Ich starte morgen in eine Weitwanderung, mit Zelt, Hund und einer längeren Route im Kopf. Ich verspüre Vorfreude, ein bisschen Unruhe, eine Mischung aus Aufbruch, Planung, Neugier und der Frage, ob ich an alles gedacht habe. Die Route ist grob geplant. Von Obsteig aus auf den Jakobsweg Tirol-Allgäu, weiter Richtung Bodensee, dann über Schaffhausen, Schwarzwald, Schwäbische Alb und Allgäu, vielleicht bis Ulm, vielleicht bis Kempten, vielleicht auch ganz anders. Und ich habe mir für diese Tour etwas vorgenommen, das vielleicht seltsam klingt: Ich will mein Ziel nicht zu wichtig nehmen. 🤔
Ich möchte mit einer Grundhaltung unterwegs sein, über die ich viel reflektiere – und die für mich direkt mit Leistung, Wohlbefinden und Vitalität interagiert.
Konkret beim Wandern: Wenn sich ein Umweg anbietet, der schöner aussieht als der direkte Weg – nehme ich ihn. Wenn die Etappenplanung nicht aufgeht, weil das Wetter, der Körper oder schlicht die Stimmung etwas anderes vorschlägt – plane ich um, ohne Drama. Jeder Morgen kann anders sein als gedacht. Der Fuß kann sich melden. Der Rücken kann eine andere Meinung haben. Ecco kann müde sein. Ein Campingplatz kann einladender wirken als erwartet. Ein Gewitter kann früher kommen, ein Gespräch länger dauern, ein Platz so schön sein, dass Weitergehen plötzlich weniger sinnvoll erscheint als Bleiben.
Ich möchte beim Wandern das üben, was ich im Bewegungsunterricht anstrebe: den Unterschied spüren zwischen einem Körper, der ein Ziel um jeden Preis ansteuert, und einem Körper, der sich durch die Landschaft bewegt, wach und offen für das, was kommt.
Qualitative Aufmerksamkeit oder Zielerreichung aus einer anderen Perspektive betrachtet.
Ich habe nichts gegen Zielsetzung. Ziele sind hilfreich. Sie geben Richtung, bündeln Aufmerksamkeit und bringen uns in Bewegung. Ziele haben Kraft. Sie helfen uns, aus der Lethargie herauszukommen.
Schwierig wird es immer, wenn ein Ziel zu eng wird. Wenn es nicht mehr wie ein Licht in der Ferne wirkt, sondern wie ein Befehl. Wenn aus Orientierung Druck entsteht und aus einer inneren Ausrichtung eine Art Tunnelblick.
Du kennst sicher die Energie, die entsteht, wenn du ein neues Ziel angehst. Sie ist aufgeladen, fokussiert, mitreißend. Aber diese Energie kippt, wenn du dir die Scheuklappen aufsetzt. Dann siehst du nur noch den kürzesten Weg, blendest alles aus, was sich nicht unmittelbar nützlich anfühlt, und verlierst dabei die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was tatsächlich gerade geschieht.
Dann ginge es beim Wandern hauptsächlich darum, etwas zu erfüllen. Die geplante Etappe. Die vorgesehene Kilometerzahl. Den Punkt auf der Karte. Eine Pause fühlt sich dann verdächtig an. Ein Umweg wie ein Fehler. Ein schlechter Tag wie ein persönliches Versagen. Ich bewege mich dann weniger in der Landschaft als in einem inneren Soll.
Über viele Jahre habe ich das erlebt, in meiner Arbeit mit Klienten wie im Leistungssport: Das Projekt, das um jeden Preis fertig sein muss; das Training, das trotz Schmerzen weitergeführt wird; die Karriere, für die andere wichtige Lebensbereiche geopfert werden.
Sobald das passiert, hören wir auf zu lernen, weil wir aufgehört haben zu beobachten.
Moshé Feldenkrais meinte Folgendes über das Verhältnis zu Zielen: “Wer ein wahrer Könner seines Fachs werden will, braucht eine flexible Beziehung zu seinen Zielen.”
Damit meinte er: Richte den Fokus nicht darauf, ob du ein Ziel erreichst oder nicht. Stattdessen lass es wie ein sanftes Licht die Richtung vorgeben – und richte die eigentliche Aufmerksamkeit auf den Prozess, offen für jeden Umweg, der sich ergibt.
