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Panorama Nachrichten - NZZ News · Aug 17, 2026

In Italien sitzt der Schock tief: Diebe stehlen Werke von Antonello da Messina

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Kevin Weber · Neue Zürcher Zeitung

Innerhalb weniger Minuten entwenden Unbekannte mehrere bedeutende Werke aus dem Regionalmuseum von Messina auf Sizilien. Darunter eine Madonna-Tafel aus einer gesicherten Vitrine. Für die Region wiegt der Verlust schwer.

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Eines der gestohlenen Werke: die beidseitig bemalte Tafel mit Darstellungen der Madonna und des Christus auf einer Aufnahme vom Juli 2022.

Eines der gestohlenen Werke: die beidseitig bemalte Tafel mit Darstellungen der Madonna und des Christus auf einer Aufnahme vom Juli 2022.

Elisabetta Baracchi / EPA

Die Diebe kamen während des Ferragosto, jenes italienischen Feiertags, an dem das öffentliche Leben im ganzen Land ruht. Die Unbekannten drangen am späten Samstagabend in die Ausstellungsräume des Regionalmuseums von Messina auf Sizilien ein. Innerhalb weniger Minuten stahlen sie mehrere Kunstwerke des Renaissancemalers Antonello da Messina, wie die Stadtverwaltung bestätigte.

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Antonello da Messina war ein bedeutender Maler der Frührenaissance. Er wurde in Messina geboren und benannte sich später nach seiner Geburtsstadt, wie es in der Renaissance häufig üblich war. Antonello zählt zu den prägenden Künstlern des 15. Jahrhunderts. Seine Werke verbinden die italienische Renaissance mit Einflüssen der nordeuropäischen Malerei. Bei den gestohlenen Werken handelt es sich um die einzigen Arbeiten Antonellos, die in seiner Geburtsstadt erhalten sind.

Die Täter stahlen drei der fünf Tafeln des berühmten Polyptychons von San Gregorio, eines mehrteiligen Altarbilds, das 1473 fertiggestellt wurde. Die restlichen zwei Holztafeln liessen sie bei ihrer überstürzten Flucht an einem Zaun ausserhalb des Museums zurück. Zudem stahlen sie eine beidseitig bemalte Tafel mit Darstellungen der Madonna und des Christus. Die Region Sizilien hatte das Gemälde 2003 aus einer Berliner Privatsammlung ersteigert. Nun lösten die Täter das Kunstwerk aus einer gesicherten Vitrine heraus und nahmen es mit. Der italienische Kunstexperte Alberto Fiz schätzt den Wert der gestohlenen Werke auf 70 bis 80 Millionen Euro.

Die fünf Tafeln des berühmten Polyptychons von San Gregorio.

Die fünf Tafeln des berühmten Polyptychons von San Gregorio.

Regionalmuseum von Messina

Messina verliert einen Teil seiner Identität

Für Messina wiegt der Verlust schwer. Die Stadt hat bereits früher einen grossen Teil ihres kulturellen Erbes verloren. Beim Erdbeben von 1908 gingen zahlreiche Dokumente zu Antonellos Schaffen und mehrere Werke des Malers verloren. Das Beben zerstörte damals weite Teile Messinas und zählt zu den schwersten Naturkatastrophen Europas. Auch das damalige Museum und das Kloster San Gregorio erlitten schwere Schäden. Dort befand sich das Polyptychon von San Gregorio.

«Es ist ein grosser Verlust für das Museum, die Stadt, die Gemeinde und die Kunstwelt», sagte Marisa Mercurio, die Direktorin des Regionalmuseums Messina, gegenüber italienischen Medien. Federico Basile, der Bürgermeister von Messina, sprach von einem Angriff auf das «künstlerische Erbe der Stadt». Enzo Caruso, der Kulturdezernent der Stadt, verglich den Raub mit dem Diebstahl im Louvre in Paris. «Es ist unvorstellbar, dass so etwas in unserer Stadt geschehen konnte», sagte er. «Einige der wichtigsten Werke unseres Museums wurden gestohlen. Es handelt sich um Werke von unschätzbarem Wert. Das ist eine Tragödie.» Und Alessandro Giuli, der italienische Kulturminister, sagte, die Werke seien «für das kulturelle Erbe Italiens von ausserordentlichem Wert». Die Reaktionen zeigen, wie tief der Schock im Land sitzt.

Passanten alarmierten die Polizei

Die Täter gingen laut Behördenangaben präzise vor. Sie schlugen zu, während Messina sein traditionelles Volksfest Vara feierte. Das Fest zu Ehren der Aufnahme Marias in den Himmel findet rund um Ferragosto statt und lockt jedes Jahr Hunderttausende Menschen auf die Strassen. Die städtischen Sicherheitskräfte konzentrierten sich während der Feierlichkeiten auf die Menschenmassen und die Ordnung in der Stadt.

Die Diebe nutzten diesen Moment für den Einbruch. Sie gelangten in die Ausstellungsräume, ohne dabei zunächst einen Alarm auszulösen. Erst Passanten hätten den Einbruch bemerkt und die Polizei alarmiert. «Der Diebstahl, der gleichzeitig mit der Vara-Prozession stattfand, war mit Sicherheit geplant», sagte der Bürgermeister Federico Basile gegenüber italienischen Medien.

Anfang des Jahres kaufte der italienische Staat für rund 12 Millionen Euro das berühmte Gemälde «Ecce Homo» von Antonello da Messina. Das Werk sollte ursprünglich bei Sotheby’s versteigert werden. Das italienische Kulturministerium griff vor Beginn der Auktion zu und kaufte das Gemälde. Der Kauf rückte den Maler erneut ins öffentliche Interesse und liess die Preise für seine Werke steigen. Die Ermittler prüfen deshalb, ob die gestiegene Aufmerksamkeit für Antonello da Messina auch die Werke im Museum von Messina ins Visier der Täter rückte.

Wie die Polizei mitteilte, waren die Alarmanlagen im Museum vollständig funktionsfähig. Kurz nachdem die Diebe die Vitrine geöffnet hätten, sei Alarm ausgelöst worden. Das Museum verfügt zudem über Überwachungskameras. Wie die Täter trotzdem unbehelligt in die Ausstellungsräume gelangen konnten, klären die Ermittler derzeit.

In Parma ermittelte die Polizei gegen neun Verdächtige

Ein ähnlicher Raub ereignete sich im März in Parma. Dort gab die Polizei jüngst die Wiederbeschaffung von drei Werken der französischen Maler Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir und Henri Matisse bekannt. Die Ermittler fanden die Gemälde in einem Abstellraum in einer Wohnung im Norden von Parma.

Die Werke waren in der Nacht vom 23. März aus einem Privatmuseum gestohlen worden. Auch in Parma schlugen die Täter innerhalb weniger Minuten zu. Nachdem die Alarmanlage ausgelöst worden war, flohen sie über die Gärten des Museums. Ein Museumssprecher sprach damals ebenfalls von einem geplanten, strukturierten und organisierten Einbruch.

Laut den Carabinieri ermitteln die Behörden gegen neun mutmassliche Täter aus der Moldau. Die Gruppe habe sich nicht auf Kunstdiebstähle spezialisiert, sagte der leitende Ermittler an einer Pressekonferenz. «Sie dachten, es wäre einfach, damit Geld zu machen. Aber sie wussten nicht, wie man Kunstwerke auf dem Kunstmarkt verkauft.»

Die Ermittler in Parma mit den wiedergefundenen Werken von Cézanne, Renoir und Matisse.

Die Ermittler in Parma mit den wiedergefundenen Werken von Cézanne, Renoir und Matisse.

AP

Laut den Ermittlern wurden die Gemälde unmittelbar nach dem Diebstahl auf verschiedenen Websites gemeldet, die gestohlene Kunstwerke erfassen, darunter auch auf der Interpol-Datenbank. Damit waren die Werke für den regulären Kunstmarkt praktisch unverkäuflich.

Wer stiehlt Kunst, die sich kaum verkaufen lässt?

Auch in Messina prüfen die Behörden nun, welchem Zweck der Diebstahl diente. So wird etwa untersucht, ob die Täter die Gemälde für den illegalen Kunstmarkt gestohlen haben. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Ansa wird zudem die Möglichkeit untersucht, dass ein Kunsthändler den Raub in Auftrag gab.

Der Kunstkritiker Vittorio Sgarbi hält dieses Szenario für wenig plausibel. In einem Interview mit dem «Corriere della Sera» bezeichnete er den Diebstahl als «sinnlos». Bei den Werken handle es sich um Unikate, die sich auf dem Kunstmarkt kaum verkaufen liessen. Für Sgarbi spricht dieser Umstand gegen professionelle Täter.

Wer könnte also ein Interesse an Werken haben, die sich auf dem regulären Kunstmarkt kaum verkaufen lassen? Die Ermittler prüfen auch, ob organisierte Kriminalität eine Rolle spielt. Die Mafia hat in der Vergangenheit wiederholt mit gestohlenen Kunstwerken Geschäfte gemacht. Sie nutzte Meisterwerke zudem als Zahlungsmittel oder als Druckmittel in Verhandlungen mit dem Staat.

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