Wie viel verspätet kann man eigentlich einen mal als wöchentlich gestarteten Newsletter verschicken? Ja, ich weiß…. die letzten News aus dem Vorgebirge sind schon ein paar Tage her. Aber ich habe gute Gründe: ich bin 50 geworden und nun also alt und… mir ist einfach nichts eingefallen. Also, jedenfalls nichts, was ich beschreiben wollte. Es ehrt mich sehr, dass von den Abonnentinnen unterdessen tatsächlich niemand abgesprungen ist. Danke dafür. Wir kommen zum Sport:
Ein knappes Jahr ist es her, da schauten die Fans des Fußballclubs Energie Cottbus mit bangem Blick auf den Rasen des Jahn-Sportparks in Berlin, wo ihre Mannschaft am letzten Spieltag der Regionalliga Nord-Ost den Aufstieg in die Dritte Liga klar machen sollte. Gegen die zweite Mannschaft von Hertha BSC. Man spürte die wackeligen Knie der Spieler, denn es ging um oh so viel. Der Druck von innen wie von außen immens. Und es gelang. Nach Spielende brachen alle Dämme. Endlich wieder Profifußball in der Lausitz.
Gestern nun gab es ein 2:4 gegen Waldhof Mannheim und der Ärger ist groß. Wie kann man sich so präsentieren, riefen die einen nach drei Halben aus ihren Wohnzimmersesseln. Damals unter Ede Geyer wäre das nicht passiert, da hatte die Truppe noch Charakter und Wille, gifteten die anderen mit einer Träne der Wut in dem einen und einer der Enttäuschung im anderen Auge. Ähm, aber, Moment. Man darf das jetzt nicht falsch verstehen. Energie Cottbus ist gestern nicht wieder abgestiegen. Der Klassenerhalt ist seit Monaten gesichert. Die Mannschaft wird nur - wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht - nicht direkt in die zweite Bundesliga aufsteigen. Die junge Mannschaft, die gerade noch gegen den ZFC Meuselwitz und Hertha Zehlendorf kickte, dann eine so begeisternde Runde Dritte Liga hinlegte, dass den etablierten Vereinen - inklusive einer gewissen schwarzgelben Truppe aus Dresden - die Augen raus fielen, hat kurz vor dem Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen. Und den sicher geglaubten Durchmarsch wohl verspielt. Und ist das jetzt schlimm? Muss man sie dafür niedermachen?
In einer Zeit, in der Gemeinheit und Wut sich jederzeit aus jedem Schrebergarten des Landes zur Lawine aufbauen können, wird der schon immer nicht gerade niedrige Druck auf diejenigen, die in der Öffentlichkeit agieren immens. Ob bei einer TikTok-Challenge, in der Politik oder auf dem Fußballplatz. So lange Du Erfolg hast wirst Du gefeiert. Und wenn Du keinen Erfolg hast, wirst Du erbarmungslos nieder gemacht. Also besser nicht verlieren, könnte man da denken. Lieber das sagen, was die Nachbarn sagen. Lieber den Lautesten zujubeln wie alle anderen. Lieber schnell den kleinen Regionalverein verlassen und zu einer Mannschaft wechseln, die sich zu höherem berufen fühlt (und dafür auch das Geld hat). Oder halt Fan von Bayern München, dem FC Barcelona oder Paris Saint Germain sein, da ist man meistens auf der Jubelseite. Man kann auch von der Couch aus gar nichts machen außer bei Facebook drüber schimpfen, dass niemand mehr was machen will. Im Dorfverein Verantwortung übernehmen bringt im besten Fall ein Schulterklopfen, im wahrscheinlicheren Fall nur Gemecker über Kleinigkeiten. Politisches Engagement? Da winken die meisten dankend ab. Da kannste nur verlieren.
Und trotzdem will ich da nicht mitmachen. Will nicht nur meckern sondern mich auch mal über erreichtes freuen. Auch wenn das Erreichte nicht immer gleich ein fulminanter Ritterschlag ist.
