In vorhergehenden Überlegungen ging es darum, ob Ich-Entwicklungsperspektiven im systemischen Feld anschlussfähig werden können, ohne Personen auf Entwicklungsstufen festzulegen. Daraus ergab sich die Frage, wie Personenbezug gelingen kann, ohne in Personenfixierung umzuschlagen.
Vielleicht lässt sich diese Frage noch besser als Gratwanderung beschreiben: Personen müssen ernst genommen werden – als lebendige, leibliche, geschichtlich gewordene, kulturell und sozial eingebundene Wesen, die Bedeutung bilden und von Bedeutungen gebildet werden. Sie sollen nicht so beschrieben werden, als ließe sich ihr Handeln letztlich aus einem stabilen Set transgenerational übernommener Delegationen, kulturell tradierter Deutungsmuster, innerer Eigenschaften, biografisch erworbener Kompetenzen, Rollen, Mustern oder Defekten erklären.
Die Gegenbewegung besteht allerdings nicht darin, Personen aus der Theorie verschwinden zu lassen. Systemisches Denken hat den Blick von isolierten Individuen auf Beziehungen, Kommunikation und Kontexte erweitert. Manchmal kann dabei der Eindruck entstehen, die Person werde selbst zu einer theoretisch nachrangigen Größe – als hätte sich mit der These: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren“ (Luhmann, 1990, S. 31) die Frage nach der Person erledigt.
Aber ist das wirklich die Alternative? Muss systemisches Denken zwischen Personenfixierung und theoretischer Ausblendung der Person wählen? Oder liegt die eigentliche Schwierigkeit ganz woanders – nämlich darin, Personen mit geschärftem Beobachtungsbewusstsein so zu (re-)konstruieren1, dass sie weder zu Trägern fester Eigenschaften noch zu bloßen Effekten sozialer und kultureller Prozesse werden?
Gerade in systemischen Praxisfeldern ist Personenbezug eher die Regel als die Ausnahme. Es kommt weniger darauf an, ob auf Personen Bezug genommen wird, als vielmehr darauf, welcher Logik dieser Personenbezug folgt. Wenn Personenbezug ohnehin dazugehört, kann die maßgebliche systemische Grenze nicht zwischen Personenbezug und Kontextbezug verlaufen. Sie verläuft vielmehr zwischen Formen des Personenbezugs, die Zusammenhänge rekonstruieren, und solchen, die Personen zur Erklärung dieser Zusammenhänge machen.
Das lässt sich bereits an vertrauten Arbeitsformen erkennen. Ein Genogramm bezieht sich auf Personen, ohne diese notwendig auf Rollen, Delegationen oder Konflikte festzulegen. Eine Aufstellung kann Personen repräsentieren, ohne zu behaupten, sie seien identisch mit der Position, die sie im aufgestellten System einnehmen. Ressourcenarbeit richtet den Blick auf Fähigkeiten, Erfahrungen und Möglichkeiten konkreter Menschen, ohne daraus ein vollständiges Bild der Person abzuleiten. Auch biografische Erzählungen, Anliegen, Verletzungen oder Hoffnungen sind nicht personenlos. Sie werden jedoch systemisch interessant, wenn gefragt wird, in welchen Beziehungen, Kontexten und Bedeutungszusammenhängen sie Sinn gewinnen.
Personenbezug ist also nicht schon deshalb problematisch, weil er sich auf Personen richtet. Problematisch wird er dort, wo eine Beschreibung ihren rekonstruktiven Charakter verliert und zur Eigenschaft der Person gerinnt. Dann heißt es nicht mehr: In diesem Zusammenhang zeigt sich ein Muster. Sondern: Diese Person ist so.
Hier liegt der spezifische Beitrag entwicklungsinformierter Rekonstruktion. Ich-Entwicklung interessiert sich in diesem Modus nicht für Personen als Träger vermeintlich stabiler Eigenschaften. Sie kann individuelle Besonderheiten sehr wohl in den Blick nehmen, erschöpft sich aber nicht in deren Beschreibung. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich vielmehr auf wiederkehrende Formen, in denen Menschen Bedeutung bilden. Auf dieser Grundlage kann sie anschließend auch individuelle Ausprägungen genauer beschreiben: Welche Strukturaspekte eines Grundmusters sind stark sichtbar, welche brüchig, situativ oder noch kaum ausgebildet?
