Wenn die 22 Autos um die Strecke rasen, entscheidet am Ende oft weniger als ein Wimpernschlag.
Ein Samstag im Juni. Qualifying in Barcelona.
Nach den letzten schnellen Runden erscheint das Ergebnis: Die sieben schnellsten Autos trennen gerade einmal 0,411 Sekunden. Die gesamte Spitzengruppe innerhalb der Dauer eines Wimpernschlags.
Dass es nur wenige Millisekunden Unterschied sind, passiert nicht erst auf der letzten Runde. Das ist das Ergebnis von Monaten an Arbeit in Fabriken, Windkanälen, Simulatoren und in wahrscheinlich unzähligen Meetings. Dort wird jedes Gramm Bauteil hinterfragt, jeder Prozess bis ins Detail hinterfragt. Welche Idee kann noch gefunden werden, um ein paar Hundertstel schneller zu werden?
Genau deshalb liebe ich die Formel 1.
Klar faszinieren mich die Geschwindigkeit, die Geschichten der Fahrer, all das Drama auf und neben der Strecke. Je länger ich den Sport verfolge, desto öfter schaue ich aber auf etwas anderes: die Organisationen hinter den Autos.
Für mich sind das einige der leistungsfähigsten Teams der Welt.
Beim Formel-1-Schauen nehme ich erstaunlich oft Dinge mit, die sich gut in den eigenen Arbeitsalltag integrieren lassen.
In Konzernen redet man gerne über Transformationen, Reorganisationen oder die nächste große Innovation.
Die Formel 1 erinnert mich jedes Wochenende daran, dass Fortschritt meistens viel unspektakulärer aussieht.
Ein Bauteil wird ein paar Gramm leichter. Ein Mechaniker vereinfacht einen Handgriff beim Boxenstopp. Eine Simulation liefert eine etwas bessere Strategie.
Der ehemalige F1-Weltmeister Nico Rosberg verriet, wie obsessiv er im Kampf um Zehntelsekunden wurde. Jedes Kilogramm Gesamt- bzw. Körpergewicht kostet einen Fahrer pro Runde etwa 0,03 Sekunden, hochgerechnet auf ein ganzes Rennen sind das schnell zwei Sekunden. Oft der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage.
Also kratzte Rosberg die schwarze Lackierung von seinem Carbon-Helm und sparte damit 80 Gramm. Er bohrte Löcher in nicht-strukturelle Bereiche seines Sitzes. Bis zum Rennen in Suzuka hatte er auf diese Weise ein ganzes Kilo eingespart.
Das Ergebnis: Pole-Position, mit einem Vorsprung von 0,02 Sekunden. Ein Vorteil, der ihm am Ende zum Weltmeistertitel verhalf.
Keine solcher Verbesserungen gewinnt allein ein Rennen. Zusammen schon.
Vielleicht unterschätzen wir im Berufsalltag, wie mächtig viele kleine Mini-Stellschrauben sein können, wenn man konsequent an ihnen dreht.
Die Formel 1 gehört vermutlich zu den am stärksten regulierten Sportarten überhaupt.
Das technische Reglement der FIA umfasst 500 bis 600 Seiten. Bis ins kleinste Detail steht da geschrieben, was erlaubt ist und was nicht.
Trotzdem verbringen die besten Teams unendlich viel Zeit damit, genau diese Regeln zu studieren. Vor allem, um sie besser zu verstehen als die Konkurrenz.
Ein gutes Beispiel ist der Heckflügel. Seit dieser Saison gibt es eine neue Regel, wie er sich im Rennen verstellen lässt, um auf der Geraden weniger Luftwiderstand zu erzeugen. Die Regel ist für alle Teams exakt gleich. Trotzdem hat Ferrari sich eine Lösung ausgedacht, bei der sich der Flügel komplett auf den Kopf dreht, in der Box nennen sie es liebevoll den “Macarena-Flügel”. Red Bull hat eine eigene Version gebaut, die anders dreht, aber auf dieselbe Idee einzahlt. McLaren bleibt vorerst bei der einfachen Klapp-Lösung. Gleiche Regel, drei völlig unterschiedliche Antworten.
Was ich daraus für meinen Job mitnehme: Dieselbe Vorgabe lässt fast immer mehr als eine gute Lösung zu. Wer nur nach der einen richtigen Antwort sucht, verpasst das.
Im Job will ich immer bis ins letzte Detail verstehen, wie eine KPI zustande kommt. Aber nicht nur, um die Vorgabe zu erfüllen, sondern um zu sehen, wo sie Spielraum lässt. Genau da trennt sich, wer nur abarbeitet, von wer wirklich etwas bewegt.
