Heimat, Heiligtum, Hoffnung – warum ein Baum unsterblich wird
Ein Baobab in Madagaskar stirbt, ein berühmter Baum in England wird gefällt. Und die Menschen trauern. Was macht einzelne Bäume so besonders?
Elena Panagiotidis 6 Leseminuten

Kühe suchen Schatten unter einer Linde, am Donnerstag, 4. Juli 2024, in der Nähe von Affoltern im Emmental.
Marcel Bieri / Keystone
«Es ist nur ein Baum.» Mit diesen Worten versuchte sich einer der beiden Täter später vor Gericht zu entschuldigen. Alkoholisiert und mit einer Kettensäge bewaffnet hatte er zusammen mit einem Kumpel in einer Nacht Ende September 2023 den Sycamore Gap Tree gefällt.
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Der über hundert Jahre alte Baum am Hadrianswall im Norden Englands war den Einheimischen und Touristen lieb geworden, er hatte spätestens durch den Film «Robin Hood» mit Kevin Costner 1991 Berühmtheit erlangt. Unter der Krone des Baums hatten Menschen sich verlobt, gepicknickt oder die Asche von Verstorbenen verstreut. Entsprechend laut war der Aufschrei. Von nah und fern kamen Trauernde, um Blumen an der Stelle des gefällten Baums niederzulegen und den Verlust zu beweinen.

Unter der Krone des Baums hatten Menschen sich verlobt, gepicknickt oder die Asche von Verstorbenen verstreut.
Imago
Dabei war der Baum kein Heiligtum gewesen. Keine Religion schrieb vor, ihm Opfer zu bringen oder ihn zu verehren. Und dennoch reagierten viele Menschen fast so, als sei etwas Sakrales geschändet worden.
Warum? Wann hört ein Baum auf, einfach ein Baum zu sein?
Der Baobab-Baum Tsitakakantsa in Madagaskar wurde verehrt
Im Südwesten Madagaskars steht oder vielmehr zerfällt gerade ein riesiger Baobab namens Tsitakakantsa. Der Stammesumfang mass einmal fast stolze 29 Meter, sein Alter wird auf über tausend Jahre geschätzt. Doch die Hälfte des imposanten Stammes ist inzwischen eingebrochen, und in seinem Inneren klafft ein Loch.
Für die Einwohner des nahe gelegenen Dorfes Andombiry ist das mehr als der Tod eines aussergewöhnlichen Exemplars des Affenbrotbaums. Denn der Baum war ihr Heiligtum. Sie kamen zu ihm, wenn sie sich ein Kind wünschten oder um eine gute Ernte baten. Sie brachten Opfergaben wie Rum und Geld und baten den Baum um Hilfe. Der Ortsvorsteher Mampiavy sagte gegenüber der «New York Times», dass der Tod des Tsitakakantsa einen grossen Verlust für die Region darstelle. «Alle sind sehr traurig.»
Im Gegensatz zum Sycamore Gap Tree am Hadrianswall wird in Andombiry nicht nur metaphorisch vom heiligen Baum gesprochen. Inzwischen hat die Dorfgemeinschaft einen neuen ausgewählt, der Mandrosoa heisst. Ein Dorfältester entschied sich nach einer göttlichen Eingebung für diesen, in einer Zeremonie wurde er mit Rum begossen. Auch Mandrosoa soll das Dorf und seine Bewohner schützen.

Der Sycamore Gap Tree, nachdem er 2023 von zwei Betrunkenen mutwillig gefällt worden war.
Lee Smith / Reuters
Nun also werden die Dorfbewohner eine besondere Beziehung zu Mandrosoa herstellen, nachdem sie sich von Tsitakakantsa haben verabschieden müssen. Oft ist es ein einzelner Baum, zu dem Menschen eine Beziehung aufbauen. Sie erzählen Geschichten über ihn oder versammeln sich unter ihm. Ein Baum ist fest in der heimatlichen Erde verwurzelt, so wie Menschen sich das oft selber wünschen. Er steht für Dauer und Stabilität, wohl auch deshalb sprechen wir in Familien über Wurzeln und einen Stammbaum.
Und im Gegensatz zu einem Denkmal aus Stein lebt er. Ein Baum hat viele Ereignisse und Epochen «erlebt». Zudem spendet er Schatten, Holz und Nahrung. Beim Baobab ist diese Nützlichkeit besonders sichtbar. Die Dorfbewohner können seine Früchte essen und die Samen zu Öl verarbeiten. Mancherorts werden die Baobabs ausgehöhlt, um Wasser darin zu speichern. Als Bauholz dagegen taugt sein faseriges Holz kaum. Lebend ist der Baum wertvoller als tot.
Vielleicht deshalb wollen Menschen so einen ihnen am Herzen liegenden Baum besonders schützen.
Zum Beispiel in Kinshasa. Es ist der letzte Baobab der 18-Millionen-Einwohner-Metropole, und er ist bedroht. Einst prägten zahlreiche Baobabs die kongolesische Hauptstadt, doch fielen sie dem rasanten Wachstum zum Opfer. Im historischen Zentrum von Gombe beim Fährhafen steht noch ein über hundert Jahre altes Exemplar. Auch dort wird gebaut.
Aktivisten versuchen, den Baum zu retten. Der Gärtner Jean Mangalibi bezeichnete im «Guardian» den Baum als «die Seele Kinshasas» und als «Fortsetzung der Geschichte». Unter einem Baobab soll in den 1870er Jahren die koloniale Besiedlung von Kinshasa beschlossen worden sein, der letzte verbliebene Baum erinnert an den Bau des Fährhafens. Der Baum ist Zeuge der Stadtgeschichte.
— Africa Updates (@africaupdates) January 7, 2026"‘The soul of the city’: can Kinshasa🇨🇩’s last remaining baobab tree be saved?
Across Africa, baobabs have rich symbolic meaning, but the breakneck expansion of the DRC’s capital has reduced their number in the city centre to one"
https://t.co/8kpXknBXw8
Serbiens unantastbare Bäume
Über 5000 Kilometer weiter nördlich von Kinshasa findet sich eine ähnliche Vorstellung. In den Dörfern Zentralserbiens rund um Kragujevac gibt es den Zapis, den heiligen Baum. Meist ist es eine Eiche, in deren Rinde ein Kreuz geschnitten ist. Zu bestimmten Festtagen ziehen Dorfbewohner in Prozessionen zu ihm, um ihn zu schmücken, zu beten und das Kreuz zu erneuern. Das Projekt «Tree Gems» erforscht, dokumentiert und schützt diese heiligen Bäume. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die Bäume als Natur- und Kulturerbe international bekannt zu machen und die dazugehörigen Bräuche in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufnehmen zu lassen.
Neben Versammlungen, die unter einem Zapis abgehalten wurden, sollte der jeweilige Baum für die Fruchtbarkeit der Felder sorgen und das Dorf vor Unwettern beschützen. Und ihn umgab ein strenges Tabu: Unter keinen Umständen durfte ein Zapis gefällt werden. Man sollte nicht einmal seine Äste abbrechen.

