Serie
Der König von Spanien liess den Prinzen von Oranien töten – und begründete damit das Königreich der Niederlande
Im März 1580 rief Philipp II. «alle Männer guten Willens» dazu auf, den «Diener Satans» zu töten. Gemeint war Wilhelm von Oranien. Ein junger Mann tat es und machte Wilhelm zum nationalen Märtyrer.
Volker Reinhardt 11 Leseminuten

Illustration Simon Tanner / NZZ
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wird es für gekrönte Häupter auf einmal gefährlich. Mehr als ein Jahrhundert lang leben sie mit dem stark erhöhten Risiko, eines gewaltsamen Todes zu sterben. Das liegt daran, dass die Theologen aller Konfessionen verkünden, dass man gekrönte Ketzer nicht leben lassen dürfe, und die Politiktheoretiker den Tyrannenmord als legitime Form des politischen Widerstands entdecken.
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Nur drei Beispiele: 1589 ersticht der Mönch Jacques Clément den katholischen König Heinrich III. von Frankreich, weil ihm dieser nicht katholisch genug ist. 1610 wird König Heinrich IV. vom fanatischen Katholiken François Ravaillac erstochen, weil er diesen König auch nach dessen Konversion zum Katholizismus für einen Ketzer hält. 1649 wird König Karl I. von England, Schottland und Irland als Tyrann und Feind des Volkes geköpft.
An diese makabre Serie knüpft sich eine selten gestellte Frage: Haben sich die Morde für die Mörder und ihre Auftraggeber eigentlich gelohnt? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Ganz im Gegenteil: Der Nachfolger Heinrichs III. als König von Frankreich ist bis 1593 ein Calvinist, in den Augen des Mörders also ein schlimmerer Ketzer als der Ermordete. Heinrich IV. wird nach seiner Ermordung erst wirklich volkstümlich, weil ihn der Dolch Ravaillacs daran hindert, einen kostspieligen und beim Volk verhassten Krieg zu führen. Und Karl I. wird als «Märtyrerkönig» zur Wiederbegründungsgestalt der englischen Monarchie, die von 1661 an bis heute andauert.
Doch kein politisch motivierter Anschlag hat, gemessen an den Absichten des Auftraggebers, so kontraproduktive Wirkungen entfaltet wie die drei Pistolenschüsse, die am 10. Juli 1584 um 13 Uhr in Delft das Leben Wilhelms, Prinz von Oranien, Graf von Nassau-Dillenburg und ab 1581 Statthalter der niederländischen Provinzen Holland, Seeland und Utrecht, auslöschten.
Der gewaltsame Tod hatte eine Verewigung zur Folge, die man bei jedem Länderspiel der niederländischen Fussball-Nationalmannschaft durch das Abspielen von «Het Wilhelmus» hören kann, das «Wilhelmslied», das seit Mai 1932 die offizielle Nationalhymne des Königreichs der Niederlande ist. In diesem zu seinen Lebzeiten verfassten, fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht ergreift Wilhelm selbst das Wort und gelobt seinem Volk Treue bis in den Tod – eine sich selbst erfüllende und zudem ziemlich naheliegende Prophezeiung.
Aufruf zum Töten
Denn am 15. März 1580 hatte der damals mächtigste Mann Europas, König Philipp II. von Spanien, ein «Bann-Edikt» von sechsundzwanzig eng beschriebenen Seiten gegen Wilhelm verfasst, das in einen Aufruf an alle Männer guter Gesinnung und guten Willens mündet: Wer sich bereit fühle, als Diener Gottes und des Königs der «Tyrannei, Unterdrückung und Unrechtsherrschaft» Wilhelms in den Niederlanden ein Ende zu bereiten, möge sich melden, rüsten und zur Tat schreiten und diesen Verräter und Mörder, diesen neuen Judas, diesen Ausbund aller Laster und Diener Satans töten, um die Welt von einer Pest zu befreien.
Als Anreiz für diese höchst tugendhafte Tat lobte der katholischste der damaligen Monarchen Europas die stolze Summe von 25 000 Goldkronen aus, zahlbar in bar oder in Form von Landbesitz nach vollbrachter Tat. Dazu kam unschätzbares soziales Kapital: Falls der erfolgreiche Attentäter noch nicht adelig sei, werde er mit seiner ganzen Familie in den erblichen Adelsstand erhoben. Und selbst falls er sich zuvor schwerster Vergehen gegen den König schuldig gemacht habe, werde das alles durch eine solche Heldentat ausgelöscht, vergessen und vergeben sein.
