Es müssen nicht immer Medaillen sein, denn die gab es trotz starker Leistungen nicht für die Startgemeinschaft Essen (SGE) bei den Schwimm-Europameisterschaften in Paris. „Wir sind insgesamt zufrieden“, sagt Nicole Endruschat, Trainerin am Bundesstützpunkt in Essen. Rampenlicht war nicht zu erwarten, obwohl die SGE mit insgesamt fünf Schwimmerinnen und Schwimmern dabei war. Allein das verdient Anerkennung für den Bundesstützpunkt in Rüttenscheid, denn nur die Medaillenschmiede in Magdeburg schickte mehr Athleten ins Becken. Darunter Johannes Liebmann. 19 Jahre jung schnappte der sich in Weltrekordzeit über 1500m-Freistil sensationell den Titel. Aber solche Ausnahmetalente tauchen nur selten auf.
Auf die EM in Frankreichs Metropole waren die Trainingspläne in diesem Jahr ausgerichtet, der Olympiazyklus hat aber längst begonnen. 2028 finden die Spiele in Los Angeles statt, dort ist die Endstation Sehnsucht. Das gilt auch für die Essener Delegation, die vor allem internationale Erfahrung sammeln sollte.
Schwimm-EM in Paris: Büssing sucht nach dem Schlüssel zur Topleistung
Vor zwei Jahren sorgte der Cedric Büssing (22) für Schlagzeilen, als er als Frischling mit deutschem Rekord das Olympische Finale über die 400m-Lagen erreichte – sensationell, ein Traum. Büssing ist längst die deutsche Nummer eins auf dieser Strecke, gewann dort fünfmal in Folge den DM-Titel. Bei der Kurzbahn-EM im Dezember hatte sich der frühere Junioren- und U23-Europameister als Dritter seine erste internationale Medaille in der offenen Klasse gesichert.
Cedric Büsing erreichte Rang vier bei der Schwimm-EM in Paris.© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
Seinen vierten Platz (4:14:16 Min.) bei der EM bezeichnet Endruschat als ordentlich, gleichwohl hatte Büssing das Podest im Hinterkopf. „Er bekommt aktuell seine Trainingsleistungen nicht zu hundert Prozent ins Wasser. Er hat noch so viel mehr drauf, als er gezeigt hat. Da suchen wir gerade den Schlüssel“, erklärt Endruschat. Eine Medaille war nicht utopisch, aber das vergangene Jahr lief nicht optimal für Büssing, der sich nach seiner Rückkehr aus den USA zurückkehrte erst wieder einleben musste. Für Bronze hätte der Essener in Paris „nur“ an seinen deutschen Rekord (4:11,52 Min.) heranschwimmen müssen.
Hammer feiert starkes EM-Debüt mit Platz fünf und Bestzeiten
Ganz anders Finn Hammer (20), der als jüngster Teilnehmer direkt hinter Büssing einen fantastischen Rang fünf belegte. Bereits Vorlauf hatte er für mächtig Furore gesorgt, als er seine Bestzeit um fast fünf Sekunden unterbot (4:13,45) und als Zweitschnellster den Endlauf erreichte.
Hammer war bei den Becken-Wettbewerben der erste DSV-Starter überhaupt. „Ich wollte ein Zeichen setzen fürs Team, das ist gelungen“, freute sich der junge Mann und war erleichtert: „Es musste einfach mal ein Schritt nach vorn kommen, zuletzt hatte ich es beim Saisonhöhepunkt nicht immer so gut hinbekommen.“ Lob gibt es von Endruschat: „Ein sehr starkes EM-Debüt über eine Strecke, für die er gar nicht qualifiziert war.“ Hammers Spezialstrecke sind die 200m-Lagen, auch da schwamm er persönliche Bestzeit und blieb im Vorlauf und Halbfinale (Rang 11) erstmals unter zwei Minuten (1:59,52 Min.).
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Büssing überraschte das nicht: „Wir haben in den letzten Wochen zusammen trainiert und uns richtig was um die Ohren geballert“, wird er im Portal „Swim & more“ nach dem 400m-Rennen zitiert. „Dass Finn jetzt schneller war als ich in den vergangenen beiden Jahren, motiviert mich auch noch einmal zusätzlich fürs Finale.“ Beide bezeichnen sich als „Lieblingstrainingspartner.“ Doch auf das gemeinsame Gegeneinander müssen sie bald wieder verzichten, denn Hammer studiert seit 2024 in Georgia/USA Informatik. „Er hat es super geschafft, für sich das Beste aus beiden Welten herauszuholen, das College-System in den USA und dann die individuellere Vorbereitung in den letzten drei Monaten mit Cedric als perfekten Partner“, beschreibt Endruschat.
