Leon ist mit elf zur Feuerwehr gekommen. Wegen eines Osterfeuers in Brandenburg, wegen Männer in Uniformen, die einfach dastanden und eine Gemeinschaft waren. Seine Oma hat damals das Telefon in die Hand genommen und herumtelefoniert, bis sie eine Jugendfeuerwehr in Prenzlauer Berg gefunden hatte.
Acht Jahre Jugendfeuerwehr, dann Freiwillige Feuerwehr, dann die logische Konsequenz: das duale Studium bei der Berufsfeuerwehr Berlin. Das Auswahlverfahren lief gut. Das Gespräch nicht.
Was Leon dabei verlor, versteht man schnell. Was er dabei gefunden hat, ist komplizierter. Sein Großvater hatte es eigentlich schon erklärt.
Britta: Wo stehst du gerade in deinem Leben?
Leon: Ich bin 22 und fast fertig mit meiner Ausbildung als Veranstaltungstechniker. Morgens denke ich an den Tag, die Woche – und freue mich auf die kleinen Dinge. Im Sommer mit dem Rad zur Arbeit fahren, beim Bäcker ein Brötchen holen, mit den Kollegen Kaffee trinken. Man freut sich auch auf die kleinen Sachen.
Über welchen Verlust sprechen wir heute?
Den Wunsch, bei der Feuerwehr zu arbeiten. Meinen Lebenstraum zu verwirklichen, sage ich mal so.
Wie kam die Feuerwehr in dein Leben?
Meine Großeltern haben ein Wochenendgrundstück in Brandenburg. Auf dem Dorf in der Nähe gab es eine Freiwillige Feuerwehr, die jedes Jahr zu Ostern ein großes Osterfeuer gemacht hat. Das fanden wir als Kinder natürlich toll. Aber mich haben besonders die Feuerwehrleute fasziniert – wie die das gemeinschaftlich organisiert haben, wie alle zusammenkamen. Und wie die dann dastanden in ihrer Uniform. Für mich waren die unberührbar. So eine Heldenfigur.
Meine Oma hat irgendwann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Feuerwehr zu gehen. Sie hat sich dann hingesetzt und rumtelefoniert, ob es in der Nähe eine Jugendfeuerwehr gibt. Die Freiwillige Feuerwehr Prenzlauer Berg hatte eine. Mit elf Jahren bin ich eingetreten. Und geblieben – bis ich mit 18 in die Freiwillige Feuerwehr wechselte und echte Einsätze fuhr.
Was hat dir diese Zeit bedeutet? Was war wichtig?
Die Gemeinschaft vor allem. In der Uniform war es plötzlich egal, woher du kommst, wer du bist, welche Sneaker du trägst. Du bist Teil von etwas, und jeder wird gleich behandelt. Wir sind jedes Jahr ins Schulungslager gefahren – 400, 450 Kinder und Jugendliche aus rund 50 Berliner Wachen. Du fährst mit dem Löschfahrzeug an und siehst die anderen. Und weißt: Die machen alle das Gleiche. Die sind aus dem gleichen Grund hier.
Und dann wolltest du das zum Beruf machen?
Nach dem Abitur war das eigentlich klar: das Hobby zum Beruf machen, Geld verdienen damit, was mir Spaß macht. Ich habe mich fürs duale Studium beworben, gehobener Dienst. Das Auswahlverfahren lief gut – Sporttest, Online-Tests, ich war weit oben auf der Punkteliste. Dann kam das Bewerbungsgespräch.
Wie hast du dieses Gespräch erlebt?
Nicht schön. Anders als erwartet. In der Feuerwehr gibt man sich die Hand, duzt sich, ist auf Augenhöhe. Und dort saßen Führungskräfte in Anzügen, strenger Blick, keine Hand gegeben. Nur: Guten Tag, Herr sowieso, setzen Sie sich bitte. Ich dachte: Was ist das denn jetzt? Dann wurde ich auf die Fünf minus in der Deutschprüfung angesprochen. Ich war aufgeregt gewesen, nicht vorbereitet genug. Und dann noch die Frage der Personalverantwortlichen: Was ist eigentlich Ihre Motivation, zur Feuerwehr zu gehen? Ich hatte doch gerade erzählt, dass ich seit elf Jahren dabei bin. Habt ihr mir nicht zugehört?
Und drei Monate später kam die Absage. Eine Standardantwort. Name eingefügt, nicht genommen, kein Grund. Sehr enttäuschend. Ich war auch enttäuscht von mir selbst – ich bin in die Bewerbung reingegangen mit der Erwartung, zu 80 Prozent genommen zu werden. Und dann war es anders. So ein dummes Bauchgefühl. Einfach traurig.
Ist noch was verloren gegangen, was man nicht sofort sieht?
Vielleicht die Bereitschaft, an Träumen stärker festzuhalten. Manchmal denke ich, was wäre gewesen, wenn ich mich ein zweites Mal beworben hätte? Das habe ich ein bisschen verloren – diesen ungebrochenen Glauben, dass ein Traum einfach klappt.
Was hat in der Zeit danach geholfen?
