Kika ist 64, ein Wir-Mensch, wie er selbst sagt. Er lebt mit Anna zusammen, ist optimistisch aus Überzeugung und macht sich gerade Sorgen um die Demokratie. Er lacht oft im Gespräch – und entschuldigt sich manchmal kurz, wenn die Trauer hochkommt.
Sein Vater starb 1970. Kika war acht Jahre alt. Was davor war, nennt er Bullerbü: ein Dorf nördlich von Lübeck, eine Dorfbäckerei in der fünften Generation, eine große Familie. Was danach kam, war ein komplett anderes Leben.
Er sagt, das war wahrscheinlich ein Glücksfall.
Britta: Wo stehst du gerade in deinem Leben?
Kika: Im Umbruch. Ich bin jetzt 64 geworden, da stellen sich neue Fragen – gesundheitlich, aber auch: Was will ich noch tun? Wo geht es für Anna und mich hin? Ich sehe mich ja nicht als Ich. Ich bin ein Wir-Mensch. Und wir haben durch den Tod von Matze vor einem halben Jahr eine neue Freiheit erlangt, die wir erst mal wieder neu definieren müssen. Wir müssen uns neu finden, brauchen andere Rituale. Es ist so ein bisschen im Umbruch.
Über welchen Verlust sprechen wir heute?
Den Tod meines Vaters. 1970 war das – Entschuldigung, es kommt immer wieder kurz hoch. Er hat sich auf ziemlich dramatische Weise das Leben genommen. Er hat versucht, sich zu erschießen. Das hat nicht richtig geklappt. Und er ist dann zwei Tage später im Krankenhaus gestorben. Da war ich acht Jahre alt.
Wie war deine Welt davor?
Bullerbü. Ich bin auf einem kleinen Dorf nördlich von Lübeck aufgewachsen. Wir hatten eine große Bäckerei, vier, fünf Generationen. Drei-Generationen-Haus, immer viel los. Eine Dorfschule mit vier Klassen, alle zusammen in einem Raum, und wenn es klingelte, wurde abgeschlossen. Man war sehr behütet.
Das kann man eigentlich nur jedem Kind wünschen.
Gibt es ein Bild, einen Geruch für diese Zeit?
Der Geruch in der Backstube. Immer warm, immer frische Brötchen, frisches Brot. Das werde ich nie los. Ich habe deswegen wahrscheinlich später zehn Jahre in einer großen Bäckerei gearbeitet – nicht als Bäcker, als Kaufmann. Aber ich fand das immer großartig.
Wie war der Tag, an dem es passierte?
Das ist relativ kurz und wenig. Ich war in der Schule und in der ersten großen Pause, da kam ein Junge zu mir und sagte: Du, ich habe deinen Vater eben gesehen, du solltest mal lieber nach Hause gehen. Was ich sofort gemacht habe.
Und ab da ist die Klappe gefallen. Ab da hat mein Gedächtnis zugeschlossen, abgesperrt. Da komme ich nicht mehr ran. Das ist weg. Ich kann mein Bewusstsein erst ein paar Tage später wieder aufnehmen – bei meiner Tante, wo ich die ersten Monate gelebt habe. Der Rest sind Erzählungen. Der Therapeut hat mir irgendwann gesagt: In dem Alter werden solche Bilder einfach so weit weggeschlossen und der Schlüssel verschwindet. Das ist wahrscheinlich auch ganz gut so.
Gibt es einen Moment, wo du wirklich verstanden hast: Er ist weg?
Ja, das weiß ich sogar sehr genau. Als meine Mutter zu meiner Tante kam und wir alle zusammen saßen. Sie sagte, mein Vater sei jetzt verstorben. Da ist es wie ein Wasserfall über mich gekommen. Ich habe geheult. Und dann wurde alles schwarz. Wieder ein Blackout. Wie lange dieser Zustand gedauert hat, weiß ich nicht. Das waren sicherlich ein paar Tage. Also zweimal hintereinander.
Wer war dein Vater?
Er war sehr humorvoll, sehr lieb, super beliebt, ein guter Typ. Aber er hatte ein Scheißleben. Wirklich. Einer der letzten Jungs, die sie noch im Krieg an die Front geschickt haben. In einer Nacht hat er die Hälfte seiner Freunde verloren. Das hat ihn nie wieder losgelassen. Albträume jede Nacht. Dazu ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem eigenen Vater. Er hat sich dann irgendwann in den Alkohol geflüchtet. Klinikaufenthalte, Entzugstherapien – nichts hat funktioniert.
Ich bin ihm nicht böse. Mir tut das unheimlich leid, was er hat erleben müssen. Er hat das Beste daraus gemacht. Aber er hat’s irgendwann nicht mehr verkraftet.
