Gestern las ich bei Instagram, dass der Klimawandel - das ist dieses von der Menschheit vorangetriebene und ihren Fortbestand bedrohende Phänomen von dem heute irgendwie niemand mehr ernsthaft spricht - also dass dieser Klimawandel jedenfalls so schnell und heftig voranschreitet, dass wir aktuell den kühlsten Sommer unseres restlichen Lebens haben. Hier auf meiner brandenburgischen Urlaubsterrasse, nach einer Woche von ein paar Sonnenstrahlen durchbrochenem Regen bei 17 Grad, fühlt sich diese Prognose nicht wirklich bedrohlich. Ich ertappe mich sogar dabei, kurz “na hoffentlich” zu denken - obwohl ich natürlich weiß, dass Klimawandel wenig bis nichts mit dem aktuellen Wetter vor meinem Bungalowfenster zu tun hat. Apropos möglichst alle Fakten kennen und über die schmalen persönlichen Tellerränder hinaus blicken. Mein erster Text in dieser Ausgabe handelt irgendwie auch davon.
Wer einen Newsletter etwas mit “meine Woche” nennt und dann nicht mal ansatzweise einen Wochenrhythmus einhalten kann, darf sich normalerweise nicht wundern, wenn sich die Leserschaft empört abwendet, Abonnements kündigt, Spamfilter scharf schaltet und sich anderen, vielversprechenderen erzählerischen Stränden zuwendet. Ich danke Ihnen und Euch herzlich, dass trotz meiner hallodrihaften Unzuverlässigkeit gegenüber treuer Abonnentinnenschaft tatsächlich fast niemand mir, bzw. meinem Newsletter die Zuneigung aufgekündigt und - ja, ich kann das sehen, big brother is watching you - sogar die Mail geöffnet und mitgelesen hat. Also nochmal Danke. Und jetzt los.
Nach ein paar Kilometern auf der A12 Richtung Frankfurt/Oder geht es auf unendlichen, oft schnurgeraden Chausseen durch das flache Land. „Links ne Pappel, rechts ne Pappel, in der Mitte, Pferdeappel.“, hat mein Opa zu uns Kindern immer gesagt, wenn wir mit dem Polski Fiat über eine solche brandenburgische Piste brausten. Felder, ein paar Dörfer und unzählige uralte Alleen, mit eng stehenden Bäumen, die manchmal so dicht wie grüne Wände rechts und links der Straße stehen. Dann eine Erhebung, die nur auffällt, weil es dahinter noch flacher wird. Das Örtchen Seelow hat gut 5000 Menschen, nichts gebautes ist höher als 5 Meter. Der einzige Grund, warum Fremde hier her fahren, ist ein Gelände am Ortsrand mit Blick über das Oderbruch: die Gedenkstätte Seelower Höhen. In einer der letzten großen Schlachten des II. Weltkrieges starben hier im April 1945 rund 12.000 deutsche und 33.000 russische Soldaten. Warum fährt man hier her? So wie ich, im Urlaub auch noch? Nun, als Historiker habe ich schon immer gern die Orte selbst gesehen, an denen Historisches passiert ist. Dazu kommt, dass es seit meiner Kindheit Geschichten über die Seelower Höhen gibt. Erst von meinem Großvater, dann im Unterricht an der sozialistischen Schule, später im Studium. Ich will da schon lange mal hin und heute nun, ist es so weit.
Was in meiner Kindheit bei meinem Opa noch nach einem abenteuerlichen Kampf weniger deutscher Soldaten gegen die anstürmenden Russen klang, die gnadenlos ihre jungen Soldaten ins Feuer von ein paar Maschinengewehrnestern jagten und erst durchbrechen konnten, als den Deutschen die Munition ausging, war in der Schule eine ganz andere Geschichte. Die tapfere russische Armee durchbrach in den Schulbüchern mittels einer genialen strategischen List die Gegenwehr der Nationalsozialisten und hatte von dort an freie Bahn nach Berlin. Spätestens hier, in der Gedenkstätte, lerne ich heute, dass beide Geschichten, streicht man allen ideologischen Pathos weg, ihr Fünkchen Wahrheit haben. Un dich lerne einmal mehr, dass es vor allem auch in dieser Schlacht - wie wohl in jedem Krieg - deutlich mehr Opfer als Helden gab.