Vom ewigen Leben im Paradies musste der König nicht selber sprechen, dafür waren seine hohen Geistlichen zuständig, die natürlich auch diese kostbarste aller Belohnungen zusicherten. Die ausgesetzte Geldsumme entsprach ungefähr tausend Handwerker-Jahresgehältern. Wer den Prinzen von Orange tötete und selbst mit dem Leben davonkam, hatte also für immer ausgesorgt.
Dass nach der Veröffentlichung des in mehreren Sprachen, natürlich auch auf Niederländisch veröffentlichten königlichen Edikts der Run auf die Mord-Meldestelle einsetzte, ist nicht verwunderlich. Allerdings waren die ersten Kandidaten eine Enttäuschung – sie kassierten Vorschüsse und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Anzahlungen auf die Belohnung wurden deshalb ab 1582 nicht mehr gewährt.
Auch Balthazar Gérard aus einem Dorf im Burgund fühlte sich davon angesprochen. Er wurde von Alessandro Farnese, Philipps Statthalter in den Niederlanden, in Sachen Startsumme zwar ebenfalls abschlägig beschieden, machte sich aber trotzdem auf den Weg nach Delft, wo Wilhelm mit seiner Familie im Prinzenhof residierte.
Aus «deutschem Blut»
Warum dieser Mordbefehl? Was war geschehen, damit ein König von Spanien einen Prinzen von Oranien öffentlich zur Ermordung ausschrieb? Dreissig Jahre lang hatte es nach einer immer steileren Karriere Wilhelms in spanischen Diensten ausgesehen. Die seit dem 13. Jahrhundert in zwei Hauptlinien mit mehreren Zweigen geteilte Familie der Grafen von Nassau konnte sich auf einen römischen König namens Adolf berufen, dem zum Kaisertitel nur die Krönung durch den Papst fehlte – eine vornehme Abstammung, die in «Het Wilhelmus» selbstredend erwähnt wird.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts nannte das Haus Nassau-Dillenburg, dem Wilhelm entstammte, umfangreiche feudale Herrschaften in den Niederlanden, die dem König von Spanien als Lehnsherrn unterstellt waren, und das etwa 300 Quadratkilometer umfassende Gebiet von Orange in Südfrankreich sein eigen. Diese Besitzungen gingen nach dem Tod seines Vetters René 1544 an den elfjährigen Wilhelm über, der sich jetzt mit dem Titel eines «Prinzen von Orange» schmücken durfte und im Kurzverfahren gerne «der Oranier» genannt wurde.
Dass sich Orange später als Nationalfarbe der Niederlande, ihres Königshauses und der Fussballfans durchsetzte, beruhte allerdings auf einem Irrtum: Der Name Orange kommt von Arausio, der lateinischen Bezeichnung für einen keltischen Flussgott. Das kleine, aber feine «Fürstentum Orange» (Principauté d’Orange) hatte ursprünglich zum Heiligen Römischen Reich gehört, sich aber früh verselbständigt und bildete so ein souveränes Miniterritorium unter einem Herrscher, der sich als keiner höheren Gewalt untertan betrachtete – ein wichtiges Faktum zum Verständnis von Wilhelms Selbsteinschätzung und seinem späteren Auftreten.
Die Rangerhöhung des Grafen zum Prinzen war steil genug, um die Aufmerksamkeit des spanischen Königs und römischen Kaisers Karl V. zu erregen – er band seine Zustimmung zum Antritt des Erbes daran, dass Wilhelm an seinem Hof in Brüssel aufwuchs und damit katholisch blieb. Die Selbstbeschreibung, die dieser in «Het Wilhelmus» von seiner Herkunft aus «deutschem Blut» liefert, muss daher differenziert werden. Zum einen hatte «van Duitsen bloed» im 16. Jahrhundert wahrscheinlich eine breitere geografische Bedeutung, zum anderen wurde Wilhelm französisch akkulturiert und sprach vorzugsweise französisch, deutsch hingegen nur unvollkommen und niederländisch höchstens sehr gebrochen.
