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Feuilleton – News und Hintergründe zu Kunst und Kultur | NZZ · Aug 20, 2026

Versuchter Tabubruch: Milo Rau lässt in Israel Wagner aufführen

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Christian Wildhagen · Neue Zürcher Zeitung

Konzerte mit Werken des deutschen Komponisten sorgen wegen dessen antisemitischer Gesinnung und der Rolle seiner Musik im «Dritten Reich» immer wieder für Aufregung in Israel. Auch diesmal gibt es Proteste, aber nicht wegen der Musik.

Christian Wildhagen

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Der Schweizer Milo Rau ist unter anderem als Regisseur und als Intendant der Wiener Festwochen tätig.

Der Schweizer Milo Rau ist unter anderem als Regisseur und als Intendant der Wiener Festwochen tätig.

Georg Hochmuth / APA

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau hat erstmals nach langer Zeit wieder Musik von Richard Wagner in Israel aufführen lassen. Im Vorfeld seiner Neuinszenierung von Wagners «Fliegendem Holländer» an der Deutschen Oper Berlin veranstaltete Rau ein Projekt mit dem Titel «Wagner in the Holy Land», das in Jerusalem, Sderot und jetzt in Tel Aviv gastierte. Dabei wurden vier Nummern aus Bühnenwerken Wagners vorgetragen.

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Zu hören waren unter anderem die «Hallenarie» aus «Tannhäuser» sowie weitere populäre Nummern aus «Lohengrin», «Rienzi» und dem «Holländer». Anstelle der originalen Orchesterbegleitung erklang allerdings lediglich eine Fassung mit Klavier. Die Aufführung sollte als musikalischer Rahmen für Diskussionen dienen: über Künstler-Boykotte, die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und die gegenwärtige politische Lage. Das barg, wie immer bei Rau, der den Finger gern in offene Wunden legt, Konfliktstoff in mehrfacher Hinsicht.

Historisch belastet

Vordergründig zielt Rau vor allem auf das Wagner-Tabu in Israel. Es verbannt die Werke des deutschen Komponisten von öffentlichen Bühnen und weitgehend auch aus dem Rundfunk. Es gibt jedoch kein offizielles Verbot, erst recht nicht im privaten Bereich. Aber der Boykott, den das heutige Israel Philharmonic Orchestra bereits nach den November-Pogromen 1938 verhängte, wird noch immer respektiert.

Begründet wird er mit dem Antisemitismus Wagners, dessen Schriften und Werke später von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurden. Eine öffentliche Aufführung seiner Musik wird namentlich von vielen Überlebenden der Shoah und deren Nachkommen als Provokation empfunden. Dass Musik Wagners zur Beschallung von Insassen der Konzentrationslager eingesetzt wurde – auch bei der sogenannten «Selektion» und dem Weg in die Gaskammern –, ist durch Zeitzeugen belegt. Allerdings geht die Forschung inzwischen davon aus, dass noch häufiger Schlager- und Tanzmusik zum Einsatz kam.

Während der vergangenen Jahrzehnte gab es immer wieder Vorstösse international bekannter Künstler, das Wagner-Tabu aufzubrechen. So sorgte Zubin Mehta schon 1981 für Protestbekundungen aus den Reihen des Publikums, als er in Tel Aviv den «Liebestod» aus «Tristan und Isolde» dirigierte. Zu Tumulten kam es auch 2001, als Daniel Barenboim in Jerusalem unangekündigt das «Meistersinger»-Vorspiel zu Gehör brachte – es gilt durch seine Verwendung bei den «Reichsparteitagen» als historisch besonders belastet.

Fragwürdige Verknüpfung

Bei Milo Raus Veranstaltung blieben ähnlich ablehnende Reaktionen dagegen aus. Das Publikum habe vielmehr «andächtig» zugehört, hiess es in einem Bericht der «FAZ». Zu Protesten kam es erst, als die von Rau eingeladene israelische Theatermacherin Einat Weitzman eine Verknüpfung zwischen der Musik, deren Missbrauch im Holocaust und dem gegenwärtigen Gaza-Krieg herzustellen versuchte.

In ihrem Redebeitrag forderte sie gemäss dem «FAZ»-Bericht zunächst, die Musik zu stoppen, damit man «das Summen der Drohnen über Gaza» und die Stimmen der Kinder hören könne. Dann merkte sie an, es sei vielleicht nicht unpassend, dass Wagners Musik die Menschen in Gaza in den Tod begleite. Daraufhin gab es empörte Rufe, Besucher verliessen den Saal, und eine Anwesende hielt den Veranstaltern vor, sie gäben mit Weitzmans Auftritt einer Position Raum, die das Existenzrecht Israels infrage stelle.

Die Debatte um Wagner wurde damit jedenfalls komplett von den aufgeheizten Konflikten der Gegenwart überlagert. Auch die erst kürzlich in Bayreuth neu angestossene Diskussion um Wagners Antisemitismus erhielt durch Raus plakative Aktion keinerlei sinnvollen Input. Eine vertane Chance.

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