteile der grunds�tzlich abgewiesenen Erfahrung ein. - Dann folgt die Ontologie als die Wissenschaft von den Gegenst�nden �berhaupt. An den Gegenst�nden werden ihre wesentlichen Bestimmtheiten (essentialia, die das Substantielle daran ausmachen) von den wechselnden Eigenschaften (attributa) und Zust�nden (modi) unterschieden. Der zweite Teil handelt von den Arten der Gegenst�nde und ihrem gegenseitigen Verh�ltnis zueinander. Diese Beziehungen, wie die �Ordnung� �berhaupt, sind keine Erzeugnisse unseres Verstandes, sondern kommen den Gegenst�nden selbst zu. Die Ordnung ist zugleich der zusammenfassende Ausdruck f�r die transzendentalen Pr�dikate der Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit. Die Vernunft ist das Verm�gen, den Zusammenhang der Dinge oder allgemeinen Wahrheiten anzunehmen. - Die allgemeine Kosmologie ist die Grundlage der Physik. Aus den ontologisch �nach gewiesenen� unk�rperlichen Atomen setzen sich die unendlich kleinen, aber doch k�rperhaften primitiven Korpuskeln zusammen. Die Naturgesetze sind die Gesetze der Bewegung; sie folgen aus dem Satz des zureichenden Grundes. Zu der mechanisch-physikalischen Erkl�rung treten h�ufig, zum Teil recht aufdringlich, platt-teleologische Gesichtspunkte, wie z.B., dass die Sterne dazu da seien, um des Nachts zu leuchten. �berhaupt blieb die Naturbetrachtung der Wolffianer im Gegensatz zu den radikalen Empiristen der jungen Newtonschen Schule, welche sich auf exakte Beschreibung der Naturvorg�nge beschr�nken wollten, wesentlich metaphysischer Art. Der gelehrte Streit der Abhandlungen zwischen der Londoner Royal Society und den Leipziger Acta eruditorum zieht sich weit �ber die Mitte des 18. Jahrhunderts hin. - Die Psychologie teilt das Erkenntnisverm�gen in ein unteres (mit Empfindung, Einbildungskraft, Ged�chtnis) und oberes (Aufmerksamkeit, Verstand und Vernunft). Die leiblichen und seelischen Vorg�nge sind an sich voneinander unabh�ngig und h�ngen nur in der gegebenen Erfahrung zusammen. Das ebenfalls in ein unteres (Triebe) und oberes (Wille) zerfallende Begehrungsverm�gen ist dem Erkennen unterworfen. Auch die Geschichte ist ihm schlie�lich nur dazu da, �die Tugenden und Laster, insonderheit die Klugheit und Torheit, durch ihr Exempel zu lehren� - In der nat�rlichen Theologie erscheint Wolff v�llig abh�ngig von Leibniz und seiner Theodicee. Deshalb wollte er auch weder von der �Freidenkerei der Engell�nder� noch von dem �einrei�enden Deismus, Materialismus und Skeptizismus der Franzosen� etwas wissen. �brigens hat sich auch die religi�se Erkenntnis dem Satz des Widerspruchs unterzuordnen. Die geoffenbarte Religion darf wohl �ber-, aber nichts Widervern�nftiges enthalten. Dem entspricht auch die Bibel, wie die - Theologie beweist. Auch hier wird eine rationale und eine empirische Wissenschaft unterschieden. Die erstere f�hrt den ontologischen und kosmologischen, die zweite den physiko-theologischen Beweis f�r das Dasein Gottes, jedoch anthropologisch-beschr�nkter und platt-n�tzlicher als Leibniz, aus.
c) Praktische Philosophie. Unabh�ngiger von letzterem erscheint Wolff in der praktischen Philosophie. In der Moral stellte er dem Gl�ckseligkeitsprinzip der Engl�nder sein Prinzip der Vervollkommnung gegen�ber, das allerdings nicht nur mit der Vernunft und Naturgem��heit, sondern auch mit Gl�ckseligkeit notwendig verbunden ist.
Das Gute ist nicht durch Gottes Willen, sondern an und f�r sich gut, die Moral unabh�ngig von der Theologie, also auch bei Atheisten, wie den Chinesen, m�glich. Eine Lobrede auf die Sittenlehre des Konfuzius trug mit zu Wolffs Vertreibung aus Halle bei. Da der Wille durchaus durch die Erkenntnis bestimmt wird, so ist Grund der S�nde die Unwissenheit, Pflicht des Philosophen folglich die Aufkl�rung.
Best�ndiger Fortschritt ist Ziel des einzelnen wie der Gesamtheit. Das V�lkerrecht ist erweitertes Naturrecht. Der Staat ist allm�chtig, sein Zweck die allgemeine Wohlfahrt. Da aber der Verstand der Untertanen beschr�nkt ist (!), so m�ssen die Staatsbeh�rden alles, auch das Privatleben des einzelnen, bis ins kleinste regeln, z.B. ihre Kleidung, Speisen und Getr�nke, Vergn�gungen. Zur Belustigung der Ohren dienen u. a. die �Poeten�, die jedoch unter besondere Aufsicht zu nehmen Sind, damit sie nicht �durch verliebte und unz�chtige Verse gute Sitten verderben� So ziehen denn seine dickleibigen moralischen Schriften, einschlie�lich der �konomik, welche die h�uslichen Rechte und Pflichten festsetzt, und der acht Quartb�nde Naturrecht, alles M�gliche und Unm�gliche in ihren Bereich; unter anderem wird z.B. ausf�hrlich die Frage abgehandelt, ob lautes Schmatzen beim Essen gegen das ius naturae sei!
Bezeichnend f�r den Charakter der Wolffschen Verstandesphilosophie ist, dass die �sthetik (Lehre vom Sch�nen) die einzige von ihm nicht bearbeitete philosophische Disziplin gewesen ist.
Wolffs Art zu philosophieren stellte nicht blo� die Philosophie auf Vernunft gegen allen Autorit�tsglauben, sondern hat ohne Zweifel auch die logische Sauberkeit und das methodische Denken gef�rdert, den �Geist der Gr�ndlichkeit� in Deutschland geschaffen, wie Kant ihr einmal nachr�hmte. Er hat den Grundgedanken des Leibnizschen Rationalismus, dass nur die formalen Gesetze des Denkens das Sein der Gegenst�nde verb�rgen, festgehalten und fortgepflanzt. Auch hat seine �brigens klare und leicht verst�ndliche Sprache viele philosophische Kunstausdr�cke, die uns jetzt ganz gel�ufig sind, entweder geschaffen (wie: Bewu�tsein, Verh�ltnis, Vorstellung) oder doch in allgemeinen Gebrauch gebracht (z.B. Psychologie, a priori, a posteriori u. a.). Vieles an Kant versteht man erst, wenn man es aus der Opposition gegen die Wolffsche Schule heraus begreift. Anderseits hat seine Schematisierungs- und Rubrizierungswut, sein �ber alles Mitredenwollen, seine jedes Schwunges bare, rein verstandesm��ige Auffassung der Dinge, seine schulmeisterhafte Pedanterie doch auch mannigfach geschadet. Sie hat insbesondere das Tiefe und Gro�artige an Leibniz verdeckt und verdunkelt, zumal bei dem Einflu�, den dieser Wolffianismus in Deutschland gewann.
Literatur: Zwei kleinere neuere Spezialschriften: H. Pichler, �ber Christ. Wolffs Ontologie. Lpz. 1910. - Wolffsche Begriffsbestimmungen. Ein Hilfsb�chlein beim Studium Kants, zusammengestellt von Jul. Baumann. Lpz. 1910.