Ja, ich weiß: Viele von euch kennen mich vor allem für meine philosophisch anmutenden Wohlfühl-Texte, in denen ich mit sanfter Stimme über das Leben sinniere, als hätte ich gerade eine Klangschalen-Ausbildung in der Toskana abgebrochen.
Aber ich bin 33. Ich denke nicht nur nach. Ich habe auch gern Sex.
Willkommen bei Michi After Dark: einer neuen Kategorie für Geschichten, die vielleicht ein bisschen weniger nach Selbstfindung und ein bisschen mehr nach „Ich lösche diese Nachricht morgen früh lieber mal wieder“ klingen.
Es wird intim, hoffentlich lustig und nur so schamlos, wie es sein muss.
Letztens habe ich in einer Podcast-Folge erwähnt, dass ich seit mehreren Jahren in einer offenen Beziehung lebe, und die Reaktionen darauf waren, gelinde gesagt, überschaubar. Genau eine Person schrieb mir danach: „Cool.“
Kein „Wie mutig von dir!“, kein „Danke, dass du dieses Tabu brichst!“, nicht einmal ein halbherziges „Spannend, erzähl mehr!“, wie man es von Menschen bekommt, die sich in Wahrheit wünschen, man würde sofort aufhören zu reden.
Ich glaube, der Rest dachte sich eher: Ja eh, das merkt man.
Und ganz ehrlich: Fair enough. Ein schwules Paar in einer offenen Beziehung ist ungefähr so revolutionär wie ein Wiener, der sich über die Öffis beschwert, während er trotzdem stolz behauptet, in der lebenswertesten Stadt der Welt zu wohnen. Laut irgendeiner Statistik, die ich letztens auf X aufgeschnappt habe, leben angeblich 50 Prozent aller schwulen Paare nicht monogam. Ob diese Zahl stimmt, weiß ich nicht. Es könnte auch einfach jemand mit einem Grindr-Profilbild ohne Gesicht gewesen sein, der sie zwischen zwei „Was suchst?“-Nachrichten erfunden hat. Aber gefühlt klingt sie plausibel.
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass offene Beziehungen viele Vorteile haben. Der offensichtlichste Vorteil ist Sex. Ich weiß, das ist ein bisschen plump, aber manchmal ist die Wahrheit eben nicht elegant, sondern schreibt um 23:48 Uhr „hey“ und hat als Profilbild einen Sonnenuntergang.
Aber über Sex wurde wirklich schon genug gesagt. Reden wir über den eigentlichen Vorteil: Urlaubsplanung. Eine offene Beziehung ist eine wunderbare Art, eine fremde Stadt kennenzulernen. Denn seien wir ehrlich: Wie oft lernt man auf Reisen wirklich Einheimische kennen?
Ich persönlich nie.
Ich gehöre nicht zu diesen Menschen, die in einem Pariser Supermarkt zufällig zur selben Mango greifen wie ein charmanter Franzose, woraufhin unsere Hände sich berühren, wir beide lachen und er sagt: „Komm, ich zeige dir das echte Paris.“ In meinem Leben würde ich vermutlich zur selben Mango greifen wie eine gestresste deutsche Mutter namens Silke, die mir erklärt, dass Obst in Frankreich „auch nicht mehr das ist, was es mal war“, und mich dann fragt, ob ich weiß, wo hier die glutenfreien Cracker stehen.
Auch in Bars lerne ich keine Einheimischen kennen. In Bars sitze ich meistens mit meinen eigenen Leuten herum und rede darüber, wie schön es doch wäre, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Danach bestellen wir noch eine Runde, googeln „beste Restaurants in der Nähe“ und landen in einem Lokal, das von 14.000 Touristen bewertet wurde, weil dort jemand „authentisch“ in die Speisekarte geschrieben hat.
Aber dann gibt es Grindr.
Und ich sage das jetzt nicht als Werbung für Grindr, denn Grindr ist, realistisch betrachtet, eine App, die aussieht, als wäre sie von einem Roboter programmiert worden, der Schwule nur aus Gerüchten kennt. Aber trotzdem: Ein kurzer Blick, und plötzlich sitzt man in Paris nicht mehr in einem überteuerten Café neben einer Familie aus Niedersachsen, sondern mit einem attraktiven Franzosen namens Raphael in dessen Apartment mitten auf der Rue Saint-Honoré, was in etwa so ist, als würde er im Dornröschenschloss in Disneyland wohnen. In klareren Worten: Raphael ist offenbar rich as fuck, oder wie auch immer man das auf Französisch sagt.