Als Energie Cottbus 2016 nach nur einem Jahr Profifußball den bitteren Gang zurück in die Regionalliga gehen musste, bin ich in den Verein eingetreten. Und heute freue ich mich und bin dankbar für eine begeisternde erste Drittliga-Saison meines Vereins. Des Vereins, für den schon mein Vater gespielt hat und der ein Identifikationsort für die ganze gebeutelte Region ist. Meine Mitgliedsnummer ist die 3555. Ich meine das wirklich ernst mit dem rot-weißen Herzblut. Und heute gratuliere ich trotzdem der schwarzgelben Truppe aus Dresden dazu, dass sie es mit unermüdlicher Arbeit und Wille trotz bitterer Rückschläge in diesem Jahr wohl in die Zweite Liga schaffen werden. Daran kann man sich ein Beispiel nehmen, trotzdem und gerade auch weil das Harbigstadion - wie das Stadion der Freundschaft in Cottbus - leider nicht nur ein Ort der friedlich-fröhlichen Fußballfans ist. Ich denke, dass Selbstbewusstsein und Respekt, Rivalität und Anerkennung von Leistung nebeneinander funktionieren können und müssen. Bei so einem wichtigen Thema wie Fußball, und auch im Dorfverein und im Gemeinderat… und auch bei TikTok.
Gerade noch irgendwie über Menschen hergezogen, die nichts machen, außer über Menschen herziehen. Gute Zeit, mal ein paar Veranstaltungen zu nennen, bei denen viele gute Leute gute Dinge machen. Vom 11. Mai bis zum 1. Juni finden in der Baugewerkeschule und in der Hochschule Zittau/Görlitz Thementage zum Zukunftsprojekt Green Zitty 2032+ statt. Stadt, Land & Flüsse. Wie gestalten wir Zittaus Zukunft? Guckt mal rein, das dürfte spannend werden.
Der zweite Tipp betrifft ein von den Menschen hier heiß geliebtes Event. Und darum soll es am 30. August auch wieder stattfinden. Ring on Feier soll wieder unseren Zittauer Stadtring für eine Nacht in strahlendes und buntes Licht tauchen. Wer mitmachen oder auch nur von Ferne ein paar Unterstützungseuronen schicken möchte, kann das auf der hier verlinkten Seite.
Da das Lesen der neuen Heimatzeitung zuletzt oft eher Frust als Lust bedeutete, lese ich seit geraumer Zeit nur noch den mich von Berufswegen her interessieren zu habenden Lokalteil der Sächsischen. Heute bin ich dann aber doch einmal wieder am Feuilleton hängen geblieben. Der „Theater- und Konzertredakteur“ der SäZ, Bernd Klempnow, gibt fünf Tipps für den Bühnenmonat Mai. „Von Casanovas Ende bis zur Horrorsatire mit Senioren“ ist das ganze überschrieben und man ahnt, dass dies nicht der glanzvollste Bühnenmonat des Jahres werden dürfte. Man könnte meinen, dass die weiteren sächsischen Bühnen außerhalb des „Dresdner Raumes“ vielleicht im Wonnemonat qualitativ aushelfen würden. Aber da für Bernd Klempnow - wie viele seiner Texte zeigen - hinter Klotzsche und Pillnitz die ewige kulturelle Finsternis lauert und nur von Rang sein kann, was sich rings des Goldenen Reiters eierscheckend tummelt, lesen wir neben Hellerau und der im Sommer unvermeidlich großartigen Felsenbühne Rathen dann eben doch auch von Generationenklamauk in der Herkuleskeule und Seniorentheater im Kleinen Haus.
Und bevor ich kopfschüttelnd weiterscrolle, denke ich noch einmal wehmütig an die Zeiten, als mit Valeria Heintges sogar eine stellvertretende Ressortleiterin der SZ regelmäßig zu Theaterpremieren nach Bautzen und Zittau und Zwickau und so weiter reiste. Vielleicht kann die SZ Herrn Klempnow ja mal ein Deutschlandticket spendieren. Immer nur die im eigenen Saft köchelnde eigene Stadt vorgestellt zu bekommen, muss irgendwann selbst den sonst sicher nicht gerade uneitlen Dresdnerinnen zu langweilig sein.
Jetzt schreibt er auch noch. Theaterkritiken. Ja, aus Dresden kommt ja keiner mehr. Also schreibe ich ab jetzt auch Kritiken zu den Premieren am Schauspielhaus in Zittau. Als Abonnent bin ich ja eh dabei. Wer Lust hat, das regelmäßig zu verfolgen, findet die bisherigen Ausgaben hier. Für Sie und Euch alle hier der Text zum Goldenen Drachen.
