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Feuilleton – News und Hintergründe zu Kunst und Kultur | NZZ · Aug 23, 2026

«Woher kommt dieser Hass?»: Donat Hofer hadert mit seinem Viral-Hit von der Zürcher Bahnhofstrasse

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Linus Schöpfer, Fotografinnen und Fotografen · Neue Zürcher Zeitung

«Woher kommt dieser Hass?»: Donat Hofer hadert mit seinem Viral-Hit von der Zürcher Bahnhofstrasse

Porträt eines Schweizer Talents, dem gerade der Erfolg über den Kopf wächst.

Handlungsreisender in helvetischer Seelenkunde: SRF-Mann Donat Hofer.

Handlungsreisender in helvetischer Seelenkunde: SRF-Mann Donat Hofer.

Donat Hofer schwelgt in Erinnerungen. Er deutet auf einen Hügel: «Dort fuhr ich mit einem selbstgebastelten Snowboard hinunter . . . und habe mir dabei prompt einen Arm gebrochen.» Dann zeigt er auf eine Höhle: «Und dort drin habe ich meinen ersten Pesca Frizz getrunken.»

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Wir sind auf dem Spielplatz des Breitenrainquartiers, von den Bewohnern «Breitsch» genannt. Als Kind sei es der perfekte Ort gewesen, sagt Donat Hofer. «Es gab Platz und Natur, und der Umgang der Menschen war vertraut wie in einem Dorf. Zugleich lebten wir mitten in der Stadt.» Heute sei es nicht mehr ganz dasselbe, auch im Breitsch sei viel gebaut worden. Ein Anflug von Kritik, so scheint es. Doch Hofer wird gleich wieder versöhnlich: «Natürlich ist es hier immer noch wunderschön.»

Im Breitsch, dem bernischsten aller Berner Quartiere, wurde Hofer sozialisiert, hier wurde sein Charakter geprägt. Mittlerweile wohnt er in Zürich, erst wegen des Jobs, dann auch wegen der Familie.

Dass der «Sales Guy» zum Gespött wird, mag Hofer nicht

Der 39-Jährige erlebt gerade eine schwierige Zeit. Sein Gespräch mit dem fabulierenden Zürcher Finanzmanager Roman – «Everything that makes market go around, right?!» – ging viral und sorgte für ein Bohei, das seit Tagen anhält. Der «Sales Guy» wurde zum Gespött im Internet, was Hofer gar nicht recht ist.

Es ist der unerwünschte Höhepunkt seiner erstaunlichen Karriere, die Hofer zum Handlungsreisenden in helvetischer Seelenkunde werden liess. Für seine Sendung «Donat auf Achse» tourt er in einem klapprigen Mercedes durchs Land; er lehnt sich aus dem Fenster, spricht Menschen an und fragt, ob man miteinander ein wenig übers Leben reden könne.

Verblüffend viele sagen zu: «Drei von vier Angefragten machen mit.» Die Bäuerin guckt verwundert, wenn Hofer vorfährt, dann lädt sie ihn in die Stube ein. Der Gärtner stutzt erst, läuft darauf zum Hag und beginnt von seiner schweren Krankheit zu erzählen.

SRF zeigte diesen Monat die dritte Staffel von «Donat auf Achse». Gab es in früheren Episoden mitunter noch geplante Treffen, war diese Staffel nun die erste, die Donat Hofer komplett spontan gedreht hat. «Es hat geklappt! Die Menschen und ihre Geschichten haben zu uns gefunden.»

Ein Kind vom «Breitsch»: Donat Hofer auf dem Spielplatz im Berner Breitenrainquartier.

Die Frisur eines Hipsters, der Swag eines Berners

Hofer ist eine patente Erscheinung; er hat die Athletik eines Tennisspielers, die Frisur eines Hipsters und das Grinsen eines ewigen Spitzbuben. Und natürlich und vor allem hat Hofer diese wiegende Lässigkeit, diesen «Swag», wie es jüngere Menschen nennen würden, der jede Faser und Zelle zu durchdringen scheint, diese nonchalante Mischung aus Rustikalität und Tiefenentspanntheit, das typisch bernische Wesen eben. Übernähme jemand mit einer anderen Mundart seine Sendung, die Menschen liefen vermutlich rasch davon. Je nach Dialekt aus Sorge, man wolle sie beschimpfen oder ihnen eine unnütze Dienstleistung andrehen.

Auf unserem Rundgang kommen wir an Hofers Elternhaus vorbei, einem etwas lädierten, aber charmanten Häuschen mit Garten und roten Fensterläden. Seine Eltern waren Lehrer, linksalternatives Milieu.

Dass Hofer auch auf dem Land spielend leicht Zugang zu den Menschen findet – auch das dürfte mit der Gmögigkeit der Berner zusammenhängen, für deren Ursachen schon ganz unterschiedliche Erklärungen gefunden wurden. Die Nachbarschaft zur Romandie etwa. Oder dass die Berner seit Napoleons Überfall mit der Geschichte abgeschlossen hätten und seither das Verfliessen der Zeit mit gleichgültiger Gutmütigkeit hinnehmen würden. Vor genau hundert Jahren stellte der Germanist Otto von Greyerz in seinem Essay «Berner Geist» fest, die Berner hätten sich stets deutlich stärker für die gegenständliche Gegenwart interessiert als für hochtrabende Phantasien. Greyerz zitiert einen Berner Patrizier, der sich verteidigt und behauptet, er habe ja auch einmal Philosophie studiert.

Bloss: «A quoi cela m’a-t-il servi?»

Hofer versuchte sich als Segler, studierte Wirtschaft

Donat Hofer wiederum zitiert gern den Berner Rapper Baze: «D Vergangäheit isch wiä ä stinkigi Sockä – chasch sä abschtreiffä, doch dr Gschmack blybt hockä.»

Bis heute sei Berner Mundart-Rap jene Musik, die er am meisten höre. Wenn er es sich recht überlege, habe sich sein Musikgeschmack seit den Teenagerjahren eigentlich nicht mehr gross weiterentwickelt, sagt er entschuldigend.

Donat Hofer ist erst spät Journalist geworden, mit dreissig Jahren machte er sein erstes Praktikum. Vorher versuchte er sich als Segler, studierte Wirtschaft und Psychologie, nahm diesen Job an und gab jenen wieder auf, trampte durch Zentralamerika und beschäftigte sich ausführlich mit Yoga. Er fühle sich bis heute nicht als typischer Journalist, sagt Hofer. Tatsächlich: Das kritische Nachbohren, die Obsession für die Dissonanz – nichts liegt ihm ferner. Und genau daher kommt sein Erfolg. Die Leute mögen ihn, sehen keine Kluft zwischen ihnen und ihm, und innert Sekunden wächst eine gegenseitige Sympathie.

So geschehen auch beim Banker Roman, der dieser Tage als «Sales Guy» durchs Web geschleift wird. Hofer hatte ihn auf der Zürcher Bahnhofstrasse angesprochen, worauf der Banker – ganz «chatty», wie er selber sagte – zu reden begann. Zum Schluss erklärte er, «multiple Hundert» im Jahr zu verdienen. Worauf sich sogleich der Kleingeist des Internets zu regen begann.

Versetzte die Internetgemeinde in helle Aufregung: der Finanzmanager Roman.

Versetzte die Internetgemeinde in helle Aufregung: der Finanzmanager Roman.

Screenshot SRF

«Hätte ich gewusst, was dieser Beitrag auslöst, hätte ich ihn nicht auf Instagram veröffentlicht», sagt Hofer.

Die Sendung habe ihre Unschuld verloren, sagt Donat Hofer

Die Reaktionen hätten ihn nachdenklich gemacht. «Warum müssen wir heute ständig werten? Woher kommt dieser Hass?»

Jede Art von Polarisierung sei ihm zuwider; er interessiere sich für die Mitte der Gesellschaft; er glaube daran, dass wir letztlich alle miteinander im Gespräch bleiben könnten. Es ist paradox: Der Viral-Hit, der Traum jeder Influencerin, ist für Hofer ein geradezu existenzielles Problem.

Denn der «Sales Guy» beschert ihm zwar Klicks und Aufmerksamkeit, zugleich aber dürfte der Fall viele künftige Gesprächspartner misstrauisch gemacht haben. Warum sollten sie mit ihm reden? «In gewisser Weise hat meine Sendung ihre Unschuld verloren.»

Aber auch seine eigene steigende Popularität hilft ihm nicht. Man kennt sein Gesicht mittlerweile, sein Mercedes ist nicht mehr ganz so exotisch. Das zeigt die letzte Episode der jüngsten Staffel, als er von einer jungen Frau entdeckt wird, die seine Sendung kennt und sofort beginnt, ihre ach so wunderbare Liebesbeziehung auszubreiten. Auf dem Handy schaltet sie ihren Freund zu, der ebenfalls erklärt, wie unglaublich glücklich er sei. Die Szene wirkt unangenehm, wie ein aufdringliches Video auf Tiktok, performativ und affektiert.

Hofers wachsende Popularität wird zum Problem für seine Sendung.

Hofers wachsende Popularität wird zum Problem für seine Sendung.

Die Zukunft von «Donat auf Achse» ist ungewiss

Ob es nächstes Jahr eine weitere Staffel von «Donat auf Achse» geben werde, sei noch offen, sagt Hofer. Ihm mache das Format grosse Freude, aber das SRF müsse sparen. Auch er merke das. «Es ist nicht mehr so leicht, Geld für neue Sendungen zu bekommen.»

So oder so haben sich die Vorzeichen geändert. Hofer wird künftig versuchen müssen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, als sei er irgendein dahergelaufener, sympathischer Mann und überhaupt kein Promi und als gäbe es da draussen kein Internet, das sich jederzeit auf jedes Gesprächsfetzchen stürzen könnte.

Und auf einmal wirkt die naivste Sendung des Schweizer Fernsehens, als sei sie die komplizierteste von allen.

«Donat auf Achse», 3. Staffel, August 2026. Abrufbar in der SRF-Mediathek.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Ein Besuch beim letzten Mann, der am Leutschenbach noch gross gedacht hat.

Roman, «finance bro» von der Zürcher Bahnhofstrasse, hat es in Rekordzeit zu unfreiwilliger Berühmtheit gebracht. Aufschlussreicher als der junge Mann selbst sind indes die Mechanismen, die ihn plötzlich zum Internet-Star werden liessen.

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