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Achtsam Bewegen – Leichter Leben · May 17, 2026

Achtsamkeit beim Weitwandern?

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Auf dem Lebensweg – und im eigenen Kopf

Achtsamkeit beim Weitwandern klingt einfacher, als sie ist.

Es gibt diese schönen Vorstellungen vom Weitwandern.

Man geht los, der Alltag fällt ab, der Kopf wird leer, die Natur spricht zu dir, die Seele atmet auf, und irgendwo zwischen Waldweg, Vogelgezwitscher und Sonnenuntergang findet man zu sich selbst.

So ungefähr steht es auf Instagram und co.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Zumindest meine Wirklichkeit auf dem Lebensweg im südlichen Waldviertel, den ich in den letzten Tagen mit Ecco gegangen bin. Der Lebensweg ist ein Themen-Weitwanderweg, der nicht nur durch wunderschöne Landschaft führt, sondern durch Lebensabschnitte. Jede Etappe bezieht sich auf einen: die Kindheit, die Jugend, die mittleren Jahre, etc. Das lädt zur inneren Einkehr ein. Und die gab es auch – aber erst nach ein paar Anlaufschwierigkeiten.

Die ersten eineinhalb Tage war mein Kopf alles andere als ruhig. Ich hatte unmittelbar davor einen zweitägigen Feldenkrais-Workshop geleitet, und die Eindrücke davon schwirrten noch im System. Gleichzeitig war das Gehirn sofort damit beschäftigt, die Tour zu managen.

Achtsamkeit beginnt spätestens dort, wo man merkt: Hoppla, ich bin zwar draußen in der Natur, aber mein Kopf beschäftigt ein Reisebüro, eine Wetterstation und ein Kontrollzentrum für Hundebeobachtung und Kilometerleistung.

Ich sehe das nicht als Schwäche, sondern als menschliche Neurobiologie. Das Gehirn sucht nach Aufgaben, nach etwas zu lösen, zu optimieren, zu kontrollieren.

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Feldenkrais im Rucksack

Am Abend des ersten Tages konnte ich nur den Kopf schütteln über meinen mentalen Jonglierakt mit Hundeleine, Karte, Rucksack, Körpergefühl und philosophischem Überbau, den Versuch, die Tour gut zu managen und gleichzeitig die Innenwahrnehmung nicht zu verlieren.

Das führte mir vor Augen, wie nah Weitwandern und die Feldenkrais-Methode einander kommen. Ich dachte über Parallelen hinsichtlich der Feldenkrais-Prinzipien Bewusstheit, Langsamkeit, Baby-Mindset und reduzierte Anstrengung nach.

In der Feldenkrais-Arbeit geht es nicht darum, sich durchzubeißen. Es geht nicht um „höher, schneller, weiter“. Es geht um Aufmerksamkeit. Um Langsamkeit. Um Neugier. Um weniger Anstrengung. Um die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen.

Das klingt viel einfacher als es ist.

Denn sobald ich unterwegs war, meldete sich ein alter Bekannter: mein Ego der Leistungsidentität. Also diese leise, aber hartnäckige Stimme, die fragt: Wie schnell warst du? Wie viele Kilometer? Wie viele Schritte schon? Wie lange hast du gebraucht? Wie weit kommst du noch?

Diese Stimme ist nicht böse. Sie ist nur schlecht für Achtsamkeit. Sie macht aus einem Weg eine Messstrecke.

Und plötzlich befand ich mich nicht mehr auf dem Lebensweg, sondern in einer Zahlentabelle mit Aussicht.

Achtsamkeit ist keine romantische Nebelbank

Achtsamkeit hat sehr viel mit Bewusstheit zu tun, und Bewusstheit braucht Aufmerksamkeit.

Die Frage dabei: Wohin lenke ich meine Aufmerksamkeit? Nach innen, nach außen, eng fokussiert oder weit und offen? Bleibe ich bei einer Sache oder springe ich ständig hin und her? Und vor allem: Warum springe ich ständig hin und her?

Denn da ist nicht nur die Landschaft. Da ist auch die Wasserversorgung. Für mich und für Ecco. Da ist die Frage, ob im nächsten Ort ein Gasthof offen hat oder ein Lebensmittelgeschäft – was im Waldviertel keineswegs selbstverständlich ist. Manchmal geht man durch Orte, die wirken wie Geisterstädte. Hübsch, aber geschlossen.

