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Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 20, 2026

Shannon Miller wurde wegen ihrer sexuellen Orientierung entlassen, erhielt eine Abfindung von 4,5 Millionen Dollar – und ist jetzt Schweizer Nationaltrainerin

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Nicola Berger · Neue Zürcher Zeitung

Shannon Miller wurde wegen ihrer sexuellen Orientierung entlassen, erhielt eine Abfindung von 4,5 Millionen Dollar – und ist jetzt Schweizer Nationaltrainerin

Die Kanadierin war die erfolgreichste Trainerin im amerikanischen College-Eishockey und klagte erfolgreich gegen ihre Absetzung. Mit 62 ist sie Schweizer Nationaltrainerin geworden, nach sieben Jahren ohne Trainerposten. Kann das gutgehen?

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Überraschende Wahl: Nach sieben Jahren ohne Trainerjob coacht Shannon Miller das Schweizer Frauen-Nationalteam.

Überraschende Wahl: Nach sieben Jahren ohne Trainerjob coacht Shannon Miller das Schweizer Frauen-Nationalteam.

Andreas Becker / Keystone

Es gibt verschiedene Stadien und Intensitätsgrade der Sehnsucht und Vorfreude im wohligen Kokon der «Ersten Welt». Man freut sich den ganzen Vormittag auf die vietnamesische Nudelsuppe. Von Montag bis Freitag auf die wohlige Flasche Wein. Monatelang auf ein langersehntes Wiedersehen.

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Aber es ist schon etwas anderes, wenn man 2817 Tage darauf wartet, seinen Traumjob wieder ausüben zu können. So lange musste sich Shannon Miller zwischen ihrem Rücktritt bei Calgary in der längst beerdigten CWHL – so hiess zwischen 2007 und 2019 die kanadische Eishockey-Frauenliga – und ihrem Debüt als Schweizer Nationaltrainerin am Mittwochabend in Kloten gedulden. Und das ist nicht einmal das Erstaunlichste an ihrer Geschichte.

Einen Tag vor dem mit 4:2 gewonnenen Duell gegen Schweden steht Miller in den Katakomben der Swiss-Arena. Gerade hat die 62-Jährige das Vormittagstraining hinter sich gebracht. Der Start war etwas holprig, die Spielerinnen erhielten Namenstafeln auf den Helm geklebt, um Verwechslungen vorzubeugen. Aber die Zeit drängte: Miller hatte nur drei Einheiten Zeit, dieses Team kennenzulernen, bevor die erste Partie auf dem Programm stand.

Praktisch aus dem Nichts zauberte Swiss Ice Hockey die Kanadierin im Sommer aus dem Hut. Eine Trainerin, die diesen Job letztmals im Dezember 2018 ausgeübt hatte und die sich zuletzt in ihrer Wahlheimat Palm Springs der Bespassung von Touristen widmete. Auf einer Art fahrender Bar kutschierte sie Besucher für 45 Dollar um die Hotspots und Bars dieser Stadt, in der einst Marilyn Monroe und Frank Sinatra lebten.

Miller und ihre Lebenspartnerin nannten ihr Unternehmen Sunny Cycle, es sollte den Menschen Fröhlichkeit und gute Laune bescheren. Für Miller war es ein Ausgleich zum ganzen Ärger in ihrem Berufsleben, über den sie sagt: «Ich bin geboren worden, um zu coachen. Das nicht mehr tun zu können, war furchtbar.»

Sie wurde zu einer Art Paria im College-Sport

Vor der Jahrtausendwende war Miller die Nationaltrainerin Kanadas und wirkte danach so erfolgreich an der University of Minnesota-Duluth, dass der Bürgermeister von Duluth den 26. März 2010 zum «Shannon Miller Day» ausrief. Fünf Jahre später war es mit der Herrlichkeit vorbei. Miller wurde entlassen, ihre Lebenspartnerin Jennifer Bamford, die das Softball-Team des College coachte, ebenfalls.

Miller im Jahr 1997 während ihrer Zeit als kanadische Nationaltrainerin.

Miller im Jahr 1997 während ihrer Zeit als kanadische Nationaltrainerin.

Rick Stewart / Getty

«Der neue Direktor trennte sich von mehreren Trainern, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten», sagt Miller in Kloten. Sie wehrte sich und reichte mit den anderen Betroffenen Klage wegen sexueller Diskriminierung ein. Der Rechtsstreit dauerte mehr als vier Jahre. Im Dezember 2019 erhielt sie von einer Jury 4 530 157 Dollar zugesprochen, wovon etwas mehr als die Hälfte bei den Anwälten landete. «Der Fall hat mich sehr belastet. Aber wir haben gewonnen», sagt Miller.

Während des Prozesses bewarb sich Miller regelmässig um andere Stellen an Colleges, ihre Fürsprecher hatten ihr dazu geraten. Aber sie wurde zu einer Art Paria, die sich niemand auf den Campus holen wollte; das Gerichtsverfahren überschattete die Qualifikationen und Meriten, fünf College-Titeln zum Trotz.

«Ich erhielt ein paar Pro-forma-Interviews, aber das war alles», sagt Miller. Auf die Frage, ob sich ihr Fall wie jener des American-Football-Quarterbacks Colin Kaepernick anfühlte, der sich bei der Nationalhymne niedergekniet hatte, um gegen soziale Ungleichheit zu kämpfen, und danach nie mehr einen NFL-Vertrag erhielt, sagt sie: «Ja, ich hatte das Gefühl, dass ich im College-Sport nicht mehr die gleichen Chancen bekam.» Sie sagt, das habe ihr zu schaffen gemacht. «Ich hatte ein gebrochenes Herz. Ich war sehr emotional und hatte das Gefühl, etwas zu verlieren, das mir sehr viel bedeutet. Auch der Gedanke, vielleicht nie wieder zu coachen, war schwer. Man nahm mir einen so wichtigen Teil meines Lebens weg.»

