Interview
Hamish Fulton, The Walking Artist: «Gehen kann eine körpereigene Droge sein»
Der britische Künstler Hamish Fulton ist wochenlang zu Fuss unterwegs, er wandert von Küsten zu Küsten, von Flüssen zu Flüssen, solo, barfuss, schlaflos. Hier verrät er, was er so über die Menschen gelernt hat.
6 Leseminuten

Gehen als Kunst: Hamish Fulton (vorne) in seinem Werk «The Old Road to Riano 9 April 2017» – 162 Menschen, aufgeteilt in zwei Linien, eine Stunde aufeinander zugehend.
PD
Frage: Hamish Fulton, neulich habe ich an einem Ihrer Public Walks teilgenommen. Wir sollten über die Zürcher Quaibrücke gehen, eine Stunde lang, nicht vorwärts, sondern rückwärts. Warum?
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Antwort: Ich interessiere mich für alle Arten des Gehens, das ganze Spektrum des Wanderns. Und wenn wir etwas so Alltägliches ganz anders tun, wird es zu einer speziellen Erfahrung. Oder nicht?
Frage: Am Anfang dachte ich, meine Güte, eine Stunde für nur 121 Meter und das rückwärts. Nach einer Weile aber schien alles wie in Zeitlupe vorbeizuflirren, die Menschen, die Autos, und plötzlich war die Stunde vorbei.
Antwort: Erfahrungen wie diese interessieren mich. Von aussen mögen sie seltsam oder gar langweilig wirken, dabei sind sie spannend und nie gleich. Wenn Menschen zusammen etwas Ungewöhnliches tun, entsteht auch ein Gefühl der Gemeinschaft, in dem sie in die falsche Richtung gehen und der Rest der Welt in die richtige. Ich experimentiere seit mehr als fünfzig Jahren mit verschiedenen Formen des Gehens, und es ist immer wieder eine unbekannte Grösse.
Frage: Sie sind von Küsten zu Küsten gegangen, von Flüssen zu Flüssen, von Norden nach Süden, durch Länder wie Schottland, Spanien, Kanada, Tibet oder Indien. Warum?
Antwort: Wandern ist das beste Mittel, sich von der Natur beeinflussen zu lassen. Insbesondere, wenn man auch nachts draussen zeltet. Die meisten Menschen wollen die Natur ununterbrochen nutzen und verändern. Ich gehe den umgekehrten Weg, indem ich sie auf mich wirken lasse.

Gar nicht so einfach: Eine Stunde lang über die Zürcher Quaibrücke gehen, nicht vorwärts, sondern rückwärts. Und schweigen bitte!
Tristan Emil Höfer-Bosch
Der gehende Künstler
1946 in London geboren, studierte der Brite an der St. Martin’s School of Art. Seit Ende der 1960er Jahre bezeichnet er sich als «Walking Artist»: Das Gehen ist für ihn die eigentliche Kunstform. Seine weltweiten Fussmärsche verarbeitet er zu Fotografien, Textarbeiten, Wandbildern und Plädoyers für Landethik oder Umweltrechte. Der 80-Jährige hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Canterbury.
Frage: Was geschieht da draussen mit Ihnen?
Antwort: Immer etwas anders. Als ich beispielsweise den Denali bestieg, den höchsten Berg Nordamerikas, war nicht die Route die Herausforderung, sondern die Kälte. Sie liess meine Sinne immer schärfer werden, immer wachsamer. Jedes Mal stehe ich wieder am Anfang einer mentalen Vereinfachung, alles verlangsamt sich, die Wahrnehmung verändert sich. All diese Eindrücke halte ich in Tagebüchern fest, auf die ich mich Jahre später beziehen kann, wenn ich an dieselben Orte zurückkehre und sehe, wie sich die Landschaft verändert oder meine Erfahrung. Gehen ist kontinuierliches Forschen.
Frage: Sie sind bei Vollmond gegangen, der Sonnenfinsternis entgegen, im Sommer, im Winter, barfuss, mit verbundenen Augen, durch wilde Landschaften, mehrfach sogar bis zu 200 Kilometer, ohne zu schlafen. Das klingt fast masochistisch.
Antwort: Ganz und gar nicht. Wenn man tagelang am Stück wandert, passieren interessante Dinge. Der Körper verbraucht so viele Stoffe, dass man zu halluzinieren anfängt. Eine Papiertüte zum Beispiel, die vor mir über den Weg wehte, verwandelte sich plötzlich in einen Truthahn. Das Gehen kann auch eine körpereigene Droge sein.
Frage: Gehen Sie, um Kunst zu machen, oder machen Sie Kunst, um zu gehen?
Antwort: Es ist eine Mischung. Das Gehen ist die wahre Kunst, während meine Arbeiten als Schilder auf Ereignisse in der Natur hinweisen. Viele betrachten diese immer noch als Ressource, die man endlos nutzen und verändern kann. Ich hingegen lebe nach der Outdoor-Philosophie «leave no trace» und versuche, keine Spuren zu hinterlassen. Ich würde auch nie Skulpturen produzieren, für deren Transport man Lastwagen oder gar Kräne braucht.