Wer seine Branche, seine Prozesse oder seine eigene Organisation richtig versteht, entdeckt Möglichkeiten, die andere schlicht übersehen.
Nach jeder Runde entstehen Tausende neue Messwerte: Reifentemperaturen, Wind, Bremsverhalten, Energieverbrauch, Sektorzeiten und so weiter.
Aber Weltmeister wirst du nicht, weil du die meisten Dashboards gebaut hast.
Du gewinnst, wenn dein Team versteht welche Daten tatsächlich etwas ausmachen. Wo verwechseln wir Korrelation mit Kausalität? Welche Daten bewegen unser Ergebnis wirklich?
Aus dem ganzen Datenwust musst du schlicht die richtigen Schlüsse ziehen und die richtigen Fragen stellen.
“What’s actually moving the needle?”
Für die Formel 1 und den eigenen Job gilt dieser Satz gleichermaßen.
Eine Person, deren Interviews ich besonders gerne höre, ist Hannah Schmitz, Principal Strategy Engineer bei Red Bull Racing.
Sie sagt, Formel 1 sei wie ein Brettspiel. Weil sie darin schon immer gut war, passe der Job als Rennstrategin perfekt zu ihr.
Ich musste dabei sofort an unseren Arbeitsalltag denken.
Sollten wir unsere eigene Rolle nicht öfter mal wie ein Brettspiel betrachten, also etwas strategischer? Dann denken wir vielleicht nicht nur an den nächsten logischen Zug, sondern bereiten schon vor, wie wir alles für den übernächsten Zug in Stellung bringen.
Kein Fahrer gewinnt allein. Hinter jedem Auto stehen Spezialistinnen und Spezialisten, die in ihrem Bereich zu den Besten der Welt gehören.
Aber selbst das reicht nicht. Gewonnen wird von dem Team, das diese Leute am besten zusammenbringt.
Vielleicht sprechen wir in Unternehmen zu oft über High Performer und zu selten über High-Performance-Teams.
Die Netflix-Doku Drive to Survive kann ich ohnehin jedem ans Herz legen. In der aktuellen Staffel ist die Folge Strictly Business für mich die stärkste.
Eigentlich geht es darin um zwei Teamchefs. Aber man sieht dort vor allem zwei völlig unterschiedliche Konzepte von Leadership.
Zum einen ist da Flavio Briatore. (Ja, Heidis Ex und genau der, der schon zu Schumis Zeiten in der Formel 1 dabei war, nach dem Crashgate-Skandal lebenslang gesperrt wurde und jetzt, Überraschung, wieder zurück ist.)
Er setzt auf klare Ansagen:
Bei ihm gibt’s klare Hierarchien und Kontrolle. Eine „Der Zweck heiligt die Mittel“-Mentalität, bei der Entscheidungen stur von oben kommen und du gehorchst, verdammt nochmal. Ein Führungsstil, den viele wohl als alte Schule bezeichnen würden.
Sein Gegenstück in der Folge ist Jonathan Wheatley. Er hört zu, fragt nach und bewegt sich mitten durchs Team. Man spürt, dass er Verantwortung dorthin geben möchte, wo die echte fachliche Kompetenz sitzt. Er wirkt weniger wie ein Chef, mehr wie ein echt wohlwollender Coach.
Die meisten werden schnell wissen, welchen Stil sie selbst bevorzugen.
Spannend fand ich aber vor allem die Frage, wann Führung überhaupt sichtbar wird.
Nie, wenn alles glattläuft. Sondern wenn die Kacke am Dampfen ist. Wenn Fehler passieren, wenn Mitarbeitende Orientierung brauchen. Oder wenn Flavios Fahrer ihre Autos schon wieder komplett zerstört haben. Sagen wir es so: Seine Laune war nicht gerade tutto bene.
Unter Druck wird Kultur sichtbar. Genau deshalb fand ich diese Folge fast spannender als manches Rennen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich so gerne Formel 1 schaue.
Nicht nur wegen der Action auf der Strecke, sondern weil sie alle zwei Wochen zeigt, wie außergewöhnliche Teams arbeiten und ans Limit gehen.
Am Ende sind es vielleicht nur 0,411 Sekunden Unterschied zwischen den Teams.
Ich sehe darin Tausende kleine Entscheidungen, Tausende Verbesserungen.
Vor allem sehe ich Menschen und Teams, die jeden Tag gemeinsam ein kleines bisschen besser werden.
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