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Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 20, 2026

Norwegens Fussballchefin Lise Klaveness ist in der Fifa-Krise die Stimme der Glaubwürdigkeit

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Peter B. Birrer · Neue Zürcher Zeitung

Norwegens Fussballchefin Lise Klaveness ist in der Fifa-Krise die Stimme der Glaubwürdigkeit

Im Weltfussball hat die Heuchelei in diesen Wochen Hochkonjunktur. Klaveness redete den Fifa-Delegierten und Gianni Infantino schon 2022 in Katar ins Gewissen – als Einzige.

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Sie sei keine Aktivistin, die Granaten werfe, sagt Lise Klaveness.

Sie sei keine Aktivistin, die Granaten werfe, sagt Lise Klaveness.

Jon Olav Nesvold / Imago

Der persönliche Berater der Präsidentin wehrt ab. Lise Klaveness habe zwanzig bis dreissig Medienanfragen pro Woche erhalten, schreibt er, das sei zu viel geworden. Im Moment ist sie nur noch in Einzelfällen persönlich zu sprechen. Oder in grösseren Video-Calls und Medienkonferenzen. Sogar die Schutzhülle ihres Mobiltelefons hat gelitten. Zu viel am Telefon.

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Lise Klaveness, die 45-jährige Chefin des norwegischen Fussballverbands, ist in diesen Wochen eine gefragte Gesprächspartnerin. Seit Jahren ist sie eine explizite Fifa-Kritikerin und wagt sich nicht erst jetzt vor.

Die Spitze des europäischen Fussballverbands, die Uefa, spricht sich inzwischen mit ungewöhnlich markigen Worten gegen den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino aus. Dieser wollte nach der erfolgreichen WM in den USA, Kanada und Mexiko Filetstücke der Fifa teilweise an Private veräussern. Infantino ging klandestin vor und musste zurückkrebsen – die Opposition war zu gross geworden. Der Stopp ändert nichts daran, dass die Uefa-Chefetage Infantino stürzen will. Zu tief scheint der Vertrauensbruch zu sein.

Die Norwegerin ortet eine «Angstkultur»

Klaveness äussert sich in scharfen Worten und hebt sich damit vom abwiegelnden und stummen Schweizerischen Fussballverband (SFV) ab. Sie hat einen Strauss Mikrofone vor sich und fordert vor den Medien den Rücktritt Infantinos. Die Gründe: Die Umsetzung von Fifa-Reformen bleibe seit langem aus, und die Fifa sei einem grossen Risiko ausgesetzt.

Gegenüber dem öffentlichrechtlichen norwegischen Sender NRK hat sie unlängst bekräftigt, dass der zurückgezogene Deal eine «Erpressung» gewesen sei, die man so nicht hinnehmen könne. Sie macht in der Fussball-Funktionärskaste eine «Angstkultur» aus und wiederholt das Ziel: Infantino muss gehen.

Klaveness hebt sich von anderen Funktionären ab, weil sie sich schon immer vorgewagt hat. Ihr Markenzeichen: Tacheles reden. Auch mitten in der Höhle der Löwen, einer Vorreiterin gleich.

Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Umso mehr, weil im internationalen Fussball die Heuchelei Hochkonjunktur hat. Denn eigentlich tut Infantino nur das, was vor allem die Uefa zu ihrem Markenzeichen gemacht hat: mehr Geld aus der Weltdroge Fussball herausholen. Auch die Uefa erweitert ihre Turniere und geht Verbindungen mit jedem Sponsor ein. Hauptsache, es werden noch mehr Geldquellen erschlossen. Und wenn ein Funktionär wie Nasser al-Khelaifi den direkten Draht zum Emir von Katar hat und sozusagen direkt auf der Pipeline sitzt, werfen sich ihm in der Uefa alle vor die Füsse. Egal, wie viele Hüte er trägt, egal, wie viel Macht er kumuliert.

Klaveness klatscht während dem WM-Spiel zwischen Norwegen und Côte d'Ivoire (2:1) auf der Stadiontribüne in Dallas, neben dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino.

Klaveness klatscht während dem WM-Spiel zwischen Norwegen und Côte d'Ivoire (2:1) auf der Stadiontribüne in Dallas, neben dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino.

Hannah McKay / Reuters

Klaveness ist nicht die Gesandte eines Emirs, sondern des norwegischen Fussballs. 73 Mal zog sie bis 2011 das Trikot der Auswahl über. Sie ist Juristin, war Bezirksrichterin in Oslo und Anwältin der norwegischen Zentralbank, ehe sie 2018 Direktorin und 2022 erste Präsidentin des norwegischen Fussballverbands wurde.

Bekannt ist ihre Jugendgeschichte vom Fussball, den sie überallhin mitnahm. Auch ins Bett. Der Ball soll so stark gerochen haben, dass sogar ihre Katze vom Bett gesprungen sei. «Eine Dreizehnjährige träumte davon, den Ball zu beherrschen und der Angst zu entkommen, nicht dazuzugehören», sagte sie in einer denkwürdigen Rede vor den Fifa-Delegierten 2022 in Katar.

2022 stiess Klaveness im Fifa-Kreis auf Ablehnung

Weitherum Aufsehen erregte sie 2022 am besagten Fifa-Kongress in Katar, ein paar Monate vor der WM. Sie hielt vor den Fifa-Delegierten aus aller Welt eine sechsminütige Ansprache, in der sie die Menschenrechtslage in Katar anprangerte und der Fifa eindringlich ins Gewissen redete. Es ging um Verantwortung. Um Russland auch, um das Land, das die Ukraine angegriffen hatte. Anstatt zu folgen, müsse die Fifa führen, sagte sie. Damals stiess sie auf Ignoranz und Ablehnung.

