RSS Amplifier

Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 20, 2026

«Weltuntergang», sagt der Bergretter: Eine Dokumentation über Einsätze im Gebirge ist ein Renner – und löst eine Kontroverse aus

0
Sign in to vote or save

Stephanie Geiger · Neue Zürcher Zeitung

«Weltuntergang», sagt der Bergretter: Eine Dokumentation über Einsätze im Gebirge ist ein Renner – und löst eine Kontroverse aus

«In höchster Not» dreht sich um verirrte Bergsteiger, verunfallte Skifahrer oder in Not geratene Hunde. Experten hoffen, dass sie Leute davon abhält, sich in den Bergen leichtsinnig zu verhalten.

Stephanie Geiger

4 Leseminuten


Das Erfolgsrezept der Bergretter-Doku ist simpel: Der Zuschauer kann sich vom Wohnzimmer aus an der Not anderer ergötzen.

Das Erfolgsrezept der Bergretter-Doku ist simpel: Der Zuschauer kann sich vom Wohnzimmer aus an der Not anderer ergötzen.

BR / Timeline Production

Dieser Einsatz der Bergwacht Grainau im Mai dieses Jahres hat es in sich. Gerufen werden die Bergretter, weil ein Bergsteiger sich am Übergang vom Höllentalferner zum Zugspitze-Klettersteig verletzt hat. Das allein wäre angesichts des herannahenden Gewitters kein Problem für die Bergretter. Doch dann rutscht ein unbeteiligter Bergsteiger etwas unterhalb der Einsatzstelle auf dem Gletscher aus und fällt in eine Spalte. Und schliesslich entscheiden sich zwei andere, ihren Aufstieg nicht fortzusetzen.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Aus einem verletzten Bergsteiger sind nun plötzlich mehrere geworden, die vom Berg gebracht werden müssen. Dann beginnt es auch schon zu blitzen und zu donnern. Der Regen ist so heftig, dass das Wasser in Bächen von der steilen Wand fliesst. Kleine Steinchen prasseln herunter. Nicht ausgeschlossen, dass auch ein grösserer Stein herunterfallen und schwerwiegende Verletzungen verursachen könnte. Unter einem Felsvorsprung in der Randkluft suchen Retter und Patienten Schutz.

Das denkbar schlechteste Szenario ist eingetreten. «Weltuntergang», sagt ein Bergretter. Das ist tatsächlich so passiert und Teil der ARD-Doku-Serie «In höchster Not – Bergretter im Einsatz». Sie begleitet ehrenamtliche Retter der Bergwacht Bayern bei ihrer schwierigen und teilweise auch gefährlichen Arbeit im Gebirge. Unlängst wurde in der ARD-Mediathek die zweite Staffel veröffentlicht.

Der Zuschauer kann sich aus dem Wohnzimmer an der Not anderer ergötzen

Die Dokumentation kommt an, weil sie Neugier und Sensationslust befriedigt und ungewöhnliche Informationen liefert. Das Interesse der Zuschauer ist ungebrochen. «‹In höchster Not› ist eines der erfolgreichsten Doku-Formate der ARD», heisst es beim Bayerischen Rundfunk. Die beiden Staffeln der Sendung wurden seit dem Start im vergangenen Jahr in Summe 17,2 Millionen Mal abgerufen.

Geboten bekommen die Schaulustigen zu Hause auf der Couch das volle Programm: Bergsteiger, die sich verirrt haben, Einsätze auf der Skipiste, die Rettung von Hunden. Vom Wohnzimmer aus kann man sich so an der Not anderer ergötzen. Zu Hause ist auch leicht zu urteilen: Weiss doch jeder, dass man bei einem Gewitter nicht in einen Gletschersteig einsteigt! Kann doch nicht so schwierig sein, auf dem Weg zu bleiben! Wegen so einer Lappalie die Bergrettung rufen, was fällt denen ein!

Bei der Bergwacht in Bayern treffen viele positive Reaktionen ein.

Bei der Bergwacht in Bayern treffen viele positive Reaktionen ein.

BR / Timeline Production

Vermutlich dachten sich das auch manche Patienten, die vom Berg geholt wurden. Nicht jeder ist jedenfalls gleich stolz darauf, im Mittelpunkt eines Rettungseinsatzes zu stehen. Es gibt auch Patienten, die ihr Gesicht lieber nicht im Fernsehen zeigen wollen.

