Erstes Fackelbaurichtfest in Neuss Grenadiere nehmen Suche nach neuem Hauptmann auf die Schippe
25.08.2026 · 12:16 Uhr
Die „Fetzigen Nüsser“ waren eine gefühlte Ewigkeit selbst Hauptmannszug, jetzt widmen sie Michael Gräff in Dankbarkeit eine Fackel.
Foto: Melainie Zanin/Melanie ZaninNeuss · Vor dem Neusser Schützenfest machen die Grenadiere die erfolglose Suche nach einem neuen Hauptmann zum Fackelmotiv. Die 30 Arbeiten lassen aber auch drei große Trends in der Fackelbauer-Branche erkennen.
Michael Gräff findet sich zu dick. Nicht im wirklichen Leben, aber auf der Großfackel, die der Grenadierzug „Fetzige Nüsser“ dem Hauptmann in diesem Jahr widmet. Ihre Arbeit gehört zu den drei – von insgesamt 30 – Fackeln, die sich mit der gescheiterten Wahl eines neuen Hauptmanns im Frühjahr und Gräffs Bereitschaft beschäftigt, in der Not um ein Jahr zu verlängern.
„Wir dachten erst, dass wir damit Ärger bekommen“, sagt Thomas vom Dorff. Denn das seien doch interne Korpsangelegenheiten, fügt der Oberleutnant der Fetzigen Nüsser hinzu. Auch Stefan Schmidt, Leutnant des Zuges „Frei weg,“ bekennt: „Wir hatten ursprünglich Hemmungen, als wir auf diese Idee kamen“. Doch letztlich, ergänzt Thorsten Harlizius, Oberleutnant vom Zug „Dreikönigenchor“, „dürfen wir uns doch auch selbst auf die Schippe nehmen“. Dass der Hauptmann auf ihrer Fackel eher eine fassähnliche Gestalt bekommen hat, über der anstelle des Kopfes ein Fragezeichen schwebt, kommentiert Harlizius so: „Das soll schon den nächsten Hauptmann darstellen.“
Die Grenadiere lassen sich traditionell immer als erstes Korps in die Karten schauen und zeigen am Montag vor dem Schützenfest in ihrer Fackelbauhalle, was die Schützen dort seit Anfang Mai geschaffen haben. Drei Trends zeichnen sich dabei ab: Das Ende der Stromgeneratoren, der Einzug der Künstlichen Intelligenz (KI) – und eine wachsende Vorsicht.
Der Zug „Dreikönigenchor“ wollte eine Fackel zum Fachkräftemangel bauen – und machte den sogar im eigenen Korps aus.
Foto: Melainie Zanin/Melanie Zanin„Wir haben lieber eine Lizenzgebühr bezahlt“, sagt Udo Fischer vom Zug „Wisse Röskes“, der auf seiner Fackel ein Motiv verwendet hat, das – zumindest ältere – Fernsehzuschauer kennen werden. Und aus Angst vor „Entdeckung“ und Belangung wegen einer Urheberrechtsverletzung haben die Röskes gezahlt. „Heute fotografiert ja jeder alles“, sagt Fischer. Und niemand wisse, wo all diese Bilder landen.
Ein Beispiel für den Einsatz von KI zeigt der Zug „Blaue Blömkes“, der seinem „Oldie“ Peter Orth eine eigene Fackel widmet. Anlässe dazu gibt es genug: Orth ist seit 60 Jahren aktiv, war ein Vierteljahrhundert Oberleutnant des Zuges, war Korpssieger, Vorstandsmitglied – und ist aktuell (und schon zum siebten Mal) Zugkönig. Zur Illustrierung der Rückseite der Fackel wurde eine Aufnahme des gesamten Zuges herausgesucht und mit KI comichaft verändert. Orth ist dabei prima zu erkennen – an seinem walrosshaften Schnauz.
Der Zug „Frei weg“ hatte Hemmungen, die verkorkste Hauptmannswahl zum Thema zu machen. Vielleicht wollten sie den Hauptmann durch ein besonders schlank geratenes Abbild auf der Fackel milde stimmen?
Foto: Melainie Zanin/Melanie ZaninDer Zug „Mer donnt möt ut Frack“ setzt Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ in Szene und baut zum ersten Mal eine Fackel, die Figuren auf beiden Seiten zeigt. Weil die Fackel üppig illuminiert ist – unter anderem mit Neonröhren unter dem Wagen –, muss die Truppe um Oberleutnant Cornel Tilmes noch einen (geräuscharmen) Stromgenerator anwerfen. Ansonsten haben LEDs und Akkublöcke, die diese Lampen erstrahlen lassen, die brummenden Generatoren fast vollständig aus dem Fackelbau verdrängt, überflüssig gemacht.
„Jede Fackel zieht nur sieben Sekunden lang am Zuschauer vorbei, da kommt es nicht so auf Details an“, sagt Achim Tilmes, der Ehrenmajor und aktuelle Korpssieger. So „versendet“ sich vielleicht auch, dass die Figur des Hauptmanns bei den „Fetzigen Nüssern“ etwas klauenhafte Hände hat. „Die Figur ist aus dem Fundus des Korps“, gibt Oberleutnant vom Dorff zu. „Wir mutmaßen, dass die mal als Playmobilfigur gefahren ist.“
Michael Gräff – der Echte – freut sich über die dreifache Auszeichnung, die die unterschiedlichen Hauptmannsfackeln ja auch sind. Er hatte sich am Sonntag in die Fackelbauhalle geschlichen, um die Fackeln schon einmal anschauen zu können, bevor sie beim Richtfest von Menschentrauben umlagert werden. „Die Kameraden haben sich viel Mühe gegeben“, ist sein Gesamteindruck. Und er lobt auch Markus Ritters, der in diesem Jahr als Fackelbaumeister die alleinige Verantwortung trägt und den Hauptmann entlastet.
Der heißt weiter Michael Gräff – und das wer weiß wie lange noch. „Kein Nachfolger in Sicht – der Hauptmann bleibt Pflicht“, liest man auf der Fackel von „Frei weg“, wo man offenbar von einem Verbleib Gräffs im Amt ebenso überzeugt ist wie beim Dreikönigenchor: „Fachkräftemangel – jetzt auch bei den Schützen.“
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