Mit jeder neuen Nachricht aus Washington stelle ich fest, dass ich das Interesse verliere, mich nicht mal mehr aufregen will. Der US-Präsident lässt sich Nobelpreise als Opfergabe bringen und zeigt nebenher unverhohlen, dass ihm die Überbringerin völlig egal ist. Das Internet ist voller lustig-spöttischer Bildchen, auf denen sich Donald Trump alle möglichen Preise und Titel übergeben lässt. Zeitgleich diskutiert man ernsthaft darüber, ob sich die USA Grönland einverleiben können und Europa schickt demonstrativ eine Hand voll Uniformierte auf die Insel, um zumindest den Eindruck zu erwecken, dass man sich nicht völlig würdelos dem bockigen Bündnispartner ergeben will. Der setzt trotzdem direkt wieder die Zoll-Rute ein und in den stolzen USA fragen sich die Mitglieder der so genannten Opposition unter vorgehaltener Hand, ob der Präsident das denn wohl alles darf. Ich meine, irgendwie wäre Grönland ja schon auch ganz nice to have und diese Frau in Milwaukee hat den Beamten ja wie man hört schon auch provoziert irgendwie. Kollateral Dämmidsch hat’s ja schon immer mal gegeben in the Land of the Free.
Wie ich anfangs sagte, es ist inzwischen so viel und mit jedem Tag absurder, dass selbst der Spott darüber uninteressant geworden ist. Besonders, weil dieses Großmachtgetue alle anderen Themen überlagert, die Sicht auf die vielen Brände mit andauerndem Breaking News-Feuerwerk überlagert. Gaza, Syrien, Taiwan, die Ukraine, der Klimawandel, das Artensterben, die massive Überalterung der Gesellschaften - alles zweit- und drittrangig. Nachrichten über die Innenpolitik in Deutschland lassen vermuten, dass die Regierungsparteien der immer bedrohlicher näher kommenden Machtübergabe an die AFD durch beherztes Totstellen begegnen wollen. Und wo sind eigentlich die Grünen? Hat Robert Habeck den grünen Lebensgeist mit nach Kopenhagen genommen? Herr Söder kämpft sich hin und wieder mit Bratwurst und Bundesländer-Monopoly in die BILD-Schlagzeilen - es ist einfach alles zum Haare raufen.
Die Menschen flüchten sich in den Schutz der Netzwelten, decken sich zu mit TikTok-Clips, holen sich Bestätigung durch Facebook-Likes, kommentieren alles, behaupten wild ohne sich zu informieren - wozu auch, wenn die Fakten ans Licht kommen, ist die Empörungswelle schon übergeschwappt, die meist deutlich weniger spektakulären Tatsachen interessieren kaum noch.
Alle Netze wollen meine Daten. Meine Aufmerksamkeit. Mein Geld. Bei Facebook spielt mir der Algorithmus neben allerlei sentimentalem „Wir Kinder der DDR“-Humbug andauernd rechte Inhalte in die Timeline. Ich blockiere das alles, bekommen dennoch immer mehr davon. Aufregung hilft dem Netzwerk. Wenn wir uns bitter böse in den Kommentarspalten in den Haaren liegen, wird das mit Reichweite belohnt. Wann man hier wirklich mit einem echten Menschen diskutiert, kann niemand sagen. Spätestens seit der KI-Welle ist nichts mehr unmöglich. Also einfach zuklappen den Rechner, Apps vom Smartphone schmeißen und sie nur noch um sich selbst kümmern? Wäre eine Lösung. Aber zurück nach „Früher war alles besser“-Land geht halt nicht. Ein besser dosierter und erwachsenerer Einsatz der digitalen Helferlein ist ein Anfang. Ich habe im Januar die Push-Nachrichten meiner News-Apps abgeschaltet und entscheide jetzt wieder selbst, wann ich Nachrichten erhalten will. Bei der Bewertung von News ist es so sinnvoll wie nie zuvor, selbst wie eine Journalistin zu denken und sich zu fragen:
1.) Von wem stammt die Nachricht? Der offizielle Account des Oberbürgermeisters ist eine verlässliche Quelle, das Profil „LeipzigerLiesel46“ aus beimirzuhause mit dem Beruf Lebenskünstler ist erst einmal eher keine belastbare Quelle, also besser nachschauen:
2.) Gibt es weitere Quellen, die über das Thema berichten und wie verlässlich sind diese Quellen? Offizielle Profile und Webseiten sind hier immer seriöser als Privatprofile von Menschen, die noch nicht einmal sagen, wer sie sind.