Dass mir andere gezeigt haben, dass es noch was anderes gibt. Kollegen aus der Freiwilligen Feuerwehr arbeiteten an der Hochschule für Schauspielkunst und haben mich mitgenommen – ein einwöchiges Praktikum. Ein Techniker dort, Knut, hat mich sofort an die Hand genommen. Direkt verstanden. Und der Arbeitsplatz hat mich begeistert – diese Mischung aus Technik und Kunst. Da wird man als Techniker auch künstlerisch aktiv.
Und ich habe gemerkt: Es ist nicht immer gut, sein Hobby zum Beruf zu machen. Ich kenne jemanden aus der Jugendfeuerwehr, der zur Berufsfeuerwehr gegangen ist. Ab dem Zeitpunkt hat er sich immer mehr von uns entfernt. Ich glaube, sein Blick auf die Feuerwehr ist ein anderer geworden. Das hat man nicht immer im Griff.
Wo stehst du heute damit?
Einerseits bin ich sehr glücklich mit dem, was ich jetzt mache. Andererseits schaue ich noch. Vielleicht gibt es noch eine Chance – in einem anderen Bundesland, vielleicht sogar in einem anderen Land. Ich habe den Faden noch nicht ganz losgelassen. Den Traum noch nicht ganz verloren.
Aber ich habe auch gemerkt, was ich die ganze Zeit schon hatte und neu akzeptieren musste. In der Bewerbungsphase habe ich mich von der Freiwilligen Feuerwehr ein bisschen entfernt. Dachte, es gibt jetzt Wichtigeres. Und habe nicht gemerkt, was ich mir damit antue. Ich habe die Freiwillige Feuerwehr wiederentdeckt – was sie eigentlich ist, was sie mir bedeutet. Wir sind dort fast schon eine Familie. Das ist enger als bei der Berufsfeuerwehr. Das habe ich jetzt noch besser verstanden.
Also musstest du erst etwas verlieren, um zu sehen, was du schon hattest.
Ja, quasi. Das trifft es gut. Da gibt es doch diesen Satz von Goethe, glaube ich, warum in die Ferne schweifen, das Gute ist so nah? Mein Opa hat immer diesen Satz gesagt.
Das ist mir in diesem Moment eingefallen. Das trifft auf so vieles zu im Leben. Man muss manchmal einen Schritt zurück machen, eine doofe Erfahrung machen, um zu sehen: Es gibt noch einen anderen Weg. Und der ist sogar schon da.
Gibt es ein Bild, das dir aus dieser Zeit im Gedächtnis geblieben ist?
Es sind viele Momente. Zum Beispiel nach einem Nachteinsatz – um 3 Uhr, Feuer, wie im Film, sehr hektisch. Und dann auf dem Rückweg zur Wache zu wissen: Jeden in diesem Fahrzeug kenne ich. Auf jeden kann ich mich verlassen. Alle wissen, was sie zu tun haben. So ein kleines Erfolgserlebnis. Danach sitzt man zusammen und erzählt. Das ist eigentlich cool.
Was würdest du jemandem sagen, der gerade da steht, wo du damals standest?
Offen bleiben für alles. Das heißt nicht, dass der Traum ausgeschlossen ist. Wenn man alles ausprobiert hat und es trotzdem will – dann kann man das immer noch machen. Aber erst mal schauen, was es noch gibt. Sich am Leben ausprobieren. Nicht zu sehr an einer Sache festhalten. Auch wenn sie der Traum war. Neue Träume finden.
Welchen Teil deiner Geschichte kann ich als Psychologin gut verstehen – und welchen Teil kann man eigentlich nicht verstehen, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat?
Den Verlust an sich kannst du wahrscheinlich nachvollziehen. Aber diesen Schmerz – das Vertrauen in die Berliner Feuerwehr, das verletzt wurde. Das fühlt sich an wie Betrug. Ich habe mein ganzes Leben mit denen verbracht, und dann sagen die: Du darfst nicht rein.
Und dann muss man seinen neuen Raum finden und verstehen: Das ist eine Behörde, die arbeitet wie eine Behörde. Was wir als Freiwillige machen, gehört dazu – aber es hat erstmal nichts damit zu tun. Wir haben unseren eigenen Bereich. Unseren eigenen Raum.
Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?
Vielleicht so an unsere Generation. Wir setzen uns oft unter Druck – Geld verdienen, Abschluss machen, Karriere. Ich habe selbst lange nicht verstanden, wie jemand nach dem Abi einfach nicht wissen kann, was er machen will. Mittlerweile denke ich: Von beiden ein bisschen wäre gut. Zielstrebig genug, um eine Richtung zu haben. Sorglos genug, um auch mal nicht zu wissen. Erfahrung sammeln. Sich ausprobieren. Überall.
Anm.: Der Name meines Gesprächspartners wurde auf seinen Wunsch hin geändert.
Hast du Lust, mir von deinem Verlust zu erzählen? Was immer es ist: etwas konkretes wie einen Job, ein Zuhause, deine Gesundheit, einen geliebten Menschen - oder etwas abstraktes wie eine Hoffnung, einen Glauben, eine Freiheit oder Gewissheit. Etwas Kleines oder etwas Großes.
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