Reportagen und Dokumentationen über Bergretter und ihre Arbeit am Berg gab es immer wieder, auch im Schweizer Fernsehen. Die Serie, die die Bergretter von Grainau, wo die Zugspitze jedes Jahr viele tausend Menschen anzieht, und von Ramsau am Fuss des Watzmann begleitet, rückt noch einmal näher ran.

Die Produktionsfirma hat die Bergretter für ihre Einsätze mit Bodycams ausgestattet. Diese werden entweder an der Brust mit einem Gurt oder am Helm befestigt, um die Einsätze so authentisch und unmittelbar wie möglich zu dokumentieren, wie die Produzentin Julia Heinzelmann erklärt. «Die Bodycams liefern vor allem dann wichtige Bilder, wenn unsere Kamerateams am Einsatzort nicht dabei sein können, wie bei Helikopterflügen, bei denen in der Regel kein Kamerateam mitfliegen kann.» Allein für die erste Staffel wurden so bei rund 80 begleiteten Einsätzen mehr als 2000 Stunden Material aufgezeichnet.

Die Bergretter profitieren von der Serie

Bei der Bergwacht Bayern freut man sich über die vielen positiven Rückmeldungen. Und vor allem, dass damit die ehrenamtliche Arbeit der Bergretterinnen und Bergretter besondere Aufmerksamkeit bekommt, wie Roland Ampenberger von der Stiftung Bergwacht erklärt. «Die Ehrenamtlichkeit der Bergwacht in Bayern war den meisten nicht bewusst. Entsprechend häufig werden die aktiven Einsatzkräfte mit Anerkennung darauf angesprochen. Die Rettungswachen der Bereitschaften im Tal sind mittlerweile Anziehungspunkte für Fans der Serie.»

Die grosse Resonanz trägt dazu bei, dass mehr Menschen die Arbeit der Bergwacht aktiv unterstützen möchten und hier auch schon ein Zuwachs bei Spenden und Zuwendungen spürbar ist, wie Ampenberger erzählt. Roland Ampenberger erwartet zudem, dass die Dokumentation auch einen pädagogischen Mehrwert hat. «Wir hoffen, dass die Serie das Bewusstsein für die Risiken im Gebirge stärkt. Sie zeigt eindrücklich, dass Bergsport faszinierend ist, aber auch Eigenverantwortung, Vorbereitung und eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten erfordert.»

Die Doku schlägt gerade in dieser Hinsicht Wellen. Eine Berg-Influencerin aus Kiel gab mit einem Augenzwinkern vermeintliche Tipps, wie man es bestimmt als Nebendarsteller in eine der nächsten Folgen schafft. «So bewirbst Du Dich für die dritte Staffel ‹In höchster Not›», war da zu lesen. Ihre Vorschläge: Hinweise auf Steinschlag ignorieren und unbedingt im steinschlaggefährdeten Bereich Pause machen. Bei angesagter Gewittergefahr eine Tour über einen Grat unternehmen. Am Berg das Wetter nicht im Blick haben.

Der Deutsche Alpenverein ist nachgezogen. Wie der Pressesprecher Julian Rohn erklärt, geht es nicht um Diffamierung oder das Blossstellen. «Humor kann ein wirkungsvolles Mittel sein, um Botschaften zu vermitteln und gleichzeitig eine hohe Aufmerksamkeit zu erzielen. Eine humorvolle Herangehensweise halten wir in den sozialen Netzwerken durchaus für angemessen. Die Beispiele sind so überspitzt dargestellt, dass sich vermutlich niemand ernsthaft angegriffen fühlen muss.»

Auch bei den Followern kam das an. Mit mehr als 6000 Likes und 129 Kommentaren zählte der Post, der knapp 3000 Mal geteilt wurde, ebenfalls zu den erfolgreicheren. «In höchster Not» scheint einen Nerv getroffen zu haben. Ob die Zuschauer daraus auch etwas lernen? Die Bergwacht Grainau zählte allein im Juni und Juli 63 Einsätze. Bei 23 Einsätzen ging es um echte Bergnot. Die Patienten konnten weder selbständig auf- noch absteigen.

Passend zum Artikel

Das Regionalgericht in Thun folgte inhaltlich dem Gutachten des Experten und spricht den Bergführer der mehrfachen fahrlässigen Tötung schuldig.

In der Debatte um die «Alpine Divorce» kommt zu kurz: Auch Männer leiden unter rücksichtsloser Bergkameradschaft. Nur redet niemand darüber.

Die Steinschlaggefahr ist am Matterhorn gross. Und eine der berühmtesten Eiswände der Alpen schmilzt in dramatischem Tempo weg. Der Schweizer Bergführerverband reagiert.

Read the original on nzz.ch

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.