Andrea ist Ernährungsberaterin und Coach. Sie hilft Frauen dabei, ganzheitlich abzunehmen und vor allem, Emotionen zuzulassen, statt sie mit Essen zu unterdrücken. Sie weiß, wovon sie spricht.
23 Jahre lang hat sie täglich Cannabis konsumiert. Nicht heimlich, nicht mit schlechtem Gewissen – zumindest nicht die meiste Zeit. Sie hat Abitur gemacht, studiert, eine Firma gegründet und ein Kind großgezogen. Und immer, bevor sie mit einer Kundin gesprochen hat, hat sie erst einen Joint geraucht.
Sie beschreibt ihre Beziehung zur Droge als eine Hass-Liebesbeziehung. Und den krassesten Moment, in dem ihr klar wurde, dass etwas nicht stimmt.
Britta: Was beschäftigt dich morgens beim ersten Kaffee?
Andrea: Ich trinke morgens gar keinen Kaffee. Das ist eigentlich lustig. Ich bin so ein Mensch, der morgens Gott sei Dank nichts mehr braucht. Ich hatte ja eine Zeit lang, dass ich aufgestanden bin und als Allererstes einen Joint rauchen musste. Das war die Sucht, die mich 23 Jahre lang begleitet hat. Und jetzt stehe ich auf und brauche gar nichts. Nicht mal einen Kaffee.
Über welchen Verlust sprechen wir heute?
Es ist eine Art Kontrollverlust. Und das ist eigentlich ganz spannend, weil jetzt, wo ich darüber rede, dieser Kontrollverlust bei mir häufig in einer Suchtproblematik geendet ist – wo man ja dann die Kontrolle verliert. Einmal die Essbrechsucht, also Bulimie, und dann fast zeitgleich eine Grassucht. Eine Drogensucht, vor der ich wirklich Angst hatte. Ich hatte Angst, damit einen Freund zu verlieren. Jetzt weiß ich, es war kein Freund. Es war eine Bewältigungsstrategie.
Wer warst du, bevor der Kontrollverlust in dein Leben kam?
Das habe ich mich noch nie gefragt… Es war eine schwierige Welt. Ich war Teenager, meine Eltern hatten sich getrennt, als ich elf war. Neue Schule, Pubertät, Eltern, die mit sich selbst beschäftigt waren. Ich bin in die Punkrockszene reingerutscht, neuer Freundeskreis. Es war eine rebellische Zeit. Ich wollte anders sein als alle anderen. Fuck you ans System, an die Familie, an alles.
Gibt es etwas, das symbolisch für diese Zeit steht?
Punkrock. Wirklich. Die Liebe zur Musik, die aus dem Herzen gesprochen hat. Ganz besonders das Lied “Rebell” von Die Ärzte. “Keiner, keiner, keiner hat das Recht, mir zu befehlen, was ich zu tun hab.” Das Lied kann ich noch heute von vorne bis hinten. Ich hab es meinem Sohn vorgespielt. Der findet es auch toll.
Wie kam der Kontrollverlust in dein Leben?
Es ist schleichend gekommen. Der Übergang von Spaß zu: ich brauche es und ich kann nicht mehr anders. Das ist das Gefährliche an Drogen: sie machen Spaß, zumindest beim ersten Mal. Bei mir war es so: erstes Mal konsumiert, hat Spaß gemacht, war lustig, war entspannend. Warum dann nicht öfter?
Zuerst nur in Gesellschaft, dann auch alleine. Man gibt anfangs wenig Geld aus und hat eine lange Wirkung. Dann gewöhnt man sich daran, und die Wirkung ist nicht mehr die gleiche wie beim ersten Mal - aber man will es immer wieder so erleben wie beim ersten Mal. Man rennt einem Phantom hinterher.
Wann wusstest du, dass es außer Kontrolle geraten ist?
Es gab Hinweise. Irgendwann hat mein damaliger Partner gesagt, es wäre ganz geil, wenn ich mal weniger kiffen würde. Und dann wurde ich nervös, wenn ich nicht wusste, wann ich den nächsten Joint rauchen konnte. Wenn ich nur noch ein, zwei Gramm hatte und schon anfing, die drei Dealer-Nummern in meinem Telefon abzuklingeln. Man denkt immer, man hat es unter Kontrolle. Bis man merkt, dass man es nicht hat.