Feldenkrais fragt: “Was geschieht mit mir auf dem Weg dorthin? Werde ich freier oder enger? Beweglicher oder starrer? Wacher oder verbissener? Lerne ich etwas, oder wiederhole ich nur meine alten Muster mit etwas mehr Anstrengung?”
Das fördert eine Form von wacher, beweglicher Intelligenz. Das Gehirn arbeitet unter diesen Bedingungen am besten – es integriert neue Informationen, findet unerwartete Verbindungen, generiert kreative Lösungen. Unter starrem Zieldruck hingegen verengt es sich. Es wiederholt, was es kennt.
W.A. Mozart beschrieb das, indem er sagte, die Ideen kämen am reichlichsten, wenn er ganz bei sich selbst war – auf einer langen Fahrt in der Kutsche, bei Spaziergängen, in einer schlaflosen Nacht. Nicht dann, wenn er sie erzwingen wollte.
Das ist angewandte Neurobiologie. Das Gehirn braucht einen Zustand relativer Entspannung und Offenheit, um seine tieferen Verarbeitungsebenen zu aktivieren.
Der Biologe Patrick Bateson, einer der führenden Spielforscher, formulierte: “Spielen ist der beste Weg, bestimmte Ziele zu erreichen. Nicht der schnellste – der beste.”
Was meint er damit? Spielen bedeutet, mit der Situation zu interagieren, ohne das Ergebnis zu kontrollieren. Es bedeutet, Fehler zuzulassen, Umwege zu gehen, neugierig zu bleiben. Kleine Kinder lernen auf diese Weise alles Wesentliche – Laufen, Sprechen, soziale Interaktion – und zwar mit einer Begeisterung, die Erwachsene oft verloren haben. Nicht weil das Ziel fehlt, sondern weil das Ziel nicht alles ist.
Moshé Feldenkrais bezeichnete das als Organisches Lernen.
Auch Friedrich Schillers Philosophie des Spiels dreht sich um Freiheit und die Entfaltung des menschlichen Potenzials. Sein berühmtestes Zitat dazu lautet: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Für ihn war Spiel die kreative Kraft, die den Menschen von den Zwängen der Natur (seinen Trieben) und den Zwängen der Vernunft (seinen Pflichten) befreit.
Ich weiß, dass eine lange Wanderung große Gedanken sehr schnell auf den Boden holen kann. Ich kann viel über Achtsamkeit, Flexibilität und Selbstfürsorge schreiben. Aber wenn der nächste Campingplatz noch zwölf Kilometer entfernt ist und der Körper sehr deutlich mitteilt, dass er heute nicht in Bestform ist, dann zeigt sich schnell, wie sehr ich bereit bin, auf mich zu hören.
Kann ich einen Plan ändern, ohne daraus ein Scheitern zu machen? Kann ich früher aufhören, ohne mich dafür innerlich zu rechtfertigen? Kann ich einen guten Tag nutzen, ohne übermütig zu werden? Kann ich einen schwachen Tag annehmen, ohne ihn als Problem zu behandeln?
Das ist für mich der spannende Lernstoff. Im Extremfall bedeutet das, dass ich jederzeit bereit bin, abzubrechen, wenn ich dabei keine Freude mehr empfinde.
Erst ein flexibler Umgang mit Zielen erlaubt Überraschungen, die in keiner Planung vorgesehen waren.
Für diese Wanderung nehme ich mir deshalb vor, auf eine bestimmte Weise unterwegs zu sein, egal, über wie viele Kilometer oder Tage.
Zu spüren, wann ich mich lebendig fühle. Lebendigkeit im Sinne von bei mir sein, Innehalten, Staunen, Lauschen, Genießen, Lachen über ein falsches Abzweigen, Loslassen eines Vorhabens, das gestern noch klug gewirkt hat, Vertrauen und Neugier auf das, was kommt.
Morgen gehe ich also los.
Und wenn ich am Ende nicht dort lande, wo ich es mir heute vorstelle, aber unterwegs wacher, ruhiger, beweglicher und etwas lebendiger geworden bin, dann war der Weg das Ziel.
Ich berichte, wie es war.
Wo in deinem Leben wäre ein lockereres Verhältnis zum Ziel vielleicht genau das Richtige? Schreib mir gern einen Kommentar – ich freue mich auf den Austausch.

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