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Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 26, 2026

Wie entsteht Weltklasse? Die grosse Kunst, die Stars nach Zürich zu holen

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Remo Geisser · Neue Zürcher Zeitung

Wie entsteht Weltklasse? Die grosse Kunst, die Stars nach Zürich zu holen

Die Planung des Events im Letzigrund beginnt fast ein Jahr vor dem ersten Startschuss. Der Co-Meetingdirektor Andreas Hediger erklärt, weshalb er Athleten verpflichtet, die gar nicht antreten. Und warum es immer wieder Voodoo-Disziplinen gibt.

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Für internationale Stars ist Weltklasse Zürich eine der ersten Adressen: Andy Díaz Hernández feiert nach dem Dreisprungsieg 2025 im Letzigrund.

Für internationale Stars ist Weltklasse Zürich eine der ersten Adressen: Andy Díaz Hernández feiert nach dem Dreisprungsieg 2025 im Letzigrund.

Ennio Leanza / Keystone

Wer lässt bei Weltklasse Zürich das Stadion erbeben? Der Überflieger Mondo Duplantis? Die Olympiasiegerin im 100-m-Lauf? Vielleicht. Doch wenn der Co-Meetingdirektor Andreas Hediger die Disziplinen auswählt, achtet er zuerst darauf, dass er die besten Schweizer in Szene setzen kann. Erst dann kommen die internationalen Stars.

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Das mag überraschen, denn es sind die ausländischen Athletinnen und Athleten, die dank Olympiagold ganz oben in der Hackordnung stehen. 2010 sagte der Übersprinter Usain Bolt den Start in Zürich wegen einer Verletzung kurzfristig ab. Der damalige Meetingdirektor Patrick Magyar wurde daraufhin tatsächlich gefragt, ob er die Veranstaltung deshalb ausfallen lasse.

Das Meeting fand statt. Aber die Frage sagt auch etwas über den damaligen Zustand der Schweizer Leichtathletik aus. Es gab schlicht keine nationalen Helden, die das Publikum ins Letzigrundstadion gelockt hätten. Die Organisatoren kamen deshalb auf die Idee, kurz vor dem Hauptprogramm den Marathon-Europameister Viktor Röthlin mit einer Schweizer Flagge eine Ehrenrunde drehen zu lassen.

Seither hat sich die Situation grundlegend geändert. Mujinga Kambundji wurde zum Leitstern gleich mehrerer Generationen erfolgreicher Schweizer Athletinnen und Athleten. Sie am Start zu haben, ist heute für die Veranstalter wichtiger als jeder internationale Star, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit zu generieren und die Stimmung im Oval anzuheizen. Wenn die Kambundji-Schwestern aus den Startblöcken schnellen, wenn Simon Ehammer im Weitsprung abhebt, wenn Dominic Lobalu eine fulminante Schlussrunde läuft: Dann steigt der Lärmpegel.

Nicht immer lockten die Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten viele Zuschauer in den Letzigrund – heute aber ist das Ziel der Veranstalter, möglichst viele hiesige Stars wie Mujinga Kambundji zu engagieren.

Nicht immer lockten die Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten viele Zuschauer in den Letzigrund – heute aber ist das Ziel der Veranstalter, möglichst viele hiesige Stars wie Mujinga Kambundji zu engagieren.

Oliver Lerch / Imago

Der Poker mit Jason Joseph geht auf

Für den Co-Meetingdirektor Hediger spielt das Thema «Athletenverpflichtung» deshalb bereits eine entscheidende Rolle, wenn jeweils im Spätherbst die Disziplinen für die Diamond-League-Meetings des kommenden Jahres verteilt werden. Sein Ziel: möglichst viele Schweizer Stars zu engagieren. Das beginnt schon beim Vorprogramm. Für dieses Jahr nahm Hediger die 110 m Hürden als Zusatzdisziplin auf. Der Plan war, eine EM-Revanche mit dem Schweizer Jason Joseph zu inszenieren und damit früh am Abend einen emotionalen Höhepunkt zu schaffen.

Sein Poker ging auf: Joseph gewann in Birmingham EM-Gold, nun bekommt das Publikum im Stadion einen Schweizer Europameister zu sehen, schon bevor die Live-Übertragung des Fernsehens beginnt. Hätte sich der Schweizer verletzt, hätte Hediger ein völlig neues Feld mit Stars aus Übersee zusammenstellen müssen.

Weltklasse Zürich ist in diesem Jahr nicht Diamond-League-Final, was die Arbeit bei der Athletenverpflichtung wesentlich vereinfacht. Denn Hediger kann für sein Einladungsmeeting verpflichten, wen er will. Er kann zum Beispiel mit dem Manager des Stabhochspringers Duplantis früh Gespräche führen und den Athleten verpflichten, bevor dieser überhaupt in die Saison gestartet ist.

Für den Final-Event müssen sich die Athletinnen und Athleten hingegen qualifizieren. Das klingt, als würden sich die Felder von selbst füllen, ist in der Praxis aber wesentlich komplizierter. Denn Qualifizierte können absagen, weil sie müde oder verletzt sind, keine Lust haben oder ihnen das Preisgeld nicht hoch genug ist.

