«Neurologische Dysfunktion»: Jamal Musialas zweiter Zusammenbruch ist ein Desaster für den FC Bayern
Der 23-Jährige, nicht der Klub, äussert sich auf Instagram und erklärt seine Erkrankung. Die Frage nach der Verantwortung des Vereins steht nun im Raum.
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Jamal Musiala bricht beim Testspiel gegen den FC Heidenheim zusammen.
Markus Ulmer / Imago
Nach dem zweiten Zusammenbruch innert weniger Tage wandte sich Jamal Musiala an seine Fans. Sie waren in Sorge, und sie sind es immer noch. Schon am Wochenende war der Offensivspieler des FC Bayern in einem Testspiel gegen Leipzig zusammengebrochen. Schlagartig, auf den ersten Blick ohne Vorwarnung. Aber war das wirklich so? Nun wiederholte sich ein solcher Vorfall gegen den FC Heidenheim in einem Vorbereitungsspiel des FC Bayern.
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Die Bilder ähnelten sich, beide Male musste Musiala das Feld verlassen, beide Male waren die Eindrücke besorgniserregend und riefen Erinnerungen wach. Man dachte an den Dänen Christian Eriksen, der 2021 an der EM wegen Herzproblemen kollabierte. Oder an Sergio Agüero, der seine Karriere inzwischen wegen Herzrhythmusstörungen beendet hat.
Musiala war lange verletzt
Musiala hatte lange mit den Folgen einer schweren Verletzung zu kämpfen, die er sich in einem Duell mit dem PSG-Torhüter Gianluigi Donnarumma zugezogen hatte. Allmählich kam er wieder in Form, spielte bei der Weltmeisterschaft, doch war er keineswegs mehr derselbe Spieler wie vor der Verletzung.
Nur wenig später erklärte Musiala selbst, was vorgefallen war. Die Erklärung klang auf den ersten Blick beruhigend. Denn es war nicht das Herz-Kreislauf-System, das infolge einer unentdeckten Myokarditis versagte.
Im Fall Musiala ist die Ursache neurologischer Natur. Auf Instagram erklärte er: «Es wurden bei mir temporär kurz auftretende, aber gut behandelbare Absencen festgestellt, welche auf eine neurologische Dysfunktion zurückzuführen sind. Diese können zu den zuletzt vorgekommenen Momenten führen, wie gegen Leipzig oder auch jetzt in Heidenheim.»
Absencen, neurologische Dysfunktion – medizinisches Fachvokabular, das nicht der Alltagssprache des Spielers entstammt. Im Grunde besagt das: Es handelt sich um Aussetzer, die zu einem kurzzeitigen Zusammenbruch führen können. Musiala ist sich der Wirkung der Bilder bewusst: «Ich weiss, dass diese auf den ersten Blick scary wirken – für mich sind sie aber aktuell Teil meines Alltags.»
Neurologen erklärten, dass es sich um epileptische Absencen handle. Gut behandelbar seien sie, das äussern gerade viele, die die Krankheit zwar kennen, den Fall in seinen Details aber nicht. Darauf verweist etwa Christoph Kleinschnitz, Chef der Neurologie an der Uniklinik Essen, mit dem die «Bild»-Zeitung sprach: «Es könnte eine sogenannte Absence-Epilepsie sein, dafür sprechen Symptome wie kurzzeitige Abwesenheit. Dazu müsste man aber alle neurologischen Untersuchungsbefunde kennen.»
Besteht keine Gefahr für Musiala?
Musiala selbst verwies darauf, dass darüber hinaus keine gesundheitliche Gefahr bestehe; zudem sei er medizinisch in bester Behandlung. Diese Worte klingen auf den ersten Blick beruhigender, als sie es tatsächlich sind. Denn der Spieler kann nicht wissen, in welchen Augenblicken diese Episoden auftreten, wenn sie, wie er es formuliert, gegenwärtig Teil seines Alltags sind, auch wenn sich die Symptome, wie Kleinschnitz sagt, gut behandeln lassen.
Nur haben die Vorfälle eine Komponente, die über die medizinische Dimension hinausgeht. Sie betreffen die Art und Weise, in welcher der Vorfall kommuniziert wird. Nicht der Verein wendet sich an die Öffentlichkeit, sondern der Spieler selbst. Zwar verweist er darauf, dass er die beste Unterstützung in seinem Umfeld habe. Ihn diesen Vorgang allein kommentieren zu lassen, legt allerdings eher eine gegenteilige Einschätzung nahe.
Die Ereignisse zeigen die Leerstellen im Münchner Kommunikationsgeflecht an. Und sie werfen Fragen nach der Verantwortung einer sportmedizinischen Abteilung sowie des Trainers gegenüber einem Spieler auf. Das gilt gerade auch mit Blick auf den Coach Vincent Kompany: Die Frage, ob der Spieler in Abstimmung mit der sportmedizinischen Abteilung hätte geschützt werden müssen, liegt auf der Hand – und zwar unmittelbar nach dem ersten Zusammenbruch.
Für den FC Bayern ist die Situation ein Desaster. Zum einen geht es um einen herausragenden Fussballer, den die Bayern verlieren könnten, zum anderen aber auch um die Frage, wie der Verein mit seinen Spielern umgeht. Dass es Musiala selbst überlassen wurde, der Öffentlichkeit zu erklären, was mit ihm geschehen ist, ist ein schwerer Fauxpas, der entweder aus Überforderung oder aus mangelnden Zuständigkeiten resultiert.
Schon bei Kimmich gaben die Bayern keine gute Figur ab
Am Folgetag äusserte sich Uli Hoeness, der Ehrenpräsident des FC Bayern, der immer noch Mitglied im Aufsichtsrat ist. In einem Gespräch mit RTL gab er einige Details preis, die das Bild anreicherten, darunter der Umstand, dass die Episoden schon seit einer Weile aufgetreten seien: «Wir sind schon länger über die Probleme informiert. Gegen Leipzig ist es zum ersten Mal für jeden sichtbar passiert. Dass es vier Tage später wieder passiert ist, hat mich vom Hocker gehauen.» Dass Musiala den Gang an die Öffentlichkeit antreten solle, sei abgesprochen gewesen, falls sich so etwas ein zweites Mal öffentlich ereignen würde.
Die Frage, die sich aufdrängt, lautet, wo die Unterstützung des Vereins geblieben ist. Dass die Bayern in solch delikaten Dingen nicht immer gut beraten sind, zeigte vor einigen Jahren schon der Umgang mit Joshua Kimmich, der Opfer eines öffentlichen Kesseltreibens wurde, da er sich nicht gegen Covid-19 hatte impfen lassen.
Seinerzeit lag die Krisenkommunikation beim damaligen Trainer Julian Nagelsmann; weder Vorstand noch Aufsichtsrat standen dem Spieler bei. Für den Kommunikationsberater Hasso Mansfeld ist dies ein klares Versagen in der Krise: «Man hat mit dem Zuwarten die Chance verpasst, kontrolliert und planvoll die Öffentlichkeit zu informieren.» Die Bayern seien «das Risiko bewusst eingegangen, dass die Erkrankung durch einen solchen Vorfall vor einem Millionenpublikum öffentlich wird».
Begrenzen lässt sich der Schaden kaum noch. Vielmehr wirft die Unfähigkeit, angemessen auf die Situation zu reagieren, grundsätzliche Fragen nach der Verfassung des Klubs auf.




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