Eine nationale Vereinnahmung verbietet sich daher von selbst: Der Prinz von Oranien war ein europäischer Hochadeliger und als solcher erhaben über kleinliche Zuordnungen geografischer Art. Mit diesem Selbstverständnis und dem dazugehörigen aristokratischen Ethos fühlte er sich den spanischen Königen, in deren Dienste er trat, lange zutiefst verpflichtet. Auch als er längst mit den Aufständischen in den Niederlanden kooperierte, betonte er immer wieder, dass diese Opposition sich nicht gegen den Monarchen und dessen Herrschaft, sondern gegen dessen schlechte Diener, den Herzog von Alba und den Kardinal Granvelle, richte, die das arme, geschundene Volk zum legitimen Widerstand gegen eine im Namen des rechtmässigen Herrschers ausgeübte Tyrannei antrieben. Diese Haltung änderte sich erst, nachdem ihn sein König zur Ermordung freigegeben hatte.
Toleranz ist gefährlich
Also ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, mit einer damals sehr ungewöhnlichen Geisteshaltung: Toleranz. Duldsamkeit in Glaubensdingen war im 16. Jahrhundert eine sehr seltene Einstellung – und überaus gefährlich. Wer sich ihr verpflichtet fühlte, tat gut daran, das nicht öffentlich kundzutun oder wie Michel de Montaigne, der kluge Menschenbeobachter und Jahrgangsgenosse Wilhelms, diese Überzeugung geschickt zu verklausulieren. Kühne Toleranzbekenner wie Sébastien Castellio aus Savoyen, der einen umfangreichen Text darüber verfasste, dass man Ketzer nicht verfolgen dürfe, sondern die religiöse Gewissensfreiheit jedes Menschen heilig sei, kamen im Leben auf keinen grünen Zweig. Wilhelm war derselben Meinung, und das sollte Folgen haben.
Erst einmal aber ging es weiter bergauf. Philipp II., der Nachfolger Karls V. als König von Spanien, berief Wilhelm 1555 in den Staatsrat und ernannte ihn 1559 zu seinem Statthalter in den Provinzen Holland, Seeland und Utrecht in den spanischen Niederlanden, die auch das im 19. Jahrhundert selbständig gewordene Belgien umfassten. Mit dieser Position wurde der Prinz von Oranien in einen Konflikt involviert, der durch die Verquickung religiöser und politischer Motive schnell internationalen Charakter annahm.
Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen der 1560er Jahre durch die Politik Philipps II., der in seiner niederländischen Kolonie die seit Jahrhunderten fest etablierten Vorrechte des Adels aufhob, um eine von Madrid gelenkte Zentralisierung durchzusetzen. Die Abschaffung aristokratischer Privilegien verband sich mit der rigorosen Unterdrückung der calvinistischen Konfession, die dort seit den 1550er Jahren durch Genfer Missionare in den städtischen Eliten starken Widerhall gefunden hatte. Die Angehörigen der reformierten Kirche blieben zwar rein zahlenmässig in der Minderheit, bestimmten aber zusammen mit den Vertretern des hohen Adels den gegen die spanische Unterdrückung gerichteten Kurs der nachfolgenden Jahrzehnte.
Daran beteiligte sich an vorderster Stelle auch der Oranier. 1564 forderte er im spanischen Staatsrat etwas Unerhörtes: die Wiederherstellung der adeligen Privilegien und eine Politik, die ein friedliches Miteinander der verschiedenen Glaubensrichtungen und Kirchen in den Niederlanden herbeiführen sollte. Damit wurde er für Philipp II., der die französischen Könige immer dringlicher aufforderte, in ihrem Land die Hugenotten, die Anhänger der reformierten Religion, mit Stumpf und Stiel auszurotten, zum Abtrünnigen, Verräter und potenziellen Ketzer.
Andersgläubige zu dulden, war für überzeugte Katholiken, Calvinisten und Lutheraner eine Forderung, die dem Bösen Vorschub leistet. Bis 1567 versuchte Wilhelm in den eskalierenden Konflikten zu vermitteln und diplomatische Lösungen herbeizuführen – daher sein Beiname «der Schweiger», was auf seine Bevorzugung «stiller», gewaltloser Methoden verweist.
Flucht vor dem Schafott
Philipp II. schlug den umgekehrten Kurs ein. Nachdem sich niederländische Adelige 1566 zum Schutz ihrer Vorrechte zusammengeschlossen hatten und es im Jahr darauf zu calvinistisch inspirierten Zerstörungen von Bildern in Kirchen gekommen war, schickte er 1567 seinen gefürchtetsten General, den Herzog von Alba, zur militärischen Unterdrückung der Aufstände und zur Eliminierung von deren Führern in die Niederlande.