So kommt es, dass Hediger bei Finalveranstaltungen immer wieder mit dem konfrontiert wird, was er eine «Voodoo-Disziplin» nennt: Leute sagen zu und wieder ab, das Feld verändert sich fast täglich. «Mit den Top 10 im Diamond Race rede ich sowieso», sagt Hediger, «dazu nehme ich noch bis zu acht Athletinnen und Athleten für den Fall der Fälle». Aber es kann auch so herauskommen wie 2022 beim 5000-m-Rennen der Frauen, als Hediger letztlich die Nummer 31 verpflichten musste, die gerade einmal ein Pünktchen im Diamond Race errungen hatte.

Mit seiner berührenden Lebensgeschichte und fulminanten Läufen ist Dominic Lobalu (Mitte links) schnell zu einem Publikumsliebling geworden.

Mit seiner berührenden Lebensgeschichte und fulminanten Läufen ist Dominic Lobalu (Mitte links) schnell zu einem Publikumsliebling geworden.

Olaf Rellisch / Imago

Die Situation verkompliziert sich zusätzlich durch eine Regel, die sich Hediger selbst auferlegt hat: keine leere Bahn! Um das sicherzustellen, werden für alle Laufwettbewerbe Ersatzleute verpflichtet. Mit ihnen wird eine Gage ausgehandelt, für die sie nach Zürich kommen, sich vorbereiten und sich am Abend aufwärmen.

Am Morgen verpflichtet, am Abend am Start

Sie machen alles mit, bis die Teilnehmenden in den Call-Room gerufen werden, wo sie sich kurz vor dem Start einfinden müssen. Fällt jemand kurzfristig aus, rückt der Ersatz nach, sonst kann er sich auf die Tribüne setzen oder ins Hotel gehen und bekommt seinen Lohn. Wer hingegen nachrückt, rennt um das Preisgeld. Der Amerikaner Marvin Bracy, 2022 immerhin WM-Zweiter über 100 m, reiste auch schon als Ersatzläufer an und kam nicht zum Einsatz.

Wie hektisch es manchmal zugeht, zeigt ein anderes Beispiel: Die Jamaicanerin Megan Simmonds, 2021 Olympiadritte über 100 m Hürden, bekam 2022 die Einladung nach Zürich am Donnerstagmorgen und stand am Abend auf der Bahn. Hediger wusste, dass sie in Österreich war, und er schaffte es auch noch, einen Flug zu buchen, der sie rechtzeitig nach Zürich brachte.

All das kostet Geld. Weltklasse Zürich hat Athletenausgaben in Höhe von mehr als zwei Millionen Franken. Nur ein Teil davon fliesst als Preisgeld. «Wer einen Marktwert hat, bekommt auch eine Antrittsgage», sagt Hediger. Dabei gibt es beträchtliche Unterschiede, nur die Stars kassieren gross ab. Ein historischer Überflieger war in dieser Hinsicht Usain Bolt, der einen Fixpreis von 300 000 Dollar hatte.

Davon können die heutigen Stars nur träumen, aber immerhin hat sich der Markt nach schwierigen Jahren wieder erholt. Jetzt ist er wieder auf dem Niveau der 1990er Jahre, als die Allerbesten wie etwa der Sprinter Carl Lewis oder der Weltrekordläufer Kenenisa Bekele 100 000 Dollar erhielten. Wie schon damals gilt auch heute: Nur Einzelne verdienen sechsstellig, einige weitere hohe fünfstellige Beträge.

Wenn Simon Ehammer im Weitsprung abhebt oder Dominic Lobalu eine fulminante Schlussrunde läuft, dann steigt im Letzigrund der Lärmpegel.

Wenn Simon Ehammer im Weitsprung abhebt oder Dominic Lobalu eine fulminante Schlussrunde läuft, dann steigt im Letzigrund der Lärmpegel.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Dazu kommen Preisgelder. Diese wurden zwar auf diese Saison hin etwas erhöht, doch reich wird man damit nicht. Am meisten werfen die Diamond+-Disziplinen ab, zum Beispiel der 100-m-Lauf der Männer. Gewinnt jemand alle sieben Rennen der Saison und den Final, streicht er 200 000 Dollar ein. Das gesamte Preisgeld der Diamond League für das Jahr 2026 beträgt 9,24 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Im Tennis gewann Carlos Alcaraz allein für den Sieg am US Open 5 Millionen Dollar, das Turnier schüttete total 90 Millionen aus.

Aber Leichtathletik ist halt nicht Tennis. Wer hier ein Startgeld erhält, muss auch abseits des Stadions etwas leisten. Was das genau ist, wird vertraglich festgehalten. Die Sprinterin Julien Alfred zum Beispiel präsentierte sich 2025 am TV im «Sportpanorama», dieses Jahr beehrte sie Kinder bei «Jugend trainiert mit Weltklasse». Oft stehen auch Pressekonferenzen und Interviews in den Verträgen oder eine Anzahl Posts in den sozialen Netzwerken.

Extreme Starallüren sind Hediger bisher nicht aufgefallen, niemand verlangt ein ganz spezielles Mineralwasser oder einen edlen Champagner. Einmal wollte jemand einen Hund mitbringen, aber das Athletenhotel liess keine Haustiere zu. Es kann vorkommen, dass jemand sagt: «Ich trete nur an, wenn der- oder diejenige nicht auch kommt.» Aber auf solche Forderungen tritt Hediger nicht ein. Wer in Zürich startet, muss sich mit den Besten messen. Das wird auch dieses Jahr so sein.

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