Sechs Minuten Mut: Lise Klaveness erhebt im Fifa-Kongress 2022 in Katar die Stimme.

Im Gespräch mit der NZZ sprach sie 2023, ein Jahr nach ihrem Auftritt in Doha, von «extrem negativen Reaktionen von Spitzenfunktionären». Im norwegischen Fernsehen sagte sie kürzlich, dass sie sich im «grossen und geschmückten Saal damals sehr klein gefühlt» habe: «Was ich in Doha sagte, ist in Norwegen politisch korrekt. Aber dort, wo ich stand, ist es politisch inkorrekt.» Sie fühlte sich isoliert, am Gesichtsausdruck der Funktionäre war Desinteresse abzulesen. Infantino deutete ihr an, auf welcher Seite sie aufs Podium hochsteigen sollte, aber danach schwieg er.

Dazu muss man wissen, was der Fifa-Kongress ist: Da treffen sich die Vertreter der 211 Mitgliedsverbände aus aller Welt, meist männlich, älter und in dunklen Anzügen. Oft klatschen sie die Traktanden einfach ab. Die Frauen sind in eklatanter Minderheit. Ausgerechnet dort ergriff Klaveness das Wort. Im NZZ-Gespräch sagte sie: «Viele Stimmen schweigen öffentlich. Man duckt sich – und schweigt. Es ist riskant für dein Land, wenn du die Stimme erhebst.»

Damals war Norwegen das einzige Land, das einen Boykott der WM in Katar in Erwägung zog. Das Problem war nur: Norwegen verpasste die WM-Qualifikation.

Nur die Frauenquote brachte Klaveness in die Uefa

Nicht Norwegen zahlte den Preis für die unmissverständlichen Worte, sondern Klaveness selbst. 2023 sollte sie in das Uefa-Exekutivkomitee gewählt werden. Doch in der Uefa erhielt sie damals nur 18 von 55 Stimmen. Nicht gewählt. «Die Rede kostete mich viel», sagte sie danach der NZZ. Erst 2025 kam sie in die Uefa-Führung. Aber nur dank der neuen Frauenquote: Sie war die einzige weibliche Kandidatur.

Klaveness sprengt den Prototyp des Fussballfunktionärs nicht nur ihres Geschlechts wegen. Sie wohnt in der Nähe von Oslo mit ihrer Ehefrau zusammen und hat drei Söhne. 2023 wird der Video-Call kurz zweimal unterbrochen, weil plötzlich ein Kind auf ihrem Schoss sitzt. Seit je erhebt sie die Stimme für den Frauenfussball, spricht von einem «diskriminierenden System», vom «Teil des Patriarchats» und von der Schwierigkeit, Eingang in die Geschichtsschreibung des Fussballs zu finden, «weil der Frauenfussball während Jahrzehnten ausgeschlossen war».

Sie ist eine Kämpferin und nennt sich Teamspielerin: «Ich bin keine Aktivistin, die Granaten wirft.» Sie las 2022 Katar die Leviten. Sie wandte sich offen gegen den von Infantino erfundenen und an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump vergebenen Fifa-Friedenspreis, sie versuchte, die Ethikkommission der Fifa einzuschalten, sie nannte Infantino «gefährlich», nachdem sich dieser vor der WM 2023 mit einer seltsamen Rede («Heute fühle ich mich wie ein Katarer, wie ein Araber, wie ein Afrikaner, wie ein Schwuler, wie ein Arbeitsmigrant») vor den Medien verteidigt hatte.

Vor einem WM-Qualifikationsspiel zwischen Norwegen und Israel übte sie Kritik an Israel und kündigte an, den Gewinn des Spiels humanitären Organisationen in Gaza zukommen zu lassen. «Lise, die Löwin», hat die «Frankfurter Allgemeine» in diesen Wochen getitelt.

Die Uefa-Delegierten waren schweigende Lämmer

Im Fifa-Kongress 2025 in Paraguays Hauptstadt Asunción kam es zum stillen Eklat, als Gianni Infantino drei Stunden zu spät eintraf. Der Grund: Eine Reise nach Saudiarabien und Katar in der Gefolgschaft Donald Trumps.

Viele europäische Delegierte verliessen den Kongress aus Protest nach der ersten Kaffeepause, unter ihnen der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin und Klaveness. Später spielte die Uefa den jüngsten Vorfall zu einem «Einzelfall» herunter, der die laufende Zusammenarbeit zwischen Fifa und Uefa nicht widerspiegle. Klaveness sagte, dass die Verspätung Infantinos «enttäuschend» und «besorgniserregend» sei.

Geschwiegen hat Lise Klaveness nie. Nicht wie andere (europäische) Fussballfunktionäre, die heute plötzlich in der Herde die Stimme finden. Nicht wie Ceferin, der in der Uefa in Infantino-Manier die Gewinnmaximierung forcierte und eine vierte Amtszeit für den Präsidenten durchboxte, ehe er sich doch entschied, 2027 nach elf Präsidentschaftsjahren zurückzutreten.

Klaveness mag eine einsame Löwin sein. Aber nicht inmitten von Löwen, sondern inmitten von opportunistischen, meist schweigenden männlichen Lämmern.

Mitarbeit: Brigitte Wenger

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Nach der WM in den USA droht Infantino unterzugehen. Aber: Die Empörung in Europa hat der Fifa-Spitze nie gross zugesetzt.

Die frühere Fussballerin erregte Aufsehen, als sie sich 2022 am Fifa-Kongress in Katar mit kritischen Worten zur Menschenrechtslage an die Fifa-Funktionäre wandte. Das hat ihr geschadet.

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