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Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung · Aug 22, 2026

Schwuler Holland-Premier: Wie sich Rob Jetten als queeres Vorbild inszeniert

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Jonas Erlenkämper · Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung

Wenn Rob Jetten über sein Herzensanliegen spricht, wird das Private politisch. Kürzlich nimmt er in Amsterdam den „Attitude Pride Award“ entgegen, eine Auszeichnung, mit der ein britisches Schwulenmagazin ihn zum Posterboy der internationalen queeren Gemeinschaft erklärt. Jetten – hellblaues Hemd, die oberen beiden Knöpfe sind geöffnet – berichtet in seiner Dankesrede, dass er früher alles andere als ein selbstbewusster Homosexueller gewesen sei.

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„Als ich 15 Jahre oder so alt war, wusste ich, dass ich mich zu Jungs hingezogen fühle. Aber ich hatte Angst, darüber zu sprechen.“ Er gibt seinen Zuhörern eine Botschaft mit, verpackt als Ratschlag an den jungen Rob: „Jetzt, mit 39, als der jüngste und erste offen homosexuelle Ministerpräsident der Niederlande, würde ich meinem jüngeren Ich gerne sagen, er soll keine Angst haben. Er soll er selbst sein und sein Leben leben.“

Rob Jetten bei der World Pride

Es sind aufwühlende Zeiten für die Community. In Berlin verübte ein Attentäter Ende Juli einen islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD). Jetten, erst seit Februar im Amt, sucht seitdem die Öffentlichkeit. Der jugendlich wirkende Linksliberale mit einem Lächeln wie in der Zahnpasta-Werbung will sichtbar sein. Kurz nach der Tat ließ er sich in einem Boot über Amsterdamer Grachten fahren. Die Stadt richtete erstmals die World Pride aus, das größte Fest dieser Art weltweit. Rund 500.000 Besucher schauten zu, wie der Jetten-Kahn und etwa 80 weitere bunt geschmückte Boote die Kanäle passierten.

Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich mich von Hass nicht einschüchtern lasse.

Rob Jetten

Es sei wichtig, gegen Anfeindungen zu protestieren, sagte Jetten mahnend zum Publikum. „Das hat man beim Anschlag in Berlin letzte Woche gesehen.“ Die Akzeptanz von LGBTQ-Menschen sei bedroht. Junge Schwule und Lesben rief er auf, sich zu bekennen. Ein Coming-out sei nicht einfach, „aber sobald man diesen Schritt gewagt hat, wird es nur noch besser“.

Ein öffentlicher Kuss

Jetten, der bewegte Mann der europäischen Spitzenpolitik. Noch kennen ihn außerhalb der Niederlande wenige – anders als seinen Vorvorgänger, den heutigen Nato-Generalsekretär Mark Rutte (59), oder Geert Wilders (62), den gescheiterten Populisten mit dem platinblonden Haar. Dank eines unverkrampften Umgangs mit seinem Privatleben gewinnt er an Profil.

Zum Beispiel neulich in Amstelveen. Es läuft die Hockey-Weltmeisterschaft, ausgerichtet von den Niederlanden und Belgien. Holland spielt gegen Argentinien. Jetten sitzt im Anzug auf der Tribüne, Oranje-Schal um den Hals. Die niederländische Mannschaft gewinnt 3:1, aber der Ministerpräsident hat vor allem Augen für einen argentinischen Spieler: Nicolás Keenan (29), sein Verlobter. Nach dem Schlusspfiff eilt Jetten an den Spielfeldrand und küsst den in Spanien aufgewachsenen Südamerikaner. Was wie ein spontan-intimer Moment wirkt, dürfte tatsächlich eine kalkulierte Inszenierung gewesen sein. Fotografen und Kameraleute halten drauf, die Szene geht durch die Medien.

Der Regierungschef gibt seinem Verlobten, dem argentinischen Hockeyspieler Nicolás Keenan, einen öffentlichen Kuss.

Der Regierungschef gibt seinem Verlobten, dem argentinischen Hockeyspieler Nicolás Keenan, einen öffentlichen Kuss.© AFP | Bas Czerwinski

Rob Jettens große Liebe

Die beiden haben sich 2020 in einem Supermarkt in Den Haag kennengelernt – Keenan spielt für einen Haager Hockeyverein. „Ich wusste gar nicht, dass man so verliebt sein kann“, schilderte Jetten später einem Promimagazin. „Wir passen gut aufeinander auf, und er hilft mir dabei, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.“ Keenan wiederum bekannte, dass auch er in jüngeren Jahren mit seiner sexuellen Orientierung gehadert habe: „Ich möchte nicht kitschig klingen, aber ich habe noch nie eine solche Verbindung gespürt wie zu Rob. Das gab mir das Selbstvertrauen, dass dies der richtige Weg ist. Dass ich nicht länger verbergen muss, wer ich bin.“ Vor zwei Jahren machte der Berufspolitiker dem Profisportler einen Heiratsantrag. Wir wissen das, weil Jetten selbst Beweisbilder auf Instagram veröffentlichte.

Sein Kernanliegen lautet: Versteckt euch nicht. Er habe zwar ein „dickes Fell“, so Jetten. Trotzdem berührt es ihn, wenn er im Internet Hassbotschaften bekommt. „In den ersten beiden Tagen als Ministerpräsident habe ich über 200 homophobe Nachrichten erhalten“, erzählte er kurz nach Amtsantritt während seiner ersten wöchentlichen Pressekonferenz. Solche Beleidigungen bringe er zur Anzeige, denn: „Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich mich von Hass nicht einschüchtern lasse.“

Hochzeit mit Hindernis

Die Niederlande gelten als liberal, doch sogar dort gebe es viel zu tun, sagt Jetten in seiner Dankesrede in Amsterdam. Seine Regierung werde schwulen und lesbischen Paaren mit Kinderwunsch den Weg zu einer Leihmutterschaft erleichtern und dafür sorgen, dass die Polizei gut genug ausgestattet sei, um Transmenschen und Dragqueens vor Angriffen zu schützen.

Privat hat er ebenfalls Pläne. Bald will er seinen Verlobten heiraten. Die Feier soll in Spanien stattfinden, auch das hat er verraten. Ein konkreter Termin ist nicht bekannt. Die Suche dürfte schwierig sein. Jetten hat viel zu tun.

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