Good News: Ich schreibe gerade ein Buch. Und es wird, wenn ich das selbst so sagen darf, fantastisch; wie eine wohltuende Umarmung, die nach Anti-Selbstoptimierung duftet. Wenn ihr meinen Substack mögt, werdet ihr das Buch lieben und das Beste: Es erscheint auch schon im Oktober. Bald mehr dazu.
Aber daher bin ich gerade ungewohnt diszipliniert und habe wenig Zeit für Soziales. Meine Freunde gehen ins Kino, ins Freibad, sitzen in Gastgärten, trinken Spritzwein, bräunen ihre Unterarme und benehmen sich generell so, wie diese lebensfrohen Freundesgruppen in Raffaello-Werbungen.
Jemand hat mir geschrieben, wann ich denn Zeit habe, was Lustiges zu unternehmen, und ich meinte: „In zwei Wochen?“ Was ich persönlich noch sehr human finde. Ich hätte auch „nach der Buch-Tour“ oder „wenn es mit Bitcoin wieder bergauf geht“ schreiben können.
Aber er meinte nur: „Okay, ich gebe auf.“
Und da war es wieder: das schlechte Gewissen. Dieses schleimige kleine Haustier, das man nie adoptiert hat und das trotzdem ständig auf dem Schoß sitzt.
Ich habe gerade ein schlechtes Gewissen in beide Richtungen. Wenn ich schreibe, denke ich: Du solltest mehr leben. Wenn ich lebe, denke ich: Du solltest schreiben. Wenn ich mit Freund*innen im Gastgarten sitze, sehe ich vor meinem inneren Auge das offene Dokument auf meinem Laptop, wie es mich enttäuscht anschaut. Nicht einmal böse. Schlimmer: verständnisvoll. So wie eine Mutter, die sagt: „Nein, nein, geh du nur. Ich bleibe schon allein hier im Dunkeln.“
Das ist keine Work-Life-Balance, das sind Work-Life-Schuldgefühle. Quasi wie Work-Life-Balance, nur katholischer.
Ich glaube, dieser Begriff „Work-Life-Balance“ setzt uns auch ein bisschen unter Druck. Er klingt so, als gäbe es irgendwo eine perfekte Mitte. Links Arbeit, rechts Leben, und in der Mitte steht eine vollkommen ausgeglichene Person, die um 6:30 Uhr Yoga macht und mit ruhiger Stimme sagt: „Ich achte sehr auf meine Grenzen.“ Ich achte eh auch auf meine Grenzen. Ich sehe sie meistens im Rückspiegel, während ich mit 180 an ihnen vorbeirase und schreie: „Nur noch diese eine Deadline!“
Vielleicht ist das Problem, dass Arbeit bei mir nicht immer wie Arbeit aussieht. Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht, ich hab mal wieder Nachtschicht im Kohle-Bergwerk“, sagen alle: „Natürlich, ruh dich aus.“ Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht, ich habe morgen einen Gerichtstermin“, sagen alle: „Oh Gott, viel Kraft.“ Wenn ich aber sage: „Ich kann nicht, ich fühle mich gerade inspiriert und möchte schreiben“, klingt das so, als würde ich nicht kommen, weil ich einen Traumfänger bastle oder eine Sojawachs-Kerze ziehe, die „Inneres Kind“ heißt.
Dabei ist Schreiben nicht immer romantisch. Es ist oft einfach: sitzen, hassen, löschen, wieder hinschreiben, Kaffee holen, sich selbst googeln, sich dafür verachten, zurück zum Dokument, denselben Satz lesen, kurz überlegen, ob man vielleicht doch lieber Immobilienmakler hätte werden sollen. Und das alles für ein Buch über Anti-Selbstoptimierung. Genau mein Humor. Ich muss gerade sehr diszipliniert daran arbeiten, euch zu erklären, warum man nicht immer so diszipliniert sein muss. Ich bin praktisch ein brennendes Paradox mit Laptop.
Und trotzdem will ich mich nicht beschweren. Also natürlich will ich mich beschweren, das ist ja mein gesamtes Geschäftsmodell, aber ihr wisst, was ich meine. Ich darf ein Buch schreiben. Das ist schön, ich habe mir das ja gewünscht. Und genau deshalb ist das schlechte Gewissen so unangenehm: Weil es sich undankbar anfühlt. Als würde man in einem sehr guten Restaurant sitzen und sagen: „Argh!!! Bitte nicht schon wieder Trüffel!“
Ich merke gerade einmal mehr, dass jede Entscheidung einen Preis hat. Und der Preis von Disziplin ist manchmal, dass man kurz etwas langweiliger wird. Man antwortet später, sagt öfter Nein und taucht nicht überall auf. Man verpasst Gespräche, Gossip, neue Insider, vielleicht auch den einen perfekten Moment, in dem jemand um 23:17 Uhr sagt: „Kommt, wir gehen noch schwimmen“, und alle schreien „Jaaaa!“, während man selbst daheim sitzt und einen Absatz löscht, den man am nächsten Tag wieder einfügt.
Das ist traurig, aber gehört wohl dazu.
Ich glaube, wir tun oft so, als müsste ein gutes Leben in jeder Phase komplett sein: Erfolgreich, gesund, sozial, romantisch, sportlich, kreativ, ausgeschlafen, politisch informiert, gut eingecremt und ausreichend hydriert. Als müsste man gleichzeitig ein Buch schreiben, gute Freundschaften pflegen, genug schlafen, Sport machen, schöne Dinge kochen, regelmäßig die Bettwäsche wechseln und beim Zähneputzen diese kleinen Zahnseide-Gabeln verwenden, die mir bis heute vorkommen wie ein Werkzeug aus einem Puppen-Folterkeller.
Aber vielleicht gibt es Phasen, in denen das Leben nicht ausgeglichen ist.
Gerade ist meine Freundschaftsseite ein bisschen zerknittert. Meine Freizeit auch. Meine Spontaneität liegt irgendwo bewusstlos unter dem Schreibtisch. Dafür gedeiht meine Kreativität. Balance bedeutet nicht, dass alles gleichzeitig gleich viel Platz bekommt. Manchmal bedeutet Balance nur, dass man merkt, wohin man gerade kippt, und sich nicht zusätzlich dafür beschimpft.
Ich kipp halt gerade in Richtung Arbeit, vor allem, weil ich gelernt habe, dass ich die seltenen Phasen, in denen mein Kopf tatsächlich mitmacht, nutzen muss, bevor er wieder beschließt, sich drei Tage lang ausschließlich für Käsebrote und alte Folgen von Real Housewives of New York zu interessieren.
Ich hoffe, meine Freund*innen wissen das. Ich hoffe, sie wissen, dass mein „in zwei Wochen?“ kein „Du bist mir egal“ ist. Es ist eher ein „Ich bin gerade in einem sehr engen Tunnel, aber ich winke dir aus der Dunkelheit mit einer kleinen Stirnlampe zu und wir sehen uns bald.“
Bis dahin übe ich mich in einer neuen Form von Balance: Ich mache gerade nicht alles richtig. Aber ich mache etwas fertig. Und vielleicht reicht das für den Moment.
Mein Buch “Wer später kommt, darf früher gehen” könnt ihr hier bestellen!
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