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Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 19, 2026

José Mourinho kehrt bei Real Madrid an den Tatort seiner wüstesten Exzesse zurück – sein Auftrag lautet ähnlich wie einst

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Florian Haupt · Neue Zürcher Zeitung

José Mourinho kehrt bei Real Madrid an den Tatort seiner wüstesten Exzesse zurück – sein Auftrag lautet ähnlich wie einst

Nach Jahren des Abstiegs erhält Mourinho eine neue Chance bei einem Spitzenklub. Wieder soll er seinen Ex-Verein FC Barcelona vom Thron stossen. Mit Romantik ist nicht zu rechnen.

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Zwischen Magier und Manipulator: Mourinho kehrt zu Real Madrid zurück.

Zwischen Magier und Manipulator: Mourinho kehrt zu Real Madrid zurück.

Pedro Nunes / Reuters

Während seiner langen Trainerkarriere hat es immer einmal wieder Menschen gegeben, die José Mourinho geradezu übersinnliche Kräfte zuschrieben. Irgendwo zwischen Magier und Manipulator schien dieser unverschämt charismatische Portugiese dem Fussball seinen Willen aufzuzwingen. Diese Zeiten sind eigentlich lange vorbei, Mourinho hat seit über einer Dekade keinen Meistertitel mehr gewonnen, in letzter Zeit nicht einmal mehr in Ligen wie der türkischen oder der portugiesischen. Und doch ist er vor dieser europäischen Fussballsaison noch einmal der Trainer der Stunde.

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Nach Jahren des Abstiegs ist der 61-Jährige die Karriereleiter wieder hinaufgepurzelt. Statt der AS Roma, Tottenham Hotspur oder Fenerbahce Istanbul trainiert er nun zum zweiten Mal in seinem Leben die Galaktischen von Real Madrid. Statt um die Europa League oder Conference League – sein bis dato letzter Titel, 2022 mit Rom – zu wetteifern, greift er mit Stars wie Kylian Mbappé, Vinícius Júnior, Jude Bellingham und Neuzugängen wie Yan Diomande nach der Champions League.

Und siehe da: Seine Legende wird wiederbelebt. «Es ist ein Traum, mit ihm zu arbeiten», sagte Bellingham – ein Spieler, bei dem sogar die Mutter schwer auf Mourinho steht, wie er einmal verriet.

Er hinterliess eine zermürbte Mannschaft und tiefe Gräben

Das klingt schon fast wieder wie beim englischen Landsmann John Terry, der über seine Zeit als Mourinhos ergebener Captain bei Chelsea erklärte: «Für ihn hätte ich das Spielfeld im Sarg verlassen.» Sein Satz stammt aus der vom Trainer autorisierten Netflix-Dokumentation «Mourinho», die wenige Wochen vor Reals Saisoneinstieg am Samstag mit dem Match bei Espanyol Barcelona erschien. Zufall, dieses Timing, natürlich. Oder etwa nicht?

Es geht schliesslich um Mourinho – den Mann, der sich 2005 als Chelsea-Coach zu einem Champions-League-Match gegen den FC Bayern heimlich in einem Wäschezuber in die Kabine schmuggeln liess, weil er auf offiziellem Weg wegen einer Sperre nicht hineindurfte. Der mit dem FC Porto 2004 den bis heute letzten Aussenseitererfolg in der Champions League feierte und mit Inter Mailand 2010 den letzten italienischen.

Um diese erste Periode seiner Laufbahn dreht sich die Doku, denn aus der letzten Dekade gäbe es nicht viel mehr zu erzählen als Enttäuschungen und Entlassungen. So unaufhaltsam der «Special One» zunächst aufstieg, ist er ab 2013 auch gefallen. Was sein Comeback in Madrid umso spannender macht: Zwischen diesen beiden Karriereabschnitten liegt seine erste Amtszeit im königlichen Klub.

Der Täter kehrt an den Tatort zurück – in den Klub, in dem er seinen Mythos so überspannte, dass er ihn zu zerstören begann.

Der Volkstribun, der die Fans seiner Klubs überall hinter sich geschart hatte und bei allen anderen als Schlawiner durchkam: Er verschreckte selbst grosse Teile des eigenen Anhangs durch seine rüden Methoden. Der Coach, dem seine Spieler bedingungslos gefolgt waren, dem Profis wie Terry, Frank Lampard oder Marco Materazzi buchstäblich nachweinten: In Madrid hinterliess er 2013 eine zermürbte Mannschaft mit tiefen Gräben. Ein Muster, das sich seither an all seinen Stationen wiederholte.

Die «Hölle» sei das letzte Mourinho-Jahr gewesen, erinnert sich in der Doku der damalige Real-Profi Sami Khedira. Den Deutschen hat Mourinho nun als einen seiner Assistenten installiert. Khedira soll als Vermittler zum Team auftreten und Konflikte wie damals insbesondere zwischen dem Trainer und dem Captain Iker Casillas unterbinden. «Die Spieler waren meiner überdrüssig, und ich ihrer», räumt Mourinho ein.

Den Real-Präsidenten Florentino Pérez hat es nicht gestört. Zum einen reüssierte er schon bei Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane mit der Praxis, seine Übungsleiter ein zweites Mal anzuheuern. Und vor allem hält er Mourinho für denjenigen, der die sechs Champions-League-Titel dieses Duos zwischen 2014 und 2024 erst ermöglichte.

Real braucht eine Schocktherapie

2010 trat «Mou» mit dem Auftrag an, eine Hegemonie des FC Barcelona zu brechen, die Reals Selbstverständnis als planetarische Nummer eins bedrohte. Mit dem Trainer Pep Guardiola und dem Superstar Lionel Messi wurde Barça bewundert und geliebt. Mourinho agierte als Zerstörer: In den direkten Duellen liess er seine Profis wie Rambos über den Platz pflügen, in seinen Pressekonferenzen reihte er Verschwörungstheorien aneinander, zur Ausweitung der Kampfzone unterhielt er einen persönlichen PR-Mann.

Am Tiefpunkt des diabolischen Spektakels rammte er Barças Assistenzcoach Tito Vilanova 2011 seinen Finger ins Auge und verspottete ihn danach durch die Verballhornung seines Vornamens mit einem Slangwort für ein Geschlechtsorgan. Erst ein Jahrzehnt später entschuldigte er sich: «Ich war ein bisschen Opfer meiner selbst.»

Mit seinem Frontalkrieg entriss er Barça in drei Jahren einmal die Liga und einmal den Pokal. Wohl wichtiger: Er trug dazu bei, dass ein genervter, ausgebrannter Guardiola seinen Rücktritt erklärte. «Jetzt kommt der leichte Teil», soll Pérez daher Mourinho beim Abschied nachgerufen haben. «Mourinho hat uns eine furchterregende Wettbewerbsfähigkeit gegeben», erklärte der Klubchef kürzlich im Rückblick.

Dafür liess Pérez nun 15 Millionen Euro Ablöse zahlen, um Mourinho aus dessen Vertrag bei Benfica herauszukaufen – doppelt so viel, wie 2010 auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach Mailand überwiesen werden musste. Denn für Pérez ist die Situation ähnlich wie damals: Sein Ensemble braucht eine Schocktherapie.

Rodri entscheidet sich gegen Real

«Real war mental sehr schwach» oder «Ich merkte schnell, dass die Spieler verzogen waren» – das sind Sätze, die Mourinho in seiner Doku über die Lage 2010 sagt und die sich bedenkenlos auf 2026 übertragen lassen. Real kommt von zwei titellosen Saisons, in denen Allüren mehr Schlagzeilen machten als Ambitionen. Ein Mbappé, der seinen Torrekorden jede Art von Abwehrarbeit opferte. Ein Vinícius, dessen Rebellion gegen Xabi Alonso das Ende des Trainers einläutete. Federico Valverde und Aurélien Tchouaméni, die sich so prügelten, dass Valverde danach zwei Wochen ausfiel.

Sechs von sieben Clásicos gingen in diesen zwei Jahren verloren. Barça ist unter dem Trainer Hansi Flick national wieder so dominant wie damals unter Guardiola und hat mit Lamine Yamal wohl den Star der nächsten Dekade in seinen Reihen. Sogar auf dem Transfermarkt fügte es Real zuletzt eine regelrechte Demütigung zu.

Am späten Montagabend landete der MVP der WM 2026 und Gewinner des Ballon d’Or 2024 in der Stadt: Rodri Hernández kommt für 60 Millionen Euro plus Boni von Manchester City. Es ist der Transfer des Fussballsommers – zumal Rodri vor einigen Wochen schon bei Real als sicherer Neuzugang gehandelt wurde. Doch der gebürtige Madrilene beschied allen Beteiligten, er wolle nur nach Barcelona.

Rodris Wahl ist nicht nur eine Schlappe für das Ego von Real und von Mourinho – sie schmerzt auch sportlich. Seine Position des Strategen ist bei Real seit dem Karriereende von Toni Kroos 2024 verwaist. Die Experten sind sich einig, dass mit diesem Vakuum auch der Verfall der letzten Jahre begann. Zumindest gegen eine starke Konkurrenz nützen die besten Angreifer wenig, wenn ihnen der Ball nicht in brauchbarer Frequenz und Qualität zugearbeitet wird; siehe bei der WM etwa Frankreich, das bis zum Halbfinal allseits als kommender Weltmeister galt, vom spanischen Mittelfeld um einen kolossalen Rodri dann aber souverän aus dem Weg geräumt wurde.

Chance, um sein Image zu korrigieren

Mourinho muss jetzt also anderweitig Struktur schaffen. Verstärkungen bekam er etwa auf den Aussenverteidigerpositionen: Mit dem bei der WM ebenfalls exzellenten Marc Cucurella (vormals Chelsea) hat Real nun immerhin einen Weltmeister im Kader, dazu kam der Niederländer Denzel Dumfries (Inter). Vorne gibt es mit Diomande nun auch einen Rechtsaussen, wo Vinícius und Mbappé eher über links kommen. Im Mittelfeld soll Bernardo Silva (Manchester City) für mehr Ballsicherheit sorgen, doch die genaue Verteilung der Plätze neben Bellingham bleibt so weit offen.

«Hier haben wir nur gute, sehr gute und sehr, sehr gute Spieler», sagt Mourinho, der um seine Aufgabe weiss: «Aus dem Bündeln dieser Spieler müssen wir eine sehr gute Mannschaft formen.» Klingt einfach, gelang seinen Vorgängern aber nicht. Nach wenig brillanten, aber defensiv soliden und gewonnenen Testspielen sieht man sich auf einem guten Weg. Die klubnahen Medien berichten von einer Rückkehr von Disziplin und Arbeitsethos. Mourinho sagt, er spüre «Empathie» und «kollektive Arbeit» im Team: «Die Mannschaft beginnt, wie eine Mannschaft zu wirken.»

Und er selbst? Mourinho ist zu intelligent, um hinter dem Engagement nicht die Chance zu sehen, sein beschädigtes Image zu korrigieren. Das eines Trainers, der im letzten Jahrzehnt taktisch nicht mehr auf der Höhe schien. Aber auch das des ewigen Zündlers und Polemikers, das er während seiner ersten Amtszeit so pflegte, dass er in der Doku antönt, Real gelte ja als ritterlicher Klub: «Aber für mich bedeutet Ritterlichkeit nicht, sein Schicksal zu akzeptieren. Ritterlichkeit bedeutet: Krieg.»

Auf derselben Bühne Real Madrid hätte er nun die Chance, den geläuterten Elder Statesman zu geben – wenn es ihm gelänge, für einmal auf anderem Wege die Wettkampfspannung aufrechtzuerhalten als über Reibung und äussere Feinde. Und wenn seine Nerven hielten. Doch das scheint schon deshalb schwer, weil ihn mit dem Erzrivalen Barça auch persönlich ein komplexes Verhältnis verbindet.

Die Obsession mit den Katalanen

Wo seine Doku die wüstesten Exzesse aus Mourinhos erster Amtszeit gnädig ignoriert, deutet sie doch seine Obsession mit dem katalanischen Klub an. Mourinhos Karriere begann einst bei Barça, wo er als Assistent und Übersetzer von Bobby Robson und Louis van Gaal agierte. Mehrfach zeigt der Film eine Szene, wie Mourinho bei einer Titelfeier in die Menge ruft: «Heute, morgen und immer: Barça im Herzen!»

Doch weil Mourinho die Vergangenheit einer nennenswerten Spielerkarriere fehlte, wurde er von Teilen des Klubumfelds spöttisch auf den Posten des Dolmetschers reduziert. Und als der Verein 2008 einen neuen Trainer suchte und der damals erhältliche Mourinho als Favorit in allen Umfragen galt, entschied man sich für die frühere Spielerikone Guardiola, die erst ein Jahr bei der zweiten Mannschaft gecoacht hatte. Eine Kränkung für einen narzisstischen Charakter wie Mourinho.

Es ist ironisch und fast schon tragisch: Wirklich den Kreis seiner Karriere schliessen würde nur eine Rückkehr als Chefcoach nach Barcelona, die heutzutage längst unmöglich scheint. Das Comeback bei Madrid wirkt demgegenüber wie ein Wiedersehen unter Profis mit wenig Platz für Romantik. In seiner Dokumentation werden allein Mourinhos erste Chelsea-Zeit und insbesondere seine zwei Jahre bei Inter als Momente porträtiert, in denen er sich wirklich akzeptiert und geliebt fühlte.

Insgesamt lässt er das Bild eines fussballverrückten Feldherrn zeichnen, der sich als Söldner des Siegens versteht und für den Erfolg seiner Klubs sogar den eigenen Ruf zu ramponieren bereit ist. Letzte Chance Madrid? Diese Darstellung würde er gewiss bestreiten. Mourinho sagt, Auszeiten und Abtritte seien etwas für Schwächlinge. Er wolle coachen bis zum Tag, an dem er aus dem Himmel gerufen werde.

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