Kurz coachte sie noch Calgary, ehe sie dort nach zehn Siegen in zwölf Partien aufgrund von Differenzen mit dem Management zurücktrat. Lange schien es, als sei das der Schlusspunkt ihrer Trainerkarriere gewesen. Bis ihr Name im Mai plötzlich hierzulande kursierte, als Swiss Ice Hockey einen Nachfolger für Colin Muller suchte, der das Nationalteam während Jahren erfolgreich betreut und sich in Mailand mit Olympiabronze verabschiedet hatte.

Nach ihrer Entlassung im College-Sport wehrte sich Miller – und erhielt Schadenersatz in Millionenhöhe.

Nach ihrer Entlassung im College-Sport wehrte sich Miller – und erhielt Schadenersatz in Millionenhöhe.

Richard Tsong-Taatarii / Imago

Wie kommt man auf die Idee, eine 62-Jährige zu reaktivieren, die sieben Jahre nicht mehr gecoacht hat? Die vor kurzem zum Head of Women’s Hockey beförderte Melanie Häfliger sagte bei der Vorstellung: «Ihre langjährige Erfahrung auf höchstem Niveau, ihre beeindruckende Erfolgsbilanz sowie ihre Fähigkeit, Teams nachhaltig weiterzuentwickeln, werden unserem Women’s-National-Team-Programm wertvolle Impulse verleihen.» Shannon verstehe es, leistungsfördernde Strukturen zu schaffen und Spielerinnen dabei zu unterstützen, ihr volles Potenzial abzurufen.

Die Wahrheit ist aber auch: Es ist nicht so einfach, diese Stelle zu besetzen. Im Vergleich zum prestigeträchtigen Cheftrainerjob beim Männer-Nationalteam ist das Salär ungefähr ein Fünftel so hoch. Und junge Trainer scheuen das Risiko, das Männerhockey zu verlassen.

Miller sagt, sie habe sich selbst gemeldet. Sie habe das Feuer wieder gespürt und zurück ins Metier gewollt, nachdem ihr eine Weggefährtin gesagt habe, sie glaube, ihre Coachingphilosophie sei für die Gen Z eher noch besser geeignet als für die Gen X, die sie zuvor betreut hatte.

Ein Dreijahresvertrag als Kompromisslösung

Der Anstellungsprozess dauerte lange, erst Mitte Juli wurde ihre Verpflichtung kommuniziert. Sie erhielt einen Dreijahresvertrag, was lange ist bei einer Anstellung mit nicht unerheblichen Risiken. Miller erzählt, sie habe einen Vierjahresvertrag angestrebt: «Natürlich wäre es schön gewesen, über einen längeren Zeitraum bis zu den nächsten Olympischen Spielen planen zu können.»

Die Spiele von 2030 in den französischen Alpen sind in der gegenwärtigen Übereinkunft nicht abgedeckt; Miller braucht Resultate, um sie zu erreichen. An der WM in Dänemark im November. Und nicht zuletzt an der Heim-WM 2028, für die neben Zug noch ein zweiter Austragungsort gesucht wird, nachdem Lausanne dankend abgelehnt hat. Macht die Trainerin sich keine Sorgen darüber, wie viel Zeit vergangen ist in einem Sport, der sich stetig verändert? «Ich bin up to date geblieben und habe viel Eishockey geschaut. Aber klar, ich werde schon ein bisschen Anlaufzeit benötigen», sagt Miller.

Die Abhängigkeit ihres Teams von den Aushängeschildern Alina Müller (28, Hamilton/PWHL) und Andrea Brändli (29, Detroit/PWHL) ist gross. Das Fraueneishockey in der Schweiz bleibt eine zarte Pflanze – im Juli gab Ambri-Piotta bekannt, das Frauenteam aus finanziellen Gründen zurückzuziehen. Trotz teilweise weiterlaufenden Verträgen verdienten Ausländerinnen in Ambri um die 30 000 Franken pro Saison. Der Meisterschaftsbetrieb ist ein Zuschussgeschäft; die Postfinance Women’s League umfasst nur noch sieben Teams. «Sehr schade» finde sie den Rückzug Ambris, sagt Miller.

Über ihre Ära in der Schweiz sollen dereinst andere Adjektive fallen. Den Start macht die Euro Hockey Tour; in Kloten trifft die Schweiz am Freitag auf Finnland und am Samstag auf Tschechien.

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Anfang Juli beginnt für das Frauen-Nationalteam die Vorbereitung auf die WM in Dänemark. Spätestens dann muss die Nachfolge des Erfolgstrainers Colin Muller geregelt sein. Und: Einmal mehr irritiert die Geringschätzung des Frauenprogramms innerhalb von Swiss Ice Hockey.

Die beste Eishockeyspielerin in der Geschichte der Schweiz schoss in Mailand ihr Team zum zweiten Mal zu Olympiabronze. Sie erzählt, warum sie hierzulande noch immer um Selbstverständlichkeiten kämpfen muss.

Colin Muller galt als der ewige Assistent. Zufällig landete er im Fraueneishockey – und errang dort einen der grössten Erfolge in der Geschichte des Schweizer Eishockeys. Bei seinem ersten Trainerjob musste er einst mühsam auf Faxe warten.

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