Zürich droht aus den Tourneekalendern zu fallen: Das Ende mittelgrosser Konzertlokale schadet auch dem ganz grossen Geschäft mit Live-Auftritten
Die städtische Politik reagiert mit seltener Einigkeit und Dringlichkeit. Das finden selbst jene richtig, die staatliche Hilfe sonst ablehnen.
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Mehr als bloss eine neckische Anekdote: Die Metal-Band Metallica spielte in Zürich einst auf einer kleinen Bühne, ehe sie den Letzigrund füllte wie hier bei einem Auftritt im Jahr 2019.
Ennio Leanza / Keystone
Wer gleich zweimal den Letzigrund füllt und fast 100 000 Menschen nach Zürich lockt, ist ein ernsthafter Wirtschaftsfaktor. Aber Ed Sheeran, dem das schon mehrfach gelang, fing in dieser Stadt einmal ganz klein an. Anfang 2012 spielte der britische Pop-Star vor 500 Leuten im Kaufleuten-Klub. Ende des gleichen Jahres im X-tra waren es dann schon 1800, 2014 in der Maag-Halle 3000 und ein Jahr später im Hallenstadion 15 000.
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Metallica, die dieses Jahr im Letzigrund aufgetreten sind, kamen auch nicht ohne Grund nach Zürich: Die Metal-Band hatte ihren allerersten Europa-Auftritt 42 Jahre zuvor im Volkshaus.
Die Beispiele zeigen: Für eine Stadt, die im Tourneekalender der Superstars berücksichtigt werden will, ist es wichtig, für jeden Schritt auf der Karriereleiter ein passendes Konzertlokal zur Verfügung zu haben. Das zahlt sich aus: Die Fans von Taylor Swift, die 2024 im Letzigrund auftrat, haben hier laut einer Studie über 90 Millionen Franken ausgegeben.
Ein breites Angebot an Bühnen ist auch beim Aufbau einheimischer Künstler wichtig. Das zeigt sich an der Luzerner Band Hecht, die nächstes Jahr im ausverkauften Zürcher Stadion auftritt. Sie spielte sich über die Jahre von der Bar La Catrina über die Härterei und die Maag-Halle bis ins Hallenstadion durch alle Kategorien hoch.
Doch jetzt steht Zürich vor einem Problem: Die lückenlose Versorgungskette von der kleinkünstlerischen Wiege bis zur Arena für die Überflieger droht auseinandergerissen zu werden, weil mehrere mittelgrosse Veranstaltungsorte schliessen müssen. Schon ab Mitte 2027 ist laut der Stadtregierung mit einer deutlichen Verknappung des Angebots zu rechnen.