3.) Nachrichtenportale sind immer zumindest halbwegs belastbare Quellen. Allerdings ist zu bedenken, dass in Zeiten von KI jede Person eine Webseite bauen kann, die wie die Präsenz eines großen Medienunternehmens aussieht. Wir sind hier in der EU, alle müssen ein Impressum haben, guckt nach, wer hinter den schicken News-Laufbändern und den bunten Bildchen steckt. In Zittau gibt es neuerdings z.B. eine „Zittauer Zeitung“ die laut Impressum von einer Psychosozialen Unternehmensberatung aus Görlitz betrieben wird. Das muss erst einmal nichts bedeuten, eine verlässliche Recherchequalität nach den Regeln journalistischer Arbeit wie sie etwa eine Sächsische Zeitung liefert, muss dieses neue Portal erst einmal nachweisen.
Ich habe das Gefühl, dass der Bogen langsam überspannt ist. Die Menschen fallen eher nicht mehr so oft auf die skandalöseste Überschrift, den Text mit den meisten Ausrufezeichen herein. Meine wichtigste Botschaft lautet: lasst Euch nicht mehr so leicht verarschen Nachbarn. Fragt nach, überlegt, fragt noch einmal nach und kommentiert erst, wenn ihr etwas beizutragen habt. Nicht die Lauteste gewinnt, nicht der schnellste hat Recht. Glaubwürdigkeit kommt nicht von Geschwindigkeit, man muss sie langsam aufbauen, erarbeiten, mit Wissen, mit belastbaren Informationen und den Schlüssen, die man daraus zieht.
Ich persönlich werde in Zukunft nur noch in Onlinediskussionen einsteigen, bei denen ich weiß, dass ich es mit einem echten Menschen zu tun habe. Ich selbst veröffentliche und kommentiere unter meinem eigenen Namen, mein Bild ist im Profil, weitere Kontaktmöglichkeiten sind angegeben. Wer wissen will, ob ich „echt“ bin, kann das sehr leicht checken. Und genau das verlange ich jetzt einfach mal auch von Menschen, die mir in Netzwerken schreiben. Ich denke, das funktioniert universell. Bei Facebook und Instagram, klar. Bei TikTok und Reddit, sicher. Sogar in jeder Dating App funktioniert das: vielleicht schreibt man da nicht sofort überall seinen Namen drüber, aber spätestens nach den ersten paar Nachrichten frage ich nach nem Instagram- oder Tiktok-Profil. Spätestens dann sind die Fakeprofile aufgeflogen. Ich hab immer noch Lust auf Internet und Digitalisierung und Soziale Netzwerke. Ich hab allerdings einfach keine Lust mehr auf und keine Zeit mehr für Bullshit.
Als mir vor vielen Jahren meine liebe Freundin Anna, als ich sie in Stockholm besuchte, an ihrem Rechner zeigte, dass man jetzt alle Musik der Welt einfach so streamen, alles einfach so mit einer kleinen Abogebühr jederzeit verfügbar haben kann, war das eine Offenbarung für mich. Wenn es das jemals in Deutschland geben würde, wäre ich dabei. Nehmt all mein Geld, ich will das haben. Am Tag als Spotify in Deutschland startete, hab ich ein Abo abgeschlossen. Und ich habe ohne nachzudenken bezahlt. Bis Ende Dezember 2025. Und jetzt ist Schluss.
Ich habe schon seit Jahren versucht, die offensichtliche Ungerechtigkeit, dass Streamingdienste mehr Geld verdienen, als die Künstlerinnen, die die Songs gemacht haben, durch Vinylkäufe zu kompensieren (naja, zumindest ein wenig vielleicht). Wenn Spotify dieses Artist-Geld in Trikotwerbung des FC Barcelona steckte, fand ich das zwar schon vor Jahren blöd, aber es war einfach zu komfortabel, um ernsthaft über einen Wechsel nachzudenken. Aber jetzt macht Spotify unverblümt Politik, lässt Werbung für Trumps Schlägertruppe ICE in den Streams laufen. Jetzt lässt man die Plattform mit seelenloser KI-Musik füllen, teilweise Coversachen von „echten“ Künstlerinnen, denn KI will gar keine Tantiemen. So bleibt mehr für Daniel Ek und seine immer dicker werdende Brieftasche.
Ich bin dann mal weg, hab auch schon einen neuen. Und da der Algorithmus hier noch ganz frisch ist, bekomme ich sogar wieder Musik angeboten, die nicht ganz genau so klingt, wie das Zeug, was ich gerade gehört habe. Ich werde weiter Vinyl kaufen, denn auch hier bleibt vom Streaming nur unwesentlich mehr Geld für die Proberaummiete als bei Spotify.
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