Ich habe tatsächlich irgendwann angefangen, mit meinem Kind Streit auszulösen, damit ich ihn wegschicken konnte, um dann in Ruhe zu kiffen. Das kommt mir jetzt erst wieder, weil du vorhin danach gefragt hast – ich habe das eigentlich schon wieder verdrängt. Aber das war eigentlich der krasseste Moment. Man provoziert, man ist genervt, man schickt sein Kind weg, geht zurück in den Raum, und dann denkt man: Was habe ich nur getan?
Wie fühlte sich dein Kontrollverlust im Körper an?
Eher im Kopf. Es ist in allererster Linie keine körperliche Reaktion. Ich hatte keine körperlichen Entzugserscheinungen. Es ist ein Verlangen im Kopf. Ein Gedanke, der so omnipräsent wird, so viel Raum und Energie einnimmt, dass er erst weg ist, wenn man es getan hat. Dann geht es in den Bauch. Man wird nervös, das ist dann körperlich. Aber es startet immer mit einem Gedanken.
Und man kann nichts gegen diesen Gedanken machen. Du kannst dich versuchen abzulenken – fünf Minuten später ist er wieder da. Du kannst dir vornehmen, das war jetzt der letzte, aber dann ist der Gedanke wieder da. Das kostet so viel Energie. Man kann sich gar nicht richtig konzentrieren.
Was ist mit der Sucht noch verloren gegangen, was man auf den ersten Blick vielleicht nicht sieht?
Disziplin. Das Fatale bei mir war, dass ja trotzdem alles super funktioniert hat. Ich habe Abitur gemacht, studiert, eine Firma gegründet, ein Kind großgezogen. Dadurch hatte ich immer wieder den Gedanken: Vielleicht klappt das alles nur, weil ich Drogen nehme. Aber die Disziplin für Sport, für den Haushalt, für alles, was nicht unbedingt notwendig war – die war weg. Man macht nur das Nötigste.
Wie war diese Übergangszeit? Die Jahre, in denen du gemerkt hast, so geht es nicht weiter, aber noch keine Lösung hattest?
Sieben, acht Jahre ging das. Ich hatte verschiedene Strategien versucht: Pur rauchen ohne Tabak. Einen Vaporizer. Stärkeres Gras, in der Hoffnung, dann weniger zu kiffen – aber ich war einfach nur länger breit. CBD, um sanft runterzukommen. Im Urlaub fiel es leichter. Aber keine dieser Strategien war wirklich gut.
Und das Paradoxe: Man versucht es zu reduzieren, kriegt es ein bisschen in den Griff, und dann kommt der Kontrollverlust umso stärker zurück.
Warst du je verzweifelt?
Eigentlich nicht. Ich habe es mir eher zurechtgelegt. Ich bin spirituell, ich glaube ans Universum, an eine Schöpfung. Und dann bin ich einmal mit dem Fahrrad unterwegs und will aufhören – und sehe ein fettes Plakat mit einer Marihuanapflanze und einem Jesus-Bild. Für mich war das die Bestätigung: Hä, was ist denn daran so Schlimmes? Gott und das Universum hat das produziert, damit du dich entspannst. Das muss man sich mal überlegen. Ich habe mich mehr damit arrangiert, nicht weniger.
Gab es jemanden, der in dieser Zeit zu dir gehalten hat?
Am stärksten war mein Sohn. Irgendwann habe ich offen mit ihm darüber geredet. Er wusste es und hat mich trotzdem geliebt. Das war wirklich sehr, sehr schön. Er findet Rauchen nicht gut und hat sich immer gewünscht, dass ich aufhöre. Aber er hat das nie als Bedingung gestellt. Und er hat sich dann wie ein Keks gefreut, als ich es wirklich geschafft hatte.
Gibt es ein Objekt aus dieser Zeit, das symbolisch für sie steht?
Dieses Glas. So ein kleines Marmeladenglas, in dem ich den Grinder hatte und darunter das Gras. Das war meine Standardausrüstung wie Schlüssel und Telefon. Das hatte ich immer dabei. Es ist eigentlich nie passiert, dass ich das nicht mit hatte.
Gibt es etwas an dem, was du gefunden hast, das dir Angst macht? Oder ist es gut so, wie es ist?