Als ich das Besucherzentrum betrete und offenbar die draußen in der Sonne sitzenden Mitarbeiterinnen bei ihrer Pause störe, stolpert ein vor Begeisterung sehr aufgeregter junger Mann in den Raum und fotografierte eifrig alles, was irgendwie alt aussieht. Die zu große Flecktarnhose schlackert ihm um die Waden, der verwaschene Kapuzenpulli mit frakturbeschrifteter „Wolfsschanze“-Applikation gibt den Blick auf ein schwarz-weiß-rotes Shirt darunter frei. Das kann ja heiter werden, denke ich noch, als eine der beiden Angestellten herein kommt und ich mich zu ihr, die mich teilnahmslos ansieht, sagen höre: „Ähm, ja, ich möchte gern alles sehen, was es zu sehen gibt.“ - „Na dann machen se mal, Augen haben se ja.“ antwortet sie sehr brandenburgisch schnoddrig aber mit einem leicht polnischen Akzent. Und guckt mich dabei teilnahmslos-genervt, mit Augen die „Sonstnochnwunsch“ fragen, an. Okay denke ich, vielleicht wird es ja doch nicht so anstrengend, und wirklich, der junge Nachwuchsnazi bleibt der einzige seiner Art und nachdem ich der brandenburgisch-freundlichen Dame dann doch ein Ticket abkaufen darf, geht es in die Ausstellung.
Sofort nach Kriegsende wurden die Seelower Höhen, noch durch die russischen Besatzungstruppen, zu einer Gedenkstätte erklärt, später dann, in der DDR, zu einer nationalen Gedenkstätte inklusive Mythos-Zementierung. Ich versuche einmal kurz zusammenzufassen, was aus historischen Quellen und geologisch-archäologischen Befunden heute bekannt ist: Das Oderbruch war für die Rote Armee die letzte wirklich schwer zu nehmende Hürde auf dem Weg nach Berlin. Und zwar aufgrund der Bodenbeschaffenheit. Das Gelände ist sehr flach, sehr nass und sandig, so dass schweres Gerät schnell einsinkt. Und es ist nahezu baumlos. Es gab zudem nur wenige Häuser, also insgesamt kaum Möglichkeiten, in Deckung zu gehen. Die zu diesem Zeitpunkt des Krieges bereits schwer angeschlagene Wehrmacht brachte gut 100.000 Soldaten auf, darunter viele so genannte „Volkssturm“-Kämpfer. An Material gab es 500 Panzer, 1.500 Geschütze und 300 Flugzeuge. Auf russischer Seite standen 1 Million Soldaten, 3.600 Panzer, 30.000 Geschütze und 4.000 Flugzeuge. Man muss kein Militärexperte sein, um zu erkennen, dass das von deutscher Seite betrachtet ein Himmelfahrtskommando war. Und dass die in der Erzählung meines Großvaters so heldenhaften Kämpfer auch nicht alle Lust auf ein frühes Grab hatten, belegen die 7.000 in den Tagen vor der Schlacht verhängten Standgerichtsurteile. Die schönen Alleen entlang der Strecke, die ich auf dem Weg hier her gesehen habe, hingen voller Deserteure. Volksgenossen, ermordet von den eigenen Kameraden, weil sie sich nicht im feuchten Sand des Oderbruch abschlachten lassen wollten.