Wenn im Folgenden von entwicklungsinformierter Rekonstruktion die Rede ist, ist damit nicht eine Beschreibung dessen gemeint, wie mit Ich-Entwicklung in der Praxis überwiegend gearbeitet wird, sondern diese spezifische Verwendung der Ich-Entwicklungsperspektive: die Rekonstruktion von Grundmustern der Bedeutungsbildung auf der Grundlage sprachlicher Äußerungen. Rollen, Ressourcen, Konflikte oder biografische Erfahrungen können dabei bedeutsam sein. Sie sind jedoch nicht der primäre Gegenstand der Rekonstruktion. Entscheidend ist, wie Menschen Erfahrungen deuten, ordnen und zueinander in Beziehung setzen – welche Unterscheidungen ihnen verfügbar sind und welche Formen von Selbst-, Welt- und Beziehungsverstehen darin erkennbar werden.
Nicht Personen sind der Gegenstand entwicklungsinformierter Rekonstruktion, sondern Grundmuster der Bedeutungsbildung, soweit sie sich in solchen Äußerungen zeigen.
Damit verschwindet die Person nicht aus dem Blick. Entwicklungsinformierte Rekonstruktion bleibt personenbezogen, weil diese Äußerungen von konkreten Menschen in konkreten Situationen hervorgebracht werden. Zugleich ist sie nicht personenfixierend, weil sie diese Äußerungen nicht in Aussagen über das Wesen oder den Wert einer Person übersetzt. Die Person wird nicht zur letzten Erklärungseinheit. Sie ist weder bloßer Anlass noch fertiger Gegenstand der Rekonstruktion, sondern der Ort, an dem sich Bedeutungsbildung zeigt, verdichtet und verändert – unter Bedingungen, die leiblich, biografisch, sozial, kulturell und situativ mitgeprägt sind.
Eine solche Rekonstruktion bleibt deshalb auf sprachliche und methodische Sorgfalt angewiesen. Wer Bedeutungsbildungsgrundmuster rekonstruiert, beschreibt nicht, „wie jemand ist“, sondern was in sprachlichen Äußerungen als Form der Bedeutungsbildung sichtbar wird. Die Beschreibung bleibt modellabhängig, kontextgebunden und vorläufig. Sie sagt etwas über eine rekonstruierte Form der Bedeutungsbildung – nicht über die ganze Person.
Genau hier verläuft die Gratwanderung. Ohne Personenbezug kann es eine entwicklungsinformierte Rekonstruktionsperspektive nicht geben: Es gäbe keine sprachlichen Äußerungen, anhand derer sich Grundmuster der Bedeutungsbildung rekonstruieren ließen. Ohne Beobachtungsbewusstsein – eine Voraussetzung, die hier nicht weiter entfaltet wird – würde derselbe Personenbezug jedoch rasch fixierend: Aus der Rekonstruktion eines Bedeutungsbildungsgrundmusters würde eine Aussage darüber, was diese Person „ist“.
Die Person ist weder bloßer Anlass noch fertiger Gegenstand der Rekonstruktion, sondern der Ort, an dem sich Bedeutungsbildung zeigt, verdichtet und verändert.
Der Unterschied zwischen „In diesem Zusammenhang zeigt sich ein Muster“ und „Diese Person ist so“ ist selbst schon ein sprachlicher: Er wird bereits in der Formulierung hergestellt, nicht erst in der Deutung, die ihr folgt. Das Modell der Ich-Entwicklung wurde aus der Analyse feiner sprachlicher Unterschiede entwickelt. Wenn bereits geringfügige Unterschiede in Äußerungen Hinweise auf unterschiedliche Formen der Bedeutungsbildung geben können, ist dieselbe sprachliche Sorgfalt auch bei der Beschreibung der rekonstruierten Ergebnisse erforderlich.
