„Wie viele Minuten eines durchschnittlichen Tages verbringst du in Stille?”
Kannst du Stille aushalten? Wie lange?
Was machen Phasen ohne Input, ohne Reiz, ohne Anforderung und ohne Ziel mit dir?
Wir leben in einer Welt, die Pausen systematisch verhindert. Sobald irgendwo ein kleiner Zwischenraum entsteht, greifen wir zum Smartphone. An der roten Ampel. In der Warteschlange. Im Zug. Beim Essen. Manchmal sogar beim Spazierengehen. Kaum ist außen für ein paar Sekunden nichts los, muss innen sofort wieder etwas gefüttert werden. Nachrichten. Mails. Wetter. Weltlage. Fußball. Katzenvideos. Empörung. Irgendwas. Podcasts füllen den Weg in die Arbeit. Musik begleitet die Hausarbeit. Und wenn abends tatsächlich einmal Stille einzieht, schalten wir reflexartig den Fernseher ein.
Der Lärm – der innere wie der äußere – wird zur Normalität. Und Stille wird unheimlich.
Dabei ist Stille kein Luxus. Sie ist eine biologische Notwendigkeit. Unser Nervensystem braucht sie – genauso wie der Körper Schlaf braucht und die Lunge Atemluft.
Wenn ich mit Menschen im Feldenkrais-Unterricht arbeite, beobachte ich als erste Reaktion auf Langsamkeit und Pausen oft inneren Widerstand.
“Ich habe die Bewegung schon erledigt.” “Wann geht es weiter?” „Ich spüre gar nichts.” „Ist das schon alles?”
Das ist kein Fehler. Das ist der konditionierte Verstand, der nach Aufgaben sucht. Er ist trainiert darin, zu agieren, zu analysieren, zu bewerten, zu optimieren.
Stille – echte Stille, innere Stille – ist für den Verstand zunächst eine Bedrohung.
Denn in der Stille hat er nichts zu tun.
Moshe Feldenkrais wusste das. Er baute Pausen nicht als Erholungspausen in seine Lektionen ein – sondern als Lernpausen. Denn eine Lernpause gibt dem Gehirn Zeit, das Erfahrene zu verarbeiten, zu integrieren, zu verstehen.
Innehalten ist kein Nichtstun. Es ist aktive Wahrnehmung.
In einer Feldenkrais-Lektion gibt es viele Pausen. Du bewegst dich – langsam, mit Aufmerksamkeit – und dann hörst du einfach auf. Du liegst still. Du spürst nach.
Was hat sich verändert? Fühlt sich eine Seite anders an als die andere? Ist die Schulter schwerer geworden – oder leichter? Liegt dein Rücken anders auf dem Boden?
Diese Pausen schaffen etwas, das ich als inneres Vergleichen bezeichnen würde: Du wirst dir bewusst, wie du warst – und wie du jetzt bist. Ohne die Pause gibt es keinen Vergleich. Und ohne diesen Vergleich gibt es kein Lernen.
Das ist das Paradoxe an diesem Ansatz. Wenn du nach einer Bewegung innehältst und spürst, ist das keine Unterbrechung. Denn nicht die Bewegung selbst verändert das Nervensystem – sondern der Moment danach, in dem das Gehirn diese Bewegung verarbeitet. Die Pause als Kern der Lektion.
Solange wir ständig weitermachen, müssen uns nicht mit dem auseinandersetzen, was in uns geschieht.
Das ist ein wesentlicher Grund, warum Pausen so schwierig sind. Sie bringen dich nicht nur zur Ruhe. Sie bringen dich auch in Kontakt mit dir selbst. Und das ist nicht immer angenehm.
Die innere To-do-Liste. Der Ärger vom Vormittag. Die Sorgen um die Zukunft. Das diffuse Gefühl, nicht genug geschafft zu haben. Der Körper, der irgendwo zieht, drückt oder müde ist. Der Atem, der flach geworden ist.
Kein Wunder, dass viele Menschen Stille meiden. Stille ist nicht automatisch Kerzenlicht, Tee und innerer Frieden. Manchmal ist sie zuerst einmal unbequem.
Solange du beschäftigt bist, musst du dich nicht fragen: Tue ich das, was mir wirklich wichtig ist?
Solange der Terminkalender voll ist, klingt die leisere Frage nicht durch: Lebe ich das Leben, das ich mir vorstelle?
Ich sage das ohne erhobenen Zeigefinger. Denn nur, weil es mir bewusst ist, heißt es nicht, dass ich immun dagegen bin.
Friedrich Nietzsche schrieb: „Nur die Ideen, die man beim Wandern hat, sind wirklich etwas wert.” – Aber selbst beim Wandern mache ich die Erfahrung, dass vor allem die Pausen mich ins Hier und Jetzt zurückholen und in Kontakt mit mir selbst bringen.
Stille und innere Ruhe sind kein Zustand, den du einmal erreichst und dann besitzt. Sie sind eine Praxis. Etwas, das du immer wieder wählst – und immer wieder verpasst, und dann wieder wählst.
Ich lege im Laufe des Tages immer wieder kleine Pause ein, um die Achtsamkeit auf den Moment zu richten, beim Weitwandern durch die Natur wie beim Schreiben am Computer.
Manchmal lenke ich sie nach innen, auf den Atem, auf meinen Körper, auf meine Gedanken und Gefühle – ohne mich damit zu identifizieren.
Manchmal lenke ich sie nach außen, auf die Natur oder die Menschen um mich herum.
Schauen, beobachten, spüren, was da ist, und es so sein lassen, wie es ist.
Alles kommen und gehen lassen in dieser Stille, nichts erreichen wollen, nichts verdrängen und nichts festhalten. Einfach nur wahrnehmen.
Bewusstheit braucht innere Ruhe. Das war Feldenkrais’ Überzeugung – und eine präzise Beobachtung des menschliche Nervensystems.
Wir können nichts wirklich wahrnehmen, solange wir zu beschäftigt damit sind, die Wahrnehmung zu vermeiden.
“Moshé Feldenkrais liebte Pflanzen und Bäume. Er liebte es, wenn es draußen stürmte oder regnete. Und er liebte es, die Wolken zu betrachten.” (Christian Buckhard: Moshé Feldenkrais: Der Mensch hinter der Methode). Und das als Wissenschaftler, Kampfsportler und durchaus analytisch ausgerichteter Denker.
Lass dich von ihm inspirieren und zu folgender “Mini-Übung” einladen:
Leg dich einmal am Tag für fünf Minuten auf den Boden. Nichts weiter. Kein Podcast, kein Nachdenken über deinen Tag, keine gezielte Atemübung. Einfach liegen.
Spüre, wie der Boden dich trägt. Nimm wahr, wo dein Körper am Boden aufliegt und wo nicht. Bemerke, wie dein Atem von selbst fließt.
Das ist keine Meditation im klassischen Sinn. Es ist auch keine Feldenkrais-Lektion.
Es ist einfach Innehalten.
Und wenn du merkst, dass dein Verstand in den Widerstand geht oder sofort mit einer To-Do-Liste anklopft – dann betrachte das nicht als unwillkommene Störung, sondern nimm es als einen Hinweis, wie dringend du diese fünf Minuten brauchst.
Halte inne. Leg Pausen ein. Nicht irgendwann. Heute. Jeden Tag.
Du wirst es nicht bereuen.
Eine schöne Frühlingswoche 😊

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.