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Gesellschaft - SZ.de · Aug 20, 2026

Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“: So viel Zeit!

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Patrick Bauer · Süddeutsche Zeitung

Wir hatten eine Woche sturmfrei, Eltern allein zu Hause. Ich habe danach eigentlich nur eine Frage an alle Menschen ohne Kinder: Was machen Sie die ganze Zeit?

Ich sage nicht, dass Kinderlose zwangsläufig zu Lebzeiten einen Nobelpreis gewinnen müssen oder eine Landtagswahl in einem Flächenstaat oder das Collatz-Problem lösen oder Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 meistern oder den Marathon des Sables absolvieren. Aber sie könnten! Wie viel länger die Tage auf einmal sind, obwohl man später aufsteht, wie viel mehr man arbeiten kann und wie viel weniger, wenn man damit fertig ist, und wie viel später man ins Bett geht und trotzdem nicht müde ist und wie vergleichsweise preiswert es ist, essen zu gehen.

Das Schöne ist: Man verlernt nicht, Zeit zu haben. Und man verlernt nicht, Zeit zu verschwenden (weswegen ich kinderlos wahrscheinlich höchstens weit oben in den Online-Ligen des Fußballsimulationsspiels stünde, das zu spielen ich zu selten Zeit habe). Und was auch schön ist: So sehr man dieses vergessene Lebensgefühl genießt, so sehr vermisst man ab Sekunde eins die Kinder und ertappt sich dabei, wie man gemeinsam Urlaubsbilder von 2015 anschmachtet, die einem das Telefon als Erinnerung vorgeschlagen hat. Warum auch nicht? Zeit dafür ist ja!

Irgendwann sagte meine Frau, es sei doch nicht normal, dass wir auf einmal vor neun Uhr gar nicht mehr aus dem Bett kommen, und ich entgegnete, vielleicht sei es nicht normal, immer vor sieben Uhr aus dem Bett zu müssen und sowieso immer irgendetwas zu müssen? Und als würde sie uns belauschen, die gute alte Süddeutsche Zeitung, stand auf deren Homepage, die wir intern nur „HP“ nennen, was mich immer an einen alten Kollegen namens Hans-Peter erinnert, den wir nur HP nannten, also da stand: „Wie durchschnittlich sind Sie?“ Man konnte testen, wie groß oder reich man im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ist, und da lernte ich dann, dass wir mit fünf Personen im Haushalt zu einer Minderheit von vier Prozent der Deutschen gehören, also alles andere als normal sind. Wobei normal zu sein vielleicht auch gar nicht so erstrebenswert ist in einem Land, in dem der Irrsinn immer mehr zur Normalität wird und alle Beteiligten ihren Anteil daran haben. „Deutschland. Aber normal“ lautete ja mal der Slogan jener Partei, deren zuweilen völkische Ideen immer mehr Leuten normal vorkommen.

Am Wochenende gingen wir dann aus. Ich wollte gerade schreiben: in einen Technoclub. Aber so alt bin ich auch nicht und was soll in einem Club, zumal in Berlin, schon laufen außer Techno? Es war dann aber ein besonderer Abend; es lief mit Technobässen verzierter aktueller Pop. Eigentlich die Musik, die Teile unserer Kinder hören, was uns natürlich noch verzückter tanzen ließ, bis es hell wurde, und wir freuten uns, dass wir das endlich mal wieder konnten – aber auch, dass wir es bald wieder nicht können würden. Und genau das ist das Wunder des Elternseins, ein Menschheitsrätsel, das zu erforschen wäre, wenn man dazu käme.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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