Die Talentfabrik von Nordsjaelland: Wie es ein dänischer Fussballklub geschafft hat, mit Transfers reich zu werden
Der FC Nordsjaelland, der Europacup-Gegner des FC St. Gallen, agiert im Fussball-Kasino mit einer radikalen Jugendstrategie und exportiert Spieler für Millionensummen, vor allem solche aus Afrika.
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Kein Klub setzt so sehr auf junge Spieler wie der FC Nordsjaelland – Caleb Yirenkyi (rechts) verliess den Klub jüngst für 27 Millionen Franken nach England. Ein Rekord.
Tobias Jorgensen / Imago
Gerade erst hat der FC Nordsjaelland wieder einen dieser Transfers getätigt, die eigentlich viel zu gross für ihn sind. 25 Millionen Franken für einen einzigen Spieler, und das als Fussballklub aus Dänemark, dessen Stadion im Speckgürtel von Kopenhagen steht und in dem sich durchschnittlich nur gerade etwas über 3500 Zuschauer verlieren.
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Die beiden Zahlen passen nicht zueinander, und die Asymmetrie zeigt schon, was dieser FC Nordsjaelland für ein Klub ist: ein aussergewöhnlicher, in vielerlei Hinsicht, und zuallererst vielleicht in dieser: Sein Wesenszweck besteht schon auch darin, Fussballspiele zu gewinnen. Aber noch mehr besteht er darin, Fussballspieler zu verkaufen.
Das versteht er wie kein anderer Klub in Dänemark und überhaupt wie kein anderer in seiner Gewichtsklasse. Das gilt auch für den FC St. Gallen, mit dem sich Nordsjaelland am Donnerstag in der Ostschweiz misst, im Play-off-Rückspiel um den Einzug in die Conference League. Das Hinspiel haben die Dänen 1:0 gewonnen.
Die Begegnung hat ihren Reiz, weil die Ausgangslage so offen ist. Und vor allem, weil in St. Gallen zwei Klubs aufeinandertreffen, die ein Geschäftsmodell gefunden haben und ihren Platz in der Fussballwelt. Sie stehen dafür, dass man auch im europäischen Fussballmittelbau erfolgreich wirtschaften kann, und zwar auf ganz unterschiedliche Art. Hier die dänische Transferfabrik, die den Betrieb mit Spielerverkäufen finanziert. Da die St. Galler Gefühlsfabrik, die von ihrer Verankerung in der Region lebt, von Zuschauereinnahmen und Sponsorengeldern.
Wie ein hochinnovativer Zulieferer
Wenn man den Fussball nicht als Spiel betrachtet, sondern als Wirtschaftszweig – und das tun die Verantwortlichen beim FC Nordsjaelland –, dann ist der Klub so etwas wie der hochinnovative, spezialisierte Zulieferer, bei dem sich die Grösseren in der Branche mit hochwertigen Einzelteilen eindecken.
Zum Beispiel eben mit dem 25-Millionen-Mann Caleb Yirenkyi, einem jungen Mann aus Ghana, den die Dänen gerade in die Premier League verkauft haben, zum Aufsteiger Coventry City.
So viel Geld hat Nordsjaelland noch nie für einen Spieler eingenommen, überhaupt hat noch nie ein dänischer Klub einen solchen Verkauf getätigt, auch der Dominator FC Kopenhagen nicht. «Dänischer Rekordtransfer», streicht Alexander Riget, der Sportchef, im Gespräch mit der NZZ durchaus stolz heraus.

Er sagt, sein Klub wolle Träume verwirklichen: Alexander Riget, der Fussballdirektor des FC Nordsjaelland.
Tobias Jorgensen / Imago
Das Geschäft fügt sich in eine lange Liste von Millionentransfers ein. In den letzten sechs Saisons hat Nordsjaelland acht Fussballer für 10 Millionen Franken oder mehr verkauft. Insgesamt verzeichnete er allein in diesem Zeitraum Transfereinnahmen von 194 Millionen Franken. Und schrieb bemerkenswerte Gewinne. 2025 waren es nach Steuern 26 Millionen und im Jahr davor rund 14. Das Eigenkapital beträgt stolze 56 Millionen.