Also zu sagen, dass jetzt alles richtig gut wäre, ist natürlich auch übertrieben, denn wenn man jetzt von diesem Kontrollverlust redet, dann ist es schon so, dass es sich manchmal noch in einer anderen Form ausdrückt. Beim Essen, in sehr stressigen Phasen. Aber das ist anders. Bei der Droge war der Gedanke immer da, unabhängig davon, ob ich gestresst war oder nicht. Beim Essen ist es eine Botschaft: Ich bin super gestresst. Es ist eine Form von Kommunikation meines Körpers. Sobald ich das erkenne, kann ich daran arbeiten.
Was weißt du heute, das du vorher nicht wusstest?
Vertraue deinem Gehirn nicht zu sehr. Der Körper weiß immer Bescheid, aber das Gehirn kann ein richtiger Wichser sein. Entschuldigung für den Ausdruck. Aber es ist wahr. Das Gehirn besetzt Dinge falsch, auch aus einer Schutzfunktion heraus, und verhindert dadurch, dass man an den Ursprung gehen kann. Das Kiffen hatte eine Schutzfunktion. Irgendwann hat dieser Schutz mir nicht mehr gut getan. Und um da rauszukommen, war es wichtig, durch den Schmerz hindurchzugehen, der die ganze Zeit ferngehalten werden sollte.
Das war richtig geiler Scheiß. Wirklich. Anstrengend, aber es hat meinen Horizont enorm erweitert.
Gibt es ein Bild aus dieser Zeit, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja. Ich war bei einer Weiterbildung zu der Technik, mit der ich heute arbeite, dem Yager-Code. Und es ist immer so, dass Techniken an jemandem demonstriert werden. Ich habe mich gemeldet – ich habe mich das eigentlich gar nicht getraut, aber ich habe es getan. Ich hab gesagt, ich bin süchtig.
Und bevor die Weiterbildung angefangen hatte, hatte eine Frau dort ein Bild gemalt. Danach ist sie zu mir gekommen und hat es mir gezeigt. Eine Frau mit langen braunen Haaren, von hinten, die ins Licht geht. Von der groben Silhouette her war ich das. Und wir kannten uns vorher gar nicht.
Was würdest du jemandem sagen, der jetzt an dem Punkt steht, an dem du damals warst?
Gib nicht auf. Nur weil es bisher nicht geklappt hat, heißt das nicht, dass es in Zukunft nicht klappen kann. Laufen haben wir gelernt, indem wir öfter aufgestanden sind als hingefallen. Das gehört dazu.
Und: Trau dich, jemandem Bescheid zu sagen. In dem Moment, in dem ich mich in dieser Weiterbildung gemeldet und gesagt habe, ich bin abhängig – das war der erste Schritt zur Heilung. Dieser Mut. Der Mensch ist nicht dafür gedacht, alles alleine zu machen.
Welchen Teil deiner Geschichte kann ich als Psychologin sofort nachvollziehen? Und welchen Teil kann man vielleicht nicht verstehen, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat?
Das ist unabhängig davon, ob du Psychologin bist. Eher die Frage: Hattest du selbst mal eine Suchtproblematik? Was man nicht verstehen kann, wenn man es nicht erlebt hat, ist diese Liebe zu der Droge. Dieses Ambivalente. Ich hatte wirklich Angst, einen Freund zu verlieren. Der Ausbilder in meiner Weiterbildung hat gesagt, er würde normalerweise jeden, der so über eine Suchtproblematik redet, wieder nach Hause schicken. Weil ich wirklich Angst hatte.
Diese Hass-Liebesbeziehung – das kann man nur verstehen, wenn man sie selbst durchgemacht hat.
Was du wahrscheinlich gut nachvollziehen kannst: dass Teile meines Lebens dazu geführt haben, dass ich das als Bewältigungsstrategie gebraucht habe. Und dass Hilfe holen immer die Möglichkeit zur Verbesserung ist. Ich war in dieser Zeit übrigens nie bei einem Psychologen. Das hätte vielleicht auch geholfen.
Hast du Lust, mir von deinem Verlust zu erzählen? Was immer es ist: etwas konkretes wie einen Job, ein Zuhause, deine Gesundheit, einen geliebten Menschen - oder etwas abstraktes wie eine Hoffnung, einen Glauben, eine Freiheit oder Gewissheit. Etwas Kleines oder etwas Großes.
Melde dich bei mir, ich freue mich! Hier per direct message auf Substack oder unter office@brittabettendorf.com
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