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Feuilleton – News und Hintergründe zu Kunst und Kultur | NZZ · Aug 21, 2026

Jason Statham ist der gute Toxiker des Kinos

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Auswärtige Autoren NZZ · Neue Zürcher Zeitung

Jason Statham ist der gute Toxiker des Kinos

Verschlossenheit, Gefühlskälte, Gewaltbereitschaft: Toxische Männlichkeit nennt man das heute. Der britische Schauspieler hat auf dieser Diagnose eine extrem erfolgreiche Karriere aufgebaut.

Daniel Haas

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Auch mit 59 Jahren noch einer der erfolgreichsten Action-Stars: der Brite Jason Statham.

Auch mit 59 Jahren noch einer der erfolgreichsten Action-Stars: der Brite Jason Statham.

Mike Marsland / WireImage / Getty

Ein Mädchen vor korrupten Geheimdienstlern retten. Eine wohltätige alte Frau rächen, der ein Kartell Millionen abgeluchst hat. Die Tochter eines Mechanikers aus den Händen eines Menschenhändlers befreien. Die Peiniger einer Sexarbeiterin zur Rechenschaft ziehen. Ein kleines Mädchen davor bewahren, von prähistorischen Monsterhaien gefressen zu werden. Das sind die Plots der letzten Filme von Jason Statham.

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Statham, 59, ist der fürsorglichste Mann des neueren Actionkinos. Sicher ist er, was den Body-Count angeht, auch der brutalste. Gegner werden mit Fischerhaken, Messern und Harpunen perforiert. Erschossen mit jedem Kaliber, das sich Glock, Smith & Wesson und Remington jemals ausgedacht haben. In die Luft gesprengt, erwürgt, ertränkt und erschlagen. Mit Türen, Metallstangen, Wänden. Also, die Wand ist einfach im richtigen Moment da, den Rest besorgt Mr. Statham.

Bei Krieg braucht es die Toxischen

Gemessen an der Gewalt und den begrenzten mimischen Möglichkeiten ist Stathams Erfolg erstaunlich. Die Gewalt, wie gesagt: exzessiv. Die schauspielerische Darstellung des Engländers: so differenziert wie ein Post-it, wenn darauf ein Smiley stünde. Der Ausdruck: ein gerader, ins Gesicht gekerbter Mund. Augen starr, Wangen und Nase straff wie Latex, der über Beton gespannt wurde.

Stathams Stimme hat ihren englischen Akzent nie eingebüsst. Noch so viele US-Blockbuster-Rollen konnten ihm den Arbeiter-Englisch-Duktus nicht nehmen. Jason Statham raunt mies gelaunt englisch, basta. Zeigte man einem Psychotherapeuten markante Ausschnitte aus Stathams Filmerfolgen – aus «Meg», «The Beekeeper» oder «A Working Man» –, dann würde er wahrscheinlich sagen: die beste Verkörperung toxischer Männlichkeit, die ich jemals gesehen habe.

Zeigte man einer in Genderwissenschaften bewanderten Feministin diese Szenen, würde sie wahrscheinlich rufen: Aaaargh! Und das ist die zweite erstaunliche Sache, die man bei Jason Statham feststellen kann: Er hat Erfolg, obwohl er einen Typus repräsentiert, der in der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte heute nur noch eine Funktion erfüllt: die des Buhmanns.

Einmal mehr sieht ein Mann rot: Jason Statham deckt in «Mutiny» eine Verschwörung auf.

Einmal mehr sieht ein Mann rot: Jason Statham deckt in «Mutiny» eine Verschwörung auf.

LMK / Imago

Bei toxischer Männlichkeit ist die Sachlage schwammig; es kursieren diverse Definitionsmodelle. Gemeinsamer Nenner der Diagnosen ist immer: Der Mann ist verschlossen, hat keinen Zugang zu seinen Gefühlen, zeigt sich schnell handlungsbereit, vor allem in Stress- und Krisensituationen. Und er übt Gewalt aus. Der Philosoph Slavoj Žižek,
immer gut für einen kessen Einfall aus dem Geiste der Systemkritik, hat gesagt, dass toxische Männlichkeit nicht unbedingt schlecht sein muss.

Wenn zum Beispiel ein Krieg ausbricht, sind Männer gefragt, die effektiv handeln, sprich Gewalt ausüben. Dass solche Leute, bevor sie irgendeinen Angreifer in die Luft sprengen, nicht gross über ihre Gefühle reden, versteht sich von selbst. Überhaupt sind Verschlossenheit und Strenge gegen sich selbst ein Vorteil, wenn die Welt aus den Fugen gerät.

In dieser Hinsicht ist Jason Statham, wie er dem globalen Publikum auf der Leinwand erscheint, nicht nur ein feiner Kerl. Er ist das, was unter Umständen als Anforderungsprofil auf kommende Männergenerationen zukommt, wenn sich politisch die Falken durchsetzen, nicht die Tauben. Wenn ein militärischer Angriff nicht ausschliesslich mit Drohnen und Cyberattacken, sondern mit einer Besatzungsarmee durchgeführt wird. Wenn nach einer Grosskatastrophe die Ressourcen knapp und die Leute erst wütend, dann grausam werden und man sich verteidigen muss.

Bemerkenswert, dass Statham nie in Militär- oder Kriegsfilmen auftritt. Zwar haben seine Kinofiguren oft einen militärischen Hintergrund (Elitesoldat), aber die Ausnahmezustände, in die er in seinen Filmen so beherzt eingreift, sind ziviler Natur. Statham rettet, rächt und paukt Zivilisten heraus, vorzugsweise Frauen. Das kann man gönnerhaft oder paternalistisch finden, aber in den Filmen beschwert sich niemand, wenn Jason die Sache zum Guten wendet. Vermutlich wäre es in der Wirklichkeit ähnlich.

Ein Textvolumen für Erstklässler

In seinem neuen Actionfilm «Mutiny» rettet Statham eine Gruppe Geflüchteter vor Menschenhändlern. Auf einem Containerschiff. Da gibt es jede Menge Gerät, überhaupt ist alles aus Metall. Das ist viel härter als Beine, Arme oder Köpfe. Es ist klar, worauf das im Falle von Jason «Ups, da war eine Schiffsluke im Weg» Statham hinausläuft. «Mutiny» ist ein wüstes Potpourri aus Prügel, Stech- und Schiessszenen. Stathams Text kann ein Erstklässler in fünf Minuten lernen.

Nicht nur die Waffe: Auf einem Containerschiff ist viel hartes, schmerzhaftes Material für einen harten Kerl wie Jason Statham in «Mutiny».

Nicht nur die Waffe: Auf einem Containerschiff ist viel hartes, schmerzhaftes Material für einen harten Kerl wie Jason Statham in «Mutiny».

LMK / Imago

Viel besser ist der Film davor, «Shelter» (die Titel werden anscheinend Stathams Sprechfaulheit angepasst): Ein Mädchen landet bei einem abgetauchten Agenten, wird Zeugin eines Verbrechens und daraufhin gejagt. Es wird wenig gesprochen, nur geschaut, gewartet, belauert. Zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen einsam geworden sind und einander vertrauen müssen. Statham ist hier nicht mehr der Vertreter einer positiv besetzten toxischen Männlichkeit, sondern ein Mann, der Zweifel hat und Angst. Bis er seinem Gewissen folgt und das Richtige tut (viele schlimme Leute ausschalten).

Vielleicht erklimmt dieser sympathische Toxiker irgendwann eine weitere Karrierestufe. In Neufassungen von Ingmar-Bergman-Filmen könnte er brüten und schweigen. Oder gleich Beckett: wenig Text, viel Raum für Gedanken. Warten auf Statham, next level. Es könnte sich lohnen.

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