Seine Wohnung sieht aus, als hätte sie jemand eingerichtet, der nicht nur weiß, was eine Vase von Hermès Home kostet, sondern auch bereit ist, diesen Preis zu bezahlen, ohne danach drei Wochen lang Nudeln mit Ketchup zu essen. Ich betrete also seine Wohnung und denke mir sofort: Aha, offene Beziehung als Bildungsreise. Andere Leute buchen Stadtführungen, ich lasse mir von einem Mann mit Marmorbad erklären, warum man das Marais mittlerweile meiden sollte.
Natürlich passiert vorher das, weswegen man ursprünglich gekommen ist. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, immerhin könnte meine 85-jährige Nachbarin diesen Text lesen. Sagen wir einfach: Es war ein kultureller Austausch. Eine Art Erasmus-Programm, nur ohne Leistungsnachweis. Ich werde euch nur die Info geben, dass Franzosen beim Sex offenbar gerne „voila“ sagen. Spannend!
Und danach kommt der nächste Mehrwert.
Denn wo ich in meiner eigenen Stadt nach einem Hookup oft unangenehm auf eine Zimmerpflanze starre und sowas frage wie “Und…in welches Fitnessstudio gehst du eigentlich?” während ich meine Kleidung zusammensuche, kann man auf Reisen einfach sagen: „Du, wo sollte ich hier eigentlich essen gehen?“
Das ist der Moment, in dem sich die offene Beziehung in einen Lifestyle-Hack verwandelt.
Denn Einheimische kennen die besten Orte. Zumindest behaupten sie das. Und da ich ausgezeichnet im Bett bin, gehe ich selbstverständlich davon aus, dass Raphael mir nicht irgendeinen lieblosen Touristen-Tipp gibt, sondern seine wertvollsten Geheimnisse offenbart. Einen kleinen Weinladen, in dem die Besitzerin alle Gäste anschreit, aber der Chardonnay fantastisch ist. Ein Restaurant ohne Website, in dem man um 19 Uhr da sein muss, weil danach irgendein pensionierter Filmproduzent alle Tische blockiert. Eine Bäckerei, in der es Croissants gibt, nach denen man kurz versteht, warum Französ*innen so arrogant sind.
Manche sammeln Kühlschrankmagnete. Ich sammle Restauranttipps mit Vorspiel. Das ist doch viel schöner als TripAdvisor.
Natürlich muss man vorsichtig sein.
Ich sage das nicht nur, weil man es in Texten über Dating-Apps sagen muss, damit niemand denkt, ich würde meine Leser*innen aktiv dazu ermutigen, nachts in fremden Städten in die Wohnungen fremder Männer zu gehen. Obwohl ich, streng genommen, genau das gerade tue. Aber eben mit gesundem Menschenverstand! Identität überprüfen, Bauchgefühl ernst nehmen, nicht zu Menschen gehen, deren Profiltext nur aus „no drama“ besteht. You get it.
Außerdem ist nicht jeder so eine Mega-Slut wie ich, und das ist völlig in Ordnung. Manche Menschen möchten im Urlaub Museen besuchen, manche möchten früh aufstehen und joggen, manche möchten mit dem Fahrrad durch Amsterdam fahren und danach Holzschuhe kaufen. Ich wiederum entdecke Städte gerne über ihre Bewohner, one dick at a time.
Und vielleicht klingt das jetzt alles sehr oberflächlich. Aber ist es wirklich oberflächlicher als eine klassische Stadtführung, bei der ein Mann mit Headset erzählt, dass hier früher mal irgendein König gewohnt hat, der alle seine Cousinen geheiratet hat? Ist es oberflächlicher als ein Reiseführer, der mir empfiehlt, „einfach durch die kleinen Gassen zu schlendern“, als wäre ich Julia Roberts in einem Film, der um 14:15 Uhr auf Sat.1 läuft?
Ich finde nicht.
Denn am Ende geht es beim Reisen doch darum, kurz aus dem eigenen Leben herauszufallen. Man will nicht nur andere Häuser sehen, sondern andere Routinen. Andere Kühlschränke. Andere Badezimmerlampen. Andere Menschen, die einem nach einem Afternoon Delight sagen: „You should really try this little place near Canal Saint-Martin“, und plötzlich hat man einen Plan für den Abend.
Vielleicht ist genau das der wahre Luxus einer offenen Beziehung auf Reisen: Nicht, dass man alles darf. Sondern dass man sich für ein paar Stunden in eine fremde Version der Stadt einschleusen kann. In eine Wohnung, in ein Viertel, in eine Empfehlung, in ein Leben, das einem sonst verschlossen geblieben wäre.
Und wenn dabei zufällig Sex passiert; ja mein Gott. Ich will halt keine Sehenswürdigkeit auslassen.
Mein Buch “Wer später kommt, darf früher gehen” könnt ihr hier bestellen!
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