Sie sitzt mit Kappe beim Gespräch und zieht sie kurz hoch: Keine Haare, seit zwei Jahren. Sie gehört zu den zwanzig Prozent, bei denen sie auch nicht wiederkommen.
Anne, 60, hat ein Einrichtungsgeschäft am Starnberger See, einen schönen weißen Hund mit drei Beinen und einen Partner, der sie zum Lachen gebracht hat, auch wenn es am schwersten war. Sie hat drei Operationen hinter sich, dazu eine Chemotherapie, eine Kapselfibrose, ein Implantat, das ihr Körper nicht wollte.
Am Ende des Gesprächs, fast beiläufig, sagt sie noch etwas.
Wo stehst du gerade in deinem Leben?
Meine Antennen stehen auf Veränderung. Ich bin selbstständig, habe ein Einrichtungsgeschäft am Starnberger See, jetzt im 16. Jahr. Das ist eine Totalbeanspruchung. Und durch die Krankheit habe ich meinen Bauch wirklich kennengelernt – diesen inneren Begleiter, der mir immer die Richtung zeigt. Der sagt mir gerade: Du musst was ändern. Möglicherweise muss ich den Laden loslassen, um Frieden zu finden.
Über welchen Verlust sprechen wir heute?
Ich hatte – und habe immer noch – eine schlimme Krankheit. Krebs wurde diagnostiziert vor zwei Jahren. Drei Operationen. Ich habe meine Brust verloren, meine Haare, meine Gesundheit. Und das Vertrauen in meinen Körper. Ich bin 60 geworden letztes Jahr, und meine Gesundheit war immer so selbstverständlich. Nie irgendwas, außer Schnupfen. Man denkt dann, man ist unbesiegbar. Aber wenn ein Arzt sagt: Wir müssen Ihnen leider mitteilen – wenn der Satz so anfängt, weißt du, er geht nicht gut aus. Als es hieß, wir haben ein Mammakarzinom bei Ihnen festgestellt, da saß ich im Auto und meine Welt brach zusammen.
Ich gehöre leider zu den zwanzig Prozent der Chemo-Patienten, bei denen die Haare nicht mehr wachsen. Durch die toxische Chemo sind meine Haarfolikel zerstört worden. Ich habe mich mental darauf eingerichtet, dass ich sie nie wieder haben werde. Ich hatte vorher wirklich tolle Haare. Eine Perücke ist keine Alternative für mich. Das ist so fake, so gar nicht ich. Also trage ich Hüte, Mützen, Kappen und versuche meinen eigenen Trend daraus zu machen.
Wer warst du, bevor die Diagnose kam?
Vieles war selbstverständlich. Ich brauche keinen Urlaub, ich brauche keine Ruhephasen, ich mache einfach immer weiter. Immer auf der Überholspur. Und wenn mein Partner abends Leute sehen wollte und ich eigentlich nicht wollte, habe ich mich oft überreden lassen. Das war alles viel zu viel.
Hast du es kommen gespürt?
Mein Bauch hat mir schon viel früher gesagt, dass da was nicht stimmt. Ich habe es ignoriert. Ich war wirklich die letzten zehn Jahre nicht zur Vorsorge gegangen – ich dachte, ich merke dann schon, wenn mein Körper mir was sagen will. Es gab lange Zeit schon einen kleinen Knubbel in meiner Brust. Ich habe gedacht, das ist sicher eine verdickte Milchdrüse. Eines Tages habe ich wieder hingefühlt und dachte: Mein Gott, ist es jetzt größer geworden? Da habe ich Panik bekommen.
Wie hat sich die Krankheit entfaltet?
Es hat sich jedes Mal gesteigert, von Untersuchung zu Untersuchung. Erst hieß es, vielleicht kriegt man es mit Tabletten hin. Dann das MRT. Meine Brust sah aus wie eine Galaxie. Voll mit Metastasen. Am Ende war die Diagnose niederschmetternd: Die ganze Brust muss entfernt werden.
Ich habe das von Anfang an akzeptiert. Ich habe mir nie die Frage gestellt: Wieso ich? Was habe ich falsch gemacht? Ich habe gedacht: Gut, ich habe das jetzt. Was muss ich machen, damit es wieder weggeht?
Gab es einen Moment, wo du wirklich gespürt hast: Die Brust ist weg?
Die Professoren haben mich überredet, gleich bei der Mastektomie (Anm.: Brustamputation) – so heißt das, ein fürchterliches Wort – ein Implantat einsetzen zu lassen. Man hat mir nicht viel Spielraum gelassen. Ich habe dem zugestimmt und gedacht, na ja, dann ist es nicht sichtbar.
Als ich am Tag nach der OP die Ärztin gefragt habe, wann man wieder ein Gefühl in der Brust bekommt, wann die Nerven zurückkommen – da hat sie mich ganz seltsam angeschaut und gesagt: Das wird nie der Fall sein. Sie werden da nie was spüren.
Diese Brust anzufassen – und nichts zu spüren. Es war tot, einfach tot. Wie eine tote Semmel, die man da mit sich rumträgt. Das war ganz schlimm. Mein Körper hat sich dann ganz heftig dagegen gewehrt: Entzündung, Kapselfibrose. Als würde er sagen: Dieses Ding will ich nicht hier haben.
Irgendwann habe ich gesagt: Ich will das nicht. Kein Eigengewebe-Aufbau, nichts. Ich habe jetzt nur noch eine Brust, und auf der anderen Seite eine Narbe, vielleicht 25 Zentimeter lang. Die ist schön für mich. Wenn ich mich morgens eincreme, spüre ich die Narbe. Das war so eine Wohltat, als das Implantat weg war. Ich habe von Anfang an gespürt, dass ich das nicht wollte – aber ich hatte mich nicht getraut, nein zu sagen.
Wo saß der Schmerz? War er eher körperlich oder emotional?
Wahrscheinlich im Herzen irgendwie. Man kennt sich 60 Jahre lang und ist einigermaßen mit sich zufrieden. Und plötzlich – also ich sag’s mal krass: Wenn ich mich vorher als einigermaßen hübsch wahrgenommen habe, dann war ich jetzt genau das Gegenteil. Mit der Glatze, ohne Augenbrauen, aufgedunsen durch das Kortison. Ich habe auch immer gedacht: Was für ein Bild mute ich da meinem Partner zu.
Aber ich war trotzdem immer in meinem Laden. Ich habe sechs Chemos gehabt, und nach jeder war ich eine Woche völlig platt. Sobald ich wieder Autofahren konnte, habe ich im Laden gestanden. Ich wollte mich nicht nur hinlegen und die Gedanken um die Krankheit kreisen lassen. Ich wollte mich mit schönen Dingen umgeben. Mein Laden ist mein Baby. Das war Fluch und Segen.
Was hat geholfen? Und was vielleicht auch nicht?
Mein Partner hat mir sehr geholfen. Er hat sofort gesagt: Da gehen wir jetzt zusammen durch. Er ist nicht zusammengebrochen. Er hat mich krank sein lassen – wirklich krank sein lassen und mich dabei begleitet. Er hat mir Halt gegeben und mich zum Lachen gebracht. Ehrlich: Humor hilft, auch wenn das Leben drumherum gerade schwer ist.
Kleine Rituale haben mir geholfen, auch heute noch geht es nicht ohne sie im Alltag. Ich freue mich über viele kleine Dinge. Ich konnte immer das Schöne sehen, auch in der schwersten Zeit. Das Schöne ist durch die Krankheit heute noch schöner geworden.
Und mein Hund Pheli. Sie hat nur drei Beine, kommt aus dem Tierschutz, aus Griechenland. Die hat so viel Lebensfreude, und es ist ihr so wurscht, ob sie drei oder vier Beine hat. Sie genießt jeden Tag und rennt in den Seeanlagen rum und trifft ihre Freunde. Die macht mir wirklich vor, wie es geht glücklich zu sein.
Was nicht geholfen hat: Floskeln. Wobei – ich war da großzügig mit meinem Umfeld. Vielleicht wüsste ich auch nicht, was ich jemandem sagen würde, der so krank vor mir steht. Aber ich war sehr berührt, wenn jemand nicht fragte: Wie geht’s dir? Sondern: Wie fühlst du dich? Das ist ein Unterschied und geht mehr in die Tiefe. Ein paar wenige Menschen stellen mir heute nach der akuten Phase immer noch diese Frage und das tut gut.
Gab es einen Tiefpunkt?
Ja, so ganz, ganz tief. Kurz bevor ich meine Therapeutin fand. Als ich gemerkt habe: Die Krankheit ist nicht vorbei. Die wird niemals vorbei sein, weil sie jetzt zu meinem Leben dazugehört. Alle drei Wochen Blutkontrolle, immer wieder die Onkologie, wo jedes Mal neue arme Menschen an ihren Infusionen hängen. Du kannst es echt nicht abschließen. Und das ist gruselig.
Was ist noch mitgegangen, was man auf den ersten Blick nicht sieht?
Diese Sicherheit, in der ich mich 60 Jahre lang befunden habe. Dass ich dachte, mein Körper trägt mich schon irgendwohin, dem kannst du alles zumuten. Das Selbstverständliche – das ist weg. Es ist alles fragiler. Vor jeder OP war ich zwar zuversichtlich, aber jedes Mal, wenn ich im Aufwachraum aufwachte, habe ich geweint vor Glück, dass ich wieder aufgewacht bin.
Aber nicht alleine. Ohne meinen Partner wäre das anders gelaufen. Er war ganz stark an meiner Seite und hat mir Kraft gegeben, so wie meine wunderbaren Freundinnen.
Gibt es ein Bild für diese Übergangszeit?
Eine Umarmung mit mir selbst. Weil ich gemerkt habe: Man ist irgendwie schon alleine auf der Welt. Diese Krankheit kann einem keiner abnehmen. Aber ich habe auch festgestellt, wie stark ich bin, was mein Körper für Selbstheilungskräfte hat. Das habe ich nie so extrem gespürt wie jetzt.
Wo stehst du damit heute?
Ich bin mir selbst durch den Krebs begegnet. Ich bin mir so viel näher gekommen. Und das fühlt sich unfassbar schön an. Diese Kraft spüre ich heute noch. Es fühlt sich gut an, in diesem Körper zu sein. Der hat eine richtig intensive Geschichte erlebt und er steht immer noch gerade.
Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte: Du wirst mal keine Haare haben, keine Augenbrauen, dir fehlt eine Brust – hätte ich gedacht, um Gottes willen, dann erschieße ich mich oder so. Aber heute denke ich: Es ist so. Ich trage die Brusttprothese meistens nicht mal, weil sie schwer ist und unangenehm. Und wenn man sieht, dass da eine Seite flach ist – das ist mir völlig wurscht. Ich stehe ganz anders zu mir. Und ich finde mich trotzdem noch einigermaßen attraktiv. Weil ich glaube, meine Ausstrahlung, mein Lebenswillen, meine Fröhlichkeit – die strahle ich aus. Wenn ich mich jetzt betrachte, denke ich: Ja. Das gefällt mir, was ich sehe.
Was weißt du jetzt, was du ohne den Krebs nie gewusst hättest?
Dass ich ein guter Träumer bin.
Während der Chemo, wenn ich weder lesen noch fernsehen konnte, einfach nur da lag – da haben mir meine Gedanken und Bilder wirklich sehr geholfen. Meine Fantasie. Das kenne ich aus der Kindheit, ich hatte eine ziemlich unschöne Kindheit. Ich habe sie ausgehalten, indem ich meine Fantasie hatte. Und das ist mir jetzt zugutegekommen. Ich bin in meine innere Welt gegangen. Das hat mich berührt und mir Kraft gegeben. Und diese Kraft spüre ich heute noch.
Was würdest du jemandem sagen, der gerade die Diagnose bekommen hat?
Du schaffst das. Ganz ernst gemeint. Viele haben zu mir gesagt, du bist so tapfer. Aber ich habe nie gedacht, ich bin tapfer. Es ist einfach selbstverständlich. Du hast gar keine Wahl, du musst dadurch gehen. Alles andere ist keine Option.
Aber nicht alleine. Ohne meinen Partner wäre das anders gelaufen. Der hat mich einfach krank sein lassen. Voll und ganz krank.
Was glaubst du, verstehe ich als Psychologin sofort? Und was kann man nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat?
Die Psyche, die Resilienz, den psychischen Druck – das wirst du gut verstehen. Aber das körperliche Leid: diese vielen Schockmomente. Das kann ich kaum beschreiben. Ich hab alles über mich ergehen lassen: Das muss jetzt sein, das geht nicht anders. Ich will ja gesund werden.
Aber ich sage auch: Das muss niemand verstehen. Ich hab so viel Leid erlebt, es muss sich niemand da reinversetzen. Man kann sich nur wünschen, daß es einem möglichst erspart bleibt. Vieles davon ist vielleicht irgendwann vergessen. Aber einen großen Teil muss ich noch bewältigen. Und dabei lasse ich mir helfen.
Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?
Ich finde das Leben unfassbar schön. Und gesund zu sein ist so ein großes Geschenk. Ich habe schon so viele schöne Dinge erlebt und ich finde, ich habe etwas aus meinem Leben gemacht und viel an mir gearbeitet. Eigentlich ist nichts mehr offen, was ich unbedingt noch erleben möchte. Ich bin sehr glücklich und das darf gerne so bleiben. Aber wenn es jetzt vorbei wäre oder wenn die Krankheit zurückkäme, würde ich das auch akzeptieren. Dann wäre das okay. Es gibt kein Bedauern. Ich habe keine Angst.
Hast du Lust, mir von deinem Verlust zu erzählen? Was immer es ist: etwas konkretes wie einen Job, ein Zuhause, deine Gesundheit, einen geliebten Menschen - oder etwas abstraktes wie eine Hoffnung, einen Glauben, eine Freiheit oder Gewissheit. Etwas Kleines oder etwas Großes.
Melde dich bei mir, ich freue mich! Hier per direct message auf Substack oder unter office@brittabettendorf.com
Du kennst jemanden, für den dieser Artikel auch interessant sein könnte?
Keine Posts

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.