Gleichzeitig die Routenverfolgung am Handy – Bergfex, Komoot – und auf der Karte. Habe ich die Abzweigung erwischt? Wie viele Kilometer sind es noch? Wie lange gehen wir schon? Wie viele Höhenmeter kommen noch? Muss Ecco an die Leine, weil Wild in der Nähe sein könnte? Oder kann er wieder frei laufen?

Dazu kommt das Wetter: morgens vier Grad, mittags Sonne und Hitze, Wind, einmal Regen. Wann ziehe ich die Regenjacke an? Braucht Ecco seine auch?

Und natürlich der Körper: Rucksackgurte, die an den ersten Tagen unangenehm auf Schultern und Trapezmuskel drücken. Müde Beine. Kurze Signale aus Wade, Sprunggelenk, Oberschenkel. Eine Blase am kleinen Zeh, die irgendwann ziemlich deutlich sagte: „He du da oben, hörst du mich?”

Das klingt nicht nach spiritueller Versenkung. Eher nach Leben. Und das ist, wie wir wissen, das beste Übungsmaterial.

Wenn der Geist nach innen schaut

Ab dem zweiten Tag habe ich begonnen, die Lebensabschnitte zu reflektieren, die der Weg thematisiert. Von der Geburt bis zu den Sechzigern, die vor mir liegen.

Und tatsächlich: Wenn ich in diese inneren Reflexionen hineinkam, verging die Zeit viel schneller. Zu schnell manchmal. Zweimal habe ich dabei eine Abzweigung verpasst. Ein schönes Lehrstück: Ich kann tief in mich selbst versinken, mich dabei sehr achtsam fühlen – und gleichzeitig den Weg verpassen.

Auch das ist Achtsamkeit: zu bemerken, dass Innenwahrnehmung nicht automatisch Gegenwärtigkeit bedeutet. Ich kann im Körper sein, in Gedanken, in Erinnerungen, in meiner Lebensbilanz. Und trotzdem nicht dort, wo der nächste Wegweiser steht.

Der Geist ist ein begabter Geschichtenerzähler. Leider hat er keine verlässliche Wanderkarte. 😉

Langsamkeit ist mehr als Schleichen

Ist Achtsamkeit leichter möglich durch Langsamkeit? Ich denke: Ja. Aber nicht automatisch.

Langsamkeit ist nicht nur ein niedrigeres Tempo, es ist eine innere Entscheidung. Ich kann langsam gehen und trotzdem im Kopf hektisch sein. Ich kann eine Pause machen und innerlich schon die nächsten zehn Kilometer organisieren. Ich kann in der Natur stehen und trotzdem nur prüfen, ob der Akku noch reicht.

Langsamkeit braucht Absicht.

Das ist auch in der Feldenkrais-Methode so. Langsam zu bewegen bedeutet nicht, künstlich langsam zu sein. Es bedeutet: Ich gebe meinem Nervensystem Zeit, Unterschiede zu bemerken. Wo ist Spannung? Wo fließt Bewegung? Wo halte ich fest? Was mache ich unnötig? Was könnte leichter gehen?

Beim Wandern ist es ähnlich.

Wenn ich langsamer werde, kann ich spüren, wie ich den Fuß aufsetze. Wie der Rucksack mein Becken beeinflusst und meine Aufrichtung die empfundene Last des Rucksacks. Wie der Atem mich beruhigen kann, wenn ich ihn wahrnehme. Wie der Blick enger wird, wenn ich müde bin. Wie ich beginne, mich selbst anzutreiben, obwohl niemand hinter mir steht (außer Ecco vielleicht – aber der hat andere Prioritäten 🐕).

Baby-Mindset – Anfängergeist, Offenheit, Neugier

Moshe Feldenkrais war fasziniert davon, wie Kinder lernen. Nicht durch Korrektur von außen, nicht durch Selbstbeschimpfung, nicht durch „reiß dich zusammen“, sondern durch Ausprobieren. Neugier. Wiederholung. Variation.

Nicht: Ich muss heute diese Etappe schaffen. Sondern: Was zeigt mir dieser Tag?
Nicht: Warum bin ich so langsam? Sondern: Was passiert, wenn ich Tempo herausnehme?
Nicht: Du Idiot, jetzt hast du dich verlaufen. Sondern: Interessant, ich habe die Abzweigung verpasst, weil ich innerlich woanders war.