Also hatte vielleicht doch die DDR-Erzählung Recht? Nein, sicher auch nicht. Wir wissen heute, dass auch der russische Inlandsgeheimdienst zahlreiche Todesurteile verhängt und vollstreckt hat, denn auch von den jungen Russen wollten viele, nun, da ihr Vaterland längst befreit war, nicht irgendwo auf dem Weg nach Berlin noch sterben. Und ein weiterer, viel größerer Punkt stimmt nicht an der DDR-Geschichtsschreibung. Denn, dass trotz der oben beschriebenen russischen Übermacht fast drei Mal so viele Rotarmisten in den vier Apriltagen des Jahres 1945 sterben mussten, war nicht zuletzt einem folgenschweren Fehler der russischen Befehlshaber geschuldet. Nach dem fast eine halbe Stunde andauernden Geschosshagel der ersten Angriffswelle setzte die Rote Arme unzählige große Flakscheinwerfer ein, um das Schlachtfeld für die eigenen Soldaten auszuleuchten und die Gegner zu blenden. Da man dabei den Nebel der durch die eigenen Geschosse verursacht über dem Gelände lag nicht bedacht hatte, geschah, was wir alle auf nebelverhangener Straße im Auto schon mal erlebt haben: das Licht wird reflektiert, man wird sogar vom eigenen Licht geblendet. Die vor den Scheinwerfern herumlaufenden russischen Soldaten irrten also durch den gleißenden Nebel, wurden dabei selbst besonders gut gesehen und so zu leichten Zielen für die deutschen Verteidiger auf den Höhen. In der ostdeutschen Nachkriegserzählung wurde der tödliche Fehler der Befehlshaber zum großen Erfolg umgedichtet. In den Büchern und auch hier am Gedenkort war das Scheinwerfer-Manöver ein großer Erfolg; es wurde sogar ein - wie es hieß - Original-Scheinwerfer, der beim Angriff zum Einsatz kam - am Ehrenfriedhof aufgestellt, der bis 1989 zu hohen Feiertagen das Kriegerdenkmal auf dem Ehrenhain beleuchtete. Der Scheinwerfer steht heute noch und kann besichtigt werden. Wie wir inzwischen wissen, ist er Baujahr 1977.
Was genau zwischen dem 16. und 19. April 1945 vor den Toren des Örtchens Seelow abgelaufen ist, können wir heute recht gut nachvollziehen, viele der jungen Leute, die hier ihr Leben lassen mussten, sind identifiziert, ihre persönlichen Geschichten bekannt. Jeder Krieg ist schrecklich und er bringt für mich, der ich mein ganzes bisheriges Leben im Frieden leben durfte, ein nicht vorstellbares Leid über die Menschen, die im Krieg leben müssen. Oder besser, er bringt in erster Linie schreckliches Leid über die einfachen Leute, über die armen, über das, was mal „Volksgenossen“, mal „Genossen“, mal Brüder und Schwestern, mal einfach nur Volk genannt wird.. Was mich bei meinem Besuch in Seelow besonders beeindruckt hat, war, so heftig vor Augen geführt zu bekommen, wie selbst ein solches Ereignis von Horror und Tod instrumentalisiert werden kann, als Begründung fungieren kann für gegenwärtige Taten, für heutige Politik.
Die heutige Gedenkstätte zeigt mir, dass die Zeiten, in denen von Staatswegen Ereignisse der Vergangenheit instrumentalisiert werden, vorbei sind, dass ich in einem freien Land lebe. Misstrauisch sein, wenn Politikerinnen etwas versprechen - sehr in Ordnung. Nachfragen beim Staat und wenn die Erklärung nicht gut ist, nochmal nachfragen - absolut richtig, der Staat ist schließlich für uns da und nicht umgekehrt. Aber wer sich auf Marktplätze stellt und von Umsturz fantasiert, sagt sich damit auch von einem System los, in dem man nicht mehr für irgendein „höheres Ganzes“ und für nationalistisches Geseier auf Schlachtfelder geschickt werden kann. Den jungen Landsleuten auf den Seelower Höhen und an den Alleebäumen im Land sind wir schuldig uns solchen Bestrebungen entgegen zu stellen, denn sie hatten von ihrem Führer nur die Wahl zwischen Alleebaum und feuchtem Oderbruchsand bekommen.