Schauspiel von Roland Schimmelpfennig - Premiere am 29.03.2025 - Regie: Amina Gusner
Die Worte Zuwanderung, Unterdrückung und Ignoranz fallen kein einziges Mal an diesem Abend im Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau. Und doch geht es genau um diese Begriffe. Wer sich nicht vor dem Theaterbesuch über das Stück und seinen Autor informiert hat, wird recht lange brauchen, überhaupt zu verstehen, was da gerade passiert auf dieser schlichten und doch äußerst eindrucksvollen Bühne. Das Publikum sitzt - wie schon im gefeierten Rietzschel-Stück „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ aus der Vorsaison - mitten auf der Bühne, den dunklen Zuschauerraum im Rücken und blickt auf die vom imposanten Rundhorizont umrahmte Drehbühne. So entsteht eine besondere Nähe zwischen Publikum und Ensemble, man wird Teil der Szenerie. Auf der komplett weißen Bühne hier ein paar Restaurantküchentische, dort ein Berg Plastikflaschen, zwei Kühlschränke, einige graue Plastikstühle. Sonst nichts. Der Raum wird lebendig, manchmal hektisch durch unentwegte Musik und wechselnde großflächige Projektionen in die Bühnenumrahmung und die sich unentwegt mal schneller, mal langsamer drehende Bühne. Eine grelle Großstadtwelt, wie ein mit schnellen Schnitten produzierter Videoclip.
In der ersten Szene wird klar, dass der Goldene Drache eines der unzähligen Asia-Restaurants in irgendeiner Stadt der westlichen Welt ist. Die fünf Akteure in der Küche sind schnell, machen Scherze. Das Restaurant wird mal als vietnamesisch-thailändisches, mal als chinesisch-japanisches, dann wieder als irgendwie anderes asiatisches Lokal bezeichnet. Es ist egal, das Küchenpersonal ist zusammengewürfelt von überall her, alles Menschen, die ihr zu Hause am anderen Ende der Welt verlassen haben, um ihr Glück im goldenen Westen zu finden. Der Kundschaft ist es auch egal, man isst gern exotisch und was der Unterschied zwischen japanischer und chinesischer Küche ist, weiß eh niemand. Die Restaurantküche und die Geschichte der hier arbeitenden Menschen ist nur einer von mehreren Handlungssträngen des Stückes, die alle in dieser Nachbarschaft spielen, gefühlt zunächst willkürlich, manchmal mit einer gewissen absurden Komik erzählt, später immer mehr zueinander finden.
Das Ensemble spielt die Geschichte mit großem Tempo, was die hektisch-fiebrige Atmosphäre der Bühnengestaltung aufgreift und dem Publikum kaum Zeit zum atmen lässt. Wenn Philipp Scholz einen asiatischen Koch und im nächsten Erzählstrang mit David Thomas Pawlak ein Stewardessen-Duo spielt und Martha Pohla erst den Mann im gestreiften Hemd, dann den Asiaten mit Zahnschmerzen, wird klar daß Geschlecht irgendwie keine Rolle spielt für die Geschichte; wenn Isabella Szendzielorz die junge Enkelin und Jonas Maria Lubisch den Großvater gibt, wird das Alter nebensächlich. Von all diesen Kategorien befreit, bleibt schließlich nur noch der Mensch. Der Mensch und seine Taten.
In einer starken Ensemble-Leistung einzelne herauszuheben fällt besonders schwer. Es ist Amina Gusner gelungen, den schweren Stoff dadurch erträglicher zu machen, dass die Schauspielerinnen auch dann Teil des Stückes sind, wenn sie nicht Teil der Handlung sind, sich gegenseitig in Kostüme helfen, Requisiten reichen oder auch nur im Sichtbereich des Publikums am Rand der Bühne stehen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es sämtlich, die unterschiedlichen Rollen in den verschiedenen Erzählsträngen so anzulegen, dass das Publikum den Überblick behalten kann.
Besonders zu erwähnen in einer starken Ensemble-Leistung ist Jonas Maria Lubisch, der gerade die an diesem Abend am schwersten zu ertragenden Szenen als Opfer sexuellen Missbrauchs darzustellen hatte. In seiner Darstellung der Figur „die Grille“ wird die Reise in das Land der Hoffnung und weiter zur Hölle auf Erden besonders schmerzhaft sichtbar.
Die Geschichte, die mit lachenden Köchen im Goldenen Drachen begann entwickelt sich immer mehr zu einem ganz realen Alptraum. Das zunächst noch bei einzelnen Szenen zu vernehmende Lachen im Publikum verschwindet. Zu grotesk, zu verstörend, zu grausam ist die Geschichte auf dem Weg zu ihrem Höhepunkt. Am Ende bleibt beim Publikum der fahl faulige Geschmack eines kariösen Zahnes: Wir alle kümmern uns viel zu sehr um uns selbst, was aussieht wie Empathie ist oft nur Heuchelei. Wir geben uns weltgewandt und haben doch in unserem spießigen Selbstmitleid den Blick für den Nachbarn vergessen, die Menschlichkeit verlernt. Danke für einen verstörenden, unerträglichen und großartigen Theaterabend.
Der Goldene Drache wird noch einmal gezeigt am 17.5.2025.
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