Schwimmerinnen Jazy und Bocska messen sich zwischen USA und Deutschland
Ähnlich ist es bei Julianna Bocska (20) und Nina Jazy (20), die im Vorjahr beide dem Trend, in die USA zu wechseln, gefolgt sind. Auf den kurzen Freistil-Strecken sind sie auf Augenhöhe unterwegs. Auch sie würden am liebsten ständig miteinander trainieren, doch Jazy studiert in Virginia (Business/ Economics), wo sie im Frühjahr mit der Mannschaft die College-Meisterschaft gewann.
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Bocska ist beim Studium in Tennessee (Psychologie) offenbar sportlich und mental gereift. Bei der DM im April lag sie erstmals knapp vor ihrer Clubkollegin. Und bei den Finals in Hannover kurz vor der EM stand ihr Name auf der Anzeigetafel ganz oben. Das Duell mit Jazy gewann sie beim Elimination Race (3x50m-Freistil) mit geschickter Taktik und schnappte sich ihren ersten Einzel-Titel.
Nina Jazy trainiert in Virginia in den USA© FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener
Die 100m-Freistil in Paris liefen eher enttäuschend für Bocska. „Dass sie danach aber den Schalter umgelegt hat, das wäre ihr vor ein, zwei Jahren noch nicht gelungen“, meint Trainerin Endruschat. Über 50m-Freistil (24,83 Sek.) verbesserte die gebürtige Ungarin im Halbfinale ihre persönliche Bestzeit um zwei Zehntel (Rang 13). „Nina braucht dagegen wohl noch Zeit, sich an ihre starke Trainingsgruppe in Virginia zu gewöhnen, da werden wir hoffentlich nächstes Jahr Ergebnisse sehen“, hofft Endruschat.
Von Kamerun bis Dubai: Der Weg eines Essener Schwimmtalents
Ein Exot mit Potenzial ist Julian Koch (20), der seit zwei Jahren für die SGE startberechtigt ist. Er lebt in den USA, studierte bisher in Pittsburgh (Ingenieurwesen) und wechselt nun nach Tennesse. Für die EM holte er sich bei Trainerin Endruschat den letzten Schliff. Dass er kein Deutsch spricht, wundert nicht mit Blick auf den Lebensweg. Sein leiblicher Vater ist Deutscher, doch der trennte sich ganz früh von der Mutter, die aus Kamerun stammt. Mit ihr spricht der Sohn Französisch. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte Koch in Kamerun, danach folgten einige Umzüge. Fünf Jahre lebte Julian Koch in Katar, im Alter von neun Jahren zog er für fünf Jahre nach Paris, schloss sich einem Verein an und bestritt erste Wettkämpfe. Danach zog es ihn nach Dubai.
„Julian hat viel Potenzial mit Blick auf LA 2028. Er bringt eine gute Technik mit, die richtige Motivation und hat eine rasante Entwicklung hingelegt“, sagt Stephan Wittky, vor anderthalb Jahren noch SGE-Coach, heute Bundestrainer für die Kurz- und Mittelstrecke. („Swim & more“). Im Mai 2024 schwamm Koch erstmals bei der DM und empfahl sich auf Anhieb für internationale Aufgaben im Nachwuchsbereich.
„Julian kam von Rennen zu Rennen besser rein“, lobt Endruschat den EM-Auftritt. Persönliche Bestzeit über 50m-Freistil und eine „tolle Leistung in der 100m-Freistil-Staffel“, wo er erstmals (fliegender Start) unter 48 Sekunden schwamm. „Es war gut, dass er die Chance bekommen hat, bei der EM zu starten.“
Die Nominierung allein zeugte von großem Vertrauen in das Potenzial dieses Athleten. Bei der DM, der letzten Qualifikationschance, war er krank, wurde unter Vorbehalt ins 40-köpfige EM-Aufgebot berufen. Und rechtfertigte es anschließend mit starken Auftritten in den USA. Dort wurde Julian Koch für seine beeindruckende Leistungsentwicklung ausgezeichnet mit dem renommierten NCAA Swammy Award als „Breakout Swimmer of the Year“.

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