Noch heute vergeht kein Jahr, in dem im Oderbruch kein Leichenfund vermeldet wird. Die Funde schaffen es höchstens noch in die märkischen Regionalblätter.
„Stammtischgelaber“ war in meiner Familie immer schon die abwertende Bezeichnung für Aussagen, die polemisch und wenig fundiert ein wie auch immer geartetes Thema behandelten - zumeist eines, von dem man sich selbst die größere Expertise bescheinigte. Und Dinge, die an Stammtischen besprochen wurden, hatten gleichzeitig auch immer irgendwie etwas anrüchiges. Oder wie schon die heute wahrscheinlich kaum noch bekannte Erste Allgemeine Verunsicherung sang: „die Camorra, der Herr Pfarrer, der Minister, mir san alle wie Geschwister“. Stammtisch war immer irgendwie auch Klüngelei. Dabei bedeutet Stammtisch ja eigentlich erstmal nur, dass man sich regelmäßig in lockerer, nicht-hierarchischer Runde, in der Freizeit, bei dem einen oder anderen Getränk, zusammenfindet und miteinander zum Beispiel Karten spielt, aber in erster Linie miteinander redet. Ich möchte wetten, dass es noch immer viele Stammtische gibt, die über die Probleme und Alltags-Erlebnisse der Zecher mehr erfahren, als deren heimische Küchentische. Ja klar, hin und wieder geht es in solchen Runden auch polemisch, vielleicht sogar derb zu - aber da man sich ja beim nächsten Mal wieder zusammen an einen Tisch setzen und in die Augen schauen will, verträgt man sich auch schnell wieder und ist nicht wirklich nachtragend. Ein Stammtisch ist oft ein recht eng in sich geschlossener Kreis - in alten Dorfkneipen sieht man noch manchmal aufwändig geschnitzte Stammtisch-Schilder oder gar ganze Tische und mit Namen versehene Bierkrüge, die ausschließlich der Inhaber zum Mund führen darf… und es gibt einen speziellen gemeinsamen Gruß und man muss ein ganz bestimmtes Ritual, um selbst einmal…. Und ach, was das auch immer noch für Blüten treiben kann.
Der politische Stammtisch, den ich als frisch gebackenes Vorstandsmitglied des Zittau kann mehr e.V. nach einigen Jahren Pause wieder eingeführt habe, ist keine Tafelrunde sondern soll eher den ursprünglichen, offenen, auf Austausch ausgerichteten Charakter haben. Damit sich niemand irgendwelche dritte Freitage bei Mondschein merken muss, findet unser zkm Stammtisch jeden Mittwoch statt. Immer um 19 Uhr im Biergarten des Vinyl am Markt in Zittau. Wir reden über Zittau und die Themen, die uns hier betreffen. Maximal drei Themen werden besprochen, die legen wir am Beginn des Abends fest. Es kann kommen, wer will. Egal ob zum Mitreden, zum nur Zuhören, mit einem Thema, was endlich mal mit jemandem beredet werden sollte oder mit einer Frage, auf die vielleicht eine Nachbarin hier eine Antwort hat. Und bisher läuft das super. Von Angesicht zu Angesicht, nicht mit falschem Namen in Online-Gruppen. Es kommen tatsächlich Nachbarn, die sich mit Nachbarn austauschen, oder auch einfach nur mal eine andere Meinung hören wollen. Hier gibt es keine schnellen Lösungen, nur die offenen Augen und Ohren von Nachbarinnen und Nachbarn. Vielleicht sehen wir uns ja auch mal?
mittwochs, 19 Uhr, Vinyl-Biergarten am Markt in Zittau.
Wer Lust hat, hin und wieder eine meiner Kritiken zu den Stücken des Gerhart-Hauptmann-Theaters in Zittau zu lesen, kann das über meinen zweiten Substack-Newsletter. Ich freue mich auf Meinungen und Kritiken zu meinen Kritiken.
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