Julia ist 63. Sie tanzt Lindy Hop und Balboa, lernt Italienisch, macht mit ihrem Nachbarn Musik. Ihre Tochter ist zwanzig und zieht bald aus – für Julia fühlt sich das an wie eine zweite Pubertät. Nur andersherum.
Aber davon erzählt sie erst am Ende. Zuerst geht es um etwas anderes: um den Verlust ihrer Hormone und mit ihnen um das Gefühl, eine Frau zu sein, die man begehrt. Mit fünfzig ging es los. Eine Hormonersatztherapie, ein zweiter Frühling. Und dann, mitten in den Fünfzigern, ziemlich schlagartig: nichts mehr.
Britta: Wo stehst du gerade in deinem Leben?
Julia: Ich habe die Mitte deutlich überschritten, ich bin ja jetzt 63. Es ist viel passiert, viel geschafft, viel erreicht. Im Job bleibe ich langsam stehen, die Entwicklungen passieren woanders, bei meinen Hobbys Tanzen, Singen, Italienisch lernen. Meine Tochter ist zwanzig, ich habe sie ja ziemlich spät bekommen. Sie wird wahrscheinlich nächstes Jahr ausziehen, mir steht also ein Abschied bevor. Es fühlt sich wirklich wieder wie eine Art Pubertät an. Nur in Richtung letzte Phase.
Über welchen Verlust sprechen wir?
Den Verlust der Hormone. Und damit das Gefühl, sich als Frau und als sexuelles Wesen zu fühlen. Das habe ich zum größten Teil verloren. So ab der Mitte der Fünfziger – ein Prozess, der jetzt schon etwa acht Jahre dauert.
Welches Bild hattest du von dir als Frau, bevor das losging?
Ich war viel unsicherer, was Männer angeht, weil bei jeder Begegnung immer das Sexuelle mitspielte – auch bei rein platonischen Begegnungen hatte ich immer die Frage im Hinterkopf, ob er „mehr“ will. Damit sprang auch jedes Mal eine Art Alarmsystem an. Ich habe ziemlich darauf geachtet, wie ich wirke, war darauf bedacht, attraktiv zu sein, und habe mich damit vielleicht auch ein bisschen zu sehr verstellt. In meinen Dreißigern war ich, das weiß ich auch erst im Nachhinein, ziemlich attraktiv. Mir haben die Männer hinterher geschaut und mich vermutlich auf das Weibchenhafte reduziert.
Ich zog mich unbewusst immer so an, dass ich attraktiv wirkte. Mit 32 hatte ich zum Beispiel ein knallgrünes Blumenkleid, dazu hohe Riemchenschuhe. Hört sich an wie ein Vamp, war ich aber nicht – eher der Typ hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren. Wenn mir dann die Männer hinterher schauten, habe ich das genossen, war aber innerlich auch stets auf der Hut, auch ein unangenehmes Gefühl. Ich habe jedoch genossen, zu wissen, dass ich schön war. Das ist jetzt leider verschwunden.
Wie hast du diesen Verlust wahrgenommen?
Angefangen hat es eigentlich schon mit 50. Erst bin ich zu meiner Frauenärztin gegangen und habe eine Hormonersatztherapie bekommen, weil ich große Schwierigkeiten mit den Wechseljahren hatte. Diese wirkte gut – ich habe Östrogene und Gestagene bekommen und so noch mal einen zweiten Frühling erlebt. Ich bin oft ausgegangen und habe Männer kennengelernt. Und dann, mit Mitte fünfzig, war der Punkt, an dem ich auf einmal gar keine Lust mehr hatte. Nicht schleichend, sondern schlagartig. Dieses ständige Attraktiv-Wirken-Wollen auf Männer beim Ausgehen war mir irgendwann zu blöd. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr dazu, und dann ließ auch dieses mich-weiblich-fühlen automatisch nach.
War das schmerzhaft oder eher eine Befreiung?