Es sind aussergewöhnliche Kennzahlen, zumal für einen Klub dieser Grösse. Der FC Nordsjaelland hat sie dank seiner Transferstrategie erwirtschaftet. Wie sie funktioniert, lässt sich am Beispiel von Caleb Yirenkyi erzählen. Entdeckung als Elfjähriger in seiner Heimat Ghana, von Scouts aus dem Klubuniversum. Ausbildungsjahre in der dortigen Nachwuchsakademie. Beförderung ins Jugendteam von Nordsjaelland. Schliesslich: Sprung in die erste Mannschaft. Und zwei Jahre später: Millionentransfer nach England.
Am Anfang dieses Transfers stand eine untypische Transaktion. 2015 kauft die ghanaische Akademie Right to Dream den FC Nordsjaelland, um ein Problem zu lösen: Sie bildete zwar viele vielversprechende Talente aus, der Sprung nach Europa fiel diesen aber oft schwer. Also übernahm die Akademie, die einst der Engländer Tom Vernon gegründet hatte, gleich einen ganzen Klub. Und baute ihn zum Brückenkopf in den europäischen Fussball um.
45 Prozent der Spielminuten für Spieler unter 21
Heute verfolgt der FC Nordsjaelland die radikalste Jugendstrategie in ganz Europa. Gemäss einer Untersuchung entfielen zwischen 2021 und 2026 rund 45 Prozent der Einsatzminuten auf Spieler unter 21 Jahren. Der Spitzenwert, mit Abstand. Und das Ergebnis einer dogmatischen Kaderplanung. 70 bis 75 Prozent der Plätze, sagt der Sportchef Riget, seien für Spieler unter 21 Jahren reserviert; hinzu kommen ein paar routinierte Akteure, sogenannte «Stabilitätsspieler». Eine einheitliche Spielweise und eine Klubkultur, in der Fehler erlaubt sind, sollen die Integration erleichtern. Die regelmässigen Spitzenplätze in der dänischen Super League zeigen, dass der Plan aufgeht.
Wie er auf dem Platz aussieht, liess sich im Hinspiel gegen St. Gallen beobachten. Ein 18-, ein 19-Jähriger und drei 20-Jährige standen in der Startformation. Alle stammen aus den bevorzugten Rekrutierungsgebieten in Westafrika und Skandinavien. Für keinen der Spieler hat der Klub Ablöse bezahlt, weil er alle schon als Junioren entdeckt und in sein System integriert hat.
Und wenn ein Angebot für einen von ihnen eintrifft, ziehen die Fussballer weiter. Wie diesen Sommer Yirenkyi. Wie vor ihm etwa der Norweger Andreas Schjelderup, die Ghanaer Kamaldeen Sulemana und Ernest Nuamah oder der Ivoirer Simon Adingra. Alle waren an der WM im Sommer dabei, alle entstammen dem Akademiesystem von Right to Dream.
Zu dessen Versprechen gehört, dass die Zöglinge dort nicht nur fussballerisch, sondern auch schulisch ausgebildet werden. Und dass sämtliche Einnahmen ins System, namentlich die Akademien, reinvestiert werden.
«Warum wir das alles machen? Weil wir helfen wollen, Träume zu verwirklichen», sagt der Sportchef Riget einmal. Neben den Akademien in Ghana und Dänemark gibt es mittlerweile Ableger in Ägypten und in San Diego. Letztere sind entstanden, nachdem die milliardenschwere ägyptische Mansour Group Right to Dream im Jahr 2021 für rund 100 Millionen Franken übernommen hat. Die Träumefabrik segelt seither unter der Flagge eines internationalen Grosskonzerns, und die neuen Standorte in Ägypten und den USA zeigen, worum es nun geht: Expansion.
Im FC Nordsjaelland kommen und gehen die Spieler, die meisten spielen nicht lange für die erste Mannschaft. Entdecken. Ausbilden. Verkaufen. Ein ewiger Kreislauf, klinisch und kühl und nicht dazu geeignet, das Volk in Heerscharen anzulocken. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die wenigsten in der Fussballbranche so genau wie die Dänen wissen, was sie wollen. Und es dann auch genau so machen.




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