Stellt man 40 Grad in Dunkelrot, Purpur oder Braun dar? Es tobt ein Streit über die Farben der Wetterkarten im deutschen Fernsehen
Öffentlichrechtlichen Fernsehsendern wird immer wieder vorgeworfen, hohe Temperaturen tiefrot einzufärben, um die Lage zu dramatisieren. Am Ende geht es um die Frage, wie man mit dem Klimawandel umgeht.
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Im Juni erlebte Deutschland die erste Hitzewelle in diesem Jahr. Im Bild: der Berliner Fernsehturm am 19. Juni.
Florian Gaertner / Imago
In Deutschland gab es in diesem Jahr mehrere markante Hitzewellen. Schon der Juni war der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen; in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt wurde mit 41,8 Grad ein bundesweiter Rekord erreicht. Auch Ende Juli stiegen die Temperaturen mancherorts auf mehr als 40 Grad. Die Moderatoren, die im Fernsehen die Wetterkarten gestalten, stellen solche Entwicklungen vor eine ganz praktische Frage: In welchen Farben soll man die hohen Temperaturen darstellen – in Dunkelrot, Braun oder vielleicht Purpur?
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Solche Fragen spielen in letzter Zeit eine grössere Rolle. Denn inzwischen sind die Folgen des Klimawandels weltweit spürbar, auch in Deutschland, wo die jährliche Zahl der Tage mit über 30 Grad gestiegen ist.
Gleichzeitig müssen sich die öffentlichrechtlichen TV-Sender immer wieder gegen einen schweren Vorwurf wehren. Er lautet: Die Sender tauchten die Karten mit Absicht in tiefrote Farben, um die Lage zu dramatisieren und indirekt vor dem Klimawandel zu warnen. Dieser Vorwurf trifft auch die Moderatoren.
Erst im Juni sah sich Benjamin Stöwe, der Moderator des «ZDF-Morgenmagazins», anlässlich der bevorstehenden Hitzewelle zu einer Klarstellung veranlasst. «Wenn wir Ihnen das so sagen, auch in der dunkelroten Einfärbung, dann tun wir das nicht, um damit Panik zu machen», erklärte er. «Sondern um Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vorzubereiten, sich zu sensibilisieren für diese enorme, extreme und ungewöhnliche Hitze, die uns in den nächsten Stunden, in den nächsten Tagen bevorsteht.» Denn, so Stöwe: Eine derartige Hitzewelle habe es «in dieser Form in diesem Land so noch nie gegeben».
Wetteraussichten oder Temperaturprognosen?
In den sozialen Netzwerken wurden schon in der Vergangenheit immer wieder Beiträge geteilt, die ältere Wetterkarten mit jenen von heute vergleichen. Vor vier Jahren veröffentlichte der Politiker Georg Pazderski, der bis 2024 der AfD angehörte, etwa diesen Post:

Die Unterschiede scheinen auf der Hand zu liegen: Die obere Karte, die im Hessischen Rundfunk gesendet wurde, zeigt die relativ hohen Temperaturen vor einem grünen Hintergrund – ein Farbton, der sie auf den ersten Blick normal erscheinen lässt.
Auf der unteren Karte sind niedrigere Temperaturen dagegen mit roten Tönen unterlegt. Pazderski wittert Vorsatz: «Exemplarischer kann man die bewusste Manipulation der Zuschauer kaum verdeutlichen», schreibt er. «Was vor 5 Jahren noch grün war, ist heute knallrot.»
Ein Vorwurf, der jedoch nicht stimmt. Denn: Die obere Karte ist eine Wetterkarte, die zeigt, ob etwa Sonne oder Regen erwartet wird. Bei der unteren Karte handelt es sich dagegen um eine Temperaturprognose. Es sind also zwei unterschiedliche Kartentypen, die jeweils anderen Zwecken und Gestaltungsregeln folgen.
Sucht man eine Temperaturprognose vom 21. Juni 2017, unterscheidet sie sich kaum von jener, die fünf Jahre später gezeigt wurde.

Technischer Fortschritt lässt Farben intensiver wirken
Ein weiteres Beispiel für zwei oft geteilte Karten, die den öffentlichrechtlichen Sendern Manipulation unterstellen: Links ist eine Karte vom 16. Juni 2022 zu sehen, daneben eine vom selben Tag im Jahr 2002. Die Temperaturen waren an beiden Tagen ähnlich.

Vergleicht man jedoch die Regionen mit 30 Grad, zeigt sich eine Auffälligkeit: 2022 wird diese Temperatur in einem knalligeren Rot dargestellt als zehn Jahre zuvor.
Beim NDR hat man dafür eine einfache Erklärung: Die intensiveren Farben sind Folgen des technischen Fortschritts. Grafiksoftware, Bildschirmauflösungen und Farbdarstellung hätten sich über die Jahre deutlich weiterentwickelt, sagt Silke Hansen, die seit mehr als 25 Jahren das Wetterkompetenzzentrum der ARD leitet. Dadurch könnten heute mehr Farben dargestellt werden; auch Kontraste fielen stärker aus.
Seit 2002 hat es bei der «Tagesschau» ausserdem zwei Redesigns der Wettergrafiken gegeben. Dies hatte zur Folge, dass alle Farben intensiver geworden sind: Rot und Orange, aber auch Grün und Blau. Ziel solcher Änderungen sei immer, dass die Zuschauer den Inhalt der Grafiken bestmöglich erkennen könnten, so Hansen.
Zuschauer haben etablierte Sehgewohnheiten
Schon lange setzen sich Kartografen und Wissenschafter mit der Frage auseinander, wie sich Wetterdaten auf Karten so darstellen lassen, dass sie fachlich korrekt und zugleich intuitiv verständlich sind. Bis heute gibt es aber keinen neutralen Standard.
Erst im März hat Jochen Schiewe, der in Hamburg Geoinformatik lehrt, gemeinsam mit anderen Kollegen eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Zu den Vorwürfen gegen die TV-Sender sagt er: «Natürlich beeinflussen Farben die menschliche Wahrnehmung. Aber es gibt absolut keinerlei Anzeichen für Manipulation.»
Wie unterschiedlich Temperaturdaten dargestellt werden können, zeigt eine Grafik in Schiewes Studie, die die Farbschemata mehrerer Medien und Wetterdienste vorstellt. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber: Fast alle Anbieter illustrieren Temperaturen über 30 Grad in kräftigen Rottönen.

Legende: Source = Sender/Wetterdienst; Classes = Farbintervalle
Weltweit etabliert sei inzwischen das Spektralschema, sagt Schiewe. Das bedeutet, dass die Farben wie bei einem Regenbogen angeordnet sind. Das ungewöhnlichste Schema hat sicherlich die amerikanische Wetterbehörde NOAA: Temperaturen zwischen –50 und –40 Grad werden grau dargestellt, wärmere im Bereich von –10 Grad dagegen blau. Auf den ersten Blick widerspricht dies der naheliegendsten Assoziation, dass nämlich extreme Kälte mit einem tiefen Blau illustriert wird.
Die «Tagesschau» nutze dagegen mit sechs Farbbereichen eine recht einfache Skala, sagt Schiewe. Für eine bessere Erkennbarkeit wären mehr Helligkeitsstufen denkbar. Doch letztlich ist die Farbwahl eine redaktionelle Entscheidung, die oft auch zum Markenbild des Senders passen muss.
Farbverlauf richtet sich nach der Jahreszeit
Das Farbschema der ARD ist seit Anfang der neunziger Jahre in Gebrauch. Es ist aber keine fixe Skala, bei der jeder Temperatur eine feste Farbe zugeordnet wird. Stattdessen wird die Farbzuordnung je nach Jahreszeit angepasst. Heisst konkret: 16 Grad im Sommer sind grün, im Winter orange.
Jene Zuschauer, die den öffentlichrechtlichen Sendern unterstellen, Panik vor dem Klimawandel zu schüren, haben also durchaus recht, wenn sie sagen, auf den Karten würden nicht nur die reinen Temperaturen, sondern auch die Folgen des Klimawandels dargestellt. Der Grund ist aber nicht Manipulation – sondern eine neue Realität mit ungewöhnlich hohen Temperaturen.
Ob man diese bereitgestellte Information kritisch sieht oder nicht, hängt am Ende davon ab, wie man Wetterberichte versteht: Sollen sie nur über zu erwartende Temperaturen informieren? Oder auch darüber, wie ungewöhnlich solche Temperaturen im historischen Verlauf sind?
Die Sender haben sich für Letzteres entschieden. Steigen die Temperaturen weiter, braucht auch die ARD neue Farben. Schon heute reiche die Standardskala oft nicht mehr aus, sagt Silke Hansen vom Wetterkompetenzzentrum der ARD. Dadurch könne es zu der Situation kommen, dass eine Karte fast flächendeckend rot sei und sich regionale Unterschiede kaum noch erkennen liessen. Für Europa nutzt die ARD für Werte ab 38 Grad deshalb Pink; auf den Deutschlandkarten sei diese Farbe aber noch nicht zum Einsatz gekommen, sagt Hansen.
Wie kann man Zuschauern begegnen, die die Farbwahl in Wettersendungen für ein abgekartetes Spiel halten? Aufklärung über die Gestaltung der Karten könnte ein sinnvoller Schritt sein, um Vertrauen wiederherzustellen. Viele Redaktionen bemühen sich in dieser Angelegenheit auch schon um Transparenz.
Natürlich könnten die Farbskalen angesichts steigender Durchschnittswerte auch angepasst und die Farben dezenter dargestellt werden, sagt Jochen Schiewe. Doch die Sehgewohnheiten der Zuschauer spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. 30 Grad in zartem Rosa oder 40 Grad in Orange? Das könnte zunächst verwirrend sein.
Darüber hinaus wäre auch dies eine Verzerrung. Denn 40 Grad sind für mitteleuropäische Breitengrade nun einmal ein Rekord. Daran würde auch eine blassere Farbskala nichts ändern.




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