Beides. Auf der einen Seite habe ich etwas abgeschüttelt, so richtig von den Schultern. Es nicht mehr nötig haben, immer gut aussehen zu müssen, immer sexuell attraktiv zu sein. Eine Riesenbefreiung. Auf der anderen Seite war ich traurig. Irgendwann hört die Periode auf. Man kann keine Kinder mehr bekommen. Ich fragte mich: Welchen Wert hat eine Frau in der Gesellschaft, wenn sie nicht mehr sexuell attraktiv ist und keine Kinder mehr bekommen kann? Das ist ein ganz großes und gesellschaftlich schwieriges Thema. Wie sehen mich denn jetzt andere? Wenn ich jetzt nicht mehr das als Etikett habe, das als Auszeichnung, das als Wert. Welchen Wert habe ich denn dann?
Die Frage also: Was bleibt dann noch?
Ja, ich habe gemerkt, das war ganz lange das falsche Pferd. Oder sagen wir, es war längst überfällig, dass ich davon runterkomme.
Dass du auf ein neues Pferd setzen musstest?
Ja. Andere Werte, einen anderen Selbstwert. Mich neu definieren.
Was ist noch mitgegangen, was man vielleicht nicht sofort sieht?
Ein Stück meiner Identität. Die Julia, wie ich mich in meinen Zwanzigern und Dreißigern gesehen habe, bis Anfang fünfzig: eine attraktive, mädchenhafte Frau, die gut bei Männern ankommt. Das war ein Teil meiner Identität, und der ist quasi weg. Wenn heute noch einer guckt, freue ich mich, aber es ist nicht mehr so wichtig.
Gab es besonders schwierige Momente damals?
Ja, die gab und gibt es bis heute. Jeden Tag. Wenn ich junge Frauen sehe, zerplatze ich manchmal vor Neid. Wenn ich junge, hübsche Männer sehe denke ich: Das ist vorbei, unwiederbringlich vorbei. Ich habe das alles gehabt, es kommt nie mehr wieder. Dann werde ich richtig traurig – auch, dass ich das Jungsein vielleicht nicht ganz so bewusst genossen habe, wie ich es hätte genießen können.
Die jungen Frauen, die heute 25 sind, glauben, sie werden nie alt. Es gibt täglich Situationen, in denen ich ihnen sagen möchte: Hallo, warte mal ab, auch du wirst älter so wie ich es jetzt bin, bilde dir also nichts ein.
… Ja, ich habe jeden Tag diesen leichten Schmerz des Verlustes.
Gibt es ein Bild, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Als dieser junge Mann, mit dem ich meine letzte Affäre hatte – ich muss das jetzt brutal sagen – in den Graben gekotzt hat wegen seines Alkoholismus. Da hat was bei mir Klick gemacht: So kann ich nicht weitermachen, das wurde mir plötzlich bewusst. Nur, weil er mich als ältere Frau begehrt hat, waren meine Qualitätsstandards so in den Keller gesunken. Das werde ich nicht vergessen. Jetzt würde ich mich niemals mehr auf so jemanden einlassen.
Wie war der Übergang?
Ich habe erst mal eine Pause gemacht, einen radikalen Stopp. Bin nicht mehr ausgegangen, wollte keine Männer mehr kennenlernen. Und dann hat auch noch der Club „Bassy“ zugemacht, in den ich immer mit einem Kumpel gegangen bin – reiner Zufall, aber passend.
Wenn ich etwas beenden möchte, ziehe ich mich radikal zurück. Sammle mich. Und dann komme ich später – verändert – wieder heraus.
Was hat geholfen?
Ich habe neu gelernt, völlig unvoreingenommen auf Menschen, speziell Männer, zuzugehen. Nicht mehr sofort filtern: Ist der attraktiv, hat er schöne Augen? Dieser Filter ist weg. Jetzt ist es das menschliche Abtasten. Nicht das romantische.
Wer war in dieser Zeit für dich wichtig?
Gleichaltrige Freundinnen, die ebenfalls den Hormonverlust durchlebten, meine Freundin Anna vor allem. Auch mein langjähriger mein Ex-Partner, der mit meiner Tochter zusammen meine Familie ist, gab und gibt mir Halt. Wir sehen uns schon lange nicht mehr als sexuelle Partner, aber er ist immer da, wenn ich ihn brauche. Es ist schön, dass er gleich um die Ecke wohnt. Und ein Nachbar, mit dem ich Musik mache – ein ganz treuer Freund, den ich genau in der Phase kennengelernt habe, als es mit den Hormonen in den Keller ging.
Wo stehst du heute damit?