Dieser leistete ganze Arbeit. Seinem Terrorregime mit Scheiterhaufen für «Ketzer» und Schafotten für oppositionelle Aristokraten entzog sich der Prinz von Oranien 1567 in letzter Minute durch Flucht, um danach erfolglose Gegenfeldzüge gegen die überlegenen spanischen Truppen zu organisieren. Diesen militärischen Widerstand rechtfertigte er 1568 in zwei Manifesten, in denen er Alba zum Rebellen erklärte. Sich selbst stellte er als Verteidiger und Hüter der guten alten Ordnung und als wahren Diener seines Königs dar, dessen Herrschaft in den Niederlanden rechtmässig, aber auch an die dort gültigen Gesetze gebunden war.
Doch damit hielt er die Zuspitzung der Ereignisse in den 1570er Jahren nicht auf. Im Juli 1572 wählten die aufständischen Provinzen Wilhelm zum Statthalter und damit zum militärischen Oberbefehlshaber im Kampf gegen Spanien; im Dezember 1573 nahm er an einem reformierten Abendmahlsgottesdienst teil, was damals als Ausdruck des konfessionellen Übertritts galt. Ob das von ihm so gemeint war oder nur seine vermittelnde Rolle im Streit der Konfessionen symbolisieren sollte, war schon unter den Zeitgenossen umstritten.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es als Bekenntnis zu einem friedlichen Miteinander der verfeindeten Glaubensrichtungen zu bewerten – zentralen Dogmen des Calvinismus wie der Prädestinationslehre, die dem Menschen den freien Willen absprach, stand Wilhelm lebenslang denkbar fern. Zudem waren die konfessionellen Frontbildungen und die damit verbundenen Feindseligkeiten unter Hochadeligen nicht so ausgeprägt wie in bürgerlichen Schichten. Die gemeinsame aristokratische Abkunft zählte meistens mehr als die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kirchen, deren Geistliche sich bei der Auslegung der Eucharistie in die Haare gerieten.
1576 wurde Wilhelm in offiziellen Dokumenten erstmals als «Vater des Vaterlandes» bezeichnet, was seine politische, militärische und vor allem moralische Führungsrolle unterstreicht. 1579 spalteten sich die siebzehn Provinzen der spanischen Niederlande in zwei feindliche Lager: Zehn Provinzen schlossen sich in der Union von Arras zu einem katholischen und spanientreuen Bündnis zusammen. Die fünf nördlichen Provinzen Holland, Seeland, Utrecht, Geldern und Groningen Ommeland («Umland») vereinigten sich unter der Führung des Prinzen von Oranien in der gegen die spanische Herrschaft gerichteten Utrechter Union, die sich kurz darauf um Friesland und Overijssel zu sieben Provinzen erweitern sollte.
Verrat am Landesherrn?
Diese legten sich ein «Generalstände» genanntes Führungsgremium zu, erklärten im Juli 1581 in einem feierlichen Manifest den spanischen König für abgesetzt und konstituierten sich selbst zur «Republik der Sieben Vereinigten Niederlande» mit dem Prinzen von Orange als Statthalter, das heisst: oberstem Militärbefehlshaber.
Schon im Dezember 1580 hatte Wilhelm mit einer an die Generalstände gerichteten, mehr als hundert Seiten umfassenden Rechtfertigungsschrift, der «Apologie», auf den Bannspruch Philipps II. geantwortet. Darin verteidigte er sich gegen den für einen europäischen Hochadeligen moralisch vernichtenden Vorwurf des Verrats an seinem Lehensherrn. Sein Hauptargument: Jede Gefolgschaftstreue verkehrt sich in verwerfliche Komplizenschaft, wenn dabei moralische Grenzen überschritten werden. Dann greift ein höheres, natürliches und göttliches Recht, das besagt, dass der Diener eines Tyrannen sich selber schuldig macht.
Als «Tyrann, der auf Erden nicht geduldet werden kann», hatte sich Philipp II. durch seine «Grausamkeit, Unterdrückung und Wortbrüchigkeit» längst entlarvt, und zwar nicht nur gegenüber dem Volk der sieben Provinzen, das durch die Einführung einer grausamen Inquisition bis aufs Blut gequält wurde, sondern überall in seinem Reich von Spanien bis Neapel. Der Aufstand der Niederlande ist deshalb als Fanal für die Befreiung aller von Spanien versklavten Völker zu verstehen.