«A 15 Day Walk»: Dieses Wandbild repräsentiert eine 15-tägige Wanderung im Engadin.
Ralph Feiner
Frage: Dennoch werden Sie in einer Reihe mit sogenannten Land-Art-Künstlern wie Michael Heizer genannt, der unter anderem Gräben in die Wüste von Nevada fräsen liess.
Antwort: Leider. Dabei bin ich genau das Gegenteil: Viele Land-Art-Künstler machen Steinkreise, graben Löcher, wollen etwas bauen oder abtransportieren. Ich hingegen habe noch nie etwas aus der Natur verkauft und möchte auch keinerlei «Verbindung» zu Kunst, die von «entnommenen» Steinen oder Bäumen profitiert. Früher habe ich noch schwere Text-Bild-Arbeiten produziert. Heute fotografiere ich nur noch mit dem iPhone und mache Objekte, die klein oder leicht sind. In unserer Welt wird viel zu viel produziert. Aber wissen Sie, was mich noch viel mehr stört?
Frage: Nein.
Antwort: Es gibt den Materialismus der Land-Art, und trotzdem führen zeitgenössische Kunsthistoriker keine ernsthafte Debatte über den Respekt für die Natur.
Frage: Warum haben ausgerechnet Sie den Everest bestiegen, der als berggewordene Müllhalde das Gegenteil von «leave no trace» symbolisiert?
Antwort: Solange keine Rolltreppe zum Gipfel gebaut wird, bleibt der Berg lebensgefährlich. Man erlebt eine Natur, die sich jeder menschlichen Kontrolle entzieht, trotz all den Leichen, dem Müll und den furchtbaren Warteschlangen. Sie kann einem jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen, ob Sie ein millionenschwerer Tourist sind oder ein Sherpa.
Frage: Wie sind Sie zu dem Walking Artist geworden, als den Sie sich heute bezeichnen?
Antwort: Ich hatte das Glück, dass das Wandern mich gefunden hat – am 2. Februar 1967.
Frage: Was war an diesem Tag?
Antwort: Mein erster Art-Walk. Ich bin mit Studenten der St. Martin’s School of Art vom Zentrum Londons durch dichten Verkehr gewandert, auf überfüllten Strassen an Autos und Bussen vorbei, bis wir auf dem Feld eines Bauern am Stadtrand ankamen.
Frage: Wie kamen Sie auf so eine Idee?
Antwort: Wir hatten einen Professor, der uns experimentieren und nach anderen Kunstformen suchen liess. Damals machten viele erfolgreiche Künstler Metallskulpturen. Wir hingegen suchten nach Wegen, nicht das Objekt, sondern die Erfahrung ins Zentrum zu stellen. Dazu hat uns unter anderem Yoko Ono inspiriert, die damalige Frau des Beatles-Musikers John Lennon.
Frage: Ist sie auch mitmarschiert?
Antwort: Nein, sie kam mit einem japanischen Künstler an unsere Schule. Die beiden waren komplett in schwarz und krochen in einen grossen, schwarzen Stoffbeutel, um sich darin zu bewegen. So lernten wir, dass Kunst auch etwas ganz anderes sein kann als materiell.

Totale Reduktion: 28 Holzstücke für 28 Tageswanderungen und eine Engadiner Bergkulisse.
Cedric Mussano
Frage: Historisch gilt das Gehen als Wiederverbinden mit Gott. Den Kailash zu umrunden, den heiligen Berg im Westen Tibets, ist bis heute eine spirituelle Praxis. Ist Wandern auch für Sie mehr als eine Kunstform?
Antwort: Die sogenannte Kailash Kora, bei der man den Berg im Uhrzeigersinn umrundet, war definitiv spirituell. Nur schon der Anblick des Bergs – unvergesslich. Je tiefer ich in die Natur eintauchen kann, als umso spiritueller empfinde ich sie. Umgekehrt war etwa der Jakobsweg aufgrund der vielen Wanderer zwar sehr gemeinschaftlich, aber überhaupt nicht spirituell.
Frage: In Ihren Arbeiten taucht immer wieder die Zahl Sieben auf, Sie gehen sieben Tage lang, schweigen vierzehn Tage oder campen achtundzwanzig Tage.
Antwort: Die Sieben ist meine Glückszahl und in vielen Kulturen allgegenwärtig: In der Mythologie spricht man von sieben Sternen, Rom hatte sieben Hügel, unsere Woche hat sieben Tage. Ich nutze die Siebner-Reihe aber auch, um Wanderungen miteinander zu vergleichen.
Frage: Immer wenn Sie Arbeiten bei der Galerie Tschudi in Zuoz abliefern, steigen Sie sieben Tage hintereinander auf den Piz Padella. Warum ausgerechnet dieser Berg?
Antwort: Als ich das erste Mal im Engadin war, suchte ich einen Berg, den ich problemlos hintereinander besteigen kann.
Frage: Wird das nie langweilig?
Nein. Wer einen Gipfel nur einmal besteigt, wird ihn nie gleich sehen wie jemand, der siebenmal rauf- und runterwandert.
Frage: Sie sind etwa 2500 Tage Ihres Lebens nur gegangen. Welche Wanderungen waren besonders intensiv?
Antwort: 1978 war ich mit einem Freund in Zanskar, einem abgelegenen, tibetisch-buddhistischen Tal im Norden Indiens. Dort war jeder einzelne Tag ein Abenteuer: An einem bin ich in eine Gletscherspalte gefallen, am nächsten sahen wir von weitem einen wild gestikulierenden Mann, kurz darauf explodierten sechs Stangen Dynamit, weil sie eine neue Strasse bauten. Abends trafen wir auf einen Arzt, der einen Joint drehte und sagte: «Ihr seht müde aus, ihr müsst etwas rauchen.»
Frage: Was haben Sie über die Menschen gelernt?
Antwort: Dass sie viel freundlicher sind, als man meint. Einmal habe ich in Nepal in einem Teehaus übernachtet. Es gab nur einen Raum, in dem alle schliefen. Die Besitzerin sang jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Lied und jeden Morgen nach dem Aufstehen. Das war wunderschön.
Hamish Fultons Arbeiten sind bis am 19. September in der Galerie Tschudi in Zuoz zu sehen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»



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