Eine Sandra Hüller macht noch keine Ingeborg Bachmann
Regina Schillings filmische Huldigung von Ingeborg Bachmann scheitert am Gekünstelten. Da kann auch die Darstellerin nichts ausrichten.
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Eine «Geisterbeschwörung»: Sandra Hüller versucht sich mit blonder Perücke in Ingeborg Bachmann einzufühlen.
Xenix Filmdistribution
Sandra Hüller ist eine grossartige Schauspielerin. Alle wollen sie vor der Kamera haben, fast monatlich kommt ein Film mit ihr ins Kino. Dieses Jahr hat sie schon einen Soldaten gespielt («Rose»), die Leiterin eines Weltraumprojekts («Project Hail Mary»), Erika Mann («Fatherland»). Bald wird sie an der Seite von Tom Cruise in der Komödie «Digger» zu sehen sein.
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Diese Woche startet ein weiterer Film mit ihr in einer Rolle, für die keine andere so prädestiniert scheint: Im dokumentarischen Essayfilm «Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war» verkörpert Hüller die österreichische Schriftstellerin, die vor hundert Jahren geboren wurde und die bis heute fast kultisch verehrt wird.
Das Verschwinden der Frau
Für die Regisseurin Regina Schilling stand von Anfang an fest, wen sie für ihr Projekt gewinnen wollte. In einem Interview mit dem österreichischen Filminstitut sagte sie, sie habe Hüller schon vor Jahren gesagt: «Du erinnerst mich an Ingeborg Bachmann. Irgendjemand muss einen Film mit dir über sie machen.» Hüller habe geantwortet: «Ja, das finde ich auch!» Und sie aufgefordert, ein Drehbuch zu schreiben.
So schlüpft Hüller in den fiktiven Szenen des Films nun in die Rolle von Bachmann. Dieser handelt von den letzten Monaten der Schriftstellerin in Rom. Bachmann arbeitet an ihrem «Todesarten»-Zyklus, wozu auch der Roman «Malina» gehört. Der Zyklus bleibt unvollendet, als sie 1973 an den Folgen eines Brandunfalls stirbt.
Bachmann hat sich in diesen Texten mit dem Verschwinden als Frau beschäftigt – der physischen und psychischen Vernichtung. Es geht um Gewalt und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern, um Abhängigkeit.
Auch der Nationalsozialismus und der Krieg führen bei ihren suchenden Frauen zu einer existenziellen Versehrtheit. Damit untrennbar verknüpft ist die Hoffnung auf etwas Kommendes, das sie erlösen wird.
Blonde Perücke betont Künstlichkeit
Die Dichterin mit ihrer dunklen, geheimnisvollen Aura ist von ihrem Werk nicht zu trennen und beschäftigt die Literaturwissenschafter bis heute. Schilling hat nicht den Anspruch, mit ihrem Film das Rätselwesen Ingeborg Bachmann auszudeuten.
Das macht sie gleich zu Beginn klar, wenn Sandra Hüller vor dem Spiegel eine blonde Perücke aufsetzt. Die Schauspielerin betont damit, dass sie nicht Bachmann ist, sondern sich ihr nur annähert.
Entsprechend behauptet und gekünstelt wirkt ihre Interpretation: Man identifiziert Hüller mit Bachmann in keinem Moment, vielmehr befremdet dieses Aufgesetzte und lässt einen kalt.
«Wir hören ihr zu», sagt Hüller aus dem Off und rezitiert Texte von Bachmann. Immer wieder sieht man sie unruhig durch die Wohnung streifen oder an der Schreibmaschine sitzen, rauchend. Die Zigarette zündet sie sich an der heissen Herdplatte an. Ein Telefon schrillt.
Sie fährt mit dem Velo durch die Gassen Roms, tanzt vor einer Brücke, lacht irr, macht den Kopfstand. Sie rennt am Strand entlang, legt sich in den Sand. Soll damit gezeigt werden, dass Bachmann sich im Film befreien kann von dem Gefühl, in sich gefangen und die Gefangene anderer zu sein?
Einiges deutet darauf hin, wenn Schilling im genannten Interview zeitgeistig sagt: Sie hätte Bachmann «Resilienz und bessere Therapien» gewünscht.

«Wir stellen uns einen Tag in ihrem Leben vor»: Der Film betont mit solchen Regieanweisungen die Künstlichkeit der Anlage. Hüller als Bachmann in Rom.
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Kein Erkenntnisgewinn
Die gespielten Szenen werden ergänzt mit Archivaufnahmen von Auftritten Bachmanns, die deutlich machen, wie herablassend Männer schreibende Frauen damals behandelten.
Marcel Reich-Ranicki, der Bachmann zwar die bedeutendste deutschsprachige Dichterin nannte, sagte einmal, was viele Männer in der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 dachten: Künstlerinnen seien weniger talentiert.
Die Verehrung, die dem filmischen Porträt zugrunde liegt, bringt keine neuen Erkenntnisse. Das ist auch nicht zu erwarten von einer «Geisterbeschwörung», von «unserer Séance», wie Schilling und Hüller den Versuch nennen, sich in die Unerreichbare einzufühlen – letztlich mit der Toten Kontakt aufzunehmen, nimmt man die Séance wörtlich. Das Resultat ist so esoterisch, wie es klingt.
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war: Im Kino (97 Minuten).




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