Sprachliche Verkürzungen sind nicht einfach ein Fehler. In der fachlichen Alltagssprache sind sie oft unvermeidlich. Auch wer mit Ich-Entwicklung arbeitet, sagt gelegentlich, eine Person sei „auf E6“ oder „auf der eigenbestimmten Stufe“. In ähnlicher Weise sprechen Systemiker:innen manchmal von „dem System“, als wäre damit eine eigenständige Entität bezeichnet. Solche Formulierungen können als pragmatische Abkürzungen funktionieren, solange allen Beteiligten klar bleibt, dass sie nicht die Person – oder „das System“ – als ontologische Tatsache bezeichnen, sondern (re-)konstruktive Kurzformen sind. Eben dies ist jedoch heikel. Was als pragmatische Abkürzung beginnt, kann unbemerkt zur Verdinglichung werden.
Deshalb bezeichnen Formulierungen wie »Die Person ist E6« oder »Sie ist auf der eigenbestimmten Stufe« den Gegenstand der Rekonstruktion ungenau, sobald sie nicht mehr als Kurzform verstanden werden. Präziser wäre etwa:
»Die vorliegenden Äußerungen der Person zeigen ein Grundmuster der Bedeutungsbildung (Leuthold, 2016), das im Modell der Ich-Entwicklung (Ego Development) nach Loevinger (1985) als E6 beschrieben und auf Deutsch von Binder (2016) als Eigenbestimmte Stufe bezeichnet wird.«
Fachliche Kurzformen müssen nicht verboten werden – wohl aber müssen sie bei Bedarf wieder in ausführlichere (re-)konstruktive Beschreibungen zurückübersetzt werden können. Fachliche Kurzformen sind unproblematisch, solange professionelles Arbeiten nicht bei ihnen stehen bleibt, sondern ihren rekonstruktiven Gehalt wieder entfalten kann: als vorläufige Beschreibung, nicht als Aussage darüber, wie die Welt oder eine Person „ist“. Daran zeigt sich, ob entwicklungsinformierte Rekonstruktion einen angemessenen Personenbezug etabliert – oder in Personenfixierung abgleitet.
Binder, Thomas (2016). Ich-Entwicklung für effektives Beraten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Leuthold, Alexander (2016). Das konzeptuelle Verständnis von Inklusion –Beschreibung einer Entwicklung am Beispiel Studierender erziehungswissenschaftlicher Studiengänge. Zeitschrift für Inklusion, 4. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/324
Loevinger, Jane (1985). Revision of the Sentence Completion Test for Ego Development. Journal of Personality and Social Psychology, 48(2), 420–427.
Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hinweis zum Format: Werkstattnotizen sind sorgfältige Zwischenstände aus der Arbeit an einem größeren Projekt. Einzelne Notizen können später zu zitierfähigen Werkstattpapieren mit DOI weiterentwickelt werden.
Hinweis zum Einsatz generativer KI: Für die Arbeit an dieser Werkstattnotiz habe ich im Wechsel mit eigenem Schreiben auf ChatGPT (OpenAI) zurückgegriffen und Claude (Anthropic) als zusätzlichen Gegenleser einbezogen. ChatGPT habe ich für Recherche, kritische Gegenprüfung, begriffliche Präzisierung und Formulierungsvarianten genutzt; Claude für zusätzliche kritische Rückmeldung und Überarbeitung. Beide Systeme brachten auch eigene Einwände und argumentative Vorschläge ein. Fragestellung, Material und argumentative Richtung stammen von mir; was in den Text einging, habe ich entschieden. Die damals verwendeten Modellversionen habe ich nicht dokumentiert. Für den Text trage ich die Verantwortung.
Der Begriff „Rekonstruktion“ wird im Folgenden in konstruktivistischem Sinne verwendet. Er bezeichnet keine Freilegung einer unabhängig gegebenen Wirklichkeit, sondern eine beobachterabhängige Konstruktion anhand sprachlicher Äußerungen. Die gelegentliche Schreibweise „(re-)“ soll an diesen erkenntnistheoretischen Vorbehalt erinnern, ohne den Lesefluss durchgängig zu unterbrechen.
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