Achtsamkeit als eine nüchterne Form von Ehrlichkeit. Ich nehme wahr, was tatsächlich geschieht. Nicht, was in meinem idealen Wander-Selbstbild geschehen sollte.

Weniger Anstrengung ist kein Zeichen von Schwäche

Ein weiteres Feldenkrais-Prinzip lautet: weniger Anstrengung. Das heißt: weniger Unnötiges tun.

Beim Weitwandern ist das Gold wert. Denn wer viele Stunden geht, kann sich keine dauerhafte Zusatzspannung leisten. Zu fest gezogene Schultern, zu verbissenes Tempo, zu wenig Pausen, zu viel Druck im Kopf – das rächt sich.

Ich habe gemerkt, wie oft ich die Rucksackgurte verstellt habe, weil der Druck auf Schultern und Nacken unangenehm wurde. Wie sehr der gebrochene Trekkingstock auf der zweiten Etappe plötzlich meine Aufmerksamkeit veränderte. Aus zwei Stöcken wurde einer. Ich musste neu koordinieren. Neu spüren. Neu organisieren.

Auch das ist Feldenkrais: Wenn eine Gewohnheit wegfällt, zeigt sich, wie viel Organisation dahintersteckt.

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Was bleibt

Was nehme ich vom Lebensweg mit?

  • Erstens: Achtsamkeit beim Weitwandern ist kein Selbstläufer. Gerade weil so viel gleichzeitig passiert. Körper, Wetter, Hund, Route, Versorgung, Gedanken, Erinnerungen, Begegnungen, Technik, Müdigkeit.

  • Zweitens: Die Natur hilft. Aber sie macht mich nicht per se achtsam. Ich kann durch wunderschöne Landschaft gehen und trotzdem im Kopf beschäftigt bleiben wie ein Börsenmakler.

  • Drittens: Die Feldenkrais-Prinzipien sind keine Theorie nur für die Matte.

Das Wichtigste:

Es braucht die klare Absicht, langsamer zu machen.

Weniger Fokus auf Kilometer. Mehr Pausen. Keine Deadline, die von hinten drückt. Und – das ist vielleicht das Schwerste – die Bereitschaft, mich von der Selbstidentifikation mit Leistung zu lösen. Gehgeschwindigkeit und Streckenlänge sind schöne Zahlen. Aber sie messen nicht, ob ich wirklich da war.

Die freundlichsten Begegnungen dieser Wanderung entstanden übrigens durch Ecco. Seine Erscheinung mit den Packtaschen (in denen sich sein Futter und sein Regenmantel befanden) zog Gespräche an wie ein Magnet. Eine Bäckerin lief mir nach, um meine vergessenen Stöcke zu bringen. Eine Einheimische bot an, mir den Trekking-Stock ihres Sohnes zu leihen, nachdem meiner bei einer Bachüberquerung gebrochen war – er könne ihn sich in zwei Tagen im nächsten Ort abholen. Das ist Waldviertel.

Diese Begegnungen passieren nicht, wenn man durch die Landschaft hastet. Sie passieren in den Pausen.

Achtsamkeit beim Weitwandern ist kein Zustand, den ich erreiche, wenn ich lange genug gehe. Es ist eine Entscheidung, immer wieder, von Etappe zu Etappe:

Wohin geht meine Aufmerksamkeit gerade? Und wohin möchte ich, dass sie geht?

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Der Weg wird nicht automatisch achtsam, nur weil er schön ist. Ich muss mich immer wieder dafür entscheiden.

Langsamer werden. Stehen bleiben. Hören. Schauen. Spüren.

Und wenn ich mich wieder einmal dabei erwische, wie ich Kilometer, Tempo und Reststrecke kontrolliere, dann kann ich lächeln und sagen:

Aha. Da ist er wieder. Der kleine Leistungsmanager im Wanderoutfit.

Dann gehe ich weiter.

Vielleicht ein bisschen langsamer. Vielleicht ein bisschen wacher.
Und vielleicht genau deshalb ein bisschen näher am Weg.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht – auf langen Wanderungen oder ganz anderswo? Ich freue mich über deinen Kommentar.

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Ich wünsche dir eine wunderschöne Woche 😊

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