Letztens hab ich unabsichtlich mein Handy zuhause vergessen. Im ersten Moment blieb ich stehen wie ein Mann in einem schlechten Thriller, der gerade gemerkt hat, dass der Mörder im Haus ist und der dann wahrscheinlich im nächsten Moment abgeschlachtet wird. Kein Handy. Kein Internet. Keine Playlist mit Musik aus den frühen 2000ern im Ohr. Ich war also praktisch im Mittelalter angekommen, nur ohne Pest, aber obviously mit viel besserer Hautpflege und einem extrem süßen Outfit.
Natürlich war mein erster Impuls, sofort umzudrehen. Nicht, weil ich wirklich etwas Dringendes erwartete, sondern weil mein Gehirn mittlerweile so funktioniert wie ein übermotivierter Empfangsmitarbeiter in einem Vier-Sterne-Hotel: „Entschuldigung, Herr Buchinger, aber was, wenn jemand etwas von Ihnen möchte? Was, wenn eine wichtige Mail kommt? Was, wenn ein internationaler Notfall ausbricht und die Vereinten Nationen ausgerechnet Sie per WhatsApp erreichen wollen?“
Dann dachte ich mir: Weißt du was? Wurscht. Ich lasse es jetzt zuhause. Und wisst ihr, was passiert ist? Nichts. Die Welt drehte sich weiter. Eigenartigerweise brach auch niemand zusammen. Keine Suchmeldung wurde veröffentlicht. Kein Polizeihubschrauber kreiste über Wien mit der Durchsage: „Herr Buchinger ist seit 43 Minuten nicht erreichbar. Bitte bewahren Sie Ruhe.“ Als ich später nach Hause kam und mein Handy kontrollierte, erwartete mich nicht etwa ein digitales Massengrab verpasster Chancen, sondern: zwei Newsletter, eine Push-Benachrichtigung von einer App, die ich nicht mal benutze, und eine Nachricht, auf die ich auch drei Stunden später noch genauso mittelmäßig antworten konnte.
Das Kränkende daran war nicht, dass niemand mich brauchte. Das Kränkende war, dass ich offenbar dachte, ich sei viel wichtiger, als ich bin. Ich stellte mir mein Handy als Kommandozentrale eines aufregenden Lebens vor, dabei ist es oft nur ein kleines schwarzes Rechteck, das mich daran erinnert, dass ein Teppich, den ich vor sechs Monaten gegoogelt habe, gerade im Sale ist.
Und trotzdem: Ohne Handy draußen zu sein, fühlt sich zunächst falsch an. Als hätte ich das Haus ohne Hose verlassen, nur dass das gesellschaftlich wahrscheinlich sogar schon akzeptierter wäre. Ohne Handy hatte ich plötzlich Hände. Was macht man mit denen? Soll ich sie baumeln lassen wie ein Sim, der auf neue Befehle wartet? Soll ich sie in die Taschen stecken? Soll ich eine Kastanie aufheben und sie nachdenklich betrachten wie eine Nebenfigur in einem französischen Film?
Noch schlimmer wurde es beim Sport. Um mir das Ohne-Handy-Sein langsam anzutrainieren, ging ich laufen, ohne es zu tracken. Ein verrücktes Konzept. In meinen Augen war das zuerst gar kein Lauf, sondern ein Gerücht. Ein körperliches Ereignis ohne Beweislage. Ich kam verschwitzt nach Hause, aber meine App wusste von nichts, weil ich sie hintergangen hatte. Meine Uhr hatte keine Auszeichnung für mich. Frech.
Und da merkte ich erst, wie absurd mein Verhältnis zu Bewegung geworden ist. Früher ist man gelaufen, weil man irgendwohin musste oder weil ein Spendensammler auf der Mariahilfer Straße hinter einem her war, der wissen wollte, ob man eigentlich schon Bären-Papa ist. Heute laufe ich und denke: Zählt das überhaupt, wenn keine App es meiner Fitness-Historie hinzufügt? Wenn ein Mensch im Prater joggt und kein Gerät zeichnet es auf, hat er sich dann wirklich bewegt? Viel Stoff zum Nachdenken.
Ich möchte ja nicht sagen, dass ich süchtig nach Technik bin. Das klingt so hart. Ich würde eher sagen: Ich bin in einer toxischen Zweckgemeinschaft mit mehreren Geräten, die alle behaupten, mir helfen zu wollen, während sie mich langsam in eine nervöse Büroklammer verwandeln.
Besonders schlimm finde ich, dass ich kaum noch ohne Kopfhörer aus dem Haus gehe. Jede Solo-Unternehmung wird sofort ein akustisch kuratiertes Erlebnis. Podcast für den Weg zur U-Bahn. Musik beim Einkaufen. Hörbuch beim Spazieren. Ich habe mittlerweile Angst vor meinen eigenen Gedanken, als würden sie mir auflauern und sagen: „Na? Jetzt, wo wir ungestört sind, lass uns doch über diese peinliche Sache von 2014 sprechen.“ Niemals!
Aber letztens, als ich wieder ohne Handy und eben auch ohne Kopfhörer unterwegs war, passierte etwas Ungeheuerliches: Ich saß in einem Café und hörte die Welt. Links von mir sagte eine Touristin verheißungsvoll: „Lisa Rinna has always been working…“ und rechts von mir sagte eine Frau zu ihrer Kollegin in besonders dramatischem Timbre „Dass du das getan hast, war für mich wirklich ein Schlag ins Gesicht“. Juicy! Und ich weiß nicht, warum, aber diese beiden aus dem Kontext gerissenen Aussagen haben mich beruhigt.
Seitdem baue ich, wann immer ich kann, öfter technikfreie Zeit in mein Leben ein. Nicht auf diese eklige Selbstoptimierungs-Art, bei der Menschen sagen: „Ich mache jetzt Digital Detox“ und dann auf Instagram ein Karussell mit 17 Slides über ihre Digital Detox posten. Ich lasse manchmal einfach das Handy daheim. Oder ich gehe ohne Kopfhörer raus. Oder ich antworte später. Revolutionär: Bitte informiert das Nobelpreiskomitee.
Natürlich gibt es Nachteile. Der größte: Man braucht wieder Bargeld. Dieses schmutzige Papier, das sich in der Geldbörse anfühlt wie Requisiten aus einem Heimatmuseum und örtliche Betriebe bei der Steuerhinterziehung unterstützt. Außer natürlich, man hat seine physische Bankkarte dabei, die ich - unter uns - zuletzt 2024 irgendwo in der Sofaritze gesehen habe.
Aber die Vorteile überwiegen. Ohne Handy merke ich, was ich denke. Was ich sehe. Was ich eigentlich will. Manchmal ist das erschreckend banal. Meistens will ich Sonne im Gesicht, Ruhe und dass mir jemand im Vorbeigehen ein Croissant schenkt. Aber auch das ist Selbsterkenntnis.
Vielleicht ist weniger erreichbar sein gar kein Luxus, sondern einfach Hygiene. So wie Zähneputzen, nur für das Nervensystem. Man muss nicht immer verfügbar sein, nur weil man technisch verfügbar wäre. Ich bin ein Mensch, keine Kundenhotline. Wer etwas von mir braucht, kann warten. Und falls es wirklich dringend ist, wird die Person schon einen Weg finden. Zum Beispiel eine E-Mail schreiben. Die lese ich dann nächste Woche. Und schreibe wahrscheinlich nicht zurück.
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