Die Halle 622 bietet Platz für 3500 Personen und deckt damit ein wichtiges Segment ab, doch der Vertrag für die Zwischennutzung läuft 2030 aus.
Goran Basic / NZZ
«Das ist eine kulturelle Notsituation», sagt Stefan Wyss vom Zürcher Konzertveranstalter Gadget Entertainment, der zu Eventim gehört, der weltweiten Nummer zwei der Branche. Die Hallen mittlerer Grösse seien eines der wichtigsten Segmente und in Zürich schon jetzt sehr gut ausgelastet. Wenn mehrere davon wegfielen, werde mangels passender Termine nicht nur Zürich, sondern oft gleich auch die Schweiz in der Tourneeplanung ausgelassen.
Die Folge ist laut Wyss, dass Bands hierzulande kein Live-Publikum mehr aufbauen können. Und dass internationale Künstler auch später in der Karriere den eher kleinen und finanziell weniger interessanten Schweizer Markt auslassen. Der Trend sei ohnehin schon, sich auf grosse Märkte wie Deutschland oder Frankreich zu konzentrieren. «Wenn die Historie in einem Land ganz fehlt, gibt es keinen Grund mehr, hier aufzutreten.»
Zwei Lokale gehen definitiv zu, beim dritten läuft die Zeit ab
Als Erstes geht Anfang nächsten Jahres der Komplex 457 zu, eine Halle in einem alten Backsteingebäude in Zürich Altstetten, die Platz für etwa 2200 Besucher bietet. Die Pensionskasse der Coop-Gruppe, der das Areal gehört, baut dort ein 60 Meter hohes Wohnhaus nach Plänen der Stararchitekten Herzog & de Meuron.
Im Juni 2027 muss nach einer vierjährigen Gnadenfrist voraussichtlich auch das X-tra am Limmatplatz schliessen, das 1500 Plätze bietet. Die Stiftung Limmathaus baut das Gebäude um und vermietet es danach an das Startup-Netzwerk Impact Hub. Das X-tra sucht noch immer nach einem neuen Standort, um das endgültige Aus abzuwenden – bislang ohne Glück.
Ebenfalls keine Zukunft als Konzertlokal hat die Maag-Halle in Zürich-West, die in diesen Tagen ihr 25-Jahre-Jubiläum feiert. Denn die Swiss Prime Site wird den Gebäudekomplex ab 2029 sanieren. In diesem Zug wird der Vertrag mit der Maag Music & Arts AG aufgelöst, die dort früher Konzerte für bis zu 3000 Zuschauer veranstaltete.
Aus den Tourneekalendern angehender Pop-Stars ist die Maag-Halle schon 2017 gefallen, weil das Tonhalle-Orchester sie als temporären Ersatzstandort benötigte. Die Maag Music & Arts AG wich damals nach Oerlikon aus, in die etwas grössere Halle 622, und ist geblieben. Doch auch dort läuft der Vertrag nur noch bis 2030. Gut möglich, dass die Eigentümerin ABB das Areal verkauft und dann Wohnungen entstehen.
Wenn es so kommt, würden drei von heute sechs Zürcher Konzertlokalen mit 1000 bis 5000 Stehplätzen wegfallen. Übrig blieben das Volkshaus, die Rote Fabrik und das Kaufleuten, die auf 1000 bis 1600 Personen ausgelegt sind. Und jenseits der Stadtgrenze, in Dübendorf, «The Hall» mit knapp 5000 Plätzen.
Öffentliche Gelder sollen bei Standortsuche helfen
In der Stadtzürcher Politik ist man sich für einmal von links bis rechts einig: Die Lage ist ernst, die Sache bedeutsam und die Zeit knapp. Deshalb hat das Parlament am Mittwoch ohne Gegenstimme einen dringlichen Vorstoss von SP und AL überwiesen, der die Stadtregierung zum Handeln aufruft: Sie solle lokale Veranstalter bei der Suche nach Lokalitäten unterstützen – und dafür auch Geld einsetzen. Aus Sorge ums grosse Geschäft genauso wie um die kleinen Veranstaltungen.

Darko Soolfrank.
PD
Für Darko Soolfrank, Mitgründer der Maag Music & Arts AG, war es stets selbstverständlich, ohne Subventionen auszukommen. In der Kulturszene ist das eher die Ausnahme, bei den Konzertlokalen weniger: Auch das X-tra geschäftet ohne staatliche Zuschüsse. Dennoch findet Soolfrank den Entscheid des Parlaments richtig.
Die städtische Wirtschaftsförderung habe sich zwar bereits eingeschaltet, sagt er, doch das Resultat sei bislang ernüchternd. Anders als zu seinen Anfängen sei es schwierig geworden, ein Konzertlokal zu eröffnen. «Zürich ist gebaut», sagt er. Man finde kaum noch Areale, die sich zwischennutzen oder entwickeln liessen. Und wenn doch, dann gebe es oft Probleme wegen der Lärmauflagen.
Um unter diesen Bedingungen etwas zu erreichen, müsse man nur schon für Machbarkeitsstudien eine Menge Geld in die Hand nehmen – auf die Gefahr hin, dass es am Ende dann doch nichts wird. Wie im Fall des X-tra geschehen, dessen Pläne für einen Neubau beim Eishockeystadion in Altstetten sich zerschlagen haben. In diesem Kontext könnte die Unterstützung der Stadt laut Soolfrank helfen. Langfristige Betriebssubventionen hingegen lehnt er weiterhin ab.
Solche wären auch nicht im Sinn jener linken Stadtpolitiker, die den Vorstoss lancierten, wie Erstunterzeichner Jonas Keller (SP) im Parlament klarstellte. Er beruhigte damit die Stadtregierung, die Vorbehalte gegen den Einsatz öffentlicher Gelder äusserte. Solche hat auch der SVP-Politiker Stefan Urech: Es brauche keinen neuen Geldtopf und kein Kompetenzzentrum, sondern vor allem den Willen zu helfen.
Das müsse nun schnell geschehen, findet Stefan Wyss von Gadget Entertainment. «Sonst wird es ab 2027 viel weniger Konzerte in Zürich geben.» Er hofft auch auf die Bereitschaft von Immobilienentwicklern, entsprechende Räume zu bauen. Zürichs Finanzvorsteher Daniel Leupi verspricht, alle Hebel in Bewegung zu setzen: «Wir nehmen die Konstellation ernst.»




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