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Karsten Samland · Jul 14, 2026

Vor 10 Jahren sollte ich absichtlich schlechte Ideen entwickeln. Es prägt meine Art zu arbeiten bis heute.

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Karsten @ Substack · Karsten Samland

Berlin, 2015. Ein Altbau. Fünf oder sechs Menschen sitzen mit ihren MacBooks an einem Tisch und versuchen, Content-Ideen für das Internet zu entwickeln.

Wir haben ein Brainstorming. Der Titel: „The Worst Brainstorming.“

Die Aufgabe ist ziemlich einfach. Wir entwickeln eine erste Idee und überlegen dann, wie wir daraus die schlechteste mögliche Version machen können. Was wäre die dümmste Weiterentwicklung dieser Idee? Die absurdeste? Die Version, bei der man normalerweise sagen würde: Auf keinen Fall.

Ich weiß heute nicht mehr, welche Ideen wir damals genau hatten. Aber ich weiß noch, wie viel wir gelacht haben. Wir haben uns weggeschmissen.

Natürlich war vieles kompletter Quatsch. Hanebüchene Ideen, absurde Konzepte und Gedanken, die man unter normalen Umständen wahrscheinlich nie laut ausgesprochen hätte. Genau dadurch kamen wir allerdings in Richtungen, in die wir bei einem normalen Brainstorming wahrscheinlich nie gedacht hätten.

Eine schlechte Idee führte zur nächsten. Jemand griff einen absurden Gedanken auf und entwickelte ihn weiter. Eine völlig bescheuerte Idee öffnete plötzlich eine Tür, die vorher niemand gesehen hatte. Und irgendwann waren da tatsächlich ein paar ziemlich gute Ideen.

Wir nahmen sie mit und gingen zurück ins Content-Hamsterrad. Der nächste Artikel, das nächste Format, die nächste Idee.

Eigentlich hätte ich dieses Brainstorming längst vergessen können. Mehr als zehn Jahre später denke ich trotzdem immer noch daran, weil es meinen Blick auf kreative Arbeit grundlegend verändert hat.

Es hat mir, ohne dass ich es damals verstanden habe, eine Frage mitgegeben, die mich seitdem begleitet:

Was soll schon schiefgehen?

Das klingt vielleicht zunächst nach Leichtsinn. Für mich ist es eher eine ziemlich nüchterne Frage.

Denn natürlich gibt es Berufe, in denen sehr viel schiefgehen kann.

Ich möchte nicht derjenige sein, der viele Stunden am Tag ein tonnenschweres Fahrzeug fährt und weiß, dass eine Sekunde Unaufmerksamkeit verheerende Folgen haben kann. Ich bin auch nicht der Richtige für einen Beruf, in dem ich mit meinen Händen so präzise arbeiten muss, dass das Ergebnis darüber entscheiden kann, ob ein anderer Mensch gesund wird oder Schaden nimmt.

Es gibt unzählige Berufe, in denen Fehler echte, unmittelbare und manchmal irreversible Konsequenzen haben. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die diese Verantwortung jeden Tag tragen.

Meine Arbeit in den vergangenen Jahren war eine andere. Ich arbeite an der Schnittstelle von Technologie, Medien und Kreativität. Ich habe Menschen und Unternehmen dabei geholfen, Inhalte zu entwickeln, ihre Stimme zu finden, neue Formate auszuprobieren und kreative Konzepte umzusetzen.

Wenn ich mir bei dieser Arbeit die Frage stelle, was im schlimmsten Fall passieren kann, ist die Antwort meistens ziemlich unspektakulär.

Eine Idee funktioniert nicht. Ein Video performt nicht. Ein Konzept wird verworfen. Du brauchst ein neues, weil das alte keiner gesehen hat.

Vielleicht gibt es morgen ein paar Videos weniger auf dieser oder jener Plattform.

Und dann?

Dann überlegen wir uns etwas Neues.

Diese Erkenntnis hat mir über die Jahre unglaublich viel Freiheit gegeben. Wenn die Kosten einer schlechten Idee relativ gering sind und der mögliche Gewinn einer außergewöhnlichen Idee gleichzeitig sehr groß sein kann, verschiebt sich die Rechnung.

Irgendwann habe ich deshalb angefangen, das größere Risiko woanders zu sehen: darin, eine Idee gar nicht erst auszusprechen.

Eine schlechte Idee kann man verwerfen. Bei einer unausgesprochenen Idee passiert gar nichts. Niemand kann sagen: „Das funktioniert so nicht, aber was wäre, wenn wir stattdessen …?“ Niemand kann den einen Teil herausgreifen, der vielleicht doch interessant ist, oder aus einem halbfertigen Gedanken einen besseren machen.

Und vielleicht verschwindet eine richtig gute Idee einfach wieder.

Ich glaube heute, dass die größte Gefahr in kreativen Berufen oft genau darin liegt. Eine gute Idee wird nie ausgesprochen, weil sie im ersten Moment zu verrückt, zu unfertig oder einfach ein bisschen bescheuert klingt.

Das heißt natürlich nicht, dass jede Idee gut ist. Die meisten sind wahrscheinlich mittelmäßig. Manche sind schlecht. Einige sind kompletter Quatsch. Ich glaube nur, dass das dazugehört, wenn man gelegentlich auf eine Idee kommen will, die wirklich außergewöhnlich ist.

Wenn ich auf meine eigene Arbeit der vergangenen Jahre zurückblicke, war deshalb das Umfeld immer einer der wichtigsten Faktoren für mich. Ich möchte mit Menschen arbeiten, bei denen man auch die verrückteste Idee im Raum aussprechen kann. Eine unfertige Idee muss nicht sofort danach bewertet werden, ob sie perfekt ist.

Jemand sollte sagen können: „Ich habe da einen völlig bescheuerten Gedanken …“

Und die anderen hören erst einmal zu.

Vielleicht ist der Gedanke wirklich bescheuert. Dann wird er verworfen und fünf Minuten später spricht niemand mehr darüber.

Vielleicht sagt aber auch jemand: „Warte mal. So funktioniert das natürlich nicht. Aber was wäre, wenn wir …?“

Und plötzlich ist man irgendwo, wo man vorher nicht war.

Das habe ich 2015 in einem Berliner Altbau gelernt, bei einem Brainstorming, dessen Ziel es eigentlich war, die schlechtesten Ideen zu entwickeln, die uns einfallen konnten.

Mehr als zehn Jahre später versuche ich immer noch, mir diese Haltung zu bewahren. Wenn ich eine Idee habe und kurz davor bin, sie für mich zu behalten, stelle ich mir eine einfache Frage:

Was soll schon schiefgehen?

Meistens lautet die Antwort: Nicht besonders viel.

Aber wenn ich die Idee nicht ausspreche, werde ich nie erfahren, was daraus hätte werden können.

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