Es fühlt sich an wie eine Aufräumarbeit für die letzte Phase meines Lebens. Die Dinge in Ordnung bringen und gleichzeitig einen Plan entwickeln. Wie komme ich mit einem guten Lebensgefühl durch diese letzte Phase?
So ganz toleriere ich den Verlust der Hormone auch jetzt noch nicht: Ich werde noch mal zu einer anderen Frauenärztin gehen. Man sagt ja jetzt, dass man die Hormonersatztherapie auch lebenslang nehmen kann, unter anderem, weil das Osteoporose vorbeugt. Ich will mich einfach wieder wenigstens ein bisschen weiblicher fühlen. Wenn es mit der Gesundheit vereinbar ist, würde ich Östrogen in einer geringen Dosis lebenslang weiternehmen.
Was hast du gefunden?
Viel mehr Menschlichkeit. Ich kann besser wirkliche Nähe zulassen, menschliche Nähe. Wenn alles noch so überfrachtet wäre von den Hormonen, wäre ich da nie an diese Qualität herangekommen. Ich akzeptiere Menschen jetzt mehr mit ihren Schwächen. Früher hat meine Wahrnehmung gefiltert: Sieht der gut aus, hat er tolle Augen? Dieser Filter ist jetzt weg.
Seit anderthalb Jahren habe ich einen Sprach-Tandempartner, Andrea, den ich über eine Sprachlern-App kennengelernte. Er ist nicht attraktiv, nicht mein Typ – nach meinen früheren Maßstäben würde er komplett durch mein Beuteschema durchfallen. Aber mich interessiert, was er zu sagen hat, wie er lebt, ob er mich achtet, ob wir auf Augenhöhe sind.
Wir haben uns zweimal schon auf Sizilien getroffen. Beim letzten Abschied hat er mich einfach in den Arm genommen. Wir haben uns gesagt, dass wir uns mögen. Mein Herz ist aufgegangen. Erotik spielte in diesem Moment gar keine Rolle. Das ist, glaube ich, etwas, was man eher nur im höheren Alter erfahren kann.
Hattest du so einen Moment mit einem Mann jemals zuvor?
Zwischen mir und einem Mann nicht. Annäherungsmomente waren immer, immer, immer zielgerichtet aufs Knutschen und dann in die Kiste. Jetzt möchte ich als Mensch gesehen werden und nicht in erster Linie als schöne Frau mit, der man Komplimente über meine Augen, meine Haare macht.
Wenn erst das Menschliche kommt – mit dem In-den-Arm-Nehmen, mit dem Gesehen-Werden – und dann sagt jemand zusätzlich noch, du hast schöne Augen, dann wäre das jetzt die richtige Reihenfolge für mich.
Das heißt, du musstest bis in deine Fünfziger warten, um solche Momente mit einem Mann zu erleben.
Ja, sogar noch länger. Ich habe echte Nähe mit einem Mann wirklich jetzt erst erfahren – mit dem Verlust der Hormone. Das ist ein Riesengewinn.
Was würdest du einer Frau sagen, die gerade an diesem Punkt steht?
Alles ist gut so. Beruhige dich, es ist ein bisschen traurig, ich weiß das, ich kenne das. Aber es kommen andere Dinge und es kommen sogar schönere Dinge. Dieses ganze Theater – antwortet er mir jetzt per WhatsApp oder nicht, dieses ganze Gezerre – alles verschwindet. Du kannste einfach endlich die sein, die du bist. Es ist eine Riesenbefreiung. Du wirst viel entspannter sein, lockerer.
Was glaubst du, kann ich als Psychologin an deiner Geschichte verstehen. Und was nicht?
Ich traue dir zu, dass du das alles verstehst. (lacht)
Anm.: Der Name meiner Gesprächspartnerin wurde auf ihren Wunsch hin geändert.
Hast du Lust, mir von deinem Verlust zu erzählen? Was immer es ist: etwas konkretes wie einen Job, ein Zuhause, deine Gesundheit, einen geliebten Menschen - oder etwas abstraktes wie eine Hoffnung, einen Glauben, eine Freiheit oder Gewissheit. Etwas Kleines oder etwas Großes.
Melde dich bei mir, ich freue mich! Hier per direct message auf Substack oder unter office@brittabettendorf.com
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