Was ist mit dem Verlust noch mitgegangen?
Selbstbewusstsein und Sicherheit. Ich war sehr, sehr lange ein sehr schüchterner Junge. Das hat sich erst geändert, als meine Mutter mich mit 16 für ein Jahr in die USA geschickt hat. Als ich wiederkam, hatte ich einen riesengroßen Schub bekommen. Ich wurde dort sofort respektiert und anerkannt, ohne irgendwas aufbauen zu müssen. Das hat mir wahnsinnig gutgetan. Aber was ich auch gewonnen habe: die Notwendigkeit, schnell selbstständig zu werden. Meine Mutter war alleinerziehend, hat umgeschult, war von acht bis sechzehn Uhr weg. Meine Schwester und ich waren auf uns alleine gestellt. Das war eine gute Schule.
Gab es Dinge, die nicht so hilfreich waren?
Ich habe früh angefangen zu rauchen und zu trinken. So mit 14, 15. Als ich aus den USA zurückkam und ins Abitur ging, habe ich irre viel geraucht. Und getrunken. Ich habe da wahrscheinlich viel ertränkt, weggespült. Das war vielleicht mein Instrument, um damit umzugehen. Ich war dem Alkohol sehr zugewandt, sagen wir mal so.
Was hat dir in dieser Zeit wirklich geholfen?
Gruppenzugehörigkeit. Die Clique in der Schule, die Gang draußen, später der CVJM (Anm: Christlicher Verein Junger Menschen). Ich bin ein Wir-Mensch, kein Ich-Mensch. Gruppen geben mir Rahmen, Halt, Sicherheit – das, was ich mit acht verloren hatte. Das hat sich bis heute gehalten.
Wo stehst du heute mit dem Verlust deines Vaters?
Ich denke immer wieder mal darüber nach. Habe Therapien gemacht, auch Hypnose, weil ich wissen wollte: Bin ich ihm böse? War das Feigheit von ihm? Ich bin da nicht böse.
Und dann gibt es immer diese Gedankenspiele: Was wäre, wenn? Wenn ich mir vorstelle, dass ich da in diesem Dorf noch leben würde heute – unvorstellbar. Ich würde in Generation sechs die Dorfbäckerei führen. Nein danke.
Da ist eine riesengroße Tür aufgegangen, da ging es durch, und das war die einzige, die da war. Die hat in dieses neue Leben geführt. Dumm für meinen Vater. Aber für mich ist das gut gewesen.
Was würdest du jemandem sagen, der gerade genau an dem Punkt steht, an dem du damals warst?
Das Leben geht weiter, auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt. Schließ dich nicht ein. Sprich mit Menschen, die nicht dasselbe Trauma tragen – nicht die Mutter, nicht die Schwester. Die haben es gerade selbst. Manchmal ist ein neutraler Gesprächspartner besser. Jemand, der objektiv zuhören kann.
Welchen Teil deiner Geschichte, glaubst du, kann ich als Psychologin verstehen? Und welchen Teil kann man eigentlich gar nicht verstehen, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat?
Wenn du eine gute Psychologin bist, verstehst du alles sofort. Es ist eine der grundlegendsten Dinge. Wenn du jemanden verlierst, ist das Trauer in dieser Ausprägung, dieser Stärke – die ist einfach elementar. Da muss man nicht lange dran rumfaseln. Das ist fast unmenschlich.
So unmenschlich, dass man es wegschließen muss..
Ja, dass man es wegschließen muss. Oder man lernt damit umzugehen. Was vielleicht schwerer zu verstehen ist: dass ich sagen kann, für mich hat das eine sehr positive Entwicklung genommen. Das hört sich hart an. Aber so ist es. Das muss man anerkennen. Ich sehe das Gegenteil bei meiner Schwester – der ist das nicht gelungen. Die ist bis heute krank.
Gibt es noch etwas, das du mitgeben möchtest?
Professionelle Hilfe. Und nicht so spät wie ich. Ich habe das erst vor zwölf Jahren wirklich gemacht. Vorher hatte meine Mutter mich mit acht zum Kinderpsychologen geschickt – das war eine völlig dämliche Veranstaltung, Rorschach-Test und fertig. Aber es steckt tief in dir drin, das blubbert immer wieder hoch. Damit umgehen zu können, das lernt man am besten nicht alleine.
Hast du Lust, mir von deinem Verlust zu erzählen? Was immer es ist: etwas konkretes wie einen Job, ein Zuhause, deine Gesundheit, einen geliebten Menschen - oder etwas abstraktes wie eine Hoffnung, einen Glauben, eine Freiheit oder Gewissheit. Etwas Kleines oder etwas Großes.
Melde dich bei mir, ich freue mich! Hier per direct message auf Substack oder unter office@brittabettendorf.com
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