Geht ein Biber in die Badi
Biber tauchen in der Schweiz immer häufiger in Badis und kleineren Gewässern auf. Dort geraten sie in Konflikt mit dem Menschen. Porträt eines Tiers, das den Schweizern zugleich Held und Feind ist.
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Die Biber leben an den fliessenden Gewässern der Schweiz und gestalten die Lebensräume wie kaum ein anderes Tier gleich selber um.
Christian Beutler / Keystone
Der Biber kam nachts. In der Biobadi in Biberstein im Kanton Aargau haben die Betreiber das Tier Ende Juli noch toleriert. Am Morgen war der Biber jeweils wieder weg. Doch an einem Donnerstag entschied er sich, tagsüber zu bleiben.
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Der Bademeister der Naturbadi sagte zu SRF, sie hätten versucht, den Biber zu verscheuchen, mit dem Gartenschlauch. Erfolglos, die Badi musste schliessen. Krankheitserreger in Urin und Kot des Bibers können dem Menschen schaden, zudem betrachtet der Biber einen Ort irgendwann als sein Revier, das er verteidigen will, indem er schlimmstenfalls die Badegäste beisst.
Der Biber ist das grösste Nagetier Europas. Er wird bis zu 135 Zentimeter gross, inklusive Schwanz. Seine Schneidezähne enthalten Eisen, sie leuchten orange, sind hart und scharf. Seine Beisskraft ist doppelt so stark wie die des Menschen. Der Bademeister im Kanton Aargau sagte: «Der Biber gehört zu Biberstein – aber lieber nicht in die Badi.»
Am Nachmittag zog das Tier plötzlich weiter, am Freitag konnte die Badi wieder öffnen. Wenige Tage später tauchte im Aargau aber der nächste Biber auf, diesmal in der Badi in Fisibach. Jemand entdeckte Kot im Wasser. Als sich herausstellte, dass er von einem Biber stammte, musste das Badewasser im Becken gereinigt werden. Die Badi blieb für vier Tage geschlossen.
Biber und Menschen treffen in der Schweiz immer öfter aufeinander. Seit der Wiederansiedlung des Bibers ab dem Jahr 1956 hat sich der Bestand auf knapp 5000 Tiere erhöht. Die Geschichte des Bibers in der Schweiz gilt als Erfolg, er gehört wieder zum bekannten Bild der hiesigen Flusslandschaften. Doch die Beziehung der Schweiz zum heimgekehrten Nagetier ist kompliziert.
Die Jagd auf den Biber
Der Biber wurde in der Schweiz im 18. Jahrhundert ausgerottet. Die letzten Exemplare wurden im Jahr 1800 in Genf gesehen. Die Tiere wurden gejagt, wegen des Pelzes, wegen des angeblich schmackhaften Fleisches, wegen des «Bibergeils», auch Castoreum genannt. Bibergeil ist ein harziges, stark riechendes Sekret, das der Biber in Beuteln zwischen After und Geschlechtsteilen bildet. Die Tiere fetten damit das eigene Fell ein, über den Duft erkennen sich die Familienmitglieder. Mit dem Sekret markieren sie auch ihr Revier: Sie sammeln Laub, Sand und Gras, machen am Ufer einen Hügel und setzen das Bibergeil darauf.
Die Menschen hielten das Sekret früher für ein Allheilmittel. Es sollte gegen Nervosität, Krämpfe, Fieber, Schlaflosigkeit, ja gar gegen den Wahnsinn helfen. Tatsächlich nachgewiesen wurde die Wirkung gegen Schmerzen und Fieber: Das Sekret enthält Salicylsäure aus der Weidenrinde, die heute auch in Aspirin verwendet wird. Das Bibergeil soll zudem süssliche Duftnoten haben, etwa Vanille und Himbeer, weshalb es früher in Parfums verwendet wurde.
Mitte des 20. Jahrhunderts rückte in der Schweiz der Naturschutz in den Fokus. Auenlandschaften wurden gefördert, Flüsse wurden renaturiert. Auenlandschaften begünstigen eine grosse Biodiversität, sie entstehen entlang von Flüssen, Bächen und Seen, die ihre Wasserstände wechseln und die Uferlandschaft regelmässig überschwemmen. Der Biber nutzt die Auenlandschaften nicht nur als Lebensraum, er gestaltet sie auch selbst. Der Biber ist ein Baumeister, ein Landschaftsarchitekt.

Die Biber haben eine doppelt so starke Beisskraft wie der Mensch. Die Zähne enthalten Eisen und wachsen sogar nach.
Christian Beutler / Keystone
Der Biber baut in fliessenden Gewässern Dämme aus Holz, das er selbst fällt. Er bildet Stauseen und flutet Ufergebiete. Laut einer Studie des Bundesamts für Umwelt leben in Gewässern mit Bibern durchschnittlich 2,6-mal so viele Arten und 5,9-mal so viele Individuen wie in vergleichbaren Gewässern ohne Biber. Der Nager kümmert sich um die Renaturierung der Schweiz.
In der Vergangenheit hatte der Biber deshalb auch Heldenstatus. Mehrere Ortschaften sind nach dem Tier benannt: Biberist, Biberbrugg, Bibern in Solothurn, Bibern in Schaffhausen, Biberegg. Biberstein hat einen Biber im Wappen. Dass der Biber in der Schweiz wieder heimisch ist, liegt an seiner Wiederansiedlung ab 1956. Innert zwanzig Jahren wurden 141 Biber aus Frankreich, Norwegen und Russland in der Natur ausgesetzt und als bedrohte Art unter Schutz gestellt.
Junge suchen neue Gewässer
Die Biberfamilien siedeln sich an den grossen Schweizer Flüssen an. Doch je mehr dazukommen, desto knapper wird dieser Lebensraum. Jungbiber gehen im Alter von zwei Jahren auf die Suche nach neuen Gewässern, wo sie eine eigene Familie in einem neuen Revier gründen. Biber leben monogam, sie paaren sich fürs Leben.
Auf dieser Suche ist den Bibern jedes Wasser recht. Sie wandern zum Teil mehrere Kilometer, erkunden Weiher, kleine Bäche, Kanäle, Badeanstalten. Sie überqueren Strassen und treffen auf den Menschen. Immer öfter werden Biber tot am Strassenrand aufgefunden. Der Mensch bemerkt den wachsenden Biberbestand auch in der Forst- und Landwirtschaft. Biber fällen Bäume, die Staunässe schadet den Forstkulturen und den landwirtschaftlichen Nutzflächen. Biber untergraben auch Strassen und Anlagen für den Hochwasserschutz.
Seit Januar 2025 dürfen Kantone die Biber wieder abschiessen, sofern sie erhebliche Schäden verursachen oder Menschen gefährden. Zuvor müssen aber alle möglichen Alternativen gescheitert sein. In Biberstein sollte der Biber eingefangen und umgesiedelt werden. Der Schaden war zu verkraften: Er hat laut den Betreibern der Badi einen Baum angeknabbert und Seerosen gefressen.
Biber verlassen ihren Bau im Sommer meist erst nach 19 Uhr. Falls Schwimmerinnen und Schwimmer trotzdem einem Tier begegnen, sollen sie laut der nationalen Biberfachstelle am besten ausweichen. Badende könnten zudem auf sich aufmerksam machen, mit dem Biber reden, damit er sich nicht erschrecke und aggressiv werde.
Dass Biber und Menschen friedlich zusammenleben können, zeigt die Biberfamilie im Marzili-Bad in Bern. Sie lebt seit mehr als zehn Jahren am Ufer der Aare, mitten in der Stadt. Zwischenfälle gab es bisher nie. In diesem Sommer tauchte zudem ein Biber auf dem Mühleplatz in Thun auf. Während eines WM-Spiels der Schweizer Fussballnati lief er mitten durchs Public Viewing. Die Thuner kennen den Biber, er ist öfters dort.




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