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Feuilleton – News und Hintergründe zu Kunst und Kultur | NZZ · Aug 21, 2026

Ausufernd und aneckend – Thomas Hirschhorns grosser Bilder-Atlas in Chur

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Philipp Meier · Neue Zürcher Zeitung

Ausufernd und aneckend – Thomas Hirschhorns Bilderflut in Chur

Mit «My Atlas» gibt der Schweizer Künstler Einblick in sein komplexes, über vierzigjähriges Schaffen.

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Thomas Hirschhorn in seinem Atelier in Paris bei der Arbeit an «My Atlas», Aufnahme von 2025.

Thomas Hirschhorn in seinem Atelier in Paris bei der Arbeit an «My Atlas», Aufnahme von 2025.

Stephan Kunzi © 2026, Pro Litteris, Zürich

Was gibt es hier zu kaufen? Was hat dieser Strassenverkäufer anzubieten? Preisschildchen sucht man vergebens auf der Decke am Strassenrand. Dafür provoziert die fein säuberliche Auslegeordnung umso mehr Aufmerksamkeit. Rechtecke aus Pappkarton neben ein paar simplen Holzbrettchen. Alles in unterschiedlichen Grössen. Und alles akkurat im rechten Winkel angeordnet.

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So hat sich Thomas Hirschhorn manchmal an den Strassenrand gesetzt. Er nannte diese Layouts Kunst. Und das war mindestens so gut wie die Fettecke von Joseph Beuys, von welchem Hirschhorn ein bekennender Fan ist. Die Zusammenstellung von Brettern und Karton erinnerte auch an Piet Mondrian. Oder an El Lissitzky. Jedenfalls an die streng strukturierten Bilder der grossen Geometer der klassischen Moderne.

Nur dass Hirschhorn das Ganze nicht für die Museumswände, geschweige denn für die Ewigkeit angeordnet hat, sondern für den flüchtigen Augenblick. Ebenso unbedeutend sind die Materialien, die er verwendet: im Sinn der Arte povera keine edlen Stoffe, sondern billiges Zeugs, das sich jeder überall beschaffen könnte und das eigentlich schon dem Abfalleimer geweiht ist, bevor es überhaupt als Kunst erkannt wird.

Thomas Hirschhorn hat immer so gearbeitet, mit dem Einfachsten, was er finden konnte: Karton, Klebeband, Alufolie, Plastikfolien. Seine Vorliebe für diese Packmaterialien rührt vielleicht daher, dass er in Paris als junger, angehender Künstler sein Brot als Möbelpacker verdiente. Jedenfalls macht er Kunst von unten. Kulturelle Hemmschwellen gibt es bei ihm nicht. Er richtet sich gezielt an ein «nichtexklusives» Publikum, wie er das nennt.

Skandalkunst

Dabei ist er eigentlich ein Intellektueller, belesen in Philosophie von Spinoza über Nietzsche bis Foucault. Aber auch dies ist für ihn nicht reserviert für den Elfenbeinturm. An der Documenta Kassel 11 baute er 2002 deshalb keinen Tempel für Georges Bataille, sondern eine Bibliotheksbaracke aus Sperrholz. Und würzte eingedenk des französischen Erotikers seinen Bücherstand inklusive Diskussionsraum für Vorträge und Imbisskiosk mit Schildern, auf welchen «Sex» und «ab 18 Jahren» draufstand.

Yanik Bürkli © 2026, Pro Litteris, Zürich

Yanik Bürkli © 2026, Pro Litteris, Zürich

Schautafeln mit Dokumenten, Zeichnungen, Skizzen und Fotos aus Thomas Hirschhorns riesigem Archiv.

Einen bitteren Beigeschmack verlieh Hirschhorn der allgemeinen Verkaufsmasche «Sex sells» in seinen Fotocollagen mit barbusigen Pin-ups in Kombination mit Fotos von verstümmelten Leichen der Kriegsschauplätze dieser Welt. Die Schocker sorgten 2008 in einer Wiener Ausstellung für Empörung. Einmal mehr galt Hirschhorn als der Schweizer Skandalkünstler. Wie damals, als er 2004 in Paris Performer in seiner Pro-Helvetia-Ausstellung «Swiss-Swiss Democracy» im Centre Culturel Suisse pantomimisch auf ein Foto des damaligen Schweizer Bundesrats Christoph Blocher pinkeln liess.

Kunst muss «störend, unvorhergesehen, angreifbar, überraschend sein», wenn es nach ihm geht. Welche Bilder aber wollen wir sehen, was darf gezeigt werden, was ist tabu? Eine Frage, die den Schweizer Künstler seit seinen Anfängen in den frühen achtziger Jahren beschäftigt.

«My Atlas» führt eindrücklich Thomas Hirschhorns Bilderuniversum vor Augen. Blick in die Churer Ausstellung.

«My Atlas» führt eindrücklich Thomas Hirschhorns Bilderuniversum vor Augen. Blick in die Churer Ausstellung.

Yanik Bürkli © 2026, Pro Litteris, Zürich

Er stellt sie eindringlicher denn je auch mit seiner Bilderflut, die jetzt im Bündner Kunstmuseum Chur zu sehen ist: eine riesige Auslegeordnung, die Hirschhorn seinen Atlas nennt. Es sind 45 Schautafeln mit Dokumenten, Zeichnungen, Skizzen und Fotos aus seinem Archiv zu früheren Installationen, Ausstellungen und Inszenierungen – eine Dokumentation, die sein gesamtes Schaffen auffächert. Ergänzt werden die durchnummerierten, aus Karton gefertigten und mit schwarzem Klebeband überzogenen Tafeln durch Originalwerke in Vitrinen und am Boden.

Der 1957 in Bern geborene und in Davos aufgewachsene Künstler ist für seine raumfüllenden Installationen bekannt. Eine Retrospektive auf das Hirschhornsche Universum wäre gar nicht möglich in einem Museum durchschnittlicher Grösse wie jenem in Chur. Die nun gezeigte Lösung ist gut: Seinem Prinzip des Settings und Mappings bleibt der Künstler dabei treu und kann mit diesem neuen Werkkomplex im Sinn einer dichten Blütenlese Einblick in die unterschiedlichsten Aspekte seines Riesenwerks bieten.

Das Ausstellungsformat weist überdies nicht nur Hirschhorn als gelernten Schriftsetzer aus, sondern erweist auch dem deutschen Kulturwissenschafter Aby Warburg (1866–1929) seine Reverenz. Hirschhorn liess sich von dessen Bilderatlas einer «Kunstgeschichte ohne Worte» aus 63 Tafeln mit rund tausend Bilddokumenten zur Wirkung der Antike auf die abendländische Kunst inspirieren.

In «My Atlas» tut Hirschhorn dasselbe wie Warburg, nur dass der Referenzrahmen – das «My» markiert dies – sein eigenes visuelles Universum ist. So gilt eine Tafel dem temporären Denkmal, das Hirschhorn jüngst in Genf Simone Weil gesetzt hat. Die Dokumentation macht die riesige von Hirschhorn eingerichtete Bastelstube unter der Kuppel des Pavillon Sicli von April bis Mitte Juni dieses Jahrs nochmals erfahrbar. Von deren Wänden beobachtete die französische Philosophin mit ihrer unverkennbaren Nickelbrille auf Fotoporträts das bunte Treiben: Da fanden sich jeden Tag Menschen ein zum Kaffeetrinken, zum Schach- oder Theaterspielen und zum Diskutieren.

Denkmal für Robert Walser

In der Tafel mit der Nummer 34 stösst man auf verschiedene Collagen, sogenannte Maps, zu grossen Figuren der Kulturgeschichte, darunter auch eine Fotografie der «Robert-Walser-Map». Sie entstand im Nachgang zu Hirschhorns Grossprojekt der «Robert-Walser-Skulptur» 2019 in Biel, der Vaterstadt des Schweizer Schriftstellers. Bei dem Aktionscamp mit Verschlägen aus Pappkarton und Sperrholz vor dem Bieler Bahnhof handelte es sich um einen Skulpturbegriff, den Hirschhorn um experimentelle und soziale Dimensionen erweiterte.

Auch hier ging der Künstler umfassend zu Werk. Er bezog die Bieler Bevölkerung mit ein. Er verursachte mit seinem budgetsprengenden Riesenprojekt politische Querelen. Und machte das literarische Scheitern des von ihm verehrten Dichters zur Kernaussage seiner tumultuösen Skulptur, die selber mehrmals kurz vor dem Scheitern stand.

«Be a Hero! Be an Outsider! Be Robert Walser!», hiess das Motto damals. Und passt ganz gut zu Thomas Hirschhorns künstlerischem Anspruch: anders, komplex, ausufernd und immer aufs Neue irritierend zu sein.

Thomas Hirschhorn. My Atlas, Bündner Kunstmuseum, Chur, 22. August bis 6. Dezember.

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