Die Bewohner des Dorfes Trmbas bei Kragujevac in Zentralserbien feiern eine religiöse Zeremonie an ihrem Zapis, einem heiligen Baum. Aufnahme vom Januar 2015.
Zblagojevic/Reuters
Die goldene Sitka-Fichte wurde vom Umweltaktivisten gefällt
Dass eine solche Bindung nicht automatisch zu Naturschutz führt, zeigt eine dramatische Geschichte der jüngeren Vergangenheit. Auf Haida Gwaii vor der kanadischen Pazifikküste stand einst eine Sitka-Fichte. Wegen einer seltenen genetischen Veränderung enthielten ihre Nadeln ungewöhnlich wenig Chlorophyll. Daher erschien sie golden statt grün. Die dortigen Haida First Nations nannten den Baum Kiid K’iyass. Er hatte eine grosse spirituelle Bedeutung und stand für das Band zwischen Land, Geschichte und Identität.
Zugleich war die Golden Spruce eine Touristenattraktion und ein Maskottchen für die kleine Holzfällerstadt Port Clements.

Grant Hadwin in einer Aufnahme kurz vor seinem Verschwinden.
PD
Im Januar 1997 setzte ein Mann namens Grant Hadwin eine Motorsäge an den Stamm. Hadwin war nicht betrunken wie die Täter im Norden Englands. Er war auch kein Baumhasser – im Gegenteil. Er hatte den grössten Teil seines Lebens in der Natur und im Wald gearbeitet, der «New Yorker» hat seine Geschichte aufgeschrieben. Doch nun war er zunehmend angewidert davon, wie die Holzindustrie die Wälder in British Columbia rücksichtslos ausbeutete.
Deshalb fällte er den Baum. Seine Botschaft lautete: Die Menschen verehren einen einzigen spektakulären Baum, während sie alle anderen Bäume rundherum vernichteten. Als die Golden Spruce gefallen war, weinten die Menschen. Ein Bewohner beschrieb die Stimmung später, als hätte es in einer Kleinstadt einen Drive-by-Mord gegeben. Haida hielten eine Trauerfeier ab und betrauerten einen ihrer Ahnen.
Ikea-Fichtenmöbel contra alte Olivenhaine
Oft löst ein jahrhundertealter Olivenhain etwas anderes aus, vielleicht ehrfürchtiges Staunen, als eine schnell hochgezogene Fichtenplantage. Dabei besteht auch sie aus Bäumen, bindet Kohlendioxid. Sie erzählt jedoch wenig. Jeder Stamm, bereits für die Holzindustrie gepflanzt, wirkt ersetzbar. Bei einem einzelnen alten Baum dagegen scheint klar, dass er nicht ersetzbar ist.
Vom Sycamore Gap Tree wurden nach der Fällung Samen und lebensfähiges Material gerettet. Daraus wurden Saatgut und junge Bäume gezogen, als Trees of Hope wurden 49 davon an verschiedene Orte in Grossbritannien gegeben. Auch von der Golden Spruce wurden nach dem Fällen Ableger erhalten. In Madagaskar wiederum wird ein neuer Baobab zum heiligen Baum bestimmt, wenn der alte stirbt.
Die Menschen versuchen, das Unersetzliche zu ersetzen und so Kontinuität herzustellen. Offenbar fällt es ihnen schwer, einen solchen Verlust einfach hinzunehmen. Der Baum steht für Dauer, ebenso wie der Stammbaum einer Familie. Alle hoffen, dass etwas von uns bleibt und weiterwächst.

Baobab an einem kleinen See im Sonnenaufgang an der Baobab-Allee im Westen von Madagaskar.
Thorsten Negro / Imago




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