Mit diesem Aufruf, einem abgrundtief bösen Herrscher die Treue aufzukündigen, hatte der Konflikt seine höchste verbale Eskalationsstufe erreicht. Jetzt mussten die Waffen entscheiden. In dieser Hinsicht sah es für Wilhelm und die «abtrünnigen» Provinzen bis Anfang Juli 1584 nicht gut aus. Von Frankreich zugesagte Militärhilfe blieb aus, der spanische Generalstatthalter Alessandro Farnese, der fähigste Feldherr des 16. Jahrhunderts, eroberte für seinen König Stadt um Stadt.
Die Stimmung im Prinzenhof von Delft war deshalb einigermassen gedrückt, als Balthazar Gérard am 8. Juli 1584 unter einem falschen Namen anklopfte. Er kündigte an, wichtige Nachrichten zu überbringen, und wurde wider Erwarten sofort zu Wilhelm vorgelassen. Da er in einem ersten Schritt nur den Zugang und die Fluchtwege für den Anschlag auskundschaften wollte, hatte er keine Waffe bei sich.
Bei dieser ersten kurzen Unterredung soll er den Prinzen um etwas Geld gebeten haben. Dieses erhielt er und verwendete es postwendend für den Kauf einer Pistole nebst Munition. So schildert es jedenfalls die Anklageschrift, die das Verbrechen durch diese Heimtücke allerdings besonders infam erscheinen lassen wollte und daher mit einem Fragezeichen zu versehen ist.
Am Ende: ein Königreich
Als Gérard zwei Tage später mit einem erneuten Anliegen zurückkehrte, hatte er als vermeintlicher Informant des Prinzen kein Problem, diesen zu treffen und aus nächster Nähe zu erschiessen. «Gott, hab Erbarmen mit mir und diesem armen Volk»: Dies sollen die letzten Worte des tödlich Getroffenen gewesen sein. Frömmigkeit und Fürsorge für die ihm Anvertrauten im Augenblick des Todes – moralisch vollendeter konnte kein Aristokrat aus dieser Welt scheiden. Schon im Schlussabsatz seiner «Apologie» hatte Wilhelm geschrieben: «Mein Leben gehört euch, und zwar bis in den Tod.» Dieses Versprechen hatte er erfüllt.
Gérard wurde nach kurzer Flucht von Wilhelms Wachen ergriffen, vom Gericht der Stadt Delft zum Tode verurteilt und grausam hingerichtet. Seine Verwandten erhielten von Philipp II. das Kopfgeld von 25 000 Goldkronen und wurden geadelt – in dieser Hinsicht hatte sich der Auftraggeber des Mordes also nichts vorzuwerfen, und durch den Tod eines Rebellen und Ketzers kamen bei ihm erst recht keine Schuldgefühle auf.
«Wilhelmus von Nassauen», wie er sich in «Het Wilhelmus» nennt, aber wurde schon bald einhellig als Nationalmärtyrer bezeichnet und sein Grabmal in der Neuen Kirche von Delft als Nationalmonument verehrt. Die gezielte Memoriabildung wurde zu einem ideologischen Zusammenhalt der in der Folgezeit oft genug zerstrittenen sieben Provinzen, die 1648 als souveräner Staat völkerrechtliche Anerkennung erlangten.
Wilhelms fähiger Neffe Wilhelm Ludwig von Nassau-Dillenburg folgte ihm im Amt des Statthalters nach, das bis zum Untergang der Republik im Jahr 1795 im Besitz der Familie blieb. 1815 wurde der Sohn Wilhelms V., des letzten Statthalters, als Wilhelm I. König der Niederlande. Bis heute sind die Niederlande eine Monarchie. Ohne die alles überstrahlende Erinnerung an Wilhelm, den 1584 gemeuchelten «Vater des Vaterlandes», wären sie es wohl kaum geworden. Ein Attentat, das mit seiner Langzeitwirkung ein Königreich begründet hat: Wenn das Philipp II. gewusst hätte!
Volker Reinhardt ist emeritierter Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü.
Der politische Mord
Verschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 29. August lesen Sie, wie die